Der soziale Organismus in seiner Freiheitsgestalt (Buch): Unterschied zwischen den Versionen

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{{LZ|Als ein eigenartiges Phänomen sei erwähnt, daß Joseph Beuys, der bekannte Düsseldorfer Bildhauer, als er vor Jahren mit dem, was hier als Elementarlehre des sozialen Organismus geschildert ist, bekannt wurde, diese sogleich, souverän in ihr waltend, in die Grundlagen seines volkspädagogischen Wirkens aufnahm.|e.d., S. 81, Fußnote}}
 
{{LZ|Als ein eigenartiges Phänomen sei erwähnt, daß Joseph Beuys, der bekannte Düsseldorfer Bildhauer, als er vor Jahren mit dem, was hier als Elementarlehre des sozialen Organismus geschildert ist, bekannt wurde, diese sogleich, souverän in ihr waltend, in die Grundlagen seines volkspädagogischen Wirkens aufnahm.|e.d., S. 81, Fußnote}}
  
== Der soziale Organismus (I)==
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=== Der soziale Organismus (I)===
 
{{LZ|Es gehört ... zu den Grundeinsichten ..., daß es einen "''sozialen Organismus'' gibt, daß er eine - freilich noch weitgehend unbekannte - Wirklichkeit ist. Er liegt dem sozialen Leben so zugrunde wie der Leibesorganismus des Menschen seinem Seelenleben. Entdeckt wurde er von Rudolf Steiner in den Monaten um die Jahreswende 1918/19, mitgeteilt wurde diese Entdeckung von ihm in der Schrift "Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. (...) Zur Gesundheit dieses Organismus gehört, daß er seinem Wesen nach entsprechend dreigliederig gestaltet sein muß. Die wesentlichen Gedanken, die dazu führen können, ein ''Ideenbild des sozialen Organismus'' zu gewinnen, sollen im Folgenden dargestellt werden.|Zwei Grundprobleme, S. 49}}
 
{{LZ|Es gehört ... zu den Grundeinsichten ..., daß es einen "''sozialen Organismus'' gibt, daß er eine - freilich noch weitgehend unbekannte - Wirklichkeit ist. Er liegt dem sozialen Leben so zugrunde wie der Leibesorganismus des Menschen seinem Seelenleben. Entdeckt wurde er von Rudolf Steiner in den Monaten um die Jahreswende 1918/19, mitgeteilt wurde diese Entdeckung von ihm in der Schrift "Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. (...) Zur Gesundheit dieses Organismus gehört, daß er seinem Wesen nach entsprechend dreigliederig gestaltet sein muß. Die wesentlichen Gedanken, die dazu führen können, ein ''Ideenbild des sozialen Organismus'' zu gewinnen, sollen im Folgenden dargestellt werden.|Zwei Grundprobleme, S. 49}}
  

Version vom 30. Oktober 2019, 05:50 Uhr

Wilhelm Schmundt entwickelt in sienem Hauptwerk "Der soziale Organismus in seiner Freihetisgestalt" eine Elementarlehre des sozialen Organismus.

Zum Inhalt

Schmundts Elementarlehre des sozialen Organismus versteht sich als eine Darstellung der fundamentalen gesamtgesellschaftlichen Ordnungs- und Funktionszusammenhänge.[1]

Die goethanistisch phänomenologische Methode

Schmundt charakterisiert das von ihm angewandte Forschungsverfahren 1980 folgendermaßen:

„Von vorherein steht gar nicht zu erwarten, daß die Methode, welche zum Erkennen des sozialen Organismus als einer begrifflich zu fassenden Ganzheit führt, eine andere sein kann als die des »Goetheanismus«. Dieses Erkenntnisverfahren läßt sich so charakterisieren: es wahrt die Strenge der positivistischen Wissenschaften, aber - über den Kantianismus hinausschreitend - stellt es zugleich die Frage nach dem Wesen. Der Erkenntnisprozeß geht von den Sinneserscheinungen aus, sucht einen ersten Begriff, mit welchem sich das Ganze des zu Erforschenden fassen läßt, geht mit ihm wiederum in die Erscheinungen hinein, ihn realisierend und modifizierend, und gelangt im Fortschreiten zuletzt zur »Idee« des Ganzen, die im denkenden Anschauen mit dem Charakter des Realen, des in sich selbst Gründenden, erfahren wird. Im Umgehen mit solcher Idee erweist sie sich durch ihre Fruchtbarkeit als wirklichkeitsgemäß.

Im folgenden soll ein Gedankenweg gegangen werden, der zu dem Begriff des sozialen Organismus führt. Jeder einzelne Schritt dieses Weges zeigt sich als gewichtig und fordert auf, ihn durch mannigfache Erfahrungen zu beleben und zu bestätigen. Auch wird man bemerken, daß das Gehen des Weges ein ziemliches Maß an Unbefangenheit voraussetzt.“ (Lit.: Schmundt: Elementarlehre des sozialen Organismus, in Giese: Sozial handeln, S. 73)

Die Frage, ob dies die goetheanistische Methode zutreffend beschreibt, außen vor gelassen, scheint eine Art hermeneutisches Vorgehen, ein mehrmaliges qualitatives Induzieren und Deduzieren, bis die reine Idee gewonnen ist, ein Bestandteil des methodischen Vorgehens Schmundts zu sein. Als Kriterium dafür, daß die gewonnene Idee auch die wahre ist, wird deren "Fruchtbarkeit" angeführt.

Weiter sagt Schmundt in dem Aufsatz, aus dem zitiert wurde abschließend:

„Warum diese Lehre [die Elementarlehre des sozialen Organismus] in manchen, vom Verfasser geschätzten, maßgebenden Kreisen bislang wenig Eingang fand, hat etwas Rätselhaftes. Man wird die Erklärung dieses Rätselhaften in den Tiefenschichten schicksalhafter Zusammenhänge suchen müssen und wohl auch darin, daß das Zeitnotwendige goethescher Erkenntnisart auf dem Felde der Sozialwissenschaft noch wenig bemerkt wird.“ (Lit.: e.d., S. 78)

Andere Sozialwissenschaftler seiner Zeit wie Hans Georg Schweppenhäuser, der vermutlich angesprochen ist, verwendeten also offenbar die goetheanistische Methode, nach Schmundt die einzig mögliche, noch nicht, und hatten auch noch nicht die Einsicht, daß dies nötig sei, und mußten dann auch zu unzureichenden Erkenntnissen über den "sozialen Organismus" kommen, dessen Urbild Schmundt zu schauen vermochte. Und diese Kreise hatten auch nicht das Vermögen, das von Schmundt entdeckte Urbild dann wenigstens zu übernehmen und mit ihm weiter zu arbeiten, wie es jedoch Joseph Beuys vermochte:

„Als ein eigenartiges Phänomen sei erwähnt, daß Joseph Beuys, der bekannte Düsseldorfer Bildhauer, als er vor Jahren mit dem, was hier als Elementarlehre des sozialen Organismus geschildert ist, bekannt wurde, diese sogleich, souverän in ihr waltend, in die Grundlagen seines volkspädagogischen Wirkens aufnahm.“ (Lit.: e.d., S. 81, Fußnote)

Der soziale Organismus (I)

„Es gehört ... zu den Grundeinsichten ..., daß es einen "sozialen Organismus gibt, daß er eine - freilich noch weitgehend unbekannte - Wirklichkeit ist. Er liegt dem sozialen Leben so zugrunde wie der Leibesorganismus des Menschen seinem Seelenleben. Entdeckt wurde er von Rudolf Steiner in den Monaten um die Jahreswende 1918/19, mitgeteilt wurde diese Entdeckung von ihm in der Schrift "Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. (...) Zur Gesundheit dieses Organismus gehört, daß er seinem Wesen nach entsprechend dreigliederig gestaltet sein muß. Die wesentlichen Gedanken, die dazu führen können, ein Ideenbild des sozialen Organismus zu gewinnen, sollen im Folgenden dargestellt werden.“ (Lit.: Zwei Grundprobleme, S. 49)

Schmundt macht zunächst geltend, daß sein Ideenbild des sozialen Organismus dasjenige ist, das Rudolf Steiner in seinen "Kernpunkten" schildert. Der soziale Organismus soll dem sozialen Leben so zugrunde liegen, wie der Leib des Menschen seinem Seelenleben zugrunde liegt. Es wird von Schmundt unterschieden zwischen dem sozialen Organismus und dem sozialen Leben, wie zwischen Seele und Leib. Dabei ist fraglich, ob diese Unterscheidung so auch von Steiner vorgenommen wurde[2].

Rudolf Steiner ordnete das öffentliche Leben dem sozialen Organismus zu, das öffentliche Leben solle sich in drei sich selbst verwaltende Glieder Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben scheiden[3]. Eine Unterscheidung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ist zunächst nicht ohne weiteres mit einer Unterscheidung von sozialem Leben und sozialem Organismus als der "Leiblichkeit" des sozialen Lebens gleichzusetzen.

Weiter sieht Schmundt den sozialen Organismus auch in seinem Krankheitszustand als lebend an. Demgegenüber könnte man sich vorstellen, daß ein kranker sozialer Organismus insoweit nicht lebt, als er krank ist. Krank würde bedeuten: unorganisch, unlebendig, also nicht das lebendige Urbild des sozialen Organismus im realen Leben zum Ausdruck bringend. Doch gibt es nach Schmundt diesen Organismus insofern er noch nicht dreigegliedert ist, dennoch als einen kranken, der lebt, insofern er an seinem Urbild auch als kranker (schon oder noch) teilhat. Solche Unklarheiten sind jedoch unvermeidlich dem Lebensbegriff und Organismusbegriff selbst geschuldet. Man spricht vom sozialen Leben, als wäre es ein organisches wie das pflanzliche, tierische und menschliche Leben. Gemeint ist aber, daß im sozialen Leben lebendige Gedanken walten: dadurch ist das soziale "Leben" lebendig und gesund. Das Urbild des sozialen Organismus ist als Idee (im ideenrealistischen Sinne) ein lebendiges. Das soziale Leben ist in seiner Auffassung mit lebendigen Gedanken ein lebendes gesundes Leben, in Auffassung mit toten, abstrakten Gedanken ein unlebendiges, krankes, totes Leben.

Sozialer Organismus ist Organismus, durch die lebendige, organische Auffassung des Sozialen. Das Leben liegt in den Gedanken, im Geistigen. Daher fordert Schmundt auch konsequent eine "Revolutionierung" der Begriffe. Denn aus diesen zu gewinnenden, lebendigen, gesunden Gedanken (aus dem Urbild heraus) erhält das soziale Leben seine innere Lebendigkeit, ist es erst wirklich Organismus, im Unterschied zu mechanischen, sozialtechnischen Vorgängen, wie sie z.B. bürokratischen Vorgängen zu grunde liegen, die als tote angesehen werden müssen, aber in etwa wie ein Knochenskelett, sich in den Gesamtorganismus sinnvoll und mit notwendiger Funktion einfügen.

Produktion und Konsumtion

Die Teilung in Konsumtion und Produktion

Der Gedankengang, den Schmundt vorschlägt zu gehen, um schließlich zum Innewerden des Urbildes des sozialen Organismus zu führen, beginnt mit der in der Art der Grenzführung reichlich umstrittenen Zweiteilung des Wirtschaftslebens in die Konsumptions- und Produktionssphäre. Schmundt nimmt scheinbar willkürliche Zuordnungen vor, Schulen etwa wären Unternehmen, Arbeitskollektive, und kleine Handwerksbetriebe wären dem Konsumptionsbereich zuzuordnen, wie auch die freien Berufe Rechtsanswalt und dergleichen.

„Wohl aber gibt es im heutigen Wirtschaftsleben eine Tatsache, die geeignet ist, Produktion und Konsumtion je als Gesamtbereiche des Wirtschaftslebens einander gegenüberzustellen und einander zuzuordnen: Das ist die durchgehende Arbeitsteiligkeit. Mit dieser Tatsache kann man einen greifbaren Charakterunterschied fassen, der es erlaubt, zwei einander polar zugeordnete Bereiche des Wirtschaftslebens zu unterscheiden: den Bereich der Konsumtion mit dem privatwirtschaftlichen Charakter der "Haushalte" und den Bereich der Produktion mit dem Charakter des Arbeitsteiligen.“ (Lit.: e.d., S. 49f.)

Wie kommt Schmundt zu diesen Zuordnungen? Ein Verständnisansatz könnte darin bestehen, die Rede der heutigen Soziologie von einer durchgängigen Organisationsgesellschaft heranzuziehen. Die Schmundtschen Unternehmen, Arbeitskollektive sind die Organisationen der Gesellschaft ab einer gewissen Größenordnung. Man kennt z.B. das Phänomen, daß alternative Betriebe, solange sie klein sind, oft ganz gut ihre idealen Vorstellungen guten Wirtschaftens hinsichtlich Kollegialität, flachen Hierachien, Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit usw. verwirklichen können, solange sie eben klein, mit wenigen Mitarbeitern nur, tätig sind. Aber ab einer gewissen Größe wird es formeller, es bilden sich organisatorische Strukturen, die ein Eigenleben entwickeln, denen sich dann die Alternativbetriebler ausgeliefert fühlen. Es ist solcher Wandel von einem losen Arbeitszusammenhang zu einem organisierten Gebilde mit formellen Verfahrensweisen usw. nicht allein der Größe geschuldet, aber je größer das Unternehmen, desto mehr machen sich die genannten Strukturzwänge geltend.

Bedenklich stimmt jedoch, daß Schmundt diese Tatsache der Großorganisiertheit heutiger Arbeitszusammenhänge als ein gegebenes, hinzunehmendes, und sogar in vielen Hinsichten wünschenswertes Faktum hinstellt, das sich aus dem Urbild des sozialen Organismus, wie es sich im 19. Jh. herausgebildet habe, ergäbe, und Ausdruck der fortschreiten Arbeitsteilung sei.

Denn auch Kleinbetriebe können arbeitsteilig zusammenarbeiten, und sie sind oft flexibler und können sich an den Konsumentenbedarf schneller und besser anpassen als schwerfällige Großorganisationen. Die Hinzurechnung von Schulen und Universitäten zu den Großorganisationen mag zwar der Wirklichkeit abgelesen sein, - aber ist es die Wirklichkeit des lebendigen Urbilds des sozialen Organismus, wenn Schulen nach dem Muster straffer Großorganisationen gebildet sind? Müßte man nicht vielmehr für ein funktionierendes Bildungswesen, für ein freies Geistesleben den hohen Grad der Organisiertheit, der freilich als ein trauriges Faktum auch für Schulen heute zu konstatieren ist, zurückfahren, zu überwinden, rückgängig zu machen suchen, wenigstens im Interesse der Freiheit permament bekämpfen?[4][5] Muß nicht gemäß einem wahren Urbild des sozialen Organismus das Geistesleben gerade nicht so organisiert sein, wie es Schmundt als heraufgekommene Tatsache des gesellschaftlichen Lebens für die großen Unternehmen, Arbeitskollektive feststellt?

Eine weitere Frage ist, wie "organisch", wie urbildlich die Zurordnung des Produktiven zum hoch Organisierten, das Konsumptive zum nicht oder weniger organisierten ist. Kleinbetriebe sind doch auch produktiv? Schmundt will aber wohl auf das Typische hinaus, und dann mag sein Bild zutreffen. Es gibt in der Tat einen hoch organisierten Komplex in der Gesellschaft, Schmundt nennt ihn die Unternehmen, Arbeitkollektive, in ihrem Zusammenhang und demgegenüber Lebensgebiete, die solche Organisiertheit im Hinblick auf "Aufgaben", also produktive Tätigkeit, so nicht haben, wo aber der Aspekt des konsumptiven, des Produkteverbrauchs, hervorsticht[6]. Man kann Schmundt auch darin folgen, daß dies eine wenn nicht notwendige Entwicklung, so doch durch die Gesamtentwicklung des sozialen Lebens seit Beginn der Neuzeit mit bedingte ist, nämlich als eine der Auswirkungen von Rationalisierung (in dem Sinne von Einsatz des rationalen, auch ökonomischen Denkens für die Organisation, das Management, die Sozialtechnologie). Man kann für den Organisierungsprozeß wohl nicht Rationalisierung mit Arbeitsteiligkeit gleichsetzen, aber sie drückt sich typischerweise in ihr (mit) aus.

Der Prozeß dieser Organisation und fortschreitenden Höherorganisation erzeugt eine Spannung zwischen dem Hochorganisierten und dem weniger oder nicht organisierten. Schmundt richtet nun das Augenmerk auf diese Spannung. Er sieht in ihr den Ansatzpunkt, wo der Mensch den gewordenen arbeitsteiligen Apparat gewissermaßen unter Kontrolle, in den Griff bekommen kann. Die Spannungsregulation ist nicht nur ein Mittel des Ausgleichs, sondern der Steuerung überhaupt, sie ist für Schmundt der Ansatzpunkt für die Gestaltung der Organisationen und des sozialen Organismus insgesamt, um sie von dem sozialtechnischen bürokratischen Level zu dem des Organischen anheben, umbilden zu können. Durch diese Umbildung wird dann auch die Tendenz der Verselbständigung, der Eigendynamik der Organisationen, deren Strukturen sich Gestaltungsversuchen oft verweigern, überwunden, und sie ordnen sich organisch, ökologisch gewissermaßen, dem Gesamtorganismus ein.

Betrachtet man die genannte Spannung genauer, so kann man sie, wenn nicht vollständig, so doch zu einem wesentlichen, sehr relevanten Teil in das Geld gebannt finden.

„In den Skizzen 1 und 2e, die auf das Gestalt-Urbild des sozialen Organismus hindeuten, wurde die Grundpolarität mit den Namen "Produktionsbereich" und "Konsumtionsbereich" gekennzeichnet. Die Namen verführen zu der Meinung, es sei damit allein das "Wirtschaftsleben" erfaßt. "Produktionsbereich" meint das integrale Arbeitsfeld des sozialen Organismus, und dieser Bereich zeigt dann, wenn das Freiheitsprinzip gestaltbestimmend ist, drei relativ selbständige Funktionssysteme: das System der beratenden Kuratorien, das System der rechtsvereinbarenden Gremien, das System der assoziierten Arbeitskollektive. Der "Konsumtionsbereich" weist keine derartige Gliederung auf; die Gegebenheiten und Prozesse, die in ihm je mit dem Charakter des Geisteslebens, des Rechtslebens, des Wirtschaftslebens auftreten, zeigen sich ineinander verwoben und bilden keine makrosozialen Funktionssysteme.“ (Lit.: Schmundt, Die Zeit und ihre sozialen Forderungen, S. 78)

Ein besonderes Merkmal der Schmundtschen Auffassung des sozialen Organismus ist, daß es ihrer viele gibt, entsprechend den nationalstaatlichen Grenzen, weshalb er auch den Außenhandel auf die Konsumtionseite bzw. in Richtung Konsumtionsseite verlegt: Die Arbeitskollektive anderer Länder werden als getrennt gedacht von dem Unternehmenszusammenhang des eigenen Landes.

„In früheren Publikationen ging ich von der Überzeugung aus - die als solche nicht falsch ist -, es sei das Umgestalten der sozialen Organismen heutiger Kulturvölker eine Notwendigkeit und es müsse solches Umgestalten in die Richtung des hier geschilderten Gestalt-Urbildes gehen. In den letzten Jahren habe ich diesen Gedanken zurückgestellt. Vielmehr steht mir vor Augen, wie notwendig es ist, auf der Ebene der Sozialwissenschaft nach den Methoden einer Organik² das Gestalt-Urbild, den Typus des sozialen Organismus heutiger Kulturvölker darzustellen und zum Lehrgegenstand werden zu lassen, von dem Fordern notwendiger Konsequenzen aber abzusehen. Doch sind die sozialen Organismen der heutigen Kulturvölker in den Grundlagen krank³; tritt man also mit einem Heilmittel hervor, welches bis zu diesen Grundlagen zu reichen verspricht, so muß es wegen der tiefreichenden Maßnahmen als «utopisch» empfunden werden. Auf der Wissenschaftsebene vergleichender Organik fällt solch Einwand fort. Es bleibt das freie Feld der Erkenntnisse, die ja ihre eigenen Wirkenswege haben. ²In einer Fußnote verweist Schmundt ausführlich auf einige Passagen in GA 2 (Grundlinien einer Erkenntnistheorie). ³Verweis auf GA 23, Beginn des 3. Kap.“ (Lit.: Schmundt: Die Assoziationen als Gestaltelement, 1987, S. 145f., vgl. im Kontrast zu solcher Resignation den Schmundt- und Beuys-Schüler Ulrich Rösch: Von der Sozialwissenschaft zur sozialen Kunst, 2011 Volltext. Glaubte Schmundt am Ende nicht mehr daran, daß soziale Praktiken i.S. Beuys' sozialer Plastik "tiefreichende Maßnahmen" seien, Heilmittel für den kranken sozialen Organismus?)

Das Geld als Werkzeug und Rechtstitel =

Das Geld in seinen drei Rechtsfunktionen

Betrachtet man die Funktion des Geldes von der praktischen Alltagsnutzung aus, die nicht zwischen konsumtiver und produktiver Verwendung unterscheidet, ist das Geld eine Handhabe, zu kaufen. Kaufmöglichkeit, Kaufrecht, zu privaten, autokratischen Zwecken, über die einzig und allein der Geldbesitzer bestimmt, mit der Einschränkung, daß sich nur kaufen läßt, was auch angeboten wird. Unter dem, was sich an Waren und Dienstleistungen im Angebot befindet, inklusive der Bereitschaft von arbeitsfähigen Menschen, für den Geldbesitzer tätig zu werden, bei Hingabe von Geld, Übergang des Besitzes, an den Leistenden. So kann sich ein vermögender Haushalt nach Gutdünken diverse Hilfskräfte, Köche, Sekretärinnen, Kurierboten, Gärtner usw. einstellen, sofern diese eben bereit sind, für den Haushalt tätig zu werden. Der Haushalt kann Gelder auch für den Aufkauf nebenliegender Grundstücke verwenden, um den Garten zu vergrößern und eine Gärtnerei aufzuziehen. Das kann eine hobby-mäßige Angelegenheit sein, auch wenn sogar eine ganze Reihe von Gärtnern und sonstigen Hilfskräften eingestellt würden. Der Haushalt kann aber auch mit der Gärtnerei einen Betrieb bezwecken, der Gewinne abwirft, d.h. letztlich das Geldvermögen des Haushalts vergrößert. Dies steht im autokratischen Belieben des Geldbesitzers: Er kann rein konsumtiv kaufen, aber auch teils oder ganz in produktiver Absicht. Im Geld und seinem Besitz, zu verwenden, liegt die Scheidung zwischen Konsumtion und Produktion als solcher nicht: Es ist im Besitze ein Recht, zu verfügen nach Gutdünken: Geld ist Werkzeug, Gestaltungsmittel zu beliebiger Nutzung.

Bei der strengen Scheidung eines produktiven Sektors von dem konsumtiven, wie es sich Wilhelm Schmundt für den sozialen Organismus ergeben hat, kann das Geld nicht so weiter in beliebiger Hand zu beliebiger Verwendung bleiben, denn das würde bedeuten, daß sich auf der Seite der produktiven Arbeitskollektive privatwirtschaftliche, sogar auch der rein konsumtiven Sorte[7], Kauftätigkeiten breit machen könnten, und andererseits auf der Konsumtionsseite sich produzierende Unternehmen mit expansiver Absicht bilden könnten. Hat ein Handwerksbetrieb, den Schmundt mit zur konsumptiven Seite des sozialen Organismus rechnet, aus egal welchen Gründen große Geldmittel zur Verfügung, kann eine Betriebstätigkeit in Gang gesetzt werden, die denen der Arbeitskollektive gleichkommt, ohne aber richtig in die arbeitsteilige Gesamtorganisation integriert zu sein.

Damit Konsumtionsseite und Produktionsseite des sozialen Organismus fein säuberlich geschieden bleiben, - Schmundt will die Trennung auch durch unterschiedliche Gesetzgebung für beide Seiten, bzw. Regelung ihrer Verhältnisse zu einander, festlegen - ist es notwendig, daß das Geld sowohl in der Zuweisung, wer es also in welchen Mengen erhält, als auch in seinen Nutzungsrechten, was, wann, von wem, in welchem Maße usw. eingekauft werden darf, eingeschränkt wird.

„Von der Konsumtions- zur Produktionsseite hin ergißt sich im täglichen Rhythmus der Strom der im Produktionsfeld Tätigen. Es seien die Wirtschaftswerte, die sie zum Einsatz bringen, mit dem Namen «Fähigkeitswerte» benannt («Fähigkeiten werden in der Arbeit eingesetzt»). Vom Produktionsfeld zum Konsumtionsfeld hin ergießt sich andererseits ebenfalls im Tagesrhythmus der Strom der «Konsumwerte» (dessen, was im Produktionsfeld für den Bedarf des Konsumfeldes geschaffen wurde). Betrachtet man nun die Rolle, welche das Geld dabei spielt, so ergibt sie sich wiederum aus den Notwendigkeiten der Sache heraus. Das sei im Folgenden geschildert.

Es kann nicht anders sein, als daß das Geld eine Bewegung mit Anfang und Ende durchläuft. Wenn das Scheiden von Konsumtionsfeld und Produktionsfeld nicht in gesetzesrechtlicher Art geschieht, kann sich ein solcher Kreislauf nicht einstellen. Ist dieses Scheiden aber - wie geschildert, aus den Notwendigkeiten der Sache heraus - vorgenommen, dann gibt es keine andere Möglichkeit, als daß das Geld eine Bewegung ausführt, die einen Anfang und ein Ende hat - eine Forderung, die Rudolf Steiner schon 1922 stellte.² (² GA 341, Seminar 5. Aug. 1922 [Schmundt führt ein Zitat bezüglich Abnützung, Wechselcharakter des Geldes an]“ (Lit.: Schmundt: Der Geldkreislauf als Organsystem, in: Leber: Funktion und Wesen des Geldes, S. 74)

Man fragt sich allerdings, weshalb es sich um einen Kreislauf handeln soll, wenn es einen Anfang und ein Ende gibt. Bei einem richtigen Kreislauf würde das Geld in einem fortlaufenden Übergang sein ohne Anfang und Ende. Der Kreislauf bei Schmundt ist in etwa so gemeint, wie es ein Kreislauf von Transportlastwagen wäre, die die Fabrik voll mit Waren verlassen, also mit Konsumwerten, und leer zurück kommen. Die Konsumwerte vollziehen keinen Kreislauf im eigentlichen Sinne, sondern enden im Verbrauch. Die LKW kommen leer zurück. Und so ist es bei Schmundt mit dem Geldkreislauf: Das Geld verläßt mit Wert die Kreditbank, eine Art Geldpumpe, in Richtung Produktionsfeld, und kehrt ohne Wert zurück (entspricht dem Wechsel-Ablauf). Aber das ist nur erst die erste Etappe des Geldes. Die Produktionsstätten nämlich geben das Geld an die in den Betrieben tätigen Menschen für deren Konsum der produzierten Waren und Dienstleistungen aus. Es ist dies vergleichbar der Verladung des Geldes, d.h. seiner Wertebeträge, nicht auf die LKW, die leer zur Geldpumpe zurückkehren, sondern auf andere LKW hin zum Konsumtionsfeld. Diese LKW kehren wiederum leer zum Produktionsfeld zurück. Daher können von den Betrieben auch keine Gelder mit Wert zur Geldpumpe zurückkommen. Es ist der Pumpe jedoch bekannt, welchen Wert das Geld bei der Ausgabe gehabt hatte. In solchem Volumen wird von neuem Geld in die Produktionsstätten gepumpt.

Das ist es im Grunde schon, so stellt sich Schmundt die Funktion des Geldes vor. Eines Schenkungsgeldes im eigentlichen Sinne bedarf es nicht, weil für Schmundt die Schulen, Krankenhäuser etc. auf der Produktionsseite angesiedelt sind. Da aber eine Schule z.B. keine unmittelbaren Konsumwerte produziert, erzielt sie keine Einnahmen durch einen Verkauf. Sie muß von den anderen Produktionsstätten querfinanziert werden. Das ist das Schenkungsgeld im Schmundtschen Sinne, von dem Schweppenhäuser zurecht feststellt, daß es von ganz anderer Art ist wie dasjenige, das Rudolf Steiner konzipiert hatte. Es entspricht jedoch auch den Überschüssen, die durch betriebswirtschaftliche Effizienz zustandekommen.

„Es werden dann die Geldüberschüsse (Überschüsse von Geld ohne Wertbeziehung!) von dem System der «Assoziationsbanken» gesammelt und solchen Unternehmen zugeleitet, die - um den Bedarf der Konsumenten (etwa an Straßen und vielem vielem anderen) zu befriedigen - geringere Preise oder gar keine für ihre Produkte ansetzen können.“ (Lit.: e.d., S. 76)

Der Kreislauf als solcher ist ein recht einfacher, aber die Zuweisung von Geld in den einzelnen, konkreten Fällen, sowie auch die Legitimiertiert solcher Zuweisungen ist es nicht. Ein Großteil der Überlegungen Schmundts richtet sich auf dieses Problem der Feinsteuerung des Geldflusses. Es soll insgesamt betriebs- und volkswirtschaftlich effizient sein, und zudem soll es gerecht zugehen.

Die Macht des einzelnen Geldbesitzers, wie eingangs beschrieben, geht in solchem System über an diejenigen, die Geld zuweisen. Dies hält Schmundt für die Gesundung des sozialen Organismus für notwendig, da dadurch die privatwirtschaftlichen Elemente innerhalb des Produktionssektors eleminiert werden.

„Das Beibehalten des Privatwirtschaftlichen in den Ordnungen des arbeitsteilig gefügten Produktionsbereiches wurde in jenen früheren Darlegungen als die Grundkrankheit der sozialen Organismen westlicher Prägung angesprochen.“ (Lit.: e.d, S. 74)

„Ohne die im Wesen des Wirtschaftens liegende Polarität von Arbeitsfeld und Bedarfsfeld wirklich werden zu lassen, läßt sich meiner Einsicht nach das Geld innerhalb der Industriegesellschaft nicht 'zügeln'. Ist der Produktionsbereich als ein arbeitsteilig-assoziatives Ganzes geordnet, dann gibt es in ihm kein 'Verkaufen und Kaufen', sondern nur ein 'Bestellen und Liefern', das vom Verrechnen des rücklaufenden, Wert-freien Geldes begleitet ist.“ (Lit.: Schmundt, Eine Kurzbeschreibung, in Schweppenhäuser, Fallstudie 5, S. 56)

Folgend gibt Schmundt in dem Beitrag, der in Schweppenhäusers Fallstudie 5 abgedruckt ist, zu bedenken, daß die Unverständlichkeit des Dargelegten (Schmundt spricht vom "nicht zurande kommen") nur behoben werden kann, wenn man

„zwischen dem sozialen Leben (mit seinen drei Bereichen: dem Geistbereich, dem Rechtsbereich, dem Naturbereich) und dem sozialen Organismus, der ihm zugrundeliegt, unterscheidet; dessen Glieder haben es mit den drei Ausprägungen des Menschenwesens zu tun, auf die man hinweist, wenn man sie (mit Bezeichnungen, die Christof Lindenau verwendet) als Fähigkeitswesen, mündiges Wesen und Bedarfswesen charakterisiert. Die Schwierigkeit, welche für den anthroposophischen Forscher zunächst vorliegt, besteht darin, daß Rudolf Steiner in dem grundlegenden zweiten Kapitel der 'Kernpunkte' den Gesichtspunkt des Organismus und den der Kulturbereiche miteinander verwebt. Das 'erst unterscheiden, dann verbinden' hat er seinen Schülern überlassen. Als Orientierungshilfe lenkte er den Blick auf das Zusammenspiel von Seelenleben und Leibesorganismus des Menschen; dieser gibt die Grundlage für jenes ab.“ (Lit.: e.d., S.57f.)

Diese Annahme, Beobachtung, Tatsache oder eventuell auch Gestaltungsidee, was auch immer, (sie wurde schon weiter oben im Text angesprochen), daß der soziale Organismus sich zum sozialen Leben so verhalte, wie der menschliche Leib zum Seelenleben des Menschen, ist also, abgesehen davon, ob damit Rudolf Steiners Verständnis zutreffend interpretiert wird, eine Voraussetzung, um das Urbild des sozialen Organismus in der Fassung Wilhelm Schmundts verstehen zu können. Auch wenn man nicht darin übereinkommt, daß Wilhelm Schmundt in dieser Hinsicht Rudolf Steiners Dreigliederungslehre richtig interpretiert, bleibt doch dieses Bild eines Verhältnisses wie Seele und Leib für Schmundt fundamental, und die Frage ist daher einer näheren Untersuchung bedürftig.

Der soziale Organismus (II)

Der soziale Organismus in seiner Freiheitsgestalt

Als Belegstellen für seine These, daß sozialer Organismus und soziales Leben zu unterscheiden seien, gibt Schmundt GA 023, 2. Kap. an, sowie GA 024, S. 219, und GA 328, 4. Vortrag an (vgl. FN 4).

„Ebenso wahr, wie es ist, daß moderne Technik und moderner Kapitalismus unserm gesellschaftlichen Leben eigentlich in der neueren Zeit das Gepräge gegeben haben, ebenso notwendig ist es, daß diejenigen Wunden, die von dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft geschlagen worden sind, dadurch geheilt werden, daß man den Menschen und das menschliche Gemeinschaftsleben in ein richtiges Verhältnis bringt zu den drei Gliedern dieses sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben hat einfach durch sich selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen angenommen. Es hat durch eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche Leben sich besonders machtvoll hereingestellt. Die andern beiden Glieder des sozialen Lebens sind bisher nicht in der Lage gewesen, mit derselben Selbstverständlichkeit sich in der richtigen Weise nach ihren eigenen Gesetzen in den sozialen Organismus einzugliedern.“ (Lit.:GA 23, S. 63f.)

In dieser Passage aus dem 2. Kapitel der Kernpunkte ist, hervorgehoben durch Kursivschrift, von einem menschlichen Gemeinschaftsleben die Rede, das in ein richtiges Verhältnis zu den drei Gliedern des sozialen Organismus zu bringen sei, aber auch davon, daß sich zwei der drei Glieder des sozialen Lebens, nämlich das Geistesleben und das Rechtsleben, bisher noch nicht in der richtigen Weise sich in den sozialen Organismus nach ihren eigenen Gesetzen eingliedern konnten. Die Komplikation bezüglich des Wirtschaftslebens, von dem angedeutet wird, daß es sich in der richtigen Weise schon, wenn auch einseitig, eingeliedert habe, was ja doch keine selbstverständliche Ansicht ist, hier beiseite gelassen, wird einmal ein "menschliches Gemeinschaftsleben" von den drei Gliedern des sozialen Organismus unterschieden, dann aber auch "soziales Leben" mit dem sozialen Organismus gleichgesetzt. Will man unter dem sozialen Leben menschliches Gemeinschaftsleben verstehen, ist es einmal dem Leben des sozialen Organismus gleichgesetzt, und einmal nicht. Logischerweise sind also "menschliches Gemeinschaftsleben" und "soziales Leben" als verschiedene Daseinsweisen, gemäß dieser Passage, des Menschen aufzufassen.

„Von jeder Sozialisierung, von jedem Versuche, dem menschlichen Zusammenleben eine wirtschaftliche Gestaltung zu geben, muß berücksichtigt werden die Naturgrundlage“ (Lit.:GA 23, S. 64)

Dem "menschlichen Zusammenleben" (=gleich menschliches Gemeinschaftsleben?) ist eine wirtschaftliche Gestaltung zu geben, d.h. dieses Zusammenleben selbst bekommt eine wirtschaftliche Gestaltung, was nur bedeuten kann, daß mit dem "menschlichen Zusammenleben" das Leben des sozialen Organismus gemeint ist.

In GA 24, S. 219, von Schmundt als Beleg angeführt, findet sich folgende Passage:

„In einem solchen [sozialen Organismus] aber müssen die Menschen das suchen können, was sie zu einem menschenwürdigen Dasein nötig finden. Auch der natürliche gesunde Organismus schafft von sich aus nicht, was die Seele an innerer Kultur entfalten muß; ein kranker natürlicher Organismus verhindert sie daran. Und ein gesunder sozialer Organismus kann nur die Voraussetzungen schaffen für dasjenige, was die Menschen in ihm durch ihre individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse entwickeln wollen.“ (Lit.:GA 24, S. 219)

Dies kann man wohl kaum als ein Verhältnis des "sozialen Lebens" zum sozialen Organismus verstehen, sondern nur als eines des individuellen, einzelnen Menschen zum sozialen Organismus.

In GA 328, 4. Vortrag, von Wilhelm Schmundt als Beleg für seine These angeführt, ist schon gleich eingangs wieder von dem Verhältnis des individuellen Menschen zum "gesellschaftlichen Leben" die Rede.

„Mehr vielleicht, als heute mancher ahnt, greift herein der soziale Impuls in das unmittelbare Leben des Einzelmenschen; aber er wird immer mehr und mehr noch hereingreifen. Er wird bestimmend werden geradezu für die Kräfte des allerindividuellsten Verhaltens. Und man wird kaum richtig verstehen können, wie man heute drinnensteht im gesellschaftlichen Leben der Menschheit, welches durchwellt und durchpulst ist von den sozialen Impulsen, wenn man nicht ins Auge faßt, wie aus zwei Ursprüngen eigentlich im Laufe des neueren Lebens der Menschheit das soziale Denken und Wollen verschiedener Menschenschichten entstanden ist. Denn das Fortleben der Ursprünge bis in die Gegenwart herein, das wirkt auf diesem Gebiete eigentlich so, daß es sozial diesem gegenwärtigen Leben die Gestaltung gibt.“ (Lit.:GA 328, S. 75)

Eine weitere Passage bezieht sich ausschließlich auf das Verhältnis des einzelnen Menschen zum sozialen Leben (das dem sozialen Organismus gleichzusetzen ist):

„Nun tritt zu gleicher Zeit wie im Gefolge dieses elementarischen Umschwunges der neueren Menschheitsentwickelung das ein, was man so bezeichnen könnte, daß man sagt: Was früher in der Menschenseele selbst gelebt hat als soziale Impulse, die dann zu der sozialen Struktur der menschlichen Gesellschaft geführt haben, das hat sich vor diesem Zeitraum mehr instinktiv ausgelebt. Die Menschen lebten gesellschaftlich zusammen, ordneten ihre Angelegenheiten gesellschaftlich aus gewissen Instinkten heraus.“ (Lit.:GA 328, S. 76f.)

Im folgenden ist dann allerdings von den Klassen des Bürgertums und des Proletariats die Rede, in deren Interessen sich unterschiedliche soziale Impulse auslebten. Die Frage ist nicht ganz unberechtigt, ob nicht nur einzelne Individuen im Verhältnis zum sozialen Organismus stehen, sondern eben auch Gruppierungen, Menschen, die ein soziales Verhältnis zueinander haben, und sich mit dieser ihrer Gemeinsamkeit, die sich auch im Umgang miteinander und im Verhältnis zu anderen Gruppen ausdrückt, also im "sozialen Leben", zum sozialen Organismus verhalten. Genauso kann man sich Familien, auch Clans vorstellen, oder Nachbarschaftsgemeinschaften, die im Umgang miteinander und im Verhältnis zur sozialen Umwelt eine Sozialität zum Ausdruck bringen, die nicht vollständig im sozialen Organismus mit den recht äußerlich aufgefaßten Gebieten des Wirtschaftens, des Staates und (mit Einschränkung) dem Kulturleben aufgeht. Im kulturellen Leben, soweit es nicht instutionalisiert ist, hat man noch am ehesten ein Ineinander des kulturellen und sozialen, das dann nur auf eine künstliche Weise, für den Beobachter, unterschieden werden kann.

„So mußte eintreten, was wir nun kommen sehen: daß wie gerüstet zu einem Lebenskampfe die beiden Bevölkerungsschichten sich gegenüberstehen. Und das Wesentliche in diesem Kampfe, der zum Teil sich schon auslebt, zum Teil aber erst sich vorbereitet, und der, wie es einleuchten kann, selbst noch heute nur oberflächlich das gesellschaftliche Leben ergreift, der gigantische Formen annehmen wird, das Wesentliche ist, daß auf der einen Seite die bürgerlich leitenden Kreise das Wirtschaftsleben mehr und mehr erobern wollen für den Staat, miterobern wollen für den Staat mit diesem Wirtschaftsleben in einer eigentümlichen Weise die Arbeitsleistung und Arbeitskraft des Proletariats selbst, und daß auf der anderen Seite das Proletariat den Staat erobern will für das, was es für sich an Interessen im abgesonderten Wirtschaftsleben erlebt.“ (Lit.:GA 328, S. 78f.)

Man kommt nicht umhin, festzustellen, daß die Rede ist von sozialen Gruppierungen, die die Glieder des sozialen Organismus für ihre Interessen zu instrumentalisieren trachten. Es wäre somit nicht nur zwischen einzelnen Individuen und dem sozialen Organismus zu unterscheiden, sondern auch zwischen Gruppen von Individuen, menschlichen Gemeinschaften, im Verhältnis zum sozialen Organismus. Aber ist es deshalb schon berechtigt, wie Schmundts These lautet, von einem Verhältnis solchen sozialen Lebens zu dem sozialen Organismus zu sprechen, wie dasjenige Verhältnis der Seele zu ihrem Leib eines ist?

Nun sieht Rudolf Steiner allerdings hinter diesem Klassenkampf ein ganz anderes, individuelles Motiv walten, das in den einzelnen Seelen gründet:

„Das, was sich heraufarbeiten will an die Oberfläche des menschlichen Lebens, seitdem der krisenhafte Umschwung im 15. Jahrhundert in der Entwickelung der neueren Menschheit eingetreten ist, das zeigt erst, während das andere vielfach eben nur im Bewußtsein maskiert sich abspielt, was wühlt und treibt und pulst im menschlichen Leben: das ist das Streben nach einer vollen Geltendmachung der menschlichen Persönlichkeit, so wie es die früheren Zeiten nicht gekannt haben. Geltendmachung der menschlichen Persönlichkeit, Fühlen des Menschenwesens in sich, das ist eigentlich der Grundnerv der sozialen Frage, und das kleidet sich nur nach diesen verschiedenen Lebensverhältnissen, die ja gerade mit dem Angegebenen bestimmt sind, in die gegebenen Formen. Und so konnte es kommen, daß ein Kampf, der im Grunde genommen ein Kampf ist um die Erringung der vollen Menschenwürde bei allen Menschen, ein Kampf gegenseitiger verschiedener Interessen selbst geworden ist, ein Kampf der Klassen, ein Kampf, der in die Gegenwart herein in einer so verhängnisvollen Weise seine Kräfte wirft.“ (Lit.:GA 328, S. 79)

Dieses heraufkommende moderne Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft ist dann doch eines, wo Einzelwesen sich dem Sozialen gegenüber sehen, ob dieses nun in drei Glieder geschieden ist oder nicht. Es ist ein Verhältnis, in dem das Individuum sich aus solchen Gemeinschaften wie den Klassen oder Schichten herauslöst, diese ihm etwas äußerliches werden gerade so wie das soziale Leben als Staats- und Wirtschaftsleben etwas äußerliches wird. Es kommt für die Gestaltung dann auf dieses Verhältnis an - des Individuums zur Gesellschaft - und kann man dieses dann auffassen analog dem Verhältnis der Seele zum Körper? Von einem sozialen Leben, das sich zum sozialen Organismus so verhalte, wie Seele zu Leib, zu reden, würde insofern keinen Sinn machen, als die Individuen in diesem sozialen Leben nicht mehr innerlich darinnen sind.

Soweit es soziales Leben außerhalb des sozialen Organismus weiter gibt, was zugegeben werden muß, kann dieses aber nicht als in einem organischen Verhältnis gedacht werden zum sozialen Organismus. Die Rede, daß sich ein bestehendes soziales Leben so zum sozialen Organismus verhalte, wie die Seele zum Leib, muß daher als unzutreffend bezeichnet werden, sofern unter "sozialem Leben" im Unterschied zum sozialen Organismus das verstanden werden soll, was bisher entwickelt wurde.

Näherliegend ist, wie die menschlichen Iche schon ihre Seele gewissermaßen als einen Leib haben, den inneren, und dann den körperlichen Leib, daß weiter draußen der soziale Organismus als ein weiterer Leib hinzukommt, ein gemeinsamer freilich. Von einem sozialen Leben als "Seele" des sozialen Organismus kann man insofern nicht mehr sprechen, als die sozialen Gemeinschaften, wie es sie früher gab, nicht mehr existieren, bzw. in Auflösung begriffen sind. Und genau diese Entwicklung ist ja der Grund für die Notwendigkeit, das soziale Zusammenleben der Menschen entsprechend der Idee der sozialen Dreigliederung zu gestalten. Somit löst sich zunächst einmal die Schmundtsche These in Luft auf, wenn man nur das bisherige berücksichtigt.

Wenn aber der soziale Organismus ein gemeinsamer sozialer Leib von Individuen ist, müssen dann nicht zwischen den Individuen, die einen solchen gemeinsamen Leib haben, besondere Verhältnisse entstehen, neu entstehen, und ist dieses neue soziale Leben innerhalb des sozialen Organismus, das motiviert für die Individuen durch die gemeinsame Leiblichkeit des sozialen Organismus ist, möglicherweise die gemeinte "Seele" des sozialen Organismus? Dies scheint dann eine Gemeinschaftsform zu sein, die von unten bzw. von draußen kommt, motiviert ist, im Gegensatz zu jenen Gemeinschaften freier Geister, von denen in der 'Philosophie der Freiheit' die Rede ist.

Folgend ist nun zu untersuchen, ob in solchem Sinn von einem Verhältnis eines neuen sozialen Lebens innerhalb des sozialen Organismus zu diesem gesprochen werden kann, wie von dem Verhältnis, wie es die Seele zum Leib hat, und ob Wilhelm Schmundt genau dies Verhältnis einer neuen, mehr innerlichen Gemeinschaft der Menschen zu derjenigen, mehr äußerlichen des sozialen Organismus ins Auge gefaßt hatte.

Aus den angegebenen Belegstellen läßt sich jedoch nicht feststellen, daß Rudolf Steiner selbst soziales Leben und sozialen Organismus unterschieden hätte analog Seele und Leib. Es findet sich vielmehr eine Darstellung einmal der Analogie zwischen menschlichem Körper und sozialem Organismus, und dann die Schilderung des Verhältnisses von Individuen und sozialem Organismus. Es wird allerdings einmal, GA 23, 63f. vom Verhältnis der Menschengemeinschaft zum sozialen Organismus gesprochen. Es wird dieses Verhältnis aber nicht weiter von Rudolf Steiner qualifiziert. Aber daß das soziale Leben nicht völlig im sozialen Organismus aufgeht, sondern auch in einer gewissen Separatheit für sich und in einem Gegenüber zum sozialen Organismus präsent ist, ist nach dem bisher angeführten plausibel, und es ist zudem fraglich, ob solche Unterscheidung mit derjenigen zwischen privatem sozialen Leben und öffentlichem sozialen Leben zusammenfällt. Schmundt behauptet mit seiner Analogie "wie Seele zu Leib" jedoch eine spezifischere Beziehung des sozialen Lebens im Verhältnis zum sozialen Organismus. Denn es ist eine Beziehung von wesentlich sehr verschiedenem. Das Seelische ist von anderem Wesen als der aus dem Natürlichen gebaute Körper. Es ist sehr fraglich, ob dies so auch von dem sozialen Leben im Verhältnis zum sozialen Organismus so gelten kann. Vielmehr sind soziales Leben und sozialer Organismus von gleichem Wesen, wenn auch der soziale Organismus sich aus dem sozialen Leben als etwas gewissermaßen nicht nur gegenüber den Individuen, sondern auch gegenüber dem sozialen Leben selbständig körperartiges herausdifferenzieren mag. Für eine Differenz ganz allgemein lassen sich in den Texten Rudolf Steiners Belege finden. Zu dem bereits angeführten heißt es in GA 328, S. 96:

„Was unmittelbar angestrebt werden kann, das ist ein lebensfähiger sozialer Organismus, ein solcher, der lebendige Kräfte des Lebens eben in sich hat. Hineingestellt in einen solchen Organismus, lebend in einem solchen Organismus, kann erst aus ganz anderen Untergründen heraus der Mensch sein Glück begründen. Das hat ganz andere Untergründe. Aber diese Untergründe, die müssen befreit werden von ihrer Fesselung. Und sie werden nur befreit, wenn ein lebensfähiger Organismus zugrunde liegt. So wie in einem wirklich lebensfähigen Organismus die Seele sich entwickeln kann, in ihm in entsprechender Weise sein kann, so in einem lebensfähigen sozialen Organismus eine glückliche, zufriedene, arbeitswillige und arbeitsverständige Menschheit. Das ist es, worauf es ankommt zur Gesundung des sozialen Organismus.“ (Lit.:GA 328, S. 96)

"Menschheit" erlaubt hier zwar auch eine Interpretation, die nicht Menschengemeinschaft meint, sondern den Menschen als solchen. Mit Hinzunahme der genannten Formulierung aus GA 23 könnte aber auch ein soziales oder kulturelles Leben der Menschen gemeint sein, das dann tatsächlich mit der von Schmundt behaupteten Analogie zum sozialen Organismus als einem Sozialkörper ins Verhältnis gesetzt wäre. Die weitere Verwendung des Wortes "Menschheit" durch Rudolf Steiner in dem 4. Vortrag GA 328 legt dann nahe, daß tatsächlich die Menschen insgesamt gemeint sind, also die Menschengemeinschaft auf der Erde, und nicht auf das Verhältnis eines einzelnen Individuum zum Sozialkörper abgezielt wird:

„[W]as ich hier als diese drei Glieder anführe, [ist] eine wirkliche Notwendigkeit für die gegenwärtige Lebensform der Menschheit und die Lebensform der Menschheit für die nächste Zukunft ... Man möchte sagen, bevor diese schreckliche Katastrophe, die man einen Krieg nennt, über die Menschheit hereingebrochen ist, war die Kulmination des Durcheinanderwürfeins und Durcheinanderwirrens der drei Glieder, die sich differenzieren müssen, erreicht.“ (Lit.:GA 328, S. 96)

Der soziale Organismus ist also auch als Lebensform der Menschheit verstehbar, der Menschen insgesamt. Er ist nicht oder nicht ausschließlich Lebensform eines Individuums, sondern der Menschen insgesamt. Diese haben aber eben auch Beziehungen untereinander, die nicht über den sozialen Organismus laufen (schon allein das private Familienleben z.B.). Eine Analogie zum Verhältnis von Seele und Leib scheint aber kaum sehr stark strapazierbar, dennoch könnte es lohnend erscheinen, in solcher Richtung weiter zu forschen, und den Hinweisen Schmundts nachzugehen.

Wilhelm Schmundt geht über diese Behauptung solcher gewissen Ähnlichkeit des Verhältnisses von sozialem Leben der Menschheit und dem sozialen Organismus, mit demjenigen von Seele und Leib, aber noch insofern hinaus, als er den sozialen Organismus in sehr spezifischer Weise, vom sonst üblichen abweichend, bestimmt als das arbeitsteilig organisierte Produktionsfeld, in dem dreigegliedert die Kuratorien (=Beratungsgremien, aus dem Geistesleben), Assoziationen (rechtsvereinbarende Gremien) und das Wirtschaftliche im eigentlichen Sinne, die Warenproduktion, zusammenwirken. Die Warenkonsumtion ist dabei an der Peripherie des so verstandenen sozialen Organismus angesiedelt. Das soziale Leben oder auch kulturelle Leben, das von solchem sozialen Organismus zu unterscheiden wäre, würde von anderen Interpreten der Dreigliederungsidee wie z.B. Schweppenhäuser als ein dreigegliedertes in Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben aufgefaßt, und für den sozialen Organismus genommen. Dies ist nach Schmundt grundfalsch. Man könne zwar die drei Aspekte ausmachen, sie wären in diesem sozialen oder kulturellen Leben aber nicht differenziert. Dies ist nach Schmundt nur in dem organisierten Arbeitsfeld der Fall.

„«Produktionsbereich» meint das integrale Arbeitsfeld des sozialen Organismus, und dieser Bereich zeigt dann, wenn das Freiheitsprinzip gestaltbestimmend ist, drei relativ selbständige Funktionssysteme: das System der beratenden Kuratorien, das System der rechtsvereinbarenden Gremien, das System der assoziierten Arbeitskollektive. Der «Konsumtionsbereich» weist keine derartige Gliederung auf; die Gegebenheiten und Prozesse, die in ihm je mit dem Charakter des Geisteslebens, des Rechtslebens, des Wirtschaftslebens auftreten, zeigen sich ineinander verwoben und bilden keine makrosozialen Funktionssysteme.“ (Lit.: Schmundt, Die Zeit und ihre sozialen Forderungen, S. 78)“ (Lit.: Schmundt, Die Zeit und ihre sozialen Forderungen, S. 78))

Schmundt hatte sich zwar auch zur Anerkennung der Berechtigung auch der anderen Sichtweise durchgerungen, wie es das in FN 4 angegebene Zitat z.B. zeigt. Aber das scheint mehr rhetorisch zu sein. Aus der ganzen Anlage seines Konzepts kann es solche Anerkennung nicht wirklich geben. Schon gar nicht ist die Differenz "seines" sozialen Organismus mit demjenigen, wie er nach Ansicht anderer Interpreten des von Rudolf Steiner gemeinten, aufzufassen ist, also einem sozialen Organismus, in dem z.B. das Bildungswesen mit seinen Schulen dem Gebiet des Geisteslebens angehört, als relativ unabhängig von Staat und Wirtschaft, dadurch aus der Welt geräumt, daß auf die Differenz von sozialem Leben und sozialem Organismus verwiesen wird. Immerhin zeigte sich Schmundt bemüht, eine Brücke zu finden für eine Vereinbarkeit der so sehr verschiedenen Auffassungen. Er konnte einen Weg jedoch nicht finden. Im Nachwort (Dez. 1981) zur Aufsatzsammlung "Erkenntnisübungen zur Dreigliederung des sozialen Organismus" heißt es:

„Wo aber - so geht die Frage - ist in der vorliegenden Schrift Bezug genommen auf so vorzügliche Werke wie die des Seniors auf dem anthroposophisch orientierten sozialwissenschaftlichen Felde: Professor Folkert Wilken, oder auf die Schriften von Theodor Beltle, von Benediktus Hardorp, von Heinz Kloss, Lothar Vogel oder insbesondere auf das Buch von Stefan Leber 'Selbstverwirklichung - Mündigkeit - Sozialiät' ...? Und hat denn nicht Hans Georg Schweppenhäuser heftige Kritik an dem geübt, was hier als eine Elementarlehre des sozialen Organismus skizzenhaft geschildert wird?

Zu diesen gewichtigen Fragen kann ich nur sagen: Es hat sich zu meinem Leidwesen ein Anknüpfen nicht ergeben. (...) Es handelt sich zunächst um den Begriff des sozialen Organismus, welcher hier unterschiedlich zu den genannten Werken gefasst wurde und ein harmonisches Zusammenstimmen hindert. So wie ich es sehe, vermag sich eine Harmonie zu ergeben, wenn man dasjenige, was hier dargelegt wurde, jenen Publikationen als Anhang angefügt vorstellt, gewissermaßen als 'Ausblick auf ein notwendiges Weiterführen'.“ (Lit.: Erkenntnisübungen, S. 253f.)

Eine Gemeinsamkeit des Anliegens lasse sich bei drei zusammengehörigen Themen finden: 1. Wandeln bestehender sozialer Einrichtungen, 2. 'die zu erarbeitende Arbeitsweise' (Christof Lindenau), und - 3. das Ins Rechte-Denken der Begriffe (Schmundts Beitrag, wie er ihn selbst versteht) (S. 254).

Es handelt sich um unterschiedliche Begriffe vom "sozialen Organismus", aber möglicherweise auch um unterschiedliche soziale Organismen im gegenständlichen Sinne. Schmundts sozialer Organismus ist auf ein Staatsgebiet beschränkt. Es gibt von daher soviele soziale Organismen wie Staaten oder auch auf andere Art abgegrenzte Gebiete. Man könnte sich auch einen Inselstaat mit vielen Inseln denken, auf denen sich jeweils ein sozialer Organismus im Sinne Schmundts entfaltet, aber dann nicht mit staatlichen Grenzen, sondern geographischen. Entscheidend ist, daß hoch organisierte Komplexe diesen Organisationsgrad an ihren Grenzen verlieren und daß da dann "privatwirtschaftlicher" Handelsverkehr eintritt. Es sollte möglich sein, sich solche Komplexe in den sozialen Gesamtorganismus, der, obwohl es Rudolf Steiner auch teilweise noch tut, eigentlich nicht mehr als ein auf ein Staatsgebiet bezogenes Gebilde verstanden werden kann, sondern nur noch als ein globaler, weltweiter, eingebettet zu denken. Und die tatsächlichen Gegebenheiten, auf die es schließlich allein ankommt, nicht auf Denkmöglichkeiten, die könnten sich auch so darstellen, daß es verschiedene Arten von sozialen Organismen gibt, innerhalb des einen, großen, alles umfassenden und auch dreigegliederten (der Idee bzw. dem Ideal nach) Gesamtorganismus.

Werke

Grundwerk

  • Der soziale Organismus in seiner Freiheitsgestalt, (Studienmaterial der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft), Philosophisch-Anthroposophischer Vlg. am Goetheanum, Dornach 1977, (1. Aufl.: 1968, die erste Auflage enthält ein Geleitwort von Herbert Witzenmann, S. 5f.), (Neuauflage im FIU-Verlag, Wangen 1993 (3. Auflage))
  • Revolution und Evolution. Auf dem Weg zu einer Elementarlehre des sozialen Organismus, hrsg. u. mit e. Vorw. vers. von Wilfried Heidt u. Ulrich Rösch, 1973, ISBN 3-88103-020-4, Rezension
  • Erkenntnisübungen zur Dreigliederung des sozialen Organismus. Durch Revolution der Begriffe zur Evolution der Gesellschaft, Achberger Verlag, Achberg 1982 (Neuauflage 2003), (2. erw. und umgestaltete Auflage von "Revolution und Evolution. Auf dem Weg zu einer Elementarlehre des sozialen Organismus"), (Aufsatzsammlung, bearbeitet)
  • Zeitgemäße Wirtschaftsgesetze. Über die Rechtsgrundlagen einer nachkapitalistischen, freien Unternehmensordnung >Entwurf einer Einführung<, Achberger Vlg., Achberg 1975, 2. erw. Aufl. 1980, PDF, (kritische Rezension von Boris Tullander in: Bausteine 4/80, S. 46 - 56[8])

Einzelnachweise

  1. Lit.: Schmundt: Erkenntnisübungen, S. 10 (Vorwort von Heidt/Rösch zur. 1. Aufl. 1973)
  2. Im Aufsatz: "Die Assoziation als Gestaltelement des sozialen Organismus, enthalten in Leber (Hrsg.): Die wirtschaftlichen Assoziationen, Sozialwissenschaftliches Forum, Bd.2, 1987, S. 136-148, gibt Schmundt S. 136 bzw. S. 146 als Belegstelle GA 24 (1961) S. 219 und GA 328, 4. Vortrag (12. Feb. 1919) an. Im Anhang "Versuch, einen Widerspruch zu klären", des genannten Aufsatzes heißt es S. 147: "Beschränkt man sich bei seinem Forschen auf das Erkennen des 'sozialen Organismus' in dem geschilderten Sinne - als Grundlage des sozialen Lebens -, so gerät man, wie es zunächst scheint, in Widerspruch mit Äußerungen mancher Vertreter der 'sozialen Dreigliederung' (wie beispielsweise Dieter Brüll, Heinz Kloss, Stefan Leber), die von drei Bereichen des sozialen Lebens sprechen: Geistesleben ('Kulturleben'), Rechtsleben ('Staat'), Wirtschaftsleben ('Produktion, Handel, Konsumtion'). Dieser Widerspruch läßt sich auf keine Weise beseitigen. Er liegt nicht in einem Irrigen der einen oder der anderen Betrachtungsart. Vielmehr verschwindet er dadurch, daß man den Unterschied von 'sozialem Leben' und 'sozialem Organismus' zum Bewußtsein bringt." Im Kontrast zu den drei Bereichen des sozialen Lebens, wie sie Stefan Leber in "Freiheit durch Gewalt?" (Stuttgart 1987, ISBN 3-7725-0861-8) auf Seite 118 dargestellt hat [Dreigliederung in die Bereiche Kulturleben, Staat, Wirtschaftsleben], sieht Schmundt: "Die drei Gieder des sozialen Organismus stehen demgegenüber in einem ganz anderen Zusammenhang und umfassen ganz andere Fakten als jene Bereiche: das Geistesglied: die individuellen Fähigkeiten der Menschen, das Rechtsglied: das zwischenmenschliche Vereinbaren, das Wirtschaftsglied: das mitmenschliche Für-einander-Arbeiten. Diese Glieder stellen keine gesonderten Bereiche dar; sie sind organhaft miteinander verflochtene Daseinsfelder jedes erwachsenen Menschen." (e.d., S. 147f.) In Erkenntnisübungen wählt Schmundt folgende Formulierung: "Der soziale Organismus liegt dem Leben der Menschheitskultur so zugrunde, wie der Leibesorganismus des einzelnen Menschen seinem Seelenleben. Der soziale Organismus muß so eingerichtet sein, daß er ein gesundes Kulturleben ermöglicht. Er muß so gestaltet sein, daß er die Menschen in Zusammenhänge bringt, die es ihnen erlauben, das soziale Leben vernunftgemäß zu führen." (S. 35f.)
  3. z.B GA 23, S. 78f. ("Der gegenwärtig am öffentlichen Leben interessierte Mensch lenkt gewöhnlich seinen Blick auf Dinge, die erst in zweiter Linie für dieses Leben in Betracht kommen." - "Obenan als notwendige Zielsetzung des öffentlichen Lebens muß gegenwärtig das Hinarbeiten auf eine durchgreifende Trennung des Wirtschaftslebens und der Rechtsorganisation stehen." - "Von heute zu morgen eine Umwandlung des öffentlichen Lebens herbeiführen zu wollen, das sehen auch vernünftige Sozialisten als Schwarmgeisterei an." S.a. GA 297a, S. 31f.: Unterricht, Erziehung als öffentliches Geistesleben.
  4. vgl. GA 339, S. 72.
  5. Diese Aufgabe, die die Freiheit einschränkende oder gar unterdrückende Organisiertheit ständig zu bekämpfen, dürfte derjenigen Aufgabe, daß der Erzieher im Interesse des pädagogischen Erfolges Erziehung#Selbsterziehung zu üben habe, analog sein.
  6. Ein Vergleich mit dem sonst in den Sozialwissenschaften thematisierten Konflikt zwischen System und Lebenswelt liegt nahe, kann aber hier nicht weiter verfolgt werden. Man wird aber wohl, um eine "Kompatibilität" des Schmundtschen Gestaltbildes mit demjenigen Rudolf Steiners denken zu können (Schmundt behauptet ja sogar eine urbildliche Identität), das Geistesleben im Sinne der Bildungsinstitutionen usw. dem Konsum-, dem Haushaltsbereich zuschlagen müssen, also der Lebenswelt, der weniger oder möglichst gar nicht organisierten, oder anders organisierten Sphäre des sozialen Lebens. ("Organisation" ist ja im übrigen ein sehr unklarer, vieldeutiger Begriff, für den es unzählige Definitionen gibt.) Auch Benediktus Hardorp, der sich mit seinem Unternehmensbegriff an der Seite Schmundts sieht, zieht nicht in Betracht, ob nicht die Bildungsinstitutionen aus dem Komplex der Großorganisiertheit herausgelöst sein müßten, um ein freies Geistesleben entfalten zu können. Die Unternehmen des Bildungsbereichs unterscheiden sich von denjenigen, die Waren für den Konsum herstellen, für ihn lediglich durch ihre Unternehmensziele, und durch die Art ihrer Finanzierung. Die Zuordnung der Schulen zum Bereich Geistesleben des dreigegliederten Organismus ergäbe sich "aus der Würdigung des Unternehmenszieles durch die soziale Umwelt. Diese Würdigung zeigt sich am deutlichsten und raschesten in der Art der Finanzierung dieses Unternehmens." (Hardorp: Anthroposophie und Dreigliederung, 1986, S 117.) Vgl. auch Bernard Lievegoed: Die Institutionen des Geisteslebens, 1989, "Die Begrifflichkeit, mit der Lievegoed die Organisationsentwicklung beschrieben hat, ist allgemein bekannt: Er unterschied eine Pionierphase, eine Differenzierungsphase und eine Integrationsphase der Organisationsentwicklung. (...) Weniger bekannt ist, dass Lievegoed für soziale und pädagogische Institutionen dieses Organisationsentwicklungskonzept ausdrücklich abgelehnt hat und an dessen Stelle die der Organik entlehnte Betrachtungsweise von Entwicklungsphasen in Initiative, Wachstum, Blühen dargestellt hat. Hierin drückt sich Lievegoeds Bewusstsein für den Unterschied zwischen Institutionen des Wirtschaftslebens und des Geisteslebens aus" (Michael Ross, 2011, in: Organisation und Entwicklung. Organisationsentwicklung als soziale Gestaltungsaufgabe [1]. (Näheres dazu siehe Organisation#Lievegoeds Unterscheidung von Institut, Gemeinschaft und Organisation.
  7. Kurioses Beispiel Montblanc-Affäre - Artikel in der deutschen Wikipedia
  8. "Schumdt spricht stets von wesenhaften Begriffen und goetheanistischer Methode. Weder das eine noch das andere ist gültig für die Texte Schmundts. Seine Formulierungen werden gesteuert von abstrakten, selbstgemachten Worten, und nicht von Phänomenen, nicht von Begriffen. In der Schrift "Zeitgemäße Wirtschaftsgesetze" wimmelt es von Worten und Ausdrücken, die nicht den Charakter von Begriffen, sondern von irgendwelchen ganz lose erfundenen Bezeichnungen haben. (...) Wo findet man ähnliches in der Nationalökonomie? Man findet es - im größten Ausmaße beim Mißbrauch der Mathematik. Der Mathematiker bestimmt nach seinem Gutachten die Variablen und setzt dafür Buchstaben, Symbole ein. 'Jeder Theoretiker hat seinen eigenen Begriffsapparat' - man charakterisiert es so. Nur sind die wirtschaftlichen Begriffe nicht nominalistisch wie die mathematischen, sondern realistisch. Wenn die Leute dann auf eigene Hand die Definitionen fabrizieren, entsteht eine heillose Sprachverwirrung. Es entsteht eine endlose Diskussion darüber, was jeder 'mit seinen Begriffen meint'. (Boris Tullander in: Bausteine 4/80, S. 54f.) Auch wenn man als Schmundtianer Tullander entgegen halten könnte, er habe Schmundt eben nicht verstanden, bleibt zumindest richtig, folgt man der Ansicht Rudolf Steiners, im Wirtschaftsleben komme es auf Verständigung und gemeinsame Erkenntnisse an, daß eine gemeinsame Sprache nötig ist, mit klaren Wortbedeutungen, die allgemein bekannt sind und gelten. Es ist schon schwer genug, zu verstehen, was Rudolf Steiner mit "Assoziation" meinte. Wohin soll es dann führen, wenn die verschiedensten Varianten der Wortbedeutung von "Assoziation" in Kurs kommen, ohne daß diese klar in ihrer Differenz zur Steinerschen Bedeutung expliziert sind, oder explizierbar sind. Entweder sollte man dazu stehen, daß man unter Assoziation das gleiche verstehen will wie Steiner (dann läßt sich das untersuchen und ein Verständnis eventuell kritisieren), oder aber man sollte, wenn man einen abweichenden Gegenstand vor Augen hat, wenn das "Phänomen" different ist, ein anderes Wort verwenden. Dies gilt auch für ganze Komplexe von Phänomenen: Wenn diese in ihrer Gesamtheit einen spezifischen differenten Gegenstand ausmachen, verbietet sich die beliebige Übernahme von Bezeichnungen, die aus einem anderen Kontext stammen, da der differente Gegenstand dann in der Auffassung mit dem fremden Kontext verschwimmt.