Die Temperamentenlehre von Joachim Stiller

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Die vier Temperamente (lat. temperamentum „das richtige Maß, die richtige Mischung“, von lat. temperare „mäßigen, mischen“; im 16. Jahrhundert im Sinne von „ausgeglichenes Mischungsverhältnis“ in der Pharmazie verwendet), bestimmen die mehr oder weniger dauerhafte Grundgestimmtheit oder Gemütsart des Menschen. Grundsätzlich verfügt jeder Mensch über alle vier Temperamente, die ganz individuell auf die vielfältigste Weise gemischt sind. Im Idealfall sind alle vier Temperamente im harmonischen Gleichgewicht, in der Regel gibt es aber Akzentverschiebungen, durch die meist ein Temperamente stärker hervorsticht, die zwei benachbarten mitschwingen und das vierte, gegensätzliche in den Hintergrund tritt. In der Anthroposophie wird bis heute die anthroposopisch-galensche Temperamentenlehre vertreten, die aber von Joachim Stiller kategorisch abgelehnt wird. Stiller hat inzwischen einen bedeutenden Versuch unternommen, die klassische Temperamentenlehre umzudeuten und komplett neu zu fassen, so dass sie jetzt auch mit den Mysterien in Einklang ist. Stiller geht sogar noch weiter und behauptet, dass es sich bei der neuen Temperamentenlehre nicht nur im "irgend ein" Mysterium handelt, sondern um "die" neuen christlichen Mysterien schlechthin. Ob sich diese Lehre in der Anthroposophie wird durchsetzen können, müsse man einfach mal abwarten.

Temperamente und Elemente

Die neue Elementen- und Temperamentenlehre von Joachim Stiller

Nach Galenos von Pergamon (dt. Galēn; * um 129 n. Chr. in Pergamon; † um 216 n. Chr. in Rom), der die Temperamentenlehre erstmals exoterisch formuliert hat, werden vier Temperamente unterschieden, die den vier Elementen entsprechen. Wie genau Galenos diese Zuordnung gefasst hat, lässt sich historisch wahrscheinlich nicht mehr rekonstruieren. Bekannt ist aber die leider falsche Zuordnung von Galenos, die über den Umweg von Aristoteles auf Hippokrates zurückgeht. Diese wurde auch von Steiner kommentarlos übernommen. Joachim Stiller stellt der seiner Ansicht nach falschen Zuordnung des Galenos nur eine eigene Zuordnung gegenüber. Diese sieht wir folgt aus. Wichtig ist dabei, dass verstanden wird, dass das melancholische Temperament (Trauer) dem wässrigen Element entspricht und das phlegmatische Temperament (Trägheit, Liebe) dem Erdelement. Es ergibt sich das Folgende:

Die Temperamente und die Viersäftelehre

Bereits Hippokrates von Kós (460-375 v. Chr.) verband die Temperamentenlehre mit der ebenfalls schon von ihm aufgestellten Viersäftelehre (Humoralpathologie), in dem er den humores, den vier hauptsächlichen Körperflüssigkeiten, jeweils ein Temperament zuordnete: Auch diese Darstellung ist historisch falsch, und lässt sich heute ebenfalls teilweise nicht mehr rekonstruieren. Joachim Stiller nimmt nun alternativ folgende Zuordnung vor, und zwar unabhängig von den historischen Irrtümern des Hippokrates und des Galenos:

Temperamente und Wesensglieder

Die vier Temperamente hängen eng mit den vier grundlegenden Wesensgliedern des Menschen zusammen. Dominiert eines der Wesensglieder die anderen, so drückt sich das in den im Ätherleib wirkenden Temperamenten folgendermaßen aus, wobei zugleich auch ganz bestimmte Organsysteme besonders hervortreten. Für den "Erwachsenen" ergibt sich dabei folgender Zusammenhang, so Joachim Stiller:

Die vier Grundtypen

Heinrich Eltz gibt eine ganz gute Beschreibung der vier Temperamente beim erwachsenen Menschen. Hier eine Übersicht:

Das Gesamtbild des Cholerikers

Das Denken des Cholerikers „ist scharf und geht in die Tiefe. Er liebt es, Gegensätze gedanklich präzise herauszuarbeiten, das Pro und Kontra schlagfertig zu formulieren. Er geht nicht in ausgetretenen Pfaden; er überrascht mit bisher unbeachtet gebliebenen Aspekten, mit neuen Ideen, und er will sie verwirklichen. Er ist Erfinder, Entdecker. Was er anpackt, verwandelt sich in seinen Händen oft zu etwas Neuem. Er handelt entschieden, kraftvoll nach dem Spruch: „Wer hält lange Rat, kommt zu spät zur Tat. Wer geschwind sich besinnt und beginnt, der gewinnt.“ Nicht nur im Denken des Cholerikers herrscht Ordnung, sondern auch in seinem Leben. Er fragt sich, wie die Welt geordnet ist und wie er sich selber die Welt ordnen kann. Das verleiht seinem Leben und Handeln etwas Planmäßiges, Systematisches. Es besteht dabei die Gefahr, dass sein Denken allzu systematisch wird und etwas Dogmatisches, ja Klischeehaftes annimmt. Fixe Ideen verunmöglichen es ihm dann, die volle Wahrheit zu erkennen. Es ist oft schwer, mit einem Choleriker ein unvoreingenommenes Gespräch zu führen; immer bezieht er gleich eine kämpferische Stellung für oder gegen eine Sache, ohne den Gesprächspartner anzuhören. Er kann völlig uneinsichtig sein. Er erträgt keine Kritik. Es ist für ihn selbstverständlich, dass er den Ton angibt, führt und herrscht. Auf jeden Fal1 will er Hammer, nicht Amboss sein. Seine Devise lautet: Alles oder Nichts. Diese Entweder-Oder-Haltung herrscht auch im Zusammenleben mit ihm. Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Die anderen haben keinen Freiheitsraum. So wandeln sich Freundschaften oft in Gegnerschaften.“ („Die menschlichen Temperamente“ von Heinrich Eltz)

Stiller nennt den Choleriker auch den wütenden Menschen.

Das Gesamtbild des Sanguinikers

„Das sanguinische Temperament nimmt unter den Temperamenten eine Sonderstellung ein. Es kann als „das kindliche Temperament“ schlechthin bezeichnet werden. Die sanguinischen Eigenschaften sind die Eigenschaften sozusagen jedes Kindes von der frühen Kindheit an bis zur beginnenden Pubertät.“ (H. Eltz) „Der Sanguiniker sieht alles, hört alles und vergisst vieles rasch wieder. – Er kann an vielen Aufgaben gleichzeitig arbeiten. Er hat alles im Bewusstsein und behält den Überblick. Er hat einen Zug ins Große, Weite. Er erfasst rasch umfassende Ideen und Zusammenhänge, ist leicht entflammbar für das Aufbauende und Schöne.“ (H. Eltz) „Dem Sanguiniker droht aber auch Gefahr. Sein Leben kann sich in allzu großer Betriebsamkeit und Geschäftigkeit verzetteln. An jedem Abend sollte er an drei bis vier Orten zugleich sein, weil er überall und doch nirgends richtig mitmacht. Er hat Mühe, Wurzeln zu fassen. Er kann auch nur schwer auf etwas verzichten, sich eine Annehmlichkeit, einen Lebens- oder Kunstgenuss versagen. Er ist ein Lebenskünstler nach dem Wahlspruch „carpe diem“. (H. Eltz) „Zusammenfassend kann man sagen: Sanguiniker können, wenn sie ihrem Temperament nicht zu sehr in die Zügel schießen lassen, sonnige, liebenswürdige Menschen sein, die wohltuende Elemente in unser soziales Leben einfließen lassen: Wärme, Freude, frischen Lebensmut, Toleranz. Durch sie gewinnt unser Leben an Mannigfaltigkeit, Schönheit und Weite.“ (H. Eltz)

Stiller nennt dne Sanguiniker auch den fröhlichen Menschen.

Das Gesamtbild des Melancholikers

„Das melancholische Kind ist frühreif und lebt stark im Kopf. Es ist „hochaufgeschossen“, hager und bleich. Weil ihm eine gewisse Vitalität mangelt, zieht es sich gern von der Außenwelt ein wenig zurück. – Stark ausgeprägt ist schon eine Fähigkeit des Mitleidens und Mitfühlens mit anderen Menschen.“ (H. Eltz) „Der erwachsene Melancholiker ist der schwerblütige Mensch, der alles ernst und schwer nimmt; auf ihm lastet stets ein Druck; er kann nie richtig aufatmen. Meistens ist er ein wenig missgestimmt, fast traurig, und er erlebt diese wehmütige, schmerzliche Stimmung auch, wenn von außen her gar keine Veranlassung dazu besteht. Der geheimnisvolle Quell der stets in ihm aufsteigenden Schmerzen liegt in seiner Seele.“ (H. Eltz) Der Melancholiker „ist von dem Gefühl durchdrungen: Ich gebe mit die größte Mühe und habe doch stets nur einen geringen Erfolg, während anderen vieles von selbst zufällt. Er lebt hin- und hergerissen zwischen Wollen und Nichtvollbringenkönnen, zwischen immer neu gefassten tapferen Vorsätzen und bedrückenden Niederlagen. Das Gefühl des erfolglosen Bemühens, des innerlichen Gefasstseins schlägt sich nieder in der leidvollen Stimmung, in Gram und Schmerz.“ (H. Eltz)

Stiller nennt den Melancholiker auch den traurigen Menschen.

Das Gesamtbild des Phlegmatikers

Die Grundstimmung des Phlegmatikers „ist ein allgemeines Lebensbehagen. Es ist ihm wohl in seiner Haut. In seinem körperlich-seelischen Organismus ist alles in bester Ordnung, so dass er in bewusst empfundenem Wohlgefühl dahinlebt ohne Bedürfnis, sich groß mit der Umwelt auseinandersetzen oder gar mühsam abzuplagen. Er hält sich die Welt so weit als möglich vom Leibe. Gleichmütig nimmt er sie, wie sie ist. Lieber als mit der Gegenwart beschäftigt sich der Phlegmatiker mit der Vergangenheit. Daher sein geschichtliches Interesse. Er ist der geborene Geschichtenschreiber.“ (H. Eltz) Die positiven Eigenschaften: „Da ist einmal die für das soziale Zusammenleben wichtige Tatsache, dass die Distanzierung von der Umwelt den Phlegmatiker davor bewahrt, über alles und jedes vorschnell zu urteilen. Er übereilt sich nicht in seinen Aussagen und steht damit weniger in Gefahr, dass diese von Affekten und Leidenschaften getrübt und verfälscht werden. Normalerweise lässt er sich von einem kühlen, gelassen abwägenden Verstand und von ruhiger Vernunft leiten.“ (H. Eltz) „Die Schattenseiten des Phlegmatikers ... können zusammengefasst werden als geringe Kontaktfähigkeit, Gleichgültigkeit, Willenlosigkeit. Überlässt sich der Phlegmatiker seiner Temperamentenanlage, kann diese zu einer Einseitigkeit führen, die seine seelische Gesundheit gefährdet. Die Interessenlosigkeit kann in eine Art Stumpfsinn ausarten.“ (H. Eltz)

Stiller nennt den Phlegmatiker auch den trägen, liebenden Menschen.

Tabelle

Temperament
Choleriker
Sanguiniker
Melancholiker
Phlegmatiker
Wesensglied Ich Astralleib Ätherleib Physischer Leib
Körpersäfte Weiße Galle (Chole) Rotes Blut[1] (Sanguis) Schwarze Galle (Melas Chole) Schleim|Grüner Schleim (Phlegma)
Eigenschaften warm und feucht warm und trocken kalt und feucht kalt und trocken
Element Feuer Luft Wasser Erde (Element)|Erde
Altersstufe Jugend Kindheit Alter Erwachsenenalter
Richtung Süden Osten Westen Norden
Jahreszeit Sommer Frühling Herbst Winter
Tageszeit Mittag Morgen Abend Nacht
Bewusstsein Wachen Träumen Schlafen Sterben, Kranksein, Tod
Organsystem Znetrales Nervensystem und Rückenmark[1], Galle Blutkreislauf und Herz Schwarzes Nervensystem, schwarzes Sonnengeflecht Lymphatisches System
Mimik Nasenwurzel zusammengezogen (Wutfalte), Mund gepresst gehobene Brauen und Mundwinkel in der Mitte hochgezogene Brauen und Mittelfalte, Mundwinkel gesenkt Augenlider und Kiefer locker hängend
Gestik kraftvoll abwärts mit Leichtigkeit rhythmisch aufstrebend bequem sinkenlassend vergebens mühsam aufstrebend
Gang stampfend (Ferse), O-beinig hüpfend, tänzelnd X-beinig schlurfend
Tugend Mut Liebe, Interesse Mitleid Geduld
Untugend Wut Triebhaftigkeit Wehleidigkeit Trägheit
Bosheit
tätig
erleidend

Gewalttätigkeit

Angst

Lügenhaftigkeit

Leichtsinnigkeit

Hartherzigkeit

Antriebslosigkeit

Grausamkeit

Masochismus
Geisteskrankheit Tobsucht Irrsinn, Narrheit Trübsinn, Wahnsinn Stumpfsinn
Wappentier[2] Löwe Wassermann (Mensch/Engel) Adler Stier

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1
  2. Die Wappentiere entsprechen den vier Sphinx-Tieren bzw. den Evangelisten-Symbolen und auch den entsprechenden Tierkreiszeichen. Dabei ergibt sich allerdings eine andere Zuordnung der Elemente zu den Tierkreiszeichen, als sie heute in der Astrologie üblich ist, indem die Luft- und Wasserzeichen vertauscht sind. Der Adler, der dem Skorpion entspricht, ist hier dem Luftelement zugeordnet und der Wassermann oder Engel dem Wasserelement.