Gabriele Reuter

Aus AnthroWiki
Version vom 10. August 2017, 16:52 Uhr von Joachim Stiller (Diskussion | Beiträge)

(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gabriele Reuter aufgenommen in München, 1896

Gabriele Reuter (* 8. Februar 1859 in Alexandria, † 16. November 1941 in Weimar) war eine deutsche Schriftstellerin.

Die zu Lebzeiten vielgelesene Autorin wurde bekannt durch ihren realistisch-naturalistischen Roman Aus guter Familie (1895), der die "Leidensgeschichte eines Mädchens" (Untertitel), d.h. einer typischen 'höheren Tochter' der Wilhelminischen Ära schilderte. Er verkaufte sich bis 1931 in 28 Auflagen. Heute ist Gabriele Reuter nahezu vergessen. Weitere Bestseller waren ihr Roman Ellen von der Weiden (1900; 65. Auflage 1929), die Novellensammlung Frauenseelen (1901; 48. Auflage 1924) und der Roman Der Amerikaner (1907; 40. Auflage 1924).

Biographie

Gabriele Reuter wurde am 8. Februar 1859 in Alexandrien geboren, wo ihr Vater als internationaler Großkaufmann im Textilhandel tätig war. Ihre Kindheit verbrachte sie teils bei der Verwandtschaft der Mutter in Dessau (1864-69), teils in Alexandrien (1869-72). Nach der endgültigen Rückkehr der Familie nach Deutschland 1872 (Berlin und Althaldensleben) starb der Vater. Reuter kam für ein Jahr in ein Mädchenpensionat. Dann aber verlor die Familie durch die allgemeine Rezession im internationalen Handelswesen und durch einen Betrugsfall bei der Auflösung des väterlichen Geschäfts ihr gesamtes Vermögen und zog in eine kleine Wohnung in Neuhaldensleben.

Die Verantwortlichkeit für die jüngeren Brüder und die zunehmend depressive Mutter bedingten eine für die Zeit ungewöhnliche frühe Selbständigkeit Gabriele Reuters. Die finanziellen Sorgen führten außerdem dazu, dass sie schon als junges Mädchen ihr Schreibtalent als eine Verdienstquelle ansah. 1875/76 erschienen erste literarische Publikationen in Lokalblättern. Es folgten konventionell geschriebene Romane mit exotischem Kolorit. Von dem so verdienten Geld finanzierte Reuter 1879 den Umzug der Familie nach Weimar, wo sie sich als junge Schriftstellerin zu etablieren versuchte. Ende der 1880er/Anfang der 1890er Jahre unternahm sie erste eigenständige Reisen nach Berlin, Wien und München zu diversen Schriftstellertagungen und machte Bekanntschaft mit anderen Künstlern ihrer Zeit; darunter mit dem Anarchisten und Lyriker John Henry Mackay, mit dem sie eine langjährige Freundschaft verband, und mit Henrik Ibsen.

1890 zog Reuter mit ihrer Mutter nach München in dem Wunsch, sich der dortigen Bohème anzuschließen. Sie besuchte die Gründungsfeier von Michael Georg Conrads "Gesellschaft für modernes Leben". Laut ihrer Autobiographie Vom Kinde zum Menschen (1921) kam Reuter hier die Idee zu ihrem Erfolgsroman Aus guter Familie. 1891 aber erkrankte die Mutter, und Reuter war gezwungen, mit ihr nach Weimar zurückzukehren. Dort erschloss sie sich in den folgenden Jahren einen neuen Freundeskreis (u.a. Hans Olden und dessen Frau Grete, Rudolf Steiner und Eduard von der Hellen) und las die Schriften Friedrich Nietzsches, Arthur Schopenhauers und Ernst Haeckels; sie knüpfte Kontakte zum Verein "Freie Bühne" in Berlin und dem Friedrichshagener Kreis und lernte u.a. Gerhart Hauptmann, Otto Erich Hartleben, Ernst von Wolzogen und, auf Vermittlung Mackays, den Verleger Samuel Fischer kennen, der Ende 1895 ihren Roman Aus guter Familie veröffentlichte.

Der Roman war ein enormer Erfolg, löste in Literaturzeitschriften und feministischen Blättern eine erregte Debatte aus und machte Reuter über Nacht berühmt. Im selben Jahr zog sie mit ihrer Mutter wieder nach München, da sich inzwischen einer ihrer Brüder als Arzt dort niedergelassen hatte. Am 28. Oktober 1897 gebar sie in Erbach (Württemberg) ihre uneheliche Tochter Lili (der Vater blieb unbekannt). Die unglückliche Liebesgeschichte, die dieser Mutterschaft vorausging, und die Umstände der Geburt finden sich vermutlich in dem Roman Das Tränenhaus verarbeitet.

1899 zog Reuter nach Berlin um. In den dreißig Jahren, die sie dort lebte, erschienen zahlreiche Romane, Novellen, Jugendbücher und Essays, die immer wieder das Thema des Geschlechter- und Generationenkonflikts aufgriffen. Gabriele Reuter wurde gerühmt für ihre feine psychologische Ausgestaltung und galt als 'Dichterin der weiblichen Seele'. Einen Skandal verursachte noch einmal ihr Roman Das Tränenhaus (1908), in dem sie auf recht drastische Weise die Zustände in einem Haus für ledig Gebärende schilderte. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs arbeitete sie außerdem als Kolumnistin für die Wiener Neue Freie Presse und in den letzten Lebensjahren als Rezensentin für die New York Times. 1929 kehrte die Siebzigjährige zurück nach Weimar, wo sie am 16. November 1941 verstarb.

Charakterisierung

Reuters Erfolgsroman Aus guter Familie ist eines der ersten Werke weiblicher Feder, das sich nach den innovativen literarischen Strömungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dem 'konsequenten Realismus' bzw. Naturalismus, ausrichtete. Zusammen mit etwa Helene Böhlaus Roman Der Rangierbahnhof (1896) gab er das Muster ab für zahlreiche weitere weibliche Bekenntnis- oder Selbstfindungsromane der Epoche. Die Debatte um den Roman kreiste zunächst vor allem um die Frage, ob das Werk ein 'Tendenzroman' sei oder nicht. Reuters Haltung zur zeitgenössischen Frauenbewegung war zwiespältig, wenn nicht distanziert. Die frauenrechtlerische Publizistin Helene Stöcker würdigte das Werk Reuters trotzdem mehrfach. Hedwig Dohm äußerte sich anlässlich des Erscheinens von Das Tränenhaus eher skeptisch. 'Antifeministen' warfen Reuter zeitlebens eine zu einseitige weibliche Perspektive vor. Reuter ließ sich weder von der einen noch von der anderen Seite vereinnahmen. Aus guter Familie wurde wegen der sozialen Repräsentativität der Protagonistin außerdem vielfach mit Goethes Die Leiden des jungen Werthers verglichen. Thomas Mann interpretierte den Roman nach dem Muster des zeitgenössischen Künstlerromans.

Werke

Romane

  • Glück und Geld. Roman aus dem heutigen Egypten, Leipzig (W. Friedrich) 1888
  • Kolonistenvolk. Roman aus Argentinien, Leipzig (W. Friedrich) 1891; Neuausgabe: Berlin (S. Fischer) 1897
  • Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens, Berlin (S. Fischer) 1895 (vordatiert auf 1896) – Neuausgabe: Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens, Studienausgabe mit Dokumenten, hg. von Katja Mellmann, 2 Bde., Marburg (Verlag LiteraturWissenschaft.de) 2006, ISBN 3-936134-19-7 (Bd. I: Text) und ISBN 3-936134-20-0 (Bd. II: Dokumente)
  • Frau Bürgelin und ihre Söhne. Roman, Berlin (S. Fischer) 1899
  • Ellen von der Weiden. Ein Tagebuch, Wien (Geyer) 1900; Berlin (S. Fischer) 1901 – Neuausgabe: Ellen von der Weiden. Ein Tagebuch, mit einem Nachwort von Günter Helmes, Berlin (Ullstein) 1997, ISBN 3-548-24167-0
  • Margaretes Mission. Roman, 2 Bde., Stuttgart und Leipzig (DVA) 1904
  • Liselotte von Reckling. Roman, Berlin (S. Fischer) 1903 (vordatiert auf 1904)
  • Der Amerikaner. Roman, Berlin (S. Fischer) 1907
  • Das Tränenhaus. Roman, Berlin (S. Fischer) 1908 (vordatiert auf 1909); Neubearbeitung 1926
  • Frühlingstaumel. Roman, 1911
  • Ins neue Land, Berlin und Wien (Ullstein) 1915 (vordatiert auf 1916)
  • Die Jugend eines Idealisten. Roman, Berlin (S. Fischer) 1917
  • Die Herrin. Roman, 1918
  • Benedikta. Roman, 1923
  • Töchter. Der Roman zweier Generationen, Berlin (Ullstein) 1927
  • Irmgard und ihr Bruder. Roman, Berlin (DBG) 1930
  • Vom Mädchen, das nicht lieben konnte. Roman, Berlin (Ullstein) 1933

Kurzprosa, Novellen und Erzählungen

  • Episode Hopkins. Zu spät. Zwei Studien, Dresden (E. Pierson) 1889; Neuausgabe als: Episode Hopkins. Zwei Novellen, Berlin (S. Fischer) 1897
  • Der Lebenskünstler. Novellen, Berlin (S. Fischer) 1897
  • Frauenseelen. Novellen, Berlin (S. Fischer) 1901 (vordatiert auf 1902)
  • Gunhild Kersten. Novelle, Stuttgart und Leipzig (DVA) 1904
  • Wunderliche Liebe. Novellen, Berlin (S. Fischer) 1905
  • Eines Toten Wiederkehr und andere Novellen, mit einer Einleitung von Hans Land, Leipzig (Reclam) 1908
  • Vom weiblichen Herzen. Novellen, 1917
  • Das Haus in der Antoniuskirchstraße (Erzählung), 1928

Essayistisches und Autobiographisches

  • John Henry Mackay. Eine litterarische Studie, in: Die Gesellschaft 7 (1891), 1304-1314
  • Marie von Ebner-Eschenbach, Berlin und Leipzig (Schuster&Loeffler) 1904
  • Annette von Droste-Hülshoff, Berlin (B. Marquardt) 1906
  • Die Probleme der Ehe, 1907
  • Liebe und Stimmrecht, Berlin (S. Fischer) 1914; in Auszügen wiederabgedruckt in: Emanzipation und Literatur. Texte zur Diskussion. Ein Frauen-Lesebuch, hg. von Hansjürgen Blinn, Frankfurt am Main (S. Fischer) 1984, ISBN 3-596-23747-5, S. 204-210
  • Der Krieg und die Mädchen, in: Scherls Jungmädchenbuch, hg. von Lotte Gubalke. Berlin: Scherl o.J [1914], S. XI-XX
  • Vom Kinde zum Menschen. Die Geschichte meiner Jugend, Berlin (S. Fischer) 1921
  • Grüne Ranken um alte Bilder. Ein deutscher Familienroman, Berlin (G. Grote) 1937

Dramen

  • Ikas Bild (Lustspiel), 1894

Kinder- und Jugendbücher

  • Das böse Prinzeßchen. Märchenspiel für Kinder (1904; Musik Margarethe Marschalk)
  • Sanfte Herzen. Ein Buch für junge Mädchen, Berlin (S. Fischer) 1909
  • Was Helmut in Deutschland erlebte. Eine Jugendgeschichte, mit Zeichnungen von Rudolf Sievers-Braunschweig, Gotha (F.A. Perthes) 1917
  • Großstadtmädel. Jugendgeschichten, Berlin (Ullstein) 1920
  • Grete fährt ins Glück, Berlin und Leipzig (G. Weise) 1935

Nachlass

Der Nachlass von Gabriele Reuter liegt im Goethe- und Schiller-Archiv der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen in Weimar.

Literatur

  • Faranak Alimadad-Mensch: Gabriele Reuter. Porträt einer Schriftstellerin. Bern u.a. (P. Lang) 1984. ISBN 3-261-03418-1
  • Gisela Brinker-Gabler, Perspektiven des Übergangs. Weibliches Bewußtsein und frühe Moderne, in: Gisela Brinker-Gabler (Hg.), Deutsche Literatur von Frauen, H.C. Beck, München 1988, Bd. 2, S. 169-205.

Weblinks

Dieser Artikel basiert (teilweise) auf dem Artikel Gabriele Reuter aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU Lizenz für freie Dokumentation und der Creative Commons Attribution/Share Alike. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.