Anthropologie

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Der Schädel des Menschen in seitlicher Ansicht

Anthropologie (aus griech. ἄνθρωπος ánthrōposMensch‘ und λόγος lógos ‚Lehre‘), als die Lehre oder Wissenschaft vom Menschen und in diesem Sinn als grundlegende Menschenkunde, wird heute überwiegend als naturwissenschaftliche Anthropologie aufgefasst und begreift den Menschen als physisches Wesen in einer physischen Umwelt. Die biologische Anthropologie versucht die verschiedenen biologischen Merkmale des Menschen auf Grundlage der Evolutionstheorie zu verstehen. Die forensische Anthropologie dient durch Identitätsfeststellung, Abstammungsgutachten Altersdiagnose u. dgl. speziell der Verbrechensaufklärung. Es gibt darüber hinaus auch geistes- bzw. kulturwissenschaftlich orientierte Bereiche der Anthropologie, wie etwa die philosophische Anthropologie, die historische Anthropologie, die Kulturanthropologie, die psychologische Anthropologie, die theologische Anthropologie usw., sowie Mischformen, beispielsweise die kybernetische Anthropologie.

Anthropologie, Anthroposophie und Theosophie

Während die Anthropologie also den sinnenfälligen Menschen durch vorwiegend naturwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Methoden zu erkennen strebt, richtet die Theosophie ihren Blick auf den nur übersinnlich erfahrbaren, rein geistigen Menschen. Anthroposophie versucht nach dem Verständnis Rudolf Steiners die Kluft zu überbrücken, die sich zwischen diesen beiden gegensätzlichen Betrachtungsweisen auftut.

"Anthroposophie wird den Menschen betrachten, wie er sich vor die physische Beobachtung hinstellt. Doch wird sie die Beobachtung so pflegen, daß aus der physischen Tatsache der Hinweis auf einen geistigen Hintergrund gesucht wird. So kann Anthroposophie aus der Anthropologie in die Theosophie hinüberleiten." (Lit.: GA 45, S. 20)

"Theosophie ist dasjenige, was erforscht wird, wenn der Gott im Menschen spricht. - Das ist im Grunde die wirkliche Definition der Theosophie: Laß den Gott in dir sprechen, und was er dir dann über die Welt sagt, ist Theosophie. Anthroposophie ist damit zu charakterisieren, daß man sagt: Stelle dich in die Mitte zwischen Gott und Natur, laß den Menschen in dir sprechen über das, was über dir ist und in dich hineinleuchtet, und über das, was von unten in dich hineinragt, dann hast du Anthroposophie, die Weisheit, die der Mensch spricht. - Diese Weisheit, die der Mensch spricht, wird einem aber ein wichtiger Stützpunkt und Schlüssel sein können zu dem Gesamtgebiete der Theosophie. Und Sie können, nachdem Sie einige Zeit Theosophie aufgenommen haben, kaum etwas Besseres tun, als diesen festen Stützpunkt gewinnen, indem Sie ihn wirklich suchen. Daher werde ich dafür sorgen, daß so schnell als möglich im Anschluß an diese Vorträge ein kurzer Abriß dessen, was Anthroposophie ist, zu haben sein wird.

Dasjenige, was ich hier gesagt habe, kann auch nach den verschiedensten Seiten hin geschichtlich belegt werden. Wir brauchen gar nicht weit zu gehen. Wir haben da zum Beispiel eine Wissenschaft - Sie können sich darüber aus den verschiedensten populären Handbüchern informieren -, diese Wissenschaft nennt man gewöhnlich Anthropologie. Sie umfaßt, so wie sie heute betrieben wird, nicht bloß den Menschen, sondern, wenn der Ausdruck richtig verstanden wird, alles das, was zum Menschen gehört, alles was man in der Natur erfahren kann, was man braucht, um den Menschen zu verstehen. Aber wie verfährt die Anthropologie? Diese Wissenschaft nimmt ihren Ausgangspunkt von dem Herumwandeln unter den Dingen, sie ist selbst ganz unten. Sie geht von Einzelheit zu Einzelheit. Es ist die Forschung, die mit den Sinnen das Menschliche betrachtet mit Hilfe des Mikroskops. Diese Wissenschaft, die Anthropologie, die ja in den weitesten Kreisen heute allein als Wissenschaft vom Menschen gelten gelassen wird, sie nimmt wirklich ihren Standpunkt unterhalb der Fähigkeiten des Menschen. Sie wendet nicht alles an, was der Mensch an Fähigkeiten zur Erforschung hat. Halten Sie zusammen mit dieser Anthropologie, die sozusagen am Boden haftet, die nicht dringen kann zu irgendeiner Antwort auf die brennenden Rätselfragen des Daseins, halten Sie sie zusammen mit dem, was einem gebracht wird als Theosophie. Da wird hinaufgestiegen in die höchsten Höhen, da handelt es sich darum, eine Antwort zu finden auf die brennendsten Fragen des Daseins. Doch werden Sie die Erfahrung gemacht haben, daß die Menschen, die nicht langsam und allmählich sich in sie hineingefunden haben, die nicht die Geduld gehabt haben, mitzugehen bei all dem, was wir in den letzten Jahren sagen konnten, welche nicht Schritt für Schritt haben mitkommen können, daß die Menschen, die auf dem Standpunkt der Anthropologie stehengeblieben sind, die Theosophie als ein luftiges Gebäude empfinden, als etwas betrachten, dem aller Untergrund fehlt. Sie können nicht einsehen, wie die Seele hinaufsteigt von Stufe zu Stufe, von Imagination zu Inspiration und der Intuition. Sie können sich nicht erheben zu dem Gipfel, können nicht überschauen, was das Ziel alles Menschen- und Weltenwerdens ist.

So steht gleichsam auf der untersten Stufenleiter die Anthropologie, auf der obersten, wo vielen schwindet die Fähigkeit, zu erkennen, die Theosophie, in der Mitte die Anthroposophie." (Lit.: GA 115, S. 17ff)

"In diesem Sinne meint Anthroposophie mit ihrer Forschung da beginnen zu können, wo Anthropologie aufhört.[1]

Der Vertreter der Anthropologie bleibt dabei stehen, die in der Seele erlebbaren Verstandesbegriffe auf die Sinneserlebnisse zu beziehen. Der Vertreter der Anthroposophie macht die Erfahrung, daß diese Begriffe, abgesehen davon, daß sie auf die Sinneseindrücke bezogen werden sollen, noch ein eigenes Leben für sich in der Seele entfalten können. Und daß sie, indem sie dieses Leben innerhalb der Seele entfalten, in dieser selbst eine Entwickelung zustande bringen. Er wird sich bewußt, wie die Seele, wenn sie auf diese Entwickelung die notwendige Aufmerksamkeit wendet, innerhalb ihres Wesens die Entdeckung macht, daß sich in ihr Geistorgane offenbaren. (Ich gebrauche diesen Ausdruck «Geistorgane», indem ich erweiternd den Sprachgebrauch aufnehme, dem Goethe aus seiner Weltanschauung heraus gefolgt ist, als er die Ausdrücke «Geistes-Augen», «Geistes-Ohren» anwandte.)[2] Solche Geistorgane stellen dann für die Seele Bildungen dar, die für sie ähnlich gedacht werden dürfen wie die Sinnesorgane für den Leib. Selbstverständlich dürfen sie nur seelisch gedacht werden. Jeder Versuch, sie mit irgendeiner leiblichen Bildung zusammenzubringen, muß von der Anthroposophie strengstens abgelehnt werden. Sie muß ihre Geistorgane so vorstellen, daß sie in keiner Weise aus dem Bereich des Seelischen heraustreten und in das Gefüge des Leiblichen übergreifen. Ihr gilt ein solches Übergreifen als krankhafte Bildung, die sie aus ihrem Bereich streng ausschließt. Die Art, wie innerhalb der Anthroposophie über die Entwickelung der Geistorgane gedacht wird, sollte für denjenigen, der sich über diese Art wirklich unterrichtet, ein genügend starker Beweis sein dafür, daß über abnorme Seelenerlebnisse, über Illusionen, Visionen, Halluzinationen usw. für den Erforscher des wirklichen Geistgebietes keine anderen Vorstellungen vorhanden sind als die auch innerhalb der Anthropologie berechtigten.[3] Eine Verwechselung der anthroposophischen Ergebnisse mit abnormen sogenannten Seelenerlebnissen beruht immer auf Mißverständnis oder ungenügender Kenntnis des in der Anthroposophie Gemeinten. Auch kann derjenige, der einsichtsvoll verfolgt, wie Anthroposophie den Weg zur Entwickelung der Geistorgane darstellt, gewiß nicht auf die Meinung verfallen, dieser Weg könne zu krankhaften Bildungen oder Zuständen führen. Der Einsichtsvolle sollte vielmehr erkennen, daß alle Stufen des seelischen Erfahrens, welche der Mensch im Sinne der Anthroposophie auf dem Wege zur Geist-Anschauung erlebt, in einem Gebiete liegen, das ganz nur seelisch ist, und neben dem das Erleben der Sinne und die gewöhnliche Verstandestätigkeit unverändert so verlaufen, wie sie vor der Entstehung dieses Gebietes verlaufen sind." (Lit.: GA 21, S. 13ff)

Siehe auch

Literatur

  1. Friedrich A. Kipp: Die Evolution des Menschen im Hinblick auf seine lange Jugendzeit, 2. Aufl., Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1991, ISBN 978-3772507182
  2. Ernst-Michael Kranich: Der innere Mensch und sein Leib: Eine Anthropologie, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2003, ISBN 978-3772518652
  3. Ernst-Michael Kranich: Anthropologische Grundlagen der Waldorfpädagogik, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1999, ISBN 978-3772517815
  4. Johannes W. Rohen: Morphologie des menschlichen Organismus, 4. Aufl., Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2016, ISBN 978-3772519987
  5. Johannes W. Rohen: Eine funktionelle und spirituelle Anthropologie: unter Einbeziehung der Menschenkunde Rudolf Steiners, 1. Aufl., Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2009, ISBN 978-3772520983
  6. Rudolf Steiner: Vom Menschenrätsel, GA 20 (1984), ISBN 3-7274-0200-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  7. Rudolf Steiner: Von Seelenrätseln, GA 21 (1983), ISBN 3-7274-0210-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  8. Rudolf Steiner: Anthroposophie. Ein Fragment aus dem Jahre 1910, GA 45 (2002), ISBN 3-7274-452-3 html
  9. Rudolf Steiner: Anthroposophie – Psychosophie – Pneumatosophie, GA 115 (2001), ISBN 3-7274-1150-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  10. Joachim Stiller: Spirituelle Anthropologie PDF


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Weblinks

Einzelnachweise

  1. Obgleich dasjenige, was von mir als «Anthroposophie» vertreten wird, in seinen Ergebnissen auf einem ganz anderen Boden steht als die Ausführungen Robert Zimmermanns in seinem 1881 erschienenen Buche «Anthroposophie», so glaube ich doch den von Zimmermann gekennzeichneten Begriff des Unterschiedes von Anthroposophie und Anthropologie gebrauchen zu dürfen. Zimmermann faßt aber als den Inhalt seiner «Anthroposophie» nur die von der Anthropologie gelieferten Begriffe in ein abstraktes Schema. Ihm liegt das erkennende Schauen, auf dem die von mir gemeinte Anthroposophie ruht, nicht im Bereiche der wissenschaftlichen Forschungswege. Seine Anthroposophie unterscheidet sich von der Anthropologie nur dadurch, daß die erstere die von der letzteren erhaltenen Begriffe erst einem dem Herbartschen Philosophieren ähnlichen Verfahren unterwirft, bevor sie dieselben zum Inhalte ihres rein verstandesmäßigen Ideen-Schemas macht.
  2. Eine ausfuhrlichere Darstellung und Rechtfertigung dieser Vorstellung von «Geistorganen» findet man in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» (Lit.:GA 20, S. 146ff) und in meinen auf Goethes Weltanschauung bezüglichen Schriften.
  3. Die inneren Erlebnisse, welche von der Seele durchzumachen sind, um zu dem Gebrauch ihrer Geistorgane zu kommen, findet man in einer Reihe meiner Schriften geschildert, besonders in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höherer Welten ?» und im zweiten Teile meiner «Geheimwissenschaft».