Selbsterkenntnis

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Selbsterkenntnis (griech. Γνῶθι σεαυτόν Gnōthi seautón; lat. Nosce te ipsum) ist dem Menschen durch sein Ich ermöglicht. Wesen, die über kein eigenständiges Ich verfügen, wie z.B. Tiere oder Elementarwesen, können naturgemäß keine Selbsterkenntnis erringen. Wahre Selbsterkenntnis ist aber auch dem Menschen nicht schon automatisch durch sein Ich gegeben, sondern muss erst, sowohl menschheitlich als individuell, auf einem langen Entwicklungsweg aktiv errungen werden. Wahre Selbsterkenntnis schreitet über vier Stufen voran, die den vier Wesensgliedern des Menschen, also physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, entsprechen. Einen meditativ zu erarbeitenden Weg dazu hat Rudolf Steiner exemplarisch vor allem in seinem 1912 erschienenen Werk «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen» (GA 16) beschrieben.

Die erste Stufe der Selbsterkenntnis

ist die, die der Mensch durch das gewöhnliche Tagesbewusstsein bekommt, indem er sich der physischen Organe bedient und dadurch zum Erkennen der Umgebung kommt. Durch sein Gegenstandsbewusstsein sieht sich der Mensch als Subjekt einer Welt von Objekten gegenübergestellt, an denen sein Selbstbewusstsein erwacht. Verfehlt wäre es aber, wollte der Mensch nun versuchen, dadurch zur Selbsterkenntnis zu kommen, dass er in sein Inneres hineinbrütet.

„Das ist kein In-sich-Hineinbrüten. Nicht sollen Sie sagen: Drinnen ist der Gott, den will ich suchen! — Sie würden nur den kleinen Menschen finden, den Sie selbst zum Gott aufbauschen. Wer nur von diesem Hineinbrüten spricht, kommt niemals zur wirklichen Erkenntnis.“ (Lit.:GA 99, S. 164)

Was wir heute als Selbst erleben, wenn wir in unser Inneres blicken, und wie es auch die moderne Psychologie beschreibt, weitet uns nicht den Blick zu unserer wahren geistigen Individualität, sondern ist nur ein selbstgemachtes Konstrukt, ein abstraktes, höchst vergängliches gedankliches Bild, das wir uns von uns selbst machen, das obendrein von mancherlei luziferischem Wunschdenken einerseits und verschiedensten ahrimanisch begründeten Ängsten anderseits tingiert ist. Daran schließt sich dann in Form des Selbstwertgefühls eine bloß subjektive Bewertung der eigenen Person, die nicht in der Erkenntnis des realen Urteil gründet, das die geistige Welt über uns fällt und das allein unseren wahren Wert als geistige Individualität begründet. Der ganze Selbsterfahrungs-Humbug unserer Zeit, und mag er sich noch so spirituell gebärden, ist geradezu ein von den Widersachermächten aufgeworfenes Hindernis auf dem Weg zu wahrer Selbsterkenntnis. In Wahrheit wird dadurch höchstens das Ego durch ein gesteigertes Selbstwertgefühl gestärkt, was zwar dem Menschen schmeicheln mag und ihm angenehm erscheinen kann, aber ihn um so sicherer seinem wahren Wesen entfremdet.

"Leicht kann da geglaubt werden, daß der Mensch nun in sein Inneres blicken muß, daß er sozusagen sich selbst erforschen muß. Da kommen wir nun an alle möglichen Arten der Selbsterkenntnis, die da gepflogen und angeraten werden. Zum Beispiel soll der Mensch beobachten, was er tut, was seine Eigenschaften sind und seine Fehler, er soll hineinbrüten in sein Inneres und zu erkennen suchen, wieviel er wert sei, wie tüchtig er zu dieser oder jener Handlung sei und dergleichen. Hier beginnen schon die Gefahren der falsch verstandenen Selbsterkenntnis, und darum müssen wir von den Gefahren sprechen. Wir haben ja immer im Auge, daß der Mensch versuchen soll, hinaufzukommen in die höheren Welten. Wir wissen auch, daß dieses Hinaufsteigen etwas ist, was aus dem Menschen etwas ganz anderes macht, als er heute ist, und deshalb ist es natürlich, daß da manche Hindernisse in den Weg treten. Durch falsche Selbsterkenntis wird der Aufstieg ebenso gefahrvoll, wie er erst möglich wird durch eine richtige Selbsterkenntnis. Diese Art Selbsterkenntnis, die man eher ein Bebrüten seines alltäglichen Ich nennen möchte, ein Achtgeben auf seine Fehler, ist eine falsche und eine Gefahr, die den Menschen tatsächlich eher zurückwirft, weil nämlich der umfassende Maßstab für das Urteil fehlt.

Wenn der Mensch durch eine gewöhnliche Erwägung seiner Vorzüge und Fehler sagt: Das hast du richtig gemacht, das hast du unrichtig gemacht, da mußt du dich bessern -, setzt das voraus, daß er einen Maßstab habe, nach dem er sich richten kann. Dieser Maßstab wird sozusagen auch zu einem Wertmesser für dasjenige, was der Mensch auch in der Zukunft darstellen wird. Und auf diese Art wird der Mensch eigentlich niemals über sich selbst hinauskommen, und das ist gerade das, was der Anthroposoph sich immer vorzusagen hat: Nicht stehenbleiben, sondern immer und immer, Schritt für Schritt über diesen Punkt hinauskommen. - Ein Ausspruch, der beherzigt werden sollte, ist: Alles, was du in bezug auf Entwickelung der Seele unternimmst und was dich auf dem Lebenspfade vorwärts bringt, ist gut getan; alles, was dich auf dem Punkte erhält, ist im Grunde genommen für deine Seele ein Verlust. - Keine Selbsterkenntnis, die den Menschen dahin treibt, daß er in Reue zerknirscht ist oder ihn zu einer Selbstbefriedigung führt, kann den Menschen vorwärts bringen." (Lit.: GA 108, S. 33f)

Objektive Selbsterkenntnis wird damit beginnen müssen, sich darüber eine lebendige Anschauung zu verschaffen, was man dem Ort und der Zeit verdankt, in die man hineingeboren wurde:

"Wenn wir nur eine Möglichkeit gewinnen wollen, einzusehen, worauf es ankommt, müssen wir uns die Frage vorlegen: Wovon hängt denn der eigentliche Mensch gewöhnlich ab? -Sie werden sich leicht hineinversetzen in den Gedanken: Wie wäre es denn mit meinen Vorstellungen, meinen Empfindungen und Gefühlen, wenn diese Individualität, die ja von Inkarnation zu Inkarnation gegangen ist und von Inkarnation zu Inkarnation gehen wird, wie wäre es, wenn diese Individualität nicht, sagen wir, vor so und soviel Jahren in Wien geboren wäre, sondern fünfzig Jahre früher etwa in Moskau? Was würde diese Individualität dann für einen Inhalt haben; welche Empfindungen, Gefühle, Vorstellungen, Gedanken und Ideen würden dann diese Individualität durchziehen und ihr den eigentümlichen Grundton geben? Ganz andere! Sie kommen am leichtesten dazu, sich das ganz genau vorzustellen, wenn Sie einmal darüber reflektieren, wie vom Morgen bis zum Abend Ihre Vorstellungen und Empfindungen laufen, wieviel bei diesen abhängt davon, wann und wo Sie in die Welt geraten sind. Versuchen Sie, sich einmal genau eine Rechnung zu machen, ziehen Sie vom Inneren der Seele alles ab, was bedingt ist von dem Wann und Wo der Geburt. Alle diese Vorstellungen werfen Sie aus dem Seelenleben hinaus. Versuchen Sie einmal darüber nachzudenken, was dann noch bleibt, und versuchen Sie vor allen Dingen noch nachzudenken, wieviele von diesen Vorstellungen, die vom Morgen bis zum Abend durch die Seele ziehen, überhaupt Gültigkeit und Wert haben außer durch Ort und Zeit Ihres Lebens zwischen Geburt und Tod. Da werden Sie sehen, wie bedeutsam es ist für das Ich, wohl darauf zu achten, wie weit es unter den Einflüssen des Wann und Wo steht. Das lernen Sie nicht erkennen dadurch, daß Sie in Ihr Inneres hineinbrüten, sondern das lernen Sie erkennen durch eine gute Berücksichtigung des Dichterspruches: Willst du dich selbst betrachten, lerne dich durch die anderen kennen! - durch die Umgebung. Und so werden wir in eigenartiger Weise vom Bebrüten der Seele ab- und dazu geführt, daß wir sagen: Wir müssen, um unser Ich kennenzulernen, uns ein offenes Auge, einen offenen Sinn schaffen für die Eigenart des Weltinhalts, in den wir nach Wann und Wo hineingeboren sind. Je mehr wir uns bemühen, diesen offenen Sinn zu haben für die Außenwelt, für das, was um uns ist, desto mehr kommen wir im geisteswissenschaftlichen Sinne zu dem, was wir auf diesem niedersten Gebiete Selbsterkenntnis nennen können.

Lernen wir durch freien Blick sozusagen die ganze Tonfärbung unserer eigenen Zeit kennen; versuchen wir einmal, uns klarzumachen, wie in der mannigfachsten Weise uns zur Verfügung steht das Eigenartige unseres Zeitalters, unseres Ortes, in dem wir leben. Höchst eigenartig ist diese Selbsterkenntnis, die uns hinweist von unserem Selbst auf unsere Umgebung. Lernen wir diese unsere Außenwelt kennen, versuchen wir in ihren Geist einzudringen, das zu erforschen, was uns herauskristallisiert hat, dann werden wir wie ein Spiegelbild unser Ich erkennen. Das ist ein objektiver Weg. Das Hineinschauen in sich selbst ist eine Gefahr. Man soll die Ursachen erkennen, warum man so und so ist. Die kann man in der Umgebung kennenlernen; dadurch werden wir von uns abgelenkt. Da haben wir also zunächst das, was uns die Fähigkeit gibt, uns zu erkennen, soweit wir ein Ich sind, das sich des physischen Organs bedient, um mit seiner Mitwelt zu leben." (Lit.: GA 108, S. 34)

Die zweite Stufe der Selbsterkenntnis

schaut hin auf das Wirken des Selbstes im Ätherleib. Im Ätherleib liegen alle Fähigkeiten und Talente, die wir uns in das Erdenleben mitbringen. Wieder wäre es ein Irrweg, wenn wir darauf unseren ummittelbaren Blick richten wollten; zu einer objektiven Erkenntnis kommen wir nur, wenn wir ergründen, was wir unserer Zugehörigkeit zu Familie, Rasse und Volk zu verdanken haben:

"Das Selbst nun, wenn es morgens untertaucht in den physischen und in den Ätherleib, wirkt im heutigen Menschheitszyklus in beiden Leibern, also auch im Atherleib. Da kommt dabei nicht dasjenige in Betracht, was Ort und Zeit, das Wann und Wo aus uns machen, sondern da kommt mehr in Betracht. Am Ätherleibe hängt noch etwas ganz anderes, was in gewisser Beziehung noch tiefer mit unserem Selbst verknüpft ist, was schon hinausgeht über Geburt und Tod. Da kommen wir dann zu dem, was in einer gewissen Beziehung dieses Selbst mit sich bringt, was von früher herstammt und in die Zukunft hineinreicht, was dieses Selbst schon hat, wenn es in einem physischen Leibe verkörpert wird. Äußerlich angesehen, indem man einfach den Menschen oberflächlich betrachtet, stellt sich besonders am Ätherleibe dasjenige dar, was wir als Talente, Anlagen, besondere Fähigkeiten des Selbst zu bezeichnen haben, und hier sind wir schon in einer gewissen Beziehung auf einem schwierigeren Gebiete der Selbsterkenntnis. [...]

Es lauern da der Selbsterkenntnis die schlimmsten Feinde auf, wenn der Mensch beginnt, sich klarwerden zu wollen über seine Talente und Fähigkeiten durch Selbstbebrütung. Gerade da muß er seine Betrachtungen von sich heraus auf die Umgebung, vom Persönlichen auf das Unpersönliche hinüberziehen. Da haben wir die Betrachtung nunmehr zu lenken, wo es auf das Gebiet des Ätherleibes geht, auf unsere Zusammengehörigkeit mit dieser oder jener Rasse. Da haben wir uns zu fragen, zu welchem Gliede der Menschheit gehörst du eigentlich? Und wir sollen uns bemühen, die Eigenart dieser Menschheitsgruppe, zu der wir gehören durch Familie, Rasse, Volk, im Vergleich mit den universellen Eigenschaften des ganzen Menschengeschlechts zu erforschen. Lernen wir also kennen dasjenige, was sich in der Vererbungslinie hindurchzieht, was vom Urgroßvater auf den Großvater und so weiter sich fortentwickelt, und was das Selbst innerhalb dieser Vererbungslinie eigentümlich färbt, was also nicht zusammenhängt direkt mit Wann und Wo, sondern zusammenhängt mit tieferen Grundgesetzen des Menschendaseins, lernen wir diese Eigentümlichkeiten kennen, dann werden wir wiederum den richtigen Hintergrund finden, um dann erst zu sehen, wie sich unser eigenes Selbst von diesem Hintergrunde abhebt. Aber jedes Selbstbebrüten des Selbst vor Betrachtung dieses Hintergrundes ist vom Übel." (Lit.: GA 108, S. 36)

Durch konsequentes Sich-Erziehen zur Umbildung von Talenten und Fähigkeiten wird die Individualität allmählich unabhängig von der Vererbungslinie. Wahre Selbsterkenntnis gründet sich auf konsequente Selbsterziehung. Das zeigt sich in deutlichen Veränderungen der Aura; sie weitet sich, wird innerlich reicher gestaltet und beweglicher.

"In bezug auf seine Talente und Fähigkeiten wird in der Regel nicht viel getan sein, wenn sich der Mensch nur eine Vorstellung über Abstammung und Vererbungslinie bildet, da wird er nicht zu einem Herausgehen kommen. Hier kann nur die geisteswissenschaftliche Erfahrung sprechen. Es handelt sich darum, daß aus der geisteswissenschaftlichen Erfahrung gegeben werde das, was den Menschen unabängig macht von Talenten und Fähigkeiten. Dieses Heilmittel sieht dem, was es erreichen soll, gar nicht ähnlich, doch ist es das Heilmittel: Wenn der Mensch versucht, ein warmes, inniges Gefühl sich anzueignen für das, was ihn zunächst wenig interessiert, für das, was ihm Mühe macht, sich dafür zu interessieren, und namentlich, wenn er sein Interesse vielseitig macht, dann wird er seine Individualität aus den ererbten Fähigkeiten herausarbeiten.

Der erste Schritt, die Erkenntnis der Umgebung, wird verhältnismäßig bald vollzogen sein; der zweite - dieses Sich-Erziehen - bildet nur langsam die Talente um. Ja, es muß sogar darauf aufmerksam gemacht werden, daß zuweilen für diese Inkarnation verzichtet werden muß darauf, daß ein Umschaffen der Talente vollzogen werde, aber der Weg wird eingeleitet, und es ist außerordentlich wichtig, daß wir das wirklich versuchen. Dann wird sich dem hellseherischen Bewußtsein sehr bald zeigen, wie die Aura in sich beweglich wird, wie sie vibrierend wird. Wir werden wenigstens in den ersten Anfängen eine Umwandlung unserer eigenen Natur sehen. In dieser nach und nach erfolgenden Selbsterziehung ergibt sich dann ganz von selbst dasjenige, was wir eine unpersönliche Selbsterkenntnis nennen können." (Lit.: GA 108, S. 38f)

Die dritte Stufe der Selbsterkenntnis

führt dazu, die Wirkungen des Karma zu erleben, die sich im Astralleib ausleben. Wenn wir etwas über unser wahres Selbst erfahren wollen, dann müssen darauf sehen, was wir seit unserer Geburt all den Menschen zu verdanken haben, mit denen wir im Leben zusammengekommen sind: Eltern, Lehrer, Erzieher, Schulkameraden, Berufskollegen, Freunde - und Feinde. Durch ihren fördernden oder hemmenden Einfluss sind wir erst das geworden, was wir heute sind. Den Feinden, die uns die größten Hindernisse in den Weg stellten, haben wir oft am aller meisten zu verdanken. Von außen durch unsere Mitmenschen, mögen sie uns gut oder schlecht gesinnt sein, kommt uns im karmischen Geschehen unser wirkliches Ich zu. Dafür müssen wir dankbar sein. Die bis zur Feindesliebe gesteigerte Nächstenliebe zeigt sich hier von einer ganz speziellen Seite. So wie wir unser Ich durch unsere Mitmenschen empfangen, so tragen wir ihnen umgekehrt die Kräfte ihres Ichs zu – das ist ein beständiger Austausch. Nächstenliebe war schon eine Forderung in vorchristlicher Zeit, doch beschränkte sie sich im wesentlichen auf jene Menschen, mit denen man durch das Blut verbunden war – die Familie, der Stamm, das Volk. Dadurch öffnet sich aber nur das Tor für das Gruppen-Ich. Erst die allgemeine Menschenliebe, die Blutsverwandte und nicht Verwandte, Freunde und Feinde gleichermaßen, und letztlich die ganze Menschheit umfasst, bereitet den Weg, auf dem uns unser individuelles Ich auf den Schwingen des Schicksals zuströmt. Und indem wir so unser wahres Ich im Schicksalsgeschehen ergreifen, d.h. wenn wir die Samenkörner, die uns durch das Karma eingepflanzt werden, auch zur Reife bringen, dann strömt der Menschheit insgesamt eine stärkende Kraft zu.

Diese Stufe der Selbsterkenntnis kann also nur errungen werden, wenn sich der Mensch in richtiger Weise zu seinem Schicksal stellt, und das ist letztlich nur dadurch möglich, dass man zu einer soliden geistigen Erkenntnis Zugang findet. Man muss das Erdenleben mit seinen oft bitteren Schicksalsschlägen von einer höheren, geistigeren Warte überschauen lernen.

"Das ist dasjenige, was dem Menschen möglich macht, im Sinne seines Karma dann von selbst zu leben. Es handelt sich also nunmehr darum, daß der Mensch dazu kommt, die anthroposophische Lehre in die Tatsachen umzusetzen. Es ist notwendig, soll Karma nicht eine abstrakte Idee bleiben, soll sie wirksam werden, daß man daran geht, diese Karmaidee probeweise in das Leben einzuführen, probeweise wenigstens, weil man schon der Mannigfaltigkeit und der Unruhe unseres alltäglichen Lebens wegen nicht ständig in Selbstbeobachtung bleiben kann. Es ist notwendig, daß man sich die Frage vorlegt, was heißt das: karmisch denken?

Nehmen wir einen radikalen Fall als Beispiel an: Jemand hat einem anderen - mir zum Beispiel - eine Ohrfeige versetzt. Was heißt in einem solchen Falle «karmisch denken»? Ich war in einem früheren Leben da, der andere auch. Ich habe vielleicht damals, in dem früheren Leben, ihm zu seiner jetzigen Handlungsweise die Ursache gegeben, ihn dazu gedrängt, ihn erst gleichsam abgerichtet dazu. Ich will nicht theoretisieren, ich will eine Hypothese aufstellen, die eine Lebenshypothese werden soll. Gibt er mir nun den Schlag, wenn ich so denke? Nein, er gibt ihn mir gar nicht. Ich selbst gebe ihn mir, denn ich habe ihn selbst dahin gestellt auf den Platz, ich habe die Hand, die er gegen mich aufhob, selbst erhoben.

Nunmehr kann das Weitere nur die Erfahrung geben, und die gibt folgendes: Wenn der Mensch versucht, ernsthaft so die Karma-idee ins Auge zu fassen, ab und zu solch eine Frage zu stellen, in vollem Ernste und in voller Würde, wird er tatsächlich sehen, daß er einen Erfolg davon hat. Das kann Ihnen kein Mensch beweisen. Sie müssen es sich selbst beweisen, indem Sie es tun. Da werden Sie sehen, daß tatsächlich Ihr inneres Leben ein ganz anderes wird, Sie bekommen ganz andere Gefühle, Willensimpulse über das Leben, und ein ganz anderes inneres Leben zeigt seine Konsequenzen; es wird sich zeigen an einer ganz anderen Stelle. Wo Sie großen Schmerz, Enttäuschungen erfahren hätten, nehmen Sie den Schmerz ruhig hin; Sie sind äquilibriert deswegen, weil Sie das so getan und gedacht haben. Es tritt die Folge ein, daß über das ganze Seelenleben eine merkwürdige Ruhe kommt, eine Art gesetzmäßigen Erfassens der Geschehnisse, keineswegs eines fatalistischen.

Das ist auch der Weg, den man einschlagen muß, wenn man nach und nach die Karmaidee, das Wahrhalten dieser Idee zur Gewißheit ausbilden will. Gegen die Karmaidee läßt sich streiten. Wer Gründe vorbringen will, der kann es. Man kann auch theoretisch so etwas nicht beweisen, sondern nur durch die Probe, und da gibt Ihnen die Erfahrung dasjenige, was dabei herauskommt. Die Erfahrung gibt, wenn sie intensiv wird, die Mittel, Karma zunächst zu begreifen. Dann merkt man aus der Gruppierung der Dinge, daß es wirklich etwas ist, was in den Dingen liegt, so wie man merkt, ob man ein Phantasiebild hat, oder ob man die Wirklichkeit des Bügelstahls hat, wenn man ihn angreift. So muß die Erfahrung selbst jene Zusammenfassung der Tatsachen des Lebens geben, wodurch wir nach und nach unsere Willkür, unsere inneren Willensimpulse eingliedern in unser Karma. Diese Arbeit unseres Lebens, die kompliziert ist, ist etwas, was zu den besten Mitteln zur Erreichung einer dritten Stufe der wahren Selbsterkenntnis gehört. Dadurch lernen Sie nach und nach fühlen, was der Niederschlag im gegenwärtigen aus dem früheren Leben ist." (Lit.: GA 108, S. 42ff)

Konkret bedeutet das: wir müssen die Anstöße, die uns das Schicksal durch andere Menschen vermittelt, bewusst erkennen und aktiv in Taten umsetzen. In alten Zeiten geschah der karmische Ausgleich gleichsam wie von selbst; heute müssen wir ihn immer mehr aktiv und bewusst vorantreiben. Wir leben in einer Zeit, in der der karmische Ausgleich in der alten Form längst in Unordnung geraten ist, es ist Unordnung im Karma entstanden. Wenn wir das Schicksal aktiv ergreifen, d.h. wenn wir unsere Schicksalsaufgabe erkennen und bewusst zu verwirklichen beginnen, dann waltet darin auch der Christus-Impuls, der uns die stärkende Kraft gibt, um diese Aufgabe zu bewältigen. In diesem Sinn ist der Christus der Herr des Karma geworden, und er kann es in dem Maß sein, in dem wir es wollen.

Die vierte und höchste Stufe der Selbsterkenntnis

führt uns zur Erkenntnis des Zusammenhanges unserer Erde mit dem ganzen Kosmos:

"Wenn Sie sich dasjenige genau vor die Seele führen, was in den Aufsätzen «Aus der Akasha-Chronik» über die Entwickelung der Erde geschildert wird, was scheinbar ganz fremd für die Seele ist, wie es zuletzt mit Notwendigkeit zur heutigen Konfiguration hinführt, dann haben Sie Selbsterkenntnis durch Welterkenntnis! So führt uns die Selbsterkenntnis immer weiter und weiter aus uns heraus, immer zum Unpersönlichen. Wie durch Anwendung des Karma im Leben die Aura heller und lichter wird, so wird durch die eigentliche Erkenntnis der kosmischen Zusammenhänge die Aura kraftvoller und fähig, aus sich heraus ursprünglich freie Impulse zu schaffen. Hier kommen Sie zur Lösung der Frage nach Freiheit und Unfreiheit. Denn Freiheit ist ein Entwickelungsprodukt, und man gelangt zu ihr immer mehr, je mehr man zur Selbsterkenntnis gelangt." (Lit.: GA 108, S. 47f)

Wahre Selbsterkenntnis, durch alle vier Stufen hindurch, ist also für den heutigen Menschen nur durch umfassende Welterkenntnis möglich - und wahre Selbsterkenntnis führt den Menschen zur Freiheit.

Mensch, erkenne dich selbst! Werde frei!

Indem der Mensch in der Selbsterkenntnis bis zu diesem Punkt voran schreitet, wird er im Erkenntnisakt die engen Schranken seiner irdischen Persönlichkeit, die ihm durch seine Hüllenwesensglieder gesetzt sind, überwinden und im Ich die tätige Schaffenskraft des Weltgeistes erleben:

"Dem Menschen leuchtet in seinem Ich das höchste Licht. Aber dieses Licht gibt seiner Vorstellungswelt nur den rechten Widerschein, wenn er gewahr wird, daß es nicht sein Selbstlicht ist, sondern das allgemeine Weltlicht. Es gibt daher keine wichtigere Erkenntnis als die Selbsterkenntnis; und es gibt zugleich keine, die so vollkommen über sich selbst hinausführt. Wenn das «Ich» sich recht erkennt, so ist es schon kein «Ich» mehr." (Lit.: GA 007, S. 71)

Der Mensch überwindet sein niederes Ich, um sein Selbst auf höherer Stufe wiederzugewinnen. Die Individualität des Menschen wird also keineswegs ausgelöscht, sondern erhöht. Das Ich des Menschen wird zum weit geöffneten Tor in die geistige Welt und durch dieses Tor wird der Heilige Geist auf den Menschen ausgegossen. In dem neuen, höheren Selbst, das der Mensch dadurch erringt, ist der Geist, der Heilige Geist, tätig. Der Mensch erwirbt sich dadurch ein höheres, geistiges Wesensglied, das Rudolf Steiner zutreffend als Geistselbst bezeichnet hat. Selbsterkenntnis in diesem Sinn ist nicht bloß beschauliche Betrachtung des eigenen Seins, sondern ein tätiges Hinstreben zum Weltgeist selbst.

Für einzelne hat diese Entwicklung an jenem Pfingstfest begonnen, nachdem sich der Christus durch die Himmelfahrt dem unmittelbaren Bewusstsein der Jünger entzogen hatte - für immer mehr Menschen kann es sich jetzt und in der nächsten Zukunft verwirklichen. Dies zu erkennen, ist das wichtigste Ziel der Selbsterkenntnis für den heutigen Menschen.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung, GA 7 (1990)
  2. Rudolf Steiner: Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen, GA 16 (2004), ISBN 3-7274-0160-5; zusammen mit GA 17 in Tb 602, ISBN 978-3-7274-6021-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Die Schwelle der geistigen Welt, GA 17 (1987), ISBN 3-7274-0170-2; zusammen mit GA 16 in Tb 602, ISBN 978-3-7274-6021-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Die Theosophie des Rosenkreuzers, GA 99 (1985), ISBN 3-7274-0990-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Die Beantwortung von Welt- und Lebensfragen durch Anthroposophie, GA 108 (1986), ISBN 3-7274-1081-7
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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