Moral

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Die Moral (von lat. mores = Sitten, Gewohnheiten) umfasst im philosophischen Sinn ein System von Werten und Normen, an denen das rechte Handeln des individuellen Menschen, größerer Menschengemeinschaften oder ganzer Kulturen bemessen wird. Der Ausdruck wurde von Cicero in seiner philosophia moralis als Übersetzung des griech. Begriffs ἠθική (êthikê = Ethik) neu geprägt.[1] Dabei hat sich zugleich der Akzent von der durch die Vernunft geleiteten Erkenntnis der geistigen Quelle des Guten auf die praktische Verwirklichung festgesetzter sittlicher Normen und Werte verschoben.

Moral und Ich

Moralisch sein zu können, ist eine Fähigkeit des menschlichen Ichs:

"Im echten Sinn moralisch kann nur das Ich selbst betrachtet werden, nicht einmal beim Astralleib kann man schon von moralischen Impulsen reden. Man kann beim Astralleibe nur insofern von moralischen Impulsen reden, als das Ich während des Lebens im innigen Zusammenhang mit diesem Astralleibe ist und sich dadurch die Impulse der Moralität, die sich im Ich geltend machen, auf den Astralleib übertragen." (Lit.: GA 176, S 352)

Das Ich kann aber die moralischen Kräfte nur entwickeln, wenn es sich vom unmittelbaren Einfluss des Leibesleben emanzipiert und seine Impulse direkt aus dem Geistigen schöpft:

"Man wird niemals mit bloßer Philosophie eine Definition des Moralischen geben können, und es ist das Charakteristische gerade der Philosophie, sofern sie Moralphilosophie sein will, daß sie zu einer richtigen, befriedigenden Definition des Moralischen nicht kommt, wenn sie sich nicht auf den Boden stellt, daß es dem Menschen möglich ist, sein Geistig-Seelisches unabhängig vom Leibe in sich zu erleben. Denn eine andere wirkliche Definition des Moralischen ist nicht möglich, als nur diejenige: Moralisch ist das, was der Mensch beschließt, was der Mensch tut durch Kräfte, die unabhängig von seinem Leibe sind. Eine wirklich moralische Tat, ein wirklich moralischer Impuls geht aus denselben Fähigkeiten der Seele hervor, die durch entsprechende Ausbildung zu den hellsichtigen Fähigkeiten führen." (Lit.: GA 159, S 128f)

Auf früheren planetarischen Entwicklungsstufen konnte der Mensch noch nicht moralisch sein, denn da hatter er noch kein individuelles Ich. Erst als ihm dieses während der Erdenentwicklung verliehen wurde, konnte er beginnen, aus sich heraus Moral zu entwickeln und im moralischen Empfinden und Tun öffnet er sein Ich dem (geistigen) Kosmos und setzt sich mit ihm in Einklang. Vollenden wird sich diese Entwicklung erst auf dem künftigen Vulkanzustand.

"Der Mensch steht zum Wahren, Schönen, Guten so, daß er im Wahren öffnet seinen Ätherleib, zunächst den Ätherteil des Kopfes, unmittelbar dem Kosmos. Im Schönen öffnet er seinen astralischen Leib unmittelbar dem Kosmos. In der Moralität öffnet er unmittelbar sein Ich dem Kosmos. Von Moralität konnte man während der Mondenentwickelung noch nicht sprechen, denn da war der Mensch in bezug auf das, was er tat, noch in eine Notwendigkeit, fast in eine Naturnotwendigkeit eingeschaltet. Moralität beginnt erst auf der Erde. Und die Vollendung wird sie erreichen in der Vulkanentwickelung, wenn alles das, was in den Feuerprozessen des Blutes pulsiert, geläutertes Ich sein wird, von der Moralität geläutertes Ich, von der Moralität ganz ergriffenes Ich: wenn Ich-Kräfte des Menschen und Moralkräfte eines und dasselbe sein werden, und sein Blut, das heißt seine Blutwärme – denn das Materielle ist ja nur das äußere Zeichen –, wenn seine Blutwärme das heilige Feuer des Vulkans sein wird." (Lit.: GA 170, S 74f)

Die übersinnliche moralische Physiognomie des Menschen

Der moralische Entwicklungsgrad des Menschen drückt sich zwar in der Regel nicht direkt in der äußeren, sehr wohl aber in der Physiognomie seiner übersinnlichen Wesensglieder aus:

"Es kann das, was eigentlich ein Egoistisches ist, sehr zurückgedrängt werden unter der Konvention. Aber es ist im Grunde genommen für die moralische Bewertung doch nicht dasjenige maßgebend, was der Mensch tut, sondern man muß tiefer in den menschlichen Charakter, in die menschliche Natur hineinschauen, um den eigentlichen moralischen Wert des Menschen beurteilen zu können. Der moralische Wert drückt sich im astralischen Leibe dadurch aus, daß dieser ein schönes Antlitz nach innen wendet, wenn unegoistische Handlungen, altruistische Impulse im Menschen leben, und einen häßlichen Gesichtsausdruck nach innen wendet, wenn eben egoistische, wenn böse Impulse im Menschen leben. So daß ein Geist, der in dem Menschen drinnen liest, genau ebenso nach dieser Physiognomie beurteilen kann, ob ein Mensch gut oder böse ist, wie man den Menschen nach anderen Eigenschaften an seinem Mienenspiel beurteilen kann. Das alles steht nicht im gewöhnlichen Bewußtsein, aber es ist unweigerlich da. Wenn hier unten eine häßliche Physiognomie sich entwickelt, dann stößt der an den Kosmos gewöhnte Kopf diese Physiognomie zurück, nimmt sie nicht auf, und der Mensch bildet in seinem Ätherischen solch einen Leib aus, wie er beim Ahriman gemacht worden ist, wo das Haupt verkümmert ist, verinstinktiviert ist. Es geht alles in die unteren Glieder des ätherischen Leibes hinein. Das Haupt nimmt das nicht auf, und der Mensch macht sich ahrimanisch in seinem unteren ätherischen Leibe, und durchzieht dann auch sein Haupt mit dem, was dieser ahrimanische Leib noch in das Haupt hineinstößt. Das Haupt bleibt zwar ein Abbild des Kosmos, aber es gehört ihm eigentlich immer weniger und weniger an, weil er es nicht mit seiner eigenen Wesenheit durchdringen kann. Ein unmoralischer Mensch kommt dadurch wenig über sein Leben in der vorigen Inkarnation hinaus. Was sein Haupt geworden ist in der Umbildung aus dem übrigen Leib der vorigen Inkarnation, das bleibt das Haupt auch, und stirbt er, so ist er in bezug auf sein Haupt gar nicht sehr weit gekommen. Dagegen das, was die moralische Phantasie nach innen bewirkt, das strömt beim Menschen bis zum Haupte herauf. Es bewirkt die vertikale Richtung. In der vertikalen Richtung strömt nämlich eigentlich kein Unmoralisches. Dieses schoppt sich zusammen und ahrimanisiert den Menschen. In der vertikalen Richtung strömt nur das Moralische. Und zwar ist das so, daß schon in dem Äther, in dem Wärmeäther des Blutes in vertikaler Richtung die Physiognomie des Unmoralischen zurückgestoßen wird. Das Moralische aber geht mit der Blutwärme schon im Wärmeäther in das Haupt hinauf, noch mehr im Lichtäther, und namentlich im chemischen und Lebensäther. Der Mensch durchdringt mit seinem eigenen Wesen sein Haupt." (Lit.: GA 221, S 118ff)

Siehe auch

Anmerkungen

  1. Cicero, De fato 1; Historisches Wörterbuch der Philosophie: Moral, moralisch, Moralphilosophie, Bd. 6, S. 149

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das Geheimnis des Todes. Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister, GA 159 (1980)
  2. Rudolf Steiner: Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170 (1992)
  3. Rudolf Steiner: Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten, GA 176 (1982)
  4. Rudolf Steiner: Erdenwissen und Himmelserkenntnis, GA 221 (1998)