Objektivität

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Objektivität ist eine Grundforderung jeder wissenschaftlichen Erkenntnis, insofern dabei das erkennende Subjekt seine eigenen Grenzen überschreitet und sein Bewusstsein auf die Welt der Objekte richtet und deren gesetzmäßigen Zusammenhang der Wahrheit gemäß beschreibt.

Der Objektivismus, als besondere philosophisch-erkennnistheoretische Richtung, steht auf dem extremen Standpunkt, dass eine objektive Erkenntnis unabhängig vom erkennenden Subjekt möglich sei. Dabei wird allerdings übersehen, dass die Objekte nicht an und für sich als eigenständige Wirklichkeit bestehen, sondern im Sinne der Subjekt-Objekt-Spaltung nur als Gegenwurf des betrachtenden Subjekts existieren und daher immer auf dieses bezogen werden müssen. Der Fehler entsteht dadurch, dass der Betrachtung stillschweigend ein ganz bestimmter subjektiver, kulturhistorisch oder ideologisch bedingter Standpunkt zugrunde gelegt wird, der, ohne dass darüber klare Rechenschaft abgelegt wird, als der einzig mögliche empfunden wird. Damit wird man aber der wissenschaftlichen Forderung nach Objektivität nicht gerecht.

Objektiv ist vielmehr eine Darstellung der Wirklichkeit, wenn sie die objektiven Tatsachen und deren gesetzmäßigen Zusammenhang zutreffend von einem bestimmten, bewusst gefassten subjektiven Standpunkt aus schildert. Wahrheit entsteht aus der Erkenntnis des richtigen Verhältnisses von Subjekt und Objekt zueinander, ist also, entgegen einer weit verbreiteten Meinung, keineswegs unabhängig von der Wahl des subjektiven Standpunkts. Von welchem Standpunkt aus der Mensch die Wirklichkeit betrachten will, liegt grundsätzlich in seiner freien Wahl. Wahrheit ist in diesem Sinn, wie Rudolf Steiner schon in seinen grundlegenden philosophischen Schriften betont hat, ein freies Erzeugnis des Menschengeistes. Sehr zutreffend sagt Goethe daher:

„Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiß ich’s Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige.“

Goethe: Maximen und Reflexionen

Alle wissenschaftlich gewonnene Wahrheit ist derart notwendig relativ, aber deshalb keineswegs subjektiv und willkürlich. Um wissenschaftliche Erkenntnisse besser vergleichen zu können, wird oft die Forderung nach Intersubjektivität erhoben, die dann gegeben ist, wenn die Wirklichkeit von einem einzigen, in den wesentlichen Punkten übereinstimmenden, gemeinsamen unveränderlichen Standpunkt aus betrachtet wird. Das ist methodisch solange gerechtfertig, als einerseits der dabei verabredete subjektive Standpunkt ebenso klar und deutlich dargestellt wird wie die dadurch gewonnenen objektiven Erkenntnisse, und anderseits Erkenntnisse, die von einem anderen subjektiven Standpunkt aus erzielt wurden, nicht von vornherein als grundsätzlich unwissenschaftlich abgetan werden. Über die Wissenschaftlichkeit entscheidet nicht die Wahl des Standpunkts, sondern allein die Klarheit und Wahrhaftigkeit der Darstellung.

Jeder objektiven wissenschaftlichen Erkenntnis, die nur von einem einzigen unverrückbaren Standpunkt aus gewonnen wird, haftet notwendig eine starke Einseitigkeit an. Das mag überall dort gerechtfertig sein, wo die Forschung nur auf einzelne rein pragmatische Ziele gerichtet ist, wie das etwa in der Technik der Fall ist. Eine umfassende, den Menschen in seiner ganzen Tiefe befriedigende Welterkenntnis ist so aber nicht zu erringen. Dazu bedarf es eines beweglichen Denkens, mittels dessen die Wirklichkeit möglichst allseitig von verschiedensten Blickpunkten aus betrachtet wird. Man nähert sich dadurch allmählich asymptotisch der absoluten Wahrheit an, die alle relativen Wahrheiten in sich mit umfasst.

Die absolute Wahrheit, die in der unmittelbaren Vereinigung mit dem schöpferischen Weltengrund erlebt werden kann, ist nur einem Bewusstseinszustand zugänglich, in dem die Trennung von Subjekt und Objekt überhaupt aufgehoben wird, etwa in der durch Intuition erreichbaren Unio Mystica oder in dem aus dem Buddhismus bekannten Samadhi.

Siehe auch