Persönlichkeitsstörung

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Klassifikation nach ICD-10
F60 Spezifische Persönlichkeitsstörungen
F60.0 Paranoide Persönlichkeitsstörung
F60.1 Schizoide Persönlichkeitsstörung
F60.2 Dissoziale Persönlichkeitsstörung
F60.3 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung
F60.4 Histrionische Persönlichkeitsstörung
F60.5 Anankastische [zwanghafte] Persönlichkeitsstörung
F60.6 Ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung
F60.7 Abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung
F60.8 Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen
F60.9 Persönlichkeitsstörung, nicht näher bezeichnet
F61 Kombinierte und andere Persönlichkeitsstörungen
F21 Schizotype Störung
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Persönlichkeitsstörungen (PS) stellen eine Klasse von psychischen Störungen dar. Bei ihnen sind bestimmte Merkmale der Persönlichkeitsstruktur und des Verhaltens in besonderer Weise ausgeprägt, unflexibel oder wenig angepasst. Sie gehören zu den häufigsten Diagnosen in der Psychiatrie.

Persönlichkeitsstörungen bezeichnen lang andauernde Erlebens- und Verhaltensmuster mit vielfältiger Verursachung (z. B. durch Entwicklungsbedingungen in der Kindheit oder späteren Lebensabschnitten, genetische Faktoren oder erworbene Hirnschäden). Diese Verhaltensmuster weichen von einem flexiblen, situationsangemessenen Erleben und Verhalten in charakteristischer Weise ab. Die persönliche Leistungsfähigkeit im sozialen, beruflichen und privaten Leben ist meist deutlich beeinträchtigt (siehe Lebensqualität bei PS).

Persönlichkeitsstörungen werden nach charakteristischen Merkmalen unterteilt, wobei jedoch häufig Überschneidungen vorkommen. In Psychiatrie und klinischer Psychologie wurden dazu verschiedene Typologien oder Klassifikationen entwickelt, etwa im ICD-10 und DSM-5. Der Begriff Persönlichkeitsstörung ist eng verwandt, aber nicht inhaltlich identisch mit den Begriffen Neurosenstruktur und Neurosendisposition.

Bei Kindern und Jugendlichen finden sich in seltenen Fällen Vorstufen oder Risikokonstellationen von Persönlichkeitsstörungen. Da aber die Entwicklung der Persönlichkeit noch nicht vollendet ist, wird hier eher von einer Persönlichkeitsentwicklungsstörung gesprochen.

Geschichtliches

Für die Persönlichkeitsauffälligkeiten, die man heute unter dem Begriff „Persönlichkeitsstörung“ zusammenfasst, wurde früher der allgemeine Begriff Psychopathie verwendet.[1]

Bereits Philippe Pinel (1809) unterschied zwischen Psychotikern und Psychopathen und benutzte dabei den Begriff „manie sans delire“, wobei er Psychopathie als Beeinträchtigung der affektiven Funktionen bei ungestörten Verstandeskräften definierte.[2] Bénédict Morel (1857) glaubte an die Degenerationslehre: Danach entstünde gewohnheitsmäßige Dissozialität wohl durch die Umwelt, könne dann aber in einer Art Lamarckismus genetisch weitergegeben werden.

Das erste Diathese-Stress-Modell der Persönlichkeitsstörungen wurde von Valentin Magnan & Lagrain (1895) vorgestellt, die vererbten neurophysiologischen Faktoren eine entscheidende Rolle für die Anfälligkeit zusprachen, eine Persönlichkeitsstörung zu entwickeln. Diese könnten aber erst durch psychosoziale Stressoren wirksam werden.

Der Begriff Psychopathie wurde vor allem durch die Monographie über psychopathische Minderwertigkeiten (1891) von Julius Koch geprägt. Koch war ebenfalls Anhänger einer genetischen Degenerationslehre und beschrieb verschiedene Störungstypen wie zart Besaitete oder Stadt- und Weltverbesserer.[3]

Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert erfolgte ein Paradigmenwechsel weg von der Degenerationslehre hin zur Konstitutionslehre. Besonders die deutschen Psychiater Kraepelin und Kretschmer brachten konstitutionelle Faktoren wie Triebstärke oder Körperbau mit verschiedenen Störungen in Verbindung. Ernst Kretschmer untersuchte dabei typische Körperbauformen und damit korrelierende Risiken für psychische Erkrankungen.[4] Mit Kurt Schneiders Die psychopathischen Persönlichkeiten (1923) verschwand in der Terminologie die wertende Begrifflichkeit und in seinen zehn verschiedenen Typen waren bereits die meisten der heute bekannten Persönlichkeitsstörungen enthalten.[5]

Erst 1980 wurde mit Einführung des DSM-III der Begriff „Psychopathie“ durch „Persönlichkeitsstörung“ ersetzt. Die heutige Bedeutung von Psychopathie im forensisch-psychiatrischen Sprachgebrauch ist dagegen begrenzt auf eine extrem schwere Form der Antisozialen (dissozialen) Persönlichkeitsstörung.

Siehe auch

Literatur

Fachbücher

  • Sven Barnow: Persönlichkeitsstörungen: Ursachen und Behandlung. Mit fünf Fallbeispielen. Huber, Bern 2007, ISBN 978-3-456-84406-0.
  • Thomas Bronisch, Martin Bohus, Matthias Dose: Krisenintervention bei Persönlichkeitsstörungen. Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-89007-6.
  • Peter Fiedler, Sabine Herpertz: Persönlichkeitsstörungen. 7. Auflage, Beltz Verlag 2016. ISBN 3-621-28013-8.
  • H. Haltenhof, G. Schmid-Ott, U. Schneider (Hrsg.): Persönlichkeitsstörungen im therapeutischen Alltag. Pabst, Lengerich 2009, ISBN 978-3-89967-517-7.
  • Otto F. Kernberg: Schwere Persönlichkeitsstörungen. 2000, ISBN 3-608-95369-8.
  • Rudi Merod (Hrsg.): Behandlung von Persönlichkeitsstörungen. Ein schulenübergreifendes Handbuch. Dgvt-Verlag, Tübingen 2005, ISBN 3-87159-054-1.
  • Andreas Remmel, Otto F. Kernberg, Wolfgang Vollmoeller: Handbuch Körper und Persönlichkeit. Schattauer, Stuttgart 2006, ISBN 3-7945-2411-X.
  • Rainer Sachse: Persönlichkeitsstörungen verstehen. Zum Umgang mit schwierigen Patienten. 10. Auflage. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2014, ISBN 978-3-88414-508-1.
  • B. Schmitz, P. Schuhler, A. Handke-Raubach, A. Jung: Kognitive Verhaltenstherapie bei Persönlichkeitsstörungen und unflexiblen Persönlichkeitsstilen. Pabst, Lengerich 2002, ISBN 3-935357-38-9.

Leitlinien

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Stichwort Psychopathie In: Uwe Henrik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. 1999, ISBN 3-86047-864-8, S. 420.
  2. Philippe Pinel: Traité Medico-Philosophique sur l'aliénation mentale. Brosson, Paris 1809.
  3. Julius A. Koch: Die psychopathischen Minderwertigkeiten. Maier, Ravensburg 1891–1893.
  4. Ernst Kretschmer: Körperbau und Charakter. Springer, Berlin 1921.
  5. Kurt Schneider: Die psychopathischen Persönlichkeiten. In: Gustav Aschaffenburg (Hrsg.): Handbuch der Psychiatrie. Deuticke, Leipzig 1923.
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