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Als '''Top-down''' (engl. ''von oben nach unten'') und '''Bottom-up''' (engl. ''von unten nach oben'') werden zwei entgegengesetzte Wirkrichtungen in [[Prozess]]en bezeichnet, die in verschiedenen Sinnzusammenhängen für Analyse- oder Syntheserichtungen verwendet werden.
== Beschreibung ==
 
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== Zum Konzept ==
''Top-down'' geht vom [[Abstraktion|Abstrakten]], Allgemeinen, Übergeordneten schrittweise hin zum Konkreten, Speziellen, Untergeordneten. ''Bottom-up'' bezeichnet die umgekehrte Richtung. Es sind also zwei grundsätzlich verschiedene Denkrichtungen, um komplexe Sachverhalte zu verstehen, zu beschreiben, darzustellen.
 
Entsprechende Beziehungen bestehen auch zwischen den Begriffen:
 
* [[Deduktion]] ({{laS|deducere|de=herabführen}}; ''Top-down''): ein gedanklicher Vorgang von etwas Allgemeinem (z. B. Begriff ''Menschheit'') zu etwas Besonderem (einem konkreten Individuum, z. B. Napoleon)
* [[Induktion (Philosophie)|Induktion]] ({{laS|inductio|de=hereinführen}}; ''Bottom-up''): bezeichnet den umgekehrten Vorgang
sowie
* [[Dekomposition]]: Zerlegung, Auflösung eines [[Ganzheit|Ganzen]] in einzelne Segmente (Teile).
* [[Aggregation]]: Vereinigung von Segmenten (Teilen) zu einem Ganzen.
 
== Methodik ==
Zum besseren Verständnis und zur Beschreibung (Modellierung/Abbildung) der [[Prozess]]e in komplexen [[System]]en, wie Wirtschaftsunternehmen, Industriekomplexen ([[Chemiewerk]], [[Kernkraftwerk]]), gesellschaftlichen Strukturen, [[Ökosystem]]en, bedient man sich der Prinzipien der „''Top-down- und Bottom-up''-Modellierung“, um ein möglichst zutreffendes Abbild von der [[Realität]] zu erhalten. Durch die wechselseitige Anwendung beider Prinzipien versucht man das Abbild ([[Modell]]) der Realität weiter anzupassen. Dabei ist zu beachten, dass ein Modell ein reales komplexes System niemals vollständig abbilden kann, d. h., es verbleibt immer eine graduelle Modellunsicherheit (vgl. auch ''[[Probabilistische Sicherheitsanalyse]], Abschnitt Modellunsicherheit''). Ein Ziel der Modellierung ist daher auch die Reduzierung der Komplexität im Modell gegenüber der Realität, um diese überhaupt beschreiben zu können (so z. B. Kultur).
 
Die Prinzipien der „''Top-down- und Bottom-up''-Modellierung“ finden insbesondere methodische Anwendungen in der Gefährdungs- und [[Risikoanalyse]], um z. B. das [[Unfall]]geschehen auf seine – auslösenden – Ursachen hin zu untersuchen (siehe unten).
 
Bei der Anwendung der Methodik ist auch immer der Satz des [[Aristoteles]] zu beachten: ''Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.'' Mit der Zerlegung eines [[System]]s in seine Teile bleibt der materielle Bestand des Systems erhalten, in seiner Funktionalität existiert es jedoch nicht mehr (siehe [[Emergenz]] und [[Holismus]]).
 
== Anwendungsbereiche ==
* In der [[Informatik]] bezeichnet man einen [[Softwaretechnik|Entwicklungsprozess]] für [[Software]] als ''Top-down'', wenn der Entwurf mit abstrahierten Objekten beginnt, die dann konkretisiert werden; der Prozess ist ''Bottom-up'', wenn von einzelnen Detail-Aufgaben ausgegangen wird, die zur Erledigung übergeordneter Prozesse benötigt werden. Zudem wird im Zusammenhang mit [[Compiler]]bau von ''Top-down''- und ''Bottom-up''-[[Parser]]n gesprochen.
*: Hauptartikel: ''[[Top-Down- und Bottom-Up-Design]]''
* In der [[Managementtheorie]] bedeutet ''Top-down'' einen [[Führungsstil]], der die Macht und Autorität des [[Manager (Wirtschaft)|Managers]] betont (z. B. [[Frederick Winslow Taylor]], [[Henry Gantt]]), während ''Bottom-up'' die Rolle des Managers eher darin sieht, die Arbeitskräfte zu motivieren und ihre Fähigkeiten optimal zu nutzen (z. B. [[Elton Mayo]]) (vgl. Selbstorganisation in sozialen Systemen).
* In der [[Politik]] bezeichnet ''Bottom-up'' die von [[Partei]]mitgliedern oder von den Menschen einer politischen [[Alternativbewegung|Bewegung]] ausgehende Wirkrichtung; [[Graswurzelbewegung]]en wirken typischerweise ''Bottom-up''; ''Top-down'' sind dagegen [[Kampagne]]n, die zentral gesteuert werden und auf den Einzelnen gerichtet sind. Ein Spezialfall ist das [[Astroturfing]], wo eine ''Bottom-up''-Bewegung nur vorgetäuscht wird.
* Im [[Marketing]], speziell der [[Verkaufspsychologie]] die [[Dramaturgie]] des [[Verkaufsgespräch]]es als [[Upselling]] (auch ''Top-down-Selling'') oder ''Bottom-up-Selling'', jeweils mit entgegengesetzt vollständig ausgestatteten Anfangsangeboten.
* In der [[Anthropologie]] und [[Soziologie]] werden Prozesse der [[Selbstorganisation]] in [[Soziales System|Sozialen Systemen]] als ''Bottom-up'' oder ''Agentur'' (''agency'') bzw. ''Top-down'' oder [[Struktur (Soziologie)|Struktur]] (''structure'') bezeichnet.
* In der [[kognitive Psychologie|kognitiven Psychologie]] wurden die Begriffe Ende der 1940er Jahre von der [[Informatik]] übernommen. In der [[Wahrnehmungspsychologie]] wird die [[kognitiv]]e Verarbeitung, die nur aufgrund der Analyse der Reizmerkmale (z. B. Helligkeit, Farbe, Ausrichtung usw.) geschieht, als ''Bottom-up'' bezeichnet. Kognitive Einflüsse auf die Wahrnehmung werden dagegen als ''Top-down'' bezeichnet. Diese Einflüsse können beispielsweise durch Vorwissen einer Person oder durch den bedeutungshaltigen Kontext, in dem die Reizinformation auftritt, beeinflusst werden. Der ''Top-down''-Prozess wird unter anderem ausgelöst, wenn bekannte [[Reiz]]e oder [[Gegenstand|Objekte]] im passenden Zusammenhang schneller erkannt werden.
* In der [[Ökologie]] werden die Prozesse in [[Ökosystem]]en, die von der Populationsdichte der Arten (den [[Prädator]]en) gesteuert werden, als ''Top-down'' verstanden. Ein klassisches Beispiel ist das marine [[Tangwald]]-Ökosystem. Hier sind [[Seeotter]] die [[Spitzenprädator]]en. Sie fressen [[Seeigel]], die sich wiederum von [[Seetang]] ernähren. Verschwinden die Seeotter aus dem System, so vermehren sich die Seeigel überproportional stark und dezimieren den Tang. In Ökosystemen werden die Prozesse ''Bottom-up'' bezeichnet, die hauptsächlich von den Ressourcen und der meist daraus resultierenden [[Primärproduktion]] (von Pflanzen, [[Phytoplankton]] und -[[Phytobenthos|benthos]] oder [[Makrophyten]] in Gewässerökosystemen durchgeführt) gesteuert werden. Werden die Nährstoffe in einem solchen System reduziert, so finden die darin lebenden Organismen nicht mehr genug Nahrung (siehe auch: [[Biomanipulation]]).
* In der [[Nanotechnik]] stellen ''Top-down'' und ''Bottom-up'' Grundprinzipien für die Erzeugung von Nanostrukturen dar. Mit ''Top-down'' werden Herstellungsverfahren bezeichnet, deren Ursprung und Methodik eher den Ansätzen aus [[Mikrosystemtechnik]], wie z. B. [[Lithografie]], entsprechen, während ''Bottom-up''-Methoden die physikalisch-chemischen Prinzipien der molekularen/atomaren [[Selbstassemblierung]] und [[Selbstorganisation]] ausnutzen, z. B. bei [[DNA-Origami]] und [[DNA-Maschine]]n.
* In der [[Konstruieren (Technik)|Konstruktion (Technik)]] werden mittels 3D-[[CAD]] nach dem ''Bottom-up''-Prinzip 3D-Modelle konstruiert und zu Baugruppen (Produkt) zusammengestellt. Die Gestalt der Baugruppe ist somit von der Gestalt der einzelnen Teile und ihrer Einbaulagen zueinander abhängig. Nach dem ''Top-down''-Prinzip wird in der Baugruppe das zukünftige Aussehen skizziert. Die eingebauten Komponenten referenzieren auf diese Skizzen. Ändert sich die Baugruppen-Skizze, wird somit die Gestalt der Teile verändert.
*In der Sicherheits-/[[Zuverlässigkeitstechnik]] (siehe auch [[Probabilistische Sicherheitsanalyse]]) kommen die analytischen Methoden nach dem Prinzip ''Top-down'': [[Fehlerbaumanalyse]] sowie dem Prinzip ''Bottom-up'': die [[Ereignisbaumanalyse]], Ausfallart- und Fehlereffekt- ([[FMEA]]) und Fault Hazard Analyse zur Anwendung. Bei den ersten Anwendungen der Analysen in der Luft- und Raumfahrt und der Kerntechnik in den 1960er-Jahren war noch nicht entschieden, welche Analyseart die geeignetste war, um die komplexen Risikostrukturen der Systeme zu erfassen und bewerten zu können. Mit der „[[Norman Rasmussen|Rasmussen-Studie]]“ (WASH-1400, Reactor Safety Study, an Assessment of Accident Risk in US Commercial NPP, NUREG-75/014) wurde 1975 erstmals ein gesamtheitlicher Ansatz für die Ereignisbaum- und Fehlerbaumanalyse erarbeitet, der beide Prinzipien ''Top-down'' und ''Bottom-up'' zusammenführte. Diese Form hat sich bis heute in allen [[Risikoanalyse]]n technischer Systeme durchgesetzt.
* Beim [[Investition|Investment]] bezeichnet ''Top-down'' in der Wirtschaft  die [[Analyse]] „von oben nach unten“: Dabei werden zunächst die [[Makroökonomie]] und das Branchenumfeld betrachtet, bevor einzelne Unternehmen analysiert werden. Zuerst wird ein [[Rahmenplan]] für das Unternehmen erstellt, welcher dann unterteilt wird, dann Überprüfung auf Realisierbarkeit dieser Teilpläne in den unteren Ebenen des Unternehmens. Anschließend erfolgt der Rücklauf der korrigierten Pläne, sowie die Zusammenfassung zu einem verbesserten Rahmenplan. Angeblich wählt der Rohstoffexperte [[Jim Rogers]] seine Aktien durch diese Strategie aus. ''Bottom-up'' bezeichnet die Analyse „von unten nach oben“: Erst werden die einzelnen [[Unternehmen]] ausführlich untersucht, bevor die Aussichten ganzer [[Wirtschaftszweig|Branchen]], [[Markt|Märkte]] oder [[Region]]en betrachtet werden.
* In der [[Raumplanung]] versteht man unter ''Top-down und Bottom-up'' die Tatsache, dass bei städteübergreifenden und regionalübergreifenden Planungen stets sowohl die Belange der [[Raumordnung]] als auch die Inhalte der örtlichen [[Bauleitplanung|Bauleitpläne]] und [[Regionalplanung|Regionalpläne]] zu berücksichtigen sind. Hierzu werden das [[Subsidiaritätsprinzip]] und das [[Gegenstromprinzip (Raumordnungsrecht)|Gegenstromprinzip]] angewandt.
 
== Siehe auch ==
* {{WikipediaDE|Top-down und Bottom-up}}
* {{WikipediaDE|Die Kathedrale und der Basar}} (Essay zur Softwareentwicklung und [[Open Source]] von 1997)
* {{WikipediaDE|Linking-Pin-Modell}}
 
== Literatur ==
* {{cite book|author=James Hoopes|title=False Prophets. The Gurus Who Created Modern Management and Why Their Ideas Are Bad for Business Today|language=englisch|publisher=Perseus Publishing|location=Cambridge MA|quote= Top-down und Bottom-up in der Management-Theorie|year=2003|isbn=0-7382-0798-5}}
* Robert J. Sternberg: ''Cognitive Psychology.'' With Contributions of the Investigating Cognitive Psychology Boxes by Jeff Mio. 4. edition, international student edition. Thomson Wadsworth Publishing, Belmont CA u. a. 2006, ISBN 0-495-00699-8, (Top-down und Bottom-up in der kognitiven Psychologie).
 
[[Kategorie:Planung und Organisation]]
[[Kategorie:Politische Strategie]]
[[Kategorie:Kommunikationsmodell]]
[[Kategorie:Ökosystemforschung]]
[[Kategorie:Empirie]]
 
{{Wikipedia}}

Aktuelle Version vom 11. August 2022, 12:27 Uhr

Beschreibung

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