Platonismus

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Platonismus und Platoniker (Anhänger des Platonismus) sind Begriffe, die in verschiedenen Bedeutungen verwendet werden, je nachdem, ob es um die antiken Philosophenschulen geht, die sich auf Platon beriefen (Platoniker im engeren Sinn), oder um die gesamte Philosophiegeschichte (Platonismus in einem weiten Sinn).

Antike

In der Antike verstand man unter einem Platoniker (lateinisch Platonicus oder auch Academicus) einen Philosophen, der in der Regel eine Ausbildung an der von Platon begründeten Akademie oder einer anderen platonischen Philosophenschule erhalten hatte und der sich selbst ausdrücklich als Anhänger Platons auffasste. Diese Platoniker bekannten sich in allen wesentlichen Punkten konsequent zur Lehre Platons. Sie verehrten Platon und begingen seinen Geburtstag als Festtag. Gewöhnlich wollten sie die Lehre Platons nicht verändern, sondern nur interpretieren und gegen die Auffassungen anderer Philosophenschulen verteidigen. In diesem engeren Sinne des Begriffs konnte ein Jude oder Christ eigentlich kein Platoniker sein, da dieser Platonismus auch eine "heidnische" religiöse Dimension hatte (dennoch versuchte Synesios von Kyrene eine Synthese).

Die moderne Forschung unterteilt diesen antiken Platonismus in mehrere Entwicklungsstadien: Alte, Mittlere und Neue Akademie (oder auch ältere und jüngere Akademie), Mittelplatonismus und Neuplatonismus. Schon in der Antike gab es derartige historische Einteilungen, aber die Platoniker akzeptierten das für sich nicht, denn sie legten Wert darauf, einfach nur die ursprüngliche Lehre Platons zu vertreten, wobei sie nur unterschiedliche Akzente setzten.

Mittelalter und Renaissance

Im Mittelalter gab es natürlich keine Platoniker im obigen engeren Sinne mehr. Wenn mittelalterliche Philosophen (und auch antike Christen wie Augustinus oder Boethius) als "Platoniker" bezeichnet werden, ist damit nur gemeint, dass sie in bestimmten Aspekten ihres Denkens von Platon beeinflusst waren. Im Mittelalter geschah solche Beeinflussung meist auf indirektem Weg, besonders über Augustinus, denn damals war im lateinischsprachigen Abendland nur ein sehr kleiner Teil der Werke Platons bekannt (bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts überhaupt nur der Dialog Timaios, und der nicht einmal vollständig). Viele platonisch beeinflusste mittelalterliche Denker fassten sich nicht als Platoniker auf; sie wussten oft nicht einmal, dass oder inwieweit ihr Gedankengut als platonisch galt. Es gab viele Übergänge und Kompromisslösungen zwischen platonischem und nichtplatonischem Denken. Daher ist es im Einzelfall oft nicht möglich zu entscheiden, ob ein Denker als Platoniker zu bezeichnen ist, bzw. die Entscheidung hat etwas Willkürliches. Zu diesem Platonismus im weitesten Sinn des Begriffs rechnet man einen großen Teil der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Philosophie. Dabei geht es hauptsächlich um folgende platonische Lehren:

  • die Ideenlehre. Als Platoniker in diesem Sinn gelten alle, die meinten, dass den durch Allgemeinbegriffe bezeichneten Ideen eine eigenständige Existenz unabhängig von den Einzeldingen zukommt. Diese Denker nennt man Universalienrealisten oder kurz Realisten (im Gegensatz zu den Nominalisten).
  • die Seelenlehre. Die Platoniker meinten, dass die Person im wesentlichen mit der unsterblichen Seele identisch sei, die den Körper nur bewohnt und steuert "wie ein Schiffer das Schiff". Die Aristoteliker hingegen (besonders Thomas von Aquin) betonten, dass die Seele einem bestimmten Körper und nur ihm wesensmäßig zugeordnet sei als seine Form und "Vervollkommnung", also mit ihm dem Wesen nach eine Einheit bilde.
  • die neuplatonische Emanationslehre. Für die Christen waren die Welt und der Mensch unmittelbar durch einen Willensakt Gottes geschaffen. Unter neuplatonischem Einfluss wollten aber manche das so verstehen, dass Welt und Lebewesen in einem stufenweisen Prozess ("Emanation") aus Gott hervorgegangen sind.

Im 15. Jahrhundert wurden zuvor im Westen unbekannte Werke Platons in griechischen Handschriften nach Italien gebracht und ins Lateinische übersetzt. Manche Humanisten, besonders Georgios Gemistos Plethon und Marsilio Ficino, begeisterten sich für Platon und seine Lehre. Platonismus wurde als Gegensatz zum Aristotelismus aufgefasst, und man stritt darüber, ob Platon oder Aristoteles der Vorrang gebühre. Obwohl die Originaltexte Platons nun zur Verfügung standen, knüpften die humanistischen Platoniker in erster Linie an den Neuplatonismus an.

Moderne Philosophie

Von Alfred North Whitehead stammt der Ausspruch, die gesamte abendländische Philosophie bestehe aus "Fußnoten zu Platon". Aber bei modernen Philosophen wird von "Platonismus" gewöhnlich nur dann gesprochen, wenn ihre Vorstellungen eine formale Analogie zu Platons Ideenlehre aufweisen. So definiert Wolfgang Stegmüller Platonismus und Nominalismus als unterschiedliche Möglichkeiten der Interpretation des Sprachsymbols „ist“ im Rahmen der Sprachlogik.

Kritik

Wie jede philosophische Lehre hat auch der Platonismus seine Gegner. Dabei geht es um folgende Punkte:

  • die platonische Verfassungstheorie wird als antidemokratisch und totalitär bekämpft. Diesen Standpunkt vertrat Karl Popper.
  • die platonische Ideenlehre wird vom nominalistischen bzw. konzeptualistischen Standpunkt aus bekämpft. Für die Nominalisten und Konzeptualisten bezeichnen Allgemeinbegriffe keine eigenständige Wirklichkeit, sondern existieren nur im Denken; sie sind nur Konventionen der Menschen zum Zweck der sprachlichen Verständigung. Real sind nur die konkreten Einzeldinge.
  • die platonische Metaphysik, in der die Unsterblichkeit der Seele eine zentrale Rolle spielt, wird vom materialistischen Standpunkt aus bekämpft. Die Seele wird für sterblich erklärt oder ihre Existenz überhaupt bestritten.

Literatur

  • Heinrich Dörrie/Matthias Baltes: Der Platonismus in der Antike. Grundlagen - System - Entwicklung. Bd. 1-6/2. Stuttgart-Bad Cannstatt 1987-2002. ISBN 3-7728-0358-X. - Band 7 noch nicht erschienen (Januar 2006)
  • Stephen Gersh/Maarten J.F.M. Hoenen (Hg.): The Platonic Tradition in the Middle Ages. Berlin-New York 2002. ISBN 3-11-016844-8
  • James Hankins: Plato in the Italian Renaissance. Leiden-New York-Köln 1994. ISBN 90-04-10095-4

Weblinks


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