Chorismos

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Chorismos (griech. χωρισμός chōrismós „Trennung“) ist ein erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts etablierter philosophischer Fachbegriff, der von Kritikern der Platonischen Ideenlehre formuliert wurde. Es wird damit auf die unüberbrückbar scheinende Kluft zwischen den nur rein geistig erfassbaren, ewig unveränderlichen und einigen Ideenwelt und der Vielheit der sinnlich erfahrbaren, vergänglichen und wandelbaren Einzeldinge hingewiesen. Platon selbst versuchte die Trennung zwischen Sinneswelt und Geisteswelt zunächst durch das Prinzip der Teilhabe (methexis) und später vermehrt durch Nachahmung (mimesis) zu überbrücken.

Der Sache nach hat schon Aristoteles auf diese Problematik hingewiesen und sich gegen die von den Dingen abgesondert erfahrbaren Ideen ausgesprochen. Von den Dingen, deren Wesen sie ausmachen, seien sie nicht real, sondern nur gedanklich abtrennbar. Das gelte auch für die menschliche Seele, die die Form des Körpers sei, und sogar für die rein geistig fassbaren mathematischen Ideen, die sich aber auch nur in den Dingen selbst verwirklichen könnten.

Dieser Standpunkt des Aristoteles wurde in der Scholastik auch von Thomas von Aquin vertreten. Die Ideen seien in den Dingen selbst als „universalia in re“ verwirklicht und der Mensch könne sie nur an den Dingen, also sinnlich-empirisch erfahren, und sie aus diesen als „universalia post rem“ durch Abstraktion herausheben. Wohl aber seien sie als die eigentlichen und unveränderlichen, zeitlos wirklichen Schöpfungsgedanken im Bewusstsein Gottes als „universalia ante rem“ vorhanden. So könne sie aber der Mensch aufgrund seines beschränkten Erkenntnisvermögens nicht erfassen. Im mittelalterlichen Universalienstreit vertrat Thomas damit einen „gemäßigten Ideenrealismus“ und stellte sich gegen die Nominalisten, die in den Ideen überhaupt nur mehr oder weniger willkürliche zusammenfassende Namen für ähnlich geartete Dinge sahen.

„Plato nahm für alle Dinge Ideen an, welche von den Dingen selber dem subjektiven Sein nach getrennt bestehen und nach welchen diese Dinge auf Grund der Teilname an deren, nämlich der Ideen, Sein benannt wurden. So würde also Sokrates „Mensch" genannt, weil getrennt von ihm dem subjektiven Sein nach eine Idee „Mensch" subsistiert; ähnlich würde es beim Pferde, bei der Farbe u. s. w. heißen. Für alle diese Dinge, welche an ein und derselben Gattung teilnehmen, bestand für Plato eine selbständige allgemeine Idee für sich. So stellte er denn auch eine selbständige Idee für das „Eine", für das „Sein" auf und nannte diese Idee das für sich bestehende „Eine", das für sich bestehende „Sein". Dieses aber selber, was da aus sich heraus und für sich das Eine und das Sein ist; dieses nannte er das höchse Gut; und danach hatte ein jedes der Dinge Einheit, Sein und war gut. Und weil „Sein" dasselbe ist der Thatsächlichkeit nach wie „Gut", so nannte er das „Für und an sich Gute" Gott; und behauptete, alle anderen Dinge seien gut nur durch die Teilnahme an diesem ihnen an sich äußerlichen Gute; die Dinge hätten also rein zu eigen keinerlei Güte und würden nach nichts, was ihnen innerlich ist, gut genannt, sondern einzig und allein nach der selbständigen Idee „Gut", welche außerhalb ihrer existiert, wie nach dem äußerlichen Maße etwas als gemessen bezeichnet wird.

Diese Meinung Platos mag nun, was die Gattung der Dinge anbelangt, falsch sein. Das aber ist ohne alle Einschränkung wahr, daß es ein höchstes, erstes Gut giebt, das da kraft seines Wesens „Sein" und „Gut" ist. Dem stimmt auch Aristoteles zu. Auf Grund des ersten dem Wesen nach Guten nun kann jegliches Ding gut genannt werden, insoweit es
demselben, wenn auch entfernt und sehr mangelhaft ähnlich ist.

So wird jedes Sein gut genannt 1. kraft der göttlichen Güte, denn diese ist die Exemplar-, die wirkende und die Zweck-Ursache alles Seins; 2. kraft der Ähnlichkeit mit dem göttlichen Gute, welche innerhalb des geschöpflichen Seins besteht; und diese ist als formaler Grund im Dinge selbst die Ursache davon, daß diese gut genannt wird; es ist die eigene Güte im Dinge, wie Augustin und Boëius hervorheben. So besteht also eine Güte, die außerhalb der Dinge ist und wonach sie die denominatio extrinseca: „gut" tragen. Und es besteht eine Güte in jedem Dinge selber; nämlich das, wodurch es ähnlich ist dem Urprincip. Einerseits giebt es also eine Güte, wonach alle Dinge gut genannt werden; andererseits viele Arten von Güte, wonach die Dinge von sich aus gut heißen.“

Thomas von Aquin: Summe der Theologie I Questio 6, Articulus 4[1]

Nach Rudolf Steiner sind die Ideen und ihre sinnliche (oder übersinnliche) Erscheinung in der Wirklichkeit untrennbar miteinander verbunden. Die Kluft zwischen ihnen - der Chorismos - wird erst durch das menschliche Bewusstsein künstlich aufgerissen, kann aber durch den Erkenntnisakt überwunden werden. Die Wirklichkeit ist dem Menschen gemäß Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit nicht unmittelbar gegeben, sondern fließt ihm von zwei Seiten her zu, nämlich durch Beobachtung und Denken. Erst indem der Mensch beiden Hälften, die in der Wirklichkeit zwar stets untrennbar miteinander verbunden, dem menschlichen Bewusstsein aber zunächst nur getrennt gegeben sind, im Erkenntnisakt miteinander verbindet, d.h. die Wahrnehmung mit dem zugehörigen Begriff durchdringt, stößt er zur vollen Wirklichkeit vor.

"Nicht an den Gegenständen liegt es, dass sie uns zunächst ohne die entsprechenden Begriffe gegeben werden, sondern an unserer geistigen Organisation. Unsere totale Wesenheit funktioniert in der Weise, dass ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei Seiten her die Elemente zufließen, die für die Sache in Betracht kommen: von seiten des Wahrnehmens und des Denkens." (Lit.: GA 4, S. 90)

"Der Begriff des Baumes ist für das Erkennen durch die Wahrnehmung des Baumes bedingt. Ich kann der bestimmten Wahrnehmung gegenüber nur einen ganz bestimmten Begriff aus dem allgemeinen Begriffssystem herausheben. Der Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung wird durch das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und objektiv bestimmt Die Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der Sache selbst bestimmt." (Lit.: GA 4, S. 145)

Dass dem Menschen die Wirklichkeit nicht unmittelbar, sondern zunächst nur in Form zweier unwirklicher Hälften gegeben ist, die er aktiv verbinden muss, begründet sein Ich-Bewusstsein und ermöglicht ihm die Freiheit.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, GA 4 (1995), ISBN 3-7274-0040-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Schriften. Kritische Ausgabe / Band 2: Philosophische Schriften: Wahrheit und Wissenschaft. Die Philosophie der Freiheit, frommann-holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2016, ISBN 978-3772826320
  3. Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, Mit beiden Ausgaben (1894 u. 1918) im Vergleich, Rudolf Steiner Ausgaben, 3. Aufl. 2015, ISBN 978-3-86772-072-4
  4. GA 4 Die Philosophie der Freiheit - Textausgabe der Online-Bibliothek
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