Raffael: Disputa del Sacramento

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Disputa del Sacramento („Disput über das Sakrament“) ist der heute geläufige Titel des von Raffael im Auftrag von Papst Julius II. von 1509 bis 1510 angefertigten großflächigen Wandfreskos an der Westwand der Stanza della Segnatura des Vatikans. Der Titel geht nicht auf Raffael zurück, sondern wurde erstmals 1550 von Giorgio Vasari erwähnt. Die „Disputa“ bildet einen gemeinsamen Bilderzyklus mit den Fresken der anderen drei Wände. Auf der gegenüber liegenden Ostwand findet sich die herkömmlich als Schule von Athen bezeichnete Darstellung; die Südwand zeigt die vier Kardinaltugenden und die drei christlichen Tugenden und die nördliche Wand den Parnass.

Disputa del Sacramento

„An der anderen Wand sehen wir das Bild, das jedem, gleichgültig, welchem religiösen Bekenntnisse er angehören mag, unvergeßlich bleiben muß - so wenig man jetzt noch eine Vorstellung davon bekommen kann -, das Bild, auf dem ein Innerstes dargestellt wird, die «Disputa». Während die anderen Bilder darstellen, wozu man sich durch ein gewisses philosophisches Streben hindurchringt, aber in griechischer Formenschönheit, tritt uns in dem gegenüberliegenden Bilde das Tiefste entgegen, was die Menschenseele erleben kann. Und wie wir nicht an ein enges christliches Bewußtsein zu denken brauchen, das zeigt sich uns hier, wenn wir das Brahma-, Vishnu-, Shiva-Motiv in einer ganz anderen Art ausgedrückt finden. Wir sehen als die Dreieinigkeit uns entgegentreten, was die menschliche Seele innerlich erleben kann, jede Seele, welchem Bekenntnisse sie auch angehört. Es tritt uns entgegen, aber nicht bloß symbolisch dargestellt, in der Symbolik der Dreieinigkeit in dem oberen Teile des Bildes. Es tritt uns weiter entgegen in jedem Antlitz der Kirchenväter und der Philosophen, in jeder Handbewegung, in der ganzen Verteilung der Gestalten, in der wunderbaren Farbengebung. Es tritt uns entgegen in der Totalität des Bildes, welches uns ein Innerliches der Menschenseele gibt in der schönen, vom griechischen Geiste durchzogenen Form. So sehen wir die Innerlichkeit, welche die Menschenseele im Verlaufe von anderthalb Jahrtausenden erlebt hat, als äußere Offenbarung wieder auferstehen. Wir sehen das Christentum nicht als das Heidentum der römischen Päpste und Kardinale, sondern als das schöne, herrliche Gestalten schaffende griechische Heidentum - und doch Christentum - in den Bildern Raffaels wiedererstehen.“ (Lit.:GA 62, S. 314f)

„Auf der «Disputa» des Raffael kann man sehen, wie in den Grundtönen von unten nach oben in der Tat mit gewisser Richtigkeit wiedergegeben ist jenes Erlebnis, das der Mensch hat, wenn er in die höheren Welten sich erhebt. Das ist eine Notwendigkeit, dieses stufenweise Erleben des Überganges von den niederen zu den höheren Welten bis zur Anschauung jener Genien, welche aus dem Goldgrund auftauchen.“ (Lit.:GA 98, S. 43f)

„Das ist nicht etwa bloße Phantasie, sondern etwas, was für den, der die astralische Welt sehen kann, eine volle Wirklichkeit ist. So ist die astralische Welt, die uns als wogendes Lichtmeer umgibt, angefüllt mit Wesenheiten, die gleichsam in einer unendlichen Lebendigkeit an jedem Punkt aus dem Raum hervorsprießen. So nimmt sich in jeder Beziehung der astralische Plan aus; bewegtes geistiges Leben ist in ihm. Nun soll nicht etwa gesagt werden, daß die Maler, die zur Zeit Raffaels gelebt haben, noch im vollen Umfange diese Anschauung gehabt haben. Das wäre zu viel gesagt; aber es waren große Vorgänger dieser Maler da, deren Werke längst nicht mehr vorhanden sind, die in mancher Beziehung wirkliche Hellseher waren, die aus ihrer Hellsichtigkeit heraus die Tradition so angegeben haben, daß ein Maler wie Raffael, auch wenn er nicht Hellseher war, aus der Überlieferung wußte: so ist es, und daher sachgemäß das wiedergeben konnte. Noch viel sachgemäßer sind ältere Bilder aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Wenn Sie zurückgehen und zu einer Zeit kommen, die am meisten bekannt ist durch den Maler Cimabue, so werden Sie sehen, wie auf den Bildern Ihnen die merkwürdige Erscheinung des Goldgrundes entgegentritt, und wie aus ihm herauswachsen Engel- oder Geniengestalten. Auch das entspricht in vollem Sinne der Wirklichkeit des astralischen Anschauens. Bis auf den Goldgrund hin entspricht das der Wirklichkeit. Denn tatsächlich, wenn wir in die höheren Partien des astralischen Planes kommen, verwandelt sich das flutende Lichtmeer, das in anderen Farbentönen erglänzt und durchhellt ist, in ein solches flutendes Lichtmeer, das wie von Gold durchglüht erscheint. Das ist sehr schön wiedergegeben auf einem Bilde von Raffael, auf einem Fresko, die «Disputa», vis-a-vis zu einem anderen Bild, das genannt wird «Schule von Athen», ein Name, der eigentlich am besten gestrichen werden sollte. Auf der «Disputa» haben Sie ganz unten die disputierenden Menschen - wie man glaubt: Kirchenväter, Päpste, Kirchenlehrer -, dann beginnt die Region der Apostel und Propheten, und dann gliedert sich daran die Region, die bei Raffael in den Genienköpfen wiedergegeben ist, das ist diejenige Region, die wir den niederen Astralplan nennen können. Weiter oben haben Sie auf demselben Bilde die Region des höheren Astralplanes golddurchglüht richtig wiedergegeben. Daher wirken die Bilder dieser alten Maler so überzeugend, weil der, der diese Dinge weiß, die Wahrheit des inneren Schauens in ihnen wiedergegeben findet. Auch auf den, der das nicht weiß, wirken sie überzeugend, weil er im Unterbewußtsein fühlen kann, aus welch tiefer Wahrheit heraus diese Dinge geschaffen sind. Ich erwähne dies, um darauf aufmerksam zu machen, wie die Menschen in früheren Zeiten sich dieser höheren Wirklichkeiten bewußt waren und sie auch im Bilde wiedergegeben haben.“ (Lit.:GA 101, S. 30f)

Nach Rudolf Steiner ist die konsekrierte Hostie ein Mittel, um in die geistige Welt hineinzuschauen, wie es Raffael in seiner „Disputa“ dargestellt hat:

„Wir müssen wiederum dazu kommen - alle diejenigen, die sich um das spirituelle Leben bemühen wollen - , daß verstanden werden kann, warum eigentlich Raffael diese «Disputa» aus seinem Zeitbewußtsein heraus gemalt hat. Da oben sind die himmlischen Welten mit der Dreifaltigkeit, unten das Sanctissimum auf dem Altar und die Kirchenväter und Theologen. Das alles ist aber nicht das Wesentliche in dem Bilde, sondern das Wesentliche ist, daß ein Theologe, der nicht ein Frivolling war - das waren ja allerdings dazumal schon viele -, der es noch ernst meinte mit seiner Theologie und aus dessen Seele heraus RaflFael malte, das Bewußtsein hatte: Wenn die Hostie, das Sanctissimum, konsekriert ist und man durch sie hindurchschaut, dann schaut man auf die Welt, die Raffael im oberen Teil der «Disputa» gemalt hat. - Es ist wirklich die konsekrierte Hostie das Mittel, um durchzuschauen und in die geistige Welt hineinzuschauen. Deshalb hat Raffael die Sache gemalt.“ (Lit.:GA 191, S. 64f)

„Schauen wir uns einmal mit geistigen Augen die «Disputa» an. Da sehen wir in der Mitte den Gott-Vater, den Gott-Sohn oder den Christus, und darunter die Taube des Geistes. Und jetzt gedenken wir mancher anderer Bilder, die wir in den mannigfaltigsten Galerien finden können. Überall, wenn Sie Gelegenheit haben, diese oder jene Galerie sich anzusehen, können Sie solche Bilder finden, die noch aus guten großen Traditionen heraus künstlerisch geschaffen sind. Das Bild werden Sie vielfach finden können: den Christus hervorgehend aus einer Gestalt wie ein Vogel, wie aus einem Flügelwesen herausgeboren werdend. Denn das ganze Mysterium des Christus, dieses ganze Herabsteigen aus den höheren Welten, hatte man einmal empfunden wie ein Entringen aus einer Natur, die auch räumlich als höhere Welt dargestellt worden ist: daher das Herausringen aus der Vogelgestalt. - Der Christus aus dem Vogel herausgeboren: stellen wir dieses Bild einmal vor unsere Seele hin, und mit dieser Idee verfolgen wir die «Disputa». Da finden wir auch ein Vogelwesen darauf, die Taube des Geistes. Oh, diese Taube des Geistes, die sozusagen unter all den christlichen Symbolen wie ein großes Rätselsymbolum dasteht, sie schließt viel in sich. Es wird nämlich der Maler der Zukunft das zu malen haben, was aus dieser Taube des Geistes geboren wird. Diese Taube des Geistes ist ein vorübergehendes Symbolum; das wird in der Trinität durch ein anderes ersetzt werden. Einstmals wird das Symbolum erstehen, wie aus der Taube des Geistes die durch die theosophische Bewegung und theosophische Weisheit befreite Menschenseele geboren wird: Eine jegliche Menschenseele, die den Impuls der Theosophie in sich aufnehmen will, wird auf einer höheren Stufe wiedergeboren werden, geistig, in einer neuen Form. Diese Taube des Geistes wird ihre Form brechen; und was da hervorgeht, das wird die Menschenseele sein, die zu ihrem Lebensblut hat jene geistige Weltanschauung, die uns heute in ihrer ersten Form als Theosophie entgegentritt. Da werden wieder andere, neue Gestalten um dieses Symbolum herum sein. Es werden die befreiten Gestalten derjenigen, die da herum sind, in ihrem Ausdruck zeigen, was in ihren Seelen lebt: wie durch Ereignisse der geistigen Welten, die sich dem Blicke des Menschen erschließen, der sich über die Sinneswelt erhebt, die Seelen befreit werden, und wie die Menschen als befreite Seelen jeder einzelne einer jeden anderen Seele erst in wahrer Brüderlichkeit und Liebe gegenüberstehen kann.“ (Lit.:GA 284, S. 129f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Ergebnisse der Geistesforschung, GA 62 (1988), ISBN 3-7274-0620-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Natur- und Geistwesen – ihr Wirken in unserer sichtbaren Welt, GA 98 (1996), ISBN 3-7274-0980-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Mythen und Sagen. Okkulte Zeichen und Symbole, GA 101 (1992), ISBN 3-7274-1010-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis, GA 191 (1989), ISBN 3-7274-1910-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Bilder okkulter Siegel und Säulen. Der Münchner Kongreß Pfingsten 1907 und seine Auswirkungen., GA 284 (1993), ISBN 3-7274-2840-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks

Commons-logo.png Commons: Raffael: Disputa del Sacramento - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema