Die Temperamentenlehre von Joachim Stiller

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Die vier Temperamente (lat. temperamentum „das richtige Maß, die richtige Mischung“, von lat. temperare „mäßigen, mischen“; im 16. Jahrhundert im Sinne von „ausgeglichenes Mischungsverhältnis“ in der Pharmazie verwendet), bestimmen die mehr oder weniger dauerhafte Grundgestimmtheit oder Gemütsart des Menschen. Grundsätzlich verfügt jeder Mensch über alle vier Temperamente, die ganz individuell auf die vielfältigste Weise gemischt sind. Im Idealfall sind alle vier Temperamente im harmonischen Gleichgewicht, in der Regel gibt es aber Akzentverschiebungen, durch die meist ein Temperamente stärker hervorsticht, die zwei benachbarten mitschwingen und das vierte, gegensätzliche in den Hintergrund tritt. In der Anthroposophie wird bis heute die anthroposopisch-galensche Temperamentenlehre vertreten, die aber von Joachim Stiller kategorisch abgelehnt wird. Stiller hat inzwischen einen bedeutenden Versuch unternommen, die klassische Temperamentenlehre umzudeuten und komplett neu zu fassen, so dass sie jetzt auch mit den Mysterien in Einklang ist. Stiller geht sogar noch weiter und behauptet, dass es sich bei der neuen Temperamentenlehre nicht nur im "irgend ein" Mysterium handelt, sondern um "die" neuen christlichen Mysterien schlechthin. Ob sich diese Lehre in der Anthroposophie wird durchsetzen können, müsse man einfach mal abwarten.

Temperamente und Elemente

Die neue Elementen- und Temperamentenlehre von Joachim Stiller

Nach Galenos von Pergamon (dt. Galēn; * um 129 n. Chr. in Pergamon; † um 216 n. Chr. in Rom), der die Temperamentenlehre erstmals exoterisch formuliert hat, werden vier Temperamente unterschieden, die den vier Elementen entsprechen. Wie genau Galenos diese Zuordnung gefasst hat, lässt sich historisch wahrscheinlich nicht mehr rekonstruieren. Bekannt ist aber die leider falsche Zuordnung von Galenos, die über den Umweg von Aristoteles auf Hippokrates zurückgeht. Diese wurde auch von Steiner kommentarlos übernommen. Joachim Stiller stellt der seiner Ansicht nach falschen Zuordnung des Galenos nur eine eigene Zuordnung gegenüber. Diese sieht wir folgt aus. Wichtig ist dabei, dass verstanden wird, dass das melancholische Temperament (Trauer) dem wässrigen Element entspricht und das phlegmatische Temperament (Trägheit, Liebe) dem Erdelement. Es ergibt sich das Folgende:

Die Temperamente und die Viersäftelehre

Bereits Hippokrates von Kós (460-375 v. Chr.) verband die Temperamentenlehre mit der ebenfalls schon von ihm aufgestellten Viersäftelehre (Humoralpathologie), in dem er den humores, den vier hauptsächlichen Körperflüssigkeiten, jeweils ein Temperament zuordnete: Auch diese Darstellung ist historisch falsch, und lässt sich heute ebenfalls teilweise nicht mehr rekonstruieren. Joachim Stiller nimmt nun alternativ folgende Zuordnung vor, und zwar unabhängig von den historischen Irrtümern des Hippokrates und des Galenos:

Temperamente und Wesensglieder

Die vier Apostel von Albrecht Dürer, eine Darstellung der vier Temperamente: Johannes (Sanguiniker), Petrus (Phlegmatiker), Markus (Choleriker) und Paulus (Melancholiker)

Die vier Temperamente hängen eng mit den vier grundlegenden Wesensgliedern des Menschen zusammen. Dominiert eines der Wesensglieder die anderen, so drückt sich das in den im Ätherleib wirkenden Temperamenten folgendermaßen aus, wobei zugleich auch ganz bestimmte Organsysteme besonders hervortreten. Für den "Erwachsenen" ergibt sich dabei folgender Zusammenhang, so Joachim Stiller:

Die vier Grundtypen

Heinrich Eltz gibt eine ganz gute Beschreibung der vier Temperamente beim erwachsenen Menschen. Hier eine Übersicht:

Das Gesamtbild des Cholerikers

Das Denken des Cholerikers „ist scharf und geht in die Tiefe. Er liebt es, Gegensätze gedanklich präzise herauszuarbeiten, das Pro und Kontra schlagfertig zu formulieren. Er geht nicht in ausgetretenen Pfaden; er überrascht mit bisher unbeachtet gebliebenen Aspekten, mit neuen Ideen, und er will sie verwirklichen. Er ist Erfinder, Entdecker. Was er anpackt, verwandelt sich in seinen Händen oft zu etwas Neuem. Er handelt entschieden, kraftvoll nach dem Spruch: „Wer hält lange Rat, kommt zu spät zur Tat. Wer geschwind sich besinnt und beginnt, der gewinnt.“ Nicht nur im Denken des Cholerikers herrscht Ordnung, sondern auch in seinem Leben. Er fragt sich, wie die Welt geordnet ist und wie er sich selber die Welt ordnen kann. Das verleiht seinem Leben und Handeln etwas Planmäßiges, Systematisches. Es besteht dabei die Gefahr, dass sein Denken allzu systematisch wird und etwas Dogmatisches, ja Klischeehaftes annimmt. Fixe Ideen verunmöglichen es ihm dann, die volle Wahrheit zu erkennen. Es ist oft schwer, mit einem Choleriker ein unvoreingenommenes Gespräch zu führen; immer bezieht er gleich eine kämpferische Stellung für oder gegen eine Sache, ohne den Gesprächspartner anzuhören. Er kann völlig uneinsichtig sein. Er erträgt keine Kritik. Es ist für ihn selbstverständlich, dass er den Ton angibt, führt und herrscht. Auf jeden Fal1 will er Hammer, nicht Amboss sein. Seine Devise lautet: Alles oder Nichts. Diese Entweder-Oder-Haltung herrscht auch im Zusammenleben mit ihm. Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Die anderen haben keinen Freiheitsraum. So wandeln sich Freundschaften oft in Gegnerschaften.“ („Die menschlichen Temperamente“ von Heinrich Eltz)

Stiller nennt den Choleriker auch den wütenden Menschen.

Das Gesamtbild des Sanguinikers

„Das sanguinische Temperament nimmt unter den Temperamenten eine Sonderstellung ein. Es kann als „das kindliche Temperament“ schlechthin bezeichnet werden. Die sanguinischen Eigenschaften sind die Eigenschaften sozusagen jedes Kindes von der frühen Kindheit an bis zur beginnenden Pubertät.“ (H. Eltz) „Der Sanguiniker sieht alles, hört alles und vergisst vieles rasch wieder. – Er kann an vielen Aufgaben gleichzeitig arbeiten. Er hat alles im Bewusstsein und behält den Überblick. Er hat einen Zug ins Große, Weite. Er erfasst rasch umfassende Ideen und Zusammenhänge, ist leicht entflammbar für das Aufbauende und Schöne.“ (H. Eltz) „Dem Sanguiniker droht aber auch Gefahr. Sein Leben kann sich in allzu großer Betriebsamkeit und Geschäftigkeit verzetteln. An jedem Abend sollte er an drei bis vier Orten zugleich sein, weil er überall und doch nirgends richtig mitmacht. Er hat Mühe, Wurzeln zu fassen. Er kann auch nur schwer auf etwas verzichten, sich eine Annehmlichkeit, einen Lebens- oder Kunstgenuss versagen. Er ist ein Lebenskünstler nach dem Wahlspruch „carpe diem“. (H. Eltz) „Zusammenfassend kann man sagen: Sanguiniker können, wenn sie ihrem Temperament nicht zu sehr in die Zügel schießen lassen, sonnige, liebenswürdige Menschen sein, die wohltuende Elemente in unser soziales Leben einfließen lassen: Wärme, Freude, frischen Lebensmut, Toleranz. Durch sie gewinnt unser Leben an Mannigfaltigkeit, Schönheit und Weite.“ (H. Eltz)

Stiller nennt dne Sanguiniker auch den fröhlichen Menschen.

Das Gesamtbild des Melancholikers

„Das melancholische Kind ist frühreif und lebt stark im Kopf. Es ist „hochaufgeschossen“, hager und bleich. Weil ihm eine gewisse Vitalität mangelt, zieht es sich gern von der Außenwelt ein wenig zurück. – Stark ausgeprägt ist schon eine Fähigkeit des Mitleidens und Mitfühlens mit anderen Menschen.“ (H. Eltz) „Der erwachsene Melancholiker ist der schwerblütige Mensch, der alles ernst und schwer nimmt; auf ihm lastet stets ein Druck; er kann nie richtig aufatmen. Meistens ist er ein wenig missgestimmt, fast traurig, und er erlebt diese wehmütige, schmerzliche Stimmung auch, wenn von außen her gar keine Veranlassung dazu besteht. Der geheimnisvolle Quell der stets in ihm aufsteigenden Schmerzen liegt in seiner Seele.“ (H. Eltz) Der Melancholiker „ist von dem Gefühl durchdrungen: Ich gebe mit die größte Mühe und habe doch stets nur einen geringen Erfolg, während anderen vieles von selbst zufällt. Er lebt hin- und hergerissen zwischen Wollen und Nichtvollbringenkönnen, zwischen immer neu gefassten tapferen Vorsätzen und bedrückenden Niederlagen. Das Gefühl des erfolglosen Bemühens, des innerlichen Gefasstseins schlägt sich nieder in der leidvollen Stimmung, in Gram und Schmerz.“ (H. Eltz)

Stiller nennt den Melancholiker auch den traurigen Menschen.

Das Gesamtbild des Phlegmatikers

Die Grundstimmung des Phlegmatikers „ist ein allgemeines Lebensbehagen. Es ist ihm wohl in seiner Haut. In seinem körperlich-seelischen Organismus ist alles in bester Ordnung, so dass er in bewusst empfundenem Wohlgefühl dahinlebt ohne Bedürfnis, sich groß mit der Umwelt auseinandersetzen oder gar mühsam abzuplagen. Er hält sich die Welt so weit als möglich vom Leibe. Gleichmütig nimmt er sie, wie sie ist. Lieber als mit der Gegenwart beschäftigt sich der Phlegmatiker mit der Vergangenheit. Daher sein geschichtliches Interesse. Er ist der geborene Geschichtenschreiber.“ (H. Eltz) Die positiven Eigenschaften: „Da ist einmal die für das soziale Zusammenleben wichtige Tatsache, dass die Distanzierung von der Umwelt den Phlegmatiker davor bewahrt, über alles und jedes vorschnell zu urteilen. Er übereilt sich nicht in seinen Aussagen und steht damit weniger in Gefahr, dass diese von Affekten und Leidenschaften getrübt und verfälscht werden. Normalerweise lässt er sich von einem kühlen, gelassen abwägenden Verstand und von ruhiger Vernunft leiten.“ (H. Eltz) „Die Schattenseiten des Phlegmatikers ... können zusammengefasst werden als geringe Kontaktfähigkeit, Gleichgültigkeit, Willenlosigkeit. Überlässt sich der Phlegmatiker seiner Temperamentenanlage, kann diese zu einer Einseitigkeit führen, die seine seelische Gesundheit gefährdet. Die Interessenlosigkeit kann in eine Art Stumpfsinn ausarten.“ (H. Eltz)

Stiller nennt den Phlegmatiker auch den trägen, liebenden Menschen.

Tabelle

Temperament
Choleriker
Sanguiniker
Melancholiker
Phlegmatiker
Wesensglied Ich Astralleib Ätherleib Physischer Leib
Körpersäfte Weiße Galle (Chole) Rotes Blut[1] (Sanguis) Schwarze Galle (Melas Chole) Schleim|Grüner Schleim (Phlegma)
Eigenschaften warm und feucht warm und trocken kalt und feucht kalt und trocken
Element Feuer Luft Wasser Erde (Element)|Erde
Altersstufe Jugend Kindheit Alter Erwachsenenalter
Richtung Süden Osten Westen Norden
Jahreszeit Sommer Frühling Herbst Winter
Tageszeit Mittag Morgen Abend Nacht
Bewusstsein Wachen Träumen Schlafen Sterben, Kranksein, Tod
Organsystem Znetrales Nervensystem und Rückenmark[1], Galle Blutkreislauf und Herz Schwarzes Nervensystem, schwarzes Sonnengeflecht Lymphatisches System
Mimik Nasenwurzel zusammengezogen (Wutfalte), Mund gepresst gehobene Brauen und Mundwinkel in der Mitte hochgezogene Brauen und Mittelfalte, Mundwinkel gesenkt Augenlider und Kiefer locker hängend
Gestik kraftvoll abwärts mit Leichtigkeit rhythmisch aufstrebend bequem sinkenlassend vergebens mühsam aufstrebend
Gang stampfend (Ferse), O-beinig hüpfend, tänzelnd X-beinig schlurfend
Tugend Mut Liebe, Interesse Mitleid Geduld
Untugend Wut Triebhaftigkeit Wehleidigkeit Trägheit
Bosheit
tätig
erleidend

Gewalttätigkeit

Angst

Lügenhaftigkeit

Leichtsinnigkeit

Hartherzigkeit

Antriebslosigkeit

Grausamkeit

Masochismus
Geisteskrankheit Tobsucht Irrsinn, Narrheit Trübsinn, Wahnsinn Stumpfsinn
Wappentier[2] Löwe Wassermann (Mensch/Engel) Adler Stier

Entwicklung der Wesensglieder im Laufe der Weltentwicklung

Die Wesensglieder des Menschen entstanden bzw. entwickeln sich im Zuge der kosmischen Evolution durch die sieben planetarischen Weltentwicklungsstufen.

Auf dem alten Saturn wurde die Grundlage des physischen Leibes geschaffen. Dieser war damals noch ein reiner Wärmeleib. Während der folgenden Entwicklungsstufen nahm der physische Leib eine immer dichtere Gestalt an. Auf der alten Sonne war er gasförmig, auf dem alten Mond wurde er bis zum flüssigen Element verdichtet, um schließlich während unserer Erdentwicklung die feste Form anzunehmen. Aufgrund seiner langen Evolution hat der physische Leib bereits einen sehr hohen Vollkommenkeitsgrad erlangt.

Der Ätherleib wurde erst auf der alten Sonne geschaffen und war damals ganz aus den Lichtätherkräften gewoben. Auf dem alten Mond hat er zusätzlich die Klangätherkräfte in sich aufgenommen, und während der Evolution der Erde den Lebensäther.

Auf dem alten Mond wurde der Astralleib des Menschen gebildet, der aufgrund seiner relativ kurzen Entwicklungszeit wenig ausgereift ist und noch viele niedere Triebe und Begierden enthält.

Mit diesen drei Wesensgliedern trat das Menschenwesen in die Erdentwicklung hinüber. Wären keine neuen Impulse hinzugekommen, so hätte sich nun zunächst nur mehr die Empfindungsseele als verfeinerter Teil des Astralleibes ausbilden können. Um die weitere Entwicklung zu verstehen, muss man wissen, dass sich die Erdentwicklung in zwei Hälften gliedert, die mit den gegenwärtigen Planeten Mars und Merkur in Beziehung stehen. Als die Erde noch im astralen Zustand war, wurde sie von den damals noch rein ätherischen Marskräften durchdrungen. Aus diesen Marskräften, die der Erde auch das Eisen brachten, das in das menschliche Blut aufgenommen wurde, entsprang der entscheidende Impuls, der zur Bildung der Verstandesseele führte, deren Entwicklung in der griechisch-römischen Kulturepoche kulminierte. Innerhalb der Verstandesseele beginnt das individuelle Ich des Menschen aufzuleuchten. Die Bewusstseinsseele, die gegenwärtig ausgebildet wird, hängt eng mit den Merkurkräften zusammen. Wenn die Erde einmal wieder in den astralen Zustand übergegangen sein wird, werden die dann rein ätherischen Merkurkräfte ihre volle Wirkung entfalten. Durch den Einweihungsweg wird einiges von diesen Wirkungen schon jetzt in gewissem Sinne vorweggenommen. Die großen Eingeweihten, wie Buddha, Hermes usw., waren daher Merkureingeweihte.

Wenn der Mensch beginnt, vom Zentrum seines Ichs aus den Astralleib zu verwandeln, so bildet sich innerhalb der Bewusstseinsseele das Geistselbst (Manas) aus. Diese Entwicklung hat bereits begonnen, wird sich aber erst auf dem künftigen Jupiter (dem Neuen Jerusalem, von dem in der Apokalypse des Johannes die Rede ist) vollenden.

Während des künftigen Venuszustandes wird sich innerhalb des menschlichen Ichs der Lebensgeist (Buddhi) fertig ausgestalten, und auf dem zukünftigen Vulkan schließlich der Geistesmensch (Atma).

In der Beilage zu einem Brief an Marie von Sivers vom 25. November 1905 hat Rudolf Steiner diesen Entwicklungsgang durch folgende Skizze veranschaulicht:

Die Entwicklung der Wesensglieder im Lauf der planetarischen Weltentwicklungsstufen

Pythagoräisches Quadrat

"Wenn vom physischen Körper die Rede ist, haben die meisten eine sehr unklare, verworrene Vorstellung von dem, was eigentlich der physische Körper ist. Wir haben ja eigentlich nicht den rein physischen Körper, sondern eine Zusammensetzung von dem physischen Körper mit den höheren Kräften vor uns. Physisch ist auch ein Stück Bergkristall. Aber das ist dem Wesen nach etwas ganz anderes, als das menschliche Auge oder das Herz, die doch auch physisch sind. Das Auge und das Herz sind Teile des physischen Körpers, aber vermischt mit den höheren Gliedern des Menschen und dadurch wird im Physischen etwas ganz anderes bewirkt als beim übrigen Physischen. Sauerstoff und Wasserstoff haben wir auch im Wasser vor uns, aber sie sehen da ganz anders aus, als wenn wir sie beide für sich sehen oder für sich haben. Dann treten sie uns ganz anders entgegen. Im Wasser haben wir eine Mischung der beiden vor uns. Was uns nun im physischen Körper des Menschen entgegentritt, ist auch eine Mischung aus dem Physischen mit dem Äther- und dem Astralkörper.

Das physische menschliche Auge ist ähnlich einer photographischen Kamera, denn wie in der Kamera entsteht darin ein Bild der Umwelt. Wenn man nun von dem physischen Auge alles abzieht, was in der Kamera nicht entsteht, dann hat man erst das Spezifische des physischen Auges. So muß man auch von dem ganzen physischen Körper alles abziehen, was nicht rein physisch ist, dann hat man erst das, was man im Okkultismus den physischen Körper nennt. Dieser kann unmittelbar nicht leben, nicht denken, nicht fühlen. Da bleibt dann übrig ein sehr weise eingerichteter äußerst komplizierter Automat, ein rein physikalischer Apparat. Diesen ganz allein gab es nur auf der Saturnstufe des menschlichen Daseins. Damals waren die Augen nicht anders vorhanden denn als kleine Kameras. Was darin von der Umwelt als Bild entworfen wurde, kam zum Bewußtsein einer Devawesenheit. In der Mitte des Saturnkreislaufes waren die sogenannten Asuras (die Archai) reif, den Apparat zu benutzen. Diese waren dazumal auf der Stufe der Menschheit. Sie benutzten diesen Automaten und die Bilder, die darin entstanden. Sie selbst waren nicht darinnen, sondern außerhalb und benutzten nur die Bilder; ähnlich wie wir uns jetzt photographischer Apparate bedienen können, um Bilder einer Landschaft aufzunehmen. Der physische Körper des Menschen war also dazumal ein von außen aufgeführter, architektonischer Aufbau eines physikalischen Apparates. Das ist die erste Stufe des menschlichen Daseins.

Die zweite Stufe der Ausbildung war die Durcharbeitung dieses physikalischen Apparates mit dem Ätherleib. Da wurde er ein lebender Organismus. Das drückte sich dann auch aus in der Konfiguration des Körpers. Der Automat war aufgebaut aus einer ziemlich festen undifferenzierten Masse, ähnlich wie heute eine Geleemasse ist, wie ein weicher Kristall.[3] Im zweiten Kreislauf, in dem Sonnendasein, wurde der physische Automat nun von dem Ätherkörper durchzogen. In diesem Sonnenkreislauf entstand auch das Sonnengeflecht (Solarplexus), das darnach benannt ist, weil das ein wirkliches Organ ist, von dem heute nur noch Rudimente vorhanden sind. Es arbeitet sich ein Nervensystem in den physikalischen Apparat hinein. Bei den Pflanzen ist noch etwas Ähnliches vorhanden. Das ist die zweite Stufe.

Aber diese Stufen sind nicht abgeschlossen; die Entwicklung geht graduell weiter. Ein solches wirksames Agens ist das Sonnengeflecht auch noch heute bei den Tieren, die kein Rückenmark ausbilden. Alle wirbellosen Tiere sind noch einzelne Ausbildungen zurückgelassener Stufen desjenigen, was früher veranlagt war. Die Wirbeltiere hat der Mensch erst auf der Erde aus sich herausgesetzt. Früher war der Mensch noch ähnlich organisiert wie heute etwa der Krebs. Der Mensch ist heute über die damalige Stufe hinausgeschritten, während der Krebs stehengeblieben ist. Überraschend ist es, daß das ganze Innere des Krebses eine gewisse Ähnlichkeit mit dem menschlichen Gehirn hat. Es gibt tatsächlich eine Ähnlichkeit zwischen der inneren Krebsgestalt und dem menschlichen Gehirn. Auch der Krebs ist eingeschlossen in eine harte Schale wie das menschliche Gehirn. Nachdem der Mensch ein Rückenmark ausgebildet und die oberen Wirbel umgestaltet hatte, warf er die harte Schale ab. Der Krebs hat sich nicht weiter entwickelt. Er hat sich an die äußere Umgebung angepaßt durch eine harte Schale, die ihm das sein mußte, was dem Menschen die schützende Hülle der ganzen übrigen Körperlichkeit ist.

Die dritte Stufe ist die, auf der das Ganze umorganisiert wird von dem hineinarbeitenden Astralleib. Das Umorganisieren ist verknüpft mit der Ausbildung des Herzens und dem Durchströmen mit dem warmen Blut. Das Fischherz ist auf dem halben Wege stehengeblieben.[4] Das Herz wird gleichmäßig in dem Maße ausgebildet als die innere Körperwärme zunimmt; das heißt nichts anderes als das Einziehen des Astralen in den Körper hinein.

Das Rückenmark mit dem Gehirn ist das Organ des Ich. Dieses ist von der dreifachen Schutzhülle des Astral-, Äther- und physischen Leibes umgeben. Nachdem das Organ des Ich (Rückenmark und Gehirn) vorbereitet worden ist, legt sich das Ich in das bereitgemachte Bett hinein und Rückenmark und Gehirn treten als Organe des Ich in dessen Dienst.

So setzt sich der vierfache Mensch zusammen. Das ist das Quadrat der Pythagoreer:

  1. Das Rückenmark und das Gehirn sind das Organ des Ich.
  2. Das warme Blut und das Herz sind das Organ des Kama (Astralleib).
  3. Der Solarplexus (Sonnengeflecht) ist das Organ des Ätherkörpers.
  4. Der eigentliche physische Körper ist ein komplizierter physikalischer Apparat.

So hat man den Menschen vierfach aufgebaut.

Was wir jetzt beschrieben haben, das nennt man im Okkultismus wieder einen Wirbel, etwas, das von außen hereinbaut und sich mit dem vereinigt, was innen sich aufbaut. Physischer Körper, Äther- und Astralkörper haben den Menschen aufgebaut. Dann macht sich der Punkt des Ich geltend, und dieses baut nun von innen heraus. Das sind die vier Teile des Menschen. So finden wir im Äußeren einen Abdruck des viergliedrigen Menschen. Alle Weiterentwickelung ist eine solche, daß der Mensch von diesem Punkt des Ich aus bewußt alles durchmacht, was er vorher schon unbewußt durchgemacht hat." (Rudolf Steiner: GA 93a, S.88ff)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1
  2. Die Wappentiere entsprechen den vier Sphinx-Tieren bzw. den Evangelisten-Symbolen und auch den entsprechenden Tierkreiszeichen. Dabei ergibt sich allerdings eine andere Zuordnung der Elemente zu den Tierkreiszeichen, als sie heute in der Astrologie üblich ist, indem die Luft- und Wasserzeichen vertauscht sind. Der Adler, der dem Skorpion entspricht, ist hier dem Luftelement zugeordnet und der Wassermann oder Engel dem Wasserelement.
  3. In den Notizen von Marie Steiner heißt es: «...aufgebaut aus einer undifferenzierten Geleemasse, wie mineralische Protoplasma».
  4. Fische haben ein zweiteiliges Herz, bestehend aus Vorhof (Atrium) und Herzkammer (Ventrikel) auf der Bauchseite des Vorderkörpers. - Marie Steiner notierte: «Der Fisch ist wie ein halbes Herz.»