ADHS

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Klassifikation nach ICD-10
F90.– Hyperkinetische Störungen
F90.0 Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung
F90.1 Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens
F90.8 Sonstige hyperkinetische Störungen
F90.9 Hyperkinetische Störung, nicht näher bezeichnet
F98.– Andere Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
F98.8 Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend – Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gehört zur Gruppe der Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend. Sie äußert sich durch Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität und Selbstregulation; manchmal kommt zusätzlich starke körperliche Unruhe (Hyperaktivität) hinzu.

Diesen Symptomen liegt nach heutigem Stand eine neurobiologische Entwicklungsverzögerung der exekutiven Funktionen zugrunde. ADHS kann dabei auch als ein Extremverhalten aufgefasst werden, das einen fließenden Übergang zur Normalität zeigt. Die Auffälligkeiten müssen für das Alter sehr stark ausgeprägt und in den meisten Situationen beständig seit der Kindheit vorhanden sein. Symptome alleine haben jedoch keinen Krankheitswert: Eine Diagnose ist nur möglich, wenn die Symptomatik zusätzlich mehrere Lebensbereiche deutlich beeinträchtigt oder zu erkennbarem Leiden führt.[1]

Die weltweite Häufigkeit der ADHS unter Kindern und Jugendlichen wird mit etwa 5,3 % beziffert. Sie gilt heute als häufigste psychiatrische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Jungen werden merklich häufiger diagnostiziert als Mädchen. Verlaufsstudien haben gezeigt, dass bei 40 bis 80 % der diagnostizierten Kinder die Störung auch in der Adoleszenz fortbesteht. Im Erwachsenenalter schließlich ist mindestens in einem Drittel der Fälle noch eine einschränkende ADHS-Symptomatik nachweisbar (siehe ADHS bei Erwachsenen).[2][3]

ADHS als neurobiologische, weitgehend genetisch bedingte Störung kann im Einzelfall, auch umweltbedingt, sehr unterschiedliche Folgen haben. Meist stehen Betroffene und ihre Angehörigen unter erheblichem Druck. Versagen in Schule oder Beruf sowie die Entwicklung von weiteren psychischen Störungen und Drogenkonsum wurden oft beobachtet. Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad, den jeweiligen Symptomen und dem Alter des Betroffenen.[4]

Forschungen zur Klärung von Ursachen und Therapien laufen seit Jahrzehnten. Heute (Stand 2017) sind die Nachteile einer verpassten oder fehlerhaften Behandlung weitgehend geklärt, ebenso wie die Vorteile einer individuell angepassten Behandlung (siehe Risiken von Nicht- oder Fehlbehandlung). Anzeichen für eine langfristige Erholung von beeinträchtigten Gehirnfunktionen durch angemessene Behandlung sind bereits vielfach mit modernen bildgebenden Verfahren nachgewiesen worden.

Bezeichnungen und Abkürzungen

Neben ADHS existieren viele alternative Bezeichnungen und Abkürzungen. Einige davon beschreiben übereinstimmende Krankheitsbilder, z. B. Hyperkinetische Störung (HKS) oder Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom, während andere teilweise spezielle Ausprägungen bezeichnen. International wird heute üblicherweise von der ADHS als attention deficit hyperactivity disorder (ADHD) oder attention deficit/hyperactivity disorder (AD/HD) gesprochen.

Umgangssprachlich verbreitet – wenn auch offiziell veraltet – ist insbesondere die Bezeichnung Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder -störung (ADS). Die Abkürzungen ADS und AD(H)S werden besonders von Betroffenen der Aufmerksamkeitsstörung ohne ausgeprägte Hyperaktivität verwendet. Durch diese soll zum Ausdruck kommen, dass Hyperaktivität nicht immer zwingend als Symptom vorhanden ist. Veraltet sind die Bezeichnung Minimale Cerebrale Dysfunktion (MCD) oder Hyperkinetische Reaktion des Kindesalters; die Diagnose Psychoorganisches Syndrom (POS) findet nur noch in der Schweiz Verwendung.[5]

Verbreitung und Verlauf

Die Wahrscheinlichkeit, im Verlauf des Lebens für eine begrenzte Zeit oder dauernd von ADHS betroffen zu sein (Lebenszeitprävalenz), wurde 2014 nach Auswertung von Dutzenden umfangreichen Studien auf etwa 7 % geschätzt. Dabei zeigten sich keine Belege für die Annahme, es gäbe eine Zunahme von Diagnosen in den letzten Jahrzehnten. Auch ließen sich für den Zeitraum von 1985 bis 2012 keine methodischen Unterschiede nach Zeit oder Geographie annehmen. Alle derartigen scheinbaren Unterschiede erschienen plausibel durch methodische Unterschiede bei der Datenerfassung.[6]

Das Robert Koch-Institut ermittelte ADHS-Prävalenzen nach Altersklassen, indem es Daten des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) auswertete. Der Datensatz umfasste 14.836 Mädchen und Jungen im Alter von 3 bis 17 Jahren. Demnach hatten im dreijährigen Studienzeitraum (2003–2006) insgesamt 4,8 % (7,9 % Jungen; 1,8 % Mädchen) eine von einem Arzt oder Psychologen diagnostizierte ADHS. Weitere 4,9 % (6,4 % Jungen; 3,6 % Mädchen) der Teilnehmer galten als ADHS-Verdachtsfälle, da ihr berichtetes Verhalten auf der Unaufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsskala des Strengths and Difficulties Questionnaire (SDQ)[7] einen Skalenwert von ≥7 aufwies. Folgende Tabelle stellt dar, wie oft ADHS bei 3–17-jährigen diagnostiziert wird (aufgeschlüsselt nach Altersstufen und Geschlecht).

Vorschulalter (3-6 Jahre) Grundschulalter (7–10 Jahre) Späte Kindheit (11–13 Jahre) Jugend (14–17 Jahre)
ADHS-Häufigkeit 1,5 % 5,3 % 7,1 % 5,6 %
Jungen 2,4 % 8,7 % 11,3 % 9,4 %
Mädchen 0,6 % 1,9 % 3,0 % 1,8 %

Sichtbar ist der allgemeine Trend, dass die Diagnosehäufigkeit stark vom Vorschulalter über das Grundschulalter bis zur späten Kindheit ansteigt. Dort erreicht sie einen Höhepunkt und sinkt im Jugendalter wieder. Das männliche Geschlecht überwiegt dabei erheblich – zu jeder Zeit sind 4-5fach mehr Jungen als Mädchen diagnostiziert. Laut KiGGS besteht im Erwachsenenalter die ADHS bei 30–50 % der als Kinder Betroffenen mit gewissen Veränderungen fort.[8][9]

Im Verlauf der individuellen Entwicklung ändert sich meist das Symptombild: Bei betroffenen Vorschulkindern dominiert meist ein hyperaktiv-impulsives Verhalten ohne sichtbare Aufmerksamkeitsstörung. Mit zunehmendem Alter werden jedoch die Aufmerksamkeitsdefizite immer deutlicher erkennbar und treten in den Vordergrund, während die motorische Unruhe abnimmt. Unter Erwachsenen dann ist die Aufmerksamkeitsstörung ohne ausgeprägte Hyperaktivität am häufigsten.[10]

Behandlung

Häufig werden ADHS-Symptome mit Ritalin (einer Psycho-Droge) behandelt. Von Schulmedizinern verschwiegen wird allerdings meist, dass es auch aussichtsreiche Behandlungsmöglichkeiten mit Mitteln der Komplementärmedizin (Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Phytotherapie) gibt. So zeigen amerikanische Studien, dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen ADHS und extremen Alluminiumbelastungen besteht. In einer Studie konnte ein mehr als signifikanter Zusammenhang hergestellt werden (Dr. Steven Davis u.s.). Nachdem man die behandelten Jugendlichen "entgiftete", erholten sie sich spürbar. In einigen, vielleicht eher wenigen Fällen, wird auch die Behandlung mittels Psychotherapie aussichtsreich sein können, in jedem Fall aber ist so etwas behandlungsbegleitend wünschenswert.

Siehe auch

Literatur

Aktuelle Leitlinien

Historische Leitlinien

  • Leitlinie Hyperkinetische Störungen (F90). Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Stand 2006 (online; Gültigkeit abgelaufen am 30. November 2011, Neufassung für alle Altersstufen angekündigt für 30. Juni 2017).
  • Dieter Ebert, Johanna Krause, Christa Roth-Sackenheim: ADHS im Erwachsenenalter – Leitlinien auf der Basis eines Expertenkonsensus mit Unterstützung der DGPPN. In: Der Nervenarzt, Nr. 10/2003, S. 939–946 (PDF; 216 KB; DGPPN = Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde).

Einführungen

  • Russell A. Barkley (Hrsg.): Das große ADHS-Handbuch für Eltern. Verlag Hans Huber, Bern 2010, ISBN 3-456-84916-8.
  • Hans-Christoph Steinhausen u. a. (Hrsg.): Handbuch ADHS - Grundlagen, Klinik, Therapie und Verlauf. Kohlhammer 2009. ISBN 978-3-17-022744-6.
  • Manfred Döpfner, Tobias Banaschewski: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). In: Franz Petermann (Hrsg.): Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie. 7., überarb. und erw. Aufl. Hogrefe 2013, ISBN 978-3-8017-2447-4, S. 271–290.
  • Kai G. Kahl u. a.: Praxishandbuch ADHS: Diagnostik und Therapie für alle Altersstufen. 2., überarb. und erw. Aufl., Georg Thieme Verlag 2012, ISBN 3-13-156762-7.
  •  Johanna Krause und Klaus-Henning Krause: ADHS im Erwachsenenalter. Symptome – Differenzialdiagnose – Therapie. 4. vollst. akt. und erw. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-7945-2782-3.

Geschichte

  • Russell A. Barkley: History of ADHD, in: ders. (Hrsg.): Attention-Deficit Hyperactivity Disorder, Fourth Edition. A Handbook for Diagnosis and Treatment. Guilford Publications, New York 2014, ISBN 1-4625-1785-4, S. 3–50.
  • Aribert Rothenberger, Klaus-Jürgen Neumärker: Wissenschaftsgeschichte der ADHS – Kramer-Pollnow im Spiegel der Zeit. Steinkopff, Darmstadt 2005, ISBN 3-7985-1552-2.

Weblinks

Einzelnachweise

  1.  Ludger Tebartz van Elst: Autismus und ADHS: Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit. 1 Auflage. Kohlhammer Verlag, 2016, ISBN 978-3-17-028687-0.
  2.  Stephen V. Faraone et al. (2015): Attention-deficit/hyperactivity disorder. In: Nature Reviews Disease Primers. Für Prävalenz siehe "Epidemiology", doi:10.1038/nrdp.2015.20 (http://sebastiaandovis.com/wp-content/uploads/2015/11/Faraone-et-al-2015-ADHD.pdf).
  3. Stellungnahme zur „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“. Langfassung (PDF; 1,0 MB). Bundesärztekammer, 2005, abgerufen am 3. Januar 2017. (S. 5: Jungen öfter als Mädchen betroffen; S. 36: Fortbestehen in Adoleszenz; S. 42: Fortbestehen im Erwachsenenalter.)
  4. ADHS in der Kindheit schmälert Zukunftsaussichten. Medscape Deutschland (2012). Langzeitstudie von Klein et al.
  5.  Johanna Krause und Klaus-Henning Krause: ADHS im Erwachsenenalter.. 4. vollst. akt. und erw. Auflage. Schattauer, 2014, ISBN 978-3-7945-2782-3, S. 5f (eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche).
  6. G. V. Polanczyk, E. G. Willcutt, G. A. Salum, C. Kieling, L. A. Rohde: ADHD prevalence estimates across three decades: an updated systematic review and meta-regression analysis. In: International journal of epidemiology. Band 43, Nummer 2, April 2014, S. 434–442, doi:10.1093/ije/dyt261, PMID 24464188 (freier Volltext) (Review).
  7. R. Goodman: The Strengths and Difficulties Questionnaire: a research note. In: Journal of child psychology and psychiatry, and allied disciplines. 38, Nr. 5, Juli 1997, S. 581–586. PMID 9255702.
  8. Erkennen – Bewerten – Handeln: Zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (2008). Robert Koch-Institut. Archiviert vom Original am 2013-12-11. Abgerufen am 2014-02-24. (PDF) ISBN 978-3-89606-109-6.
  9. R. Schlack u. a. (2007): Die Prävalenz der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Robert Koch-Institut. Archiviert vom Original am 2014-02-24. Abgerufen am 2014-02-24. (PDF)
  10. Erik G. Willcutt: The prevalence of DSM-IV attention-deficit/hyperactivity disorder: a meta-analytic review. In: Neurotherapeutics. 9, Nr. 3, Juli 2012, S. 490–9. doi:10.1007/s13311-012-0135-8. PMID 22976615. PMC 3441936 (freier Volltext).
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