Bildsamkeit

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Bildsamkeit bezeichnet im weitesten Sinn einerseits die Eigenschaft, sich von außen her formen und gestalten zu lassen, anderseits die Fähigkeit sich selbst von innen her bewusst oder unbewusst physisch, seelisch und/oder geistig zu formen und zu gestalten.

In der bildenden Kunst und im Kunsthandwerk wird der Begriff primär auf die plastische Verformbarkeit eines Materials bezogen, durch die er eine ihm aufgeprägte Form mehr oder weniger dauerhaft bewahren kann. Die physikalische Grundlage dafür ist die Plastizität des Materials.

Bildsamkeit bedeutet des Weiteren die Fähigkeit eines Lebewesens, sich selbst gemäß seiner artspezifischen und individuellen Eigenart auch unter wechselnden äußeren Einflüssen zu gestalten. Aus anthroposophischer Sicht geschieht das durch die Wechselwirkung der ätherischen Bildekräfte mit der auch maßgeblich durch genetische und epigenetische Faktoren vererbten Physis des Organismus. Goethe sprach in seiner «Morphologie» von der für die Ätherkräfte charakteristischen, ständig beweglich bleibenden «Bildung», die im Gegensatz zur fertigen, fixierten Gestalt steht.

„Der Deutsche hat für den Komplex des Daseins eines wirklichen Wesens das Wort Gestalt. Er abstrahiert bei diesem Ausdruck von dem Beweglichen, er nimmt an, daß ein Zusammengehöriges festgestellt, abgeschlossen und in seinem Charakter fixiert sei.
Betrachten wir aber alle Gestalten, besonders die organischen, so Enden wir, daß nirgend ein Bestehendes, nirgend ein Ruhendes, ein Abgeschlossenes vorkommt, sondern daß vielmehr alles in einer steten Bewegung schwanke. Daher unsere Sprache das Wort Bildung sowohl von dem Hervorgebrachten, als von dem Hervorgebrachtwerdenden gehörig genug zu brauchen pflegt.

Wollen wir also eine Morphologie einleiten, so dürfen wir nicht von Gestalt sprechen; sondern, wenn wir das Wort brauchen, uns allenfalls dabei nur die Idee, den Begriff oder ein in der Erfahrung nur für den Augenblick Festgehaltenes denken.

Das Gebildete wird sogleich wieder umgebildet, und wir haben uns, wenn wir einigermaßen zum lebendigen Anschaun der Natur gelangen wollen, selbst so beweglich und bildsam zu erhalten, nach dem Beispiele mit dem sie uns vorgeht.“

Goethe: Morphologie: Die Absicht eingeleitet[1]

Die Bildsamkeit des Menschen stand im Mittelpunkt des idealistisch-humanistischen Bildungsideals der Goethezeit, das bildungspolitisch namentlich von Wilhelm von Humboldt propagiert wurde. Hier stand die Herzensbildung, die Ausbildung einer reichen seelischen Innenwelt und die Pflege künstlerischer Fähigkeiten im Vordergrund, die aber noch weitgehend von der Tradition, d.h. durch den Blick auf die Vergangenheit bestimmt war. Johann Friedrich Herbart erklärte die diesbezügliche Bildsamkeit des Menschen zum Grundprinzip der Pädagogik überhaupt. Er betonte, „dass die Kunst des Erziehers einen Künstler fordert, nicht einen Staatsmann, nicht einen Gelehrten, nicht einmal das Gefühl eines Vaters...“ und dass es „nicht hinreicht, zu erinnern an die genaue Kenntniss der menschlichen Natur, nicht in ihrer gewöhnlichen Beschränktheit und Verdorbenheit, sondern in ihrer ursprünglichen, unendlichen Bildsamkeit; an die Durchforschung aller Verhältnisse des mannigfaltigen Wissens zu den verschiedenen Interessen des Menschen; an die Beurtheilung der höchst verschiedenartigen und vielfältigen Bedingungen, unter denen die Charakterbildung, insbesondre die sittliche Charakterbildung steht.“[2] Diese Bildsamkeit des Menschen beruht darauf, dass ein Teil der Bildekräfte, der ursprünglich ganz auf die organische Bildung gerichtet war, beginnend mit5 dem Zahnwechsel frei wird und nun für die Erziehung und Selbsterziehung verwendet werden kann.

„Die Bohne wächst auf jeden Fall aus dem Keim hervor, Sie brauchen sie nicht besonders zu erziehen. Das gehört zu ihrer Natur. Wir können nicht die Pflanzen erziehen, den Menschen aber können wir erziehen. Wir können dem Menschen etwas überliefern, in ihn etwas hineinbringen, während wir ähnliches in die Pflanze nicht hineinbringen können. Woher rührt das ? Das hat seinen Grund darin, daß der Ätherleib der Pflanze in jedem Falle eine bestimmte innere Gesetzmäßigkeit hat, die abgeschlossen ist, die sich von Samen zu Samen hindurchentwickelt und die einen bestimmten Kreis hat, über den nicht hinausgegangen werden kann. Anders ist es beim Ätherleib des Menschen. Da ist es so, daß außer demjenigen Teil des Ätherleibes, der verwendet wird auf das Wachstum, auf dieselbe Entwicklung, die der Mensch auch in gewissen Grenzen eingeschlossen hat wie die Pflanze, daß außer diesem Teil sozusagen noch ein anderer Teil im Ätherleibe ist, der frei auftritt, der von vornherein keine Verwendung hat, wenn wir nicht dem Menschen in der Erziehung allerlei beibringen, der menschlichen Seele allerlei einfügen, was dann dieser freie Teil des Ätherleibes verarbeitet. So also ist wirklich ein durch die Natur selbst nicht verbrauchter Teil des Ätherleibes im Menschen vorhanden. Diesen Teil des Ätherleibes bewahrt sich der Mensch; er verwendet ihn nicht zum Wachstum, nicht zu seiner natürlichen organischen Entwickelung, sondern behält ihn als etwas Freies in sich, durch das er die Vorstellungen, die durch die Erziehung in ihn hineinkommen, aufnehmen kann.“ (Lit.:GA 107, S. 85f)

Seit den späten 1960er-Jahren und insbesondere seit der letzten Jahrtausendwende ging die klassische humanistisch-idealistische Form der Gemütsbildung zunehmend verloren. Die rein pragmatisch auf die sinnliche Außenwelt gerichtete Bewusstseinsseele, die die Entwicklung der Naturwissenschaften und der Technik schon seit Beginn der Neuzeit vorantriebt, ist mittlerweile namentlich in der westlichen Welt zur Hauptgrundlage des sozialen Lebens geworden. Einen vorübergehenden Gegenpol dazu, der aber ebenso dazu beitrug, die klassischen humanistischen Ideale hinweg zu fegen, bildete die von den USA ausgehende Hippiekultur der „Blumenkinder“ („Flower-Power“) mit der bis zum Ende des 20. Jahrhunderts im Zeichen des „Wassermannzeitalters“ nachwirkenden New-Age-Bewegung im Hintergrund und die politisch links orientierte 68er-Bewegung.

Der Verlust der Gemütsbildung bringt ein hohes Konfliktpotential mit sich, das die traditionellen Formen der sozialen Beziehungen immer mehr unterhöhlt und etwa auch in der aktuellen Auseinandersetzung mit dem Islam eine wesentliche Rolle spielt. Dennoch handelt es sich dabei nicht um eine Fehlentwicklung, sondern um eine notwendige Voraussetzung dafür, die Bewusstseinsseele künftig auch immer mehr in voller Freiheit auf das Geistige richten zu können. Diese Entwicklung zu fördern, ist die zentrale Aufgabe der Anthroposophie.

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Einzelnachweise

  1. Goethe-HA Bd. 13, S 55
  2. Johann Friedrich Herbart: Sämmtliche Werke, Herausgegeben von G. Hartenstein, 11. Band (Schriften zur Pädagogik), 2. Theil, Verlag von Leopold Voss, Leipzig 1851, S. 372 archive.org