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Denksinn
Der Denksinn oder Gedankensinn ist einer der zwölf physischen Sinne, die Rudolf Steiner in seiner Sinneslehre beschrieben hat. Durch den Gedankensinn erfassen wir die Gedanken anderer Menschen. Wahrnehmungsorgan für die Gedanken anderer ist alles dasjenige, was in unserem physischen Organismus die Basis für unser regsames Leben ist. Das sind namentlich die dynamischen Strömungen in unserem Flüssigkeitsorganismus. Der Denksinn darf nicht verwechselt werden mit dem Lebenssinn, durch den wir unsere eigene vitale Gesamtverfassung innerlich wahrnehmen, sondern vom Denksinn sprechen wir, insofern das Leben in uns selbst zum Wahrnehmungsorgan nach außen wird.
"Gedankensinn ist nicht der Sinn für die Wahrnehmung eigener Gedanken, sondern für das Wahrnehmen der Gedanken der anderen Menschen. Darüber entwickeln auch wieder die Psychologen ganz groteske Vorstellungen. Vor allen Dingen sind die Leute so sehr von der Zusammengehörigkeit von Sprache und Denken beeinflußt, daß sie glauben, mit der Sprache wird immer auch das Denken aufgenommen. Das ist ein Unding. Denn Sie könnten die Gedanken durch Ihren Gedankensinn ebenso als liegend in äußeren Raumesgebärden wahrnehmen wie in der Lautsprache. Die Lautsprache vermittelt nur die Gedanken. Sie müssen die Gedanken für sich selbst durch einen eigenen Sinn wahrnehmen. Und wenn einmal für alle Laute die eurythmischen Zeichen ausgebildet sind, so braucht Ihnen der Mensch nur vorzueurythmisieren und Sie lesen aus seinen eurythmischen Bewegungen ebenso die Gedanken ab, wie Sie in der Lautsprache sie hörend aufnehmen. Kurz, der Gedankensinn ist etwas anderes, als was im Lautsinn, in der Lautsprache wirkt." (Lit.: GA 293, S 127)
Viel geistiger sollten wir ursprünglich die Gedanken der anderen Menschen wahrnehmen. Einfach indem wir dem aneren Menschen gegenübetreten, sollten wir seine Gedanken unmittelbar innerlich nachfühlen und nachleben. Und nur ein grober Nachglanz ist es, wenn wir heute die Gedanken zumeist bloß durch Worte vermittelt wahrnehmen. Noch in der ägyptisch-chaldäischen Zeit wurde das Gedankenleben des anderen noch viel mehr im Unausgesprochenen, in Physiognomie und Mimik, durch Gesten, ja selbst durch die Körperhaltung und Körperstellungen, durch die ganze Art des einander Gegenübertretens empfunden. Allerdings war damals auch die Art zu denken noch ganz anders, nämlich bildhafter und inspirierter und nicht bloß logisch. Dadurch, dass wir seit der griechisch-lateinischen Zeit Gedanken praktisch nur mehr durch Worte mitteilen können, wurde allerdings unser Lebensorganismus erst - durch den ahrimanischen Einfluss - zum Denkapparat für das logische Denken gemacht.
Literatur
- Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, GA 293 (1992), Achter Vortrag, Stuttgart, 29. August 1919
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net und im Rudolf Steiner Online Archiv. Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners. Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de. |