Soziale Gemeinschaft: Unterschied zwischen den Versionen

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                   <small>5. November 1920 Rudolf Steiner
 
                   <small>5. November 1920 Rudolf Steiner
                                                 Für Edith Maryon
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Eine '''soziale Gemeinschaft''' ist eine '''Menschengemeinschaft''', d.h. eine '''Gruppe''' von [[Mensch]]en, die etwas miteinander ''gemein'' (von {{idg|*mei-|tauschen, wechseln}}) haben. Das Gemeinschaftliche kann dabei auf [[leib]]lichen, [[seelisch]]en und/oder [[geist]]igen Faktoren beruhen. Umfassendere und über längere Zeiträume bestehende soziale Gemeinschaften bilden die [[Gesellschaft]].
 
Eine '''soziale Gemeinschaft''' ist eine '''Menschengemeinschaft''', d.h. eine '''Gruppe''' von [[Mensch]]en, die etwas miteinander ''gemein'' (von {{idg|*mei-|tauschen, wechseln}}) haben. Das Gemeinschaftliche kann dabei auf [[leib]]lichen, [[seelisch]]en und/oder [[geist]]igen Faktoren beruhen. Umfassendere und über längere Zeiträume bestehende soziale Gemeinschaften bilden die [[Gesellschaft]].
  

Version vom 22. Mai 2019, 12:01 Uhr

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Heilsam ist nur, wenn
Im Spiegel der Menschenseele
Sich bildet die ganze Gemeinschaft
Und in der Gemeinschaft
Lebet der Einzelseele Kraft.

                  5. November 1920 Rudolf Steiner
                                                 Für Edith Maryon
|in «In Ausführung der Dreigliederung ...» (Lit.:GA 40, S. 298)}}
Eine soziale Gemeinschaft ist eine Menschengemeinschaft, d.h. eine Gruppe von Menschen, die etwas miteinander gemein (von idg. *mei- „tauschen, wechseln“) haben. Das Gemeinschaftliche kann dabei auf leiblichen, seelischen und/oder geistigen Faktoren beruhen. Umfassendere und über längere Zeiträume bestehende soziale Gemeinschaften bilden die Gesellschaft.

== Übersicht ==

Die Blutsverwandtschaft beruht auf leiblicher Abstammung; teilweise kann das auch bei der Zugehörigkeit zu einer Familie (nicht aber bei Adoption und nur partiell bei Patchworkfamilien) oder zu einem Volk bzw. zu einer Volksgruppe der Fall sein. Durch die gemeinsame Tradition, durch gemeinsame Lebensgewohnheiten, aber auch durch die äthergeographischen Verhältnisse entsteht eine mehr oder weniger starke ätherische Verbindung, eine gemeinsame Ätherhülle. Die physisch-geographischen terrestrischen Kräfte wirken sogar bis in den physischen Leib.

Das Gemeinschaftsgefühl, das Wir-Gefühl (→ Kohäsion), das in alten Zeiten schon unmittelbar durch das gemeinsame Blut gegeben war, muss heute zunehmend aktiv errungen werden. Die seelische Gemeinschaft kann bis zur echten Seelenverwandtschaft gesteigert sein. Entscheidend sind hier oft auch karmische Faktoren und vorgeburtliche Erlebnisse. Am wichtigsten für die zukünftige Entwicklung ist die Bildung freier geistiger Gemeinschaften, die dem Individuum die Möglichkeit geben, am andern Individuum geistig zu erwachen - und damit für die geistige Welt überhaupt. Durch freie geistige Gemeinschaften wird das Tor zu höheren geistigen Kräften geöffnet, die dem einzelnen Menschen nicht zugänglich sind. Dadurch wird auch erst wieder eine echte Gemeinschaft der Lebenden und der Toten möglich, die in der fernen Vergangenheit zu den blutsverwandten Ahnen unmittelbar gegeben war. Dann erst nähern wir uns dem höchsten Ziel einer wirklichen Menschheitsgemeinschaft.

„Es ist bei jeder menschlichen Gemeinschaft so, daß aus der
Gemeinschaft heraus dem Menschen Kräfte zufließen, nur muß die Gemeinschaft
eine wirkliche Gemeinschaft sein. Man muß sie fühlen, empfinden
und erleben.“ (Lit.:GA 316, S. 110)



== Das Vorbild der Natur ==

Zahlose Vorbilder für die Bedeutung der Gemeinschaftsbildung lasssen sich in der lebendigen und beseelten Natur finden. Man darf sich hier nur nicht durch das einseitige Bild des Darwinismus blenden lassen, wonach die ganze Evolution auf dem Prinzip des „Kampfes ums Dasein“ begründet sei. Schon Kropotkin hat darauf hingewiesen, wie verbreitet dengegenüber das Prinzip der „Gegenseitigen Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ ist. Das zeigt sich ganz besonders deutlich schon am Zusammenwirken der einzelnen Zellen in einem Organismus, der ohne diese harmonische Zusammenarbeit seiner „Bestandteile“ gar nicht existieren könnte. Das dabei auch durch eine Art von „Kampf ums Dasein“ unbrauchbare oder schädliche Teile abgetötet und ausgeschieden werden, ist kein taugliches Gegenargument. Letzlich kommt es auf das richtige Gleichgewicht von aufbauenden und abbauenden Kräften an. Die eigentliche Lebensfähigkeit des Organismus beruht aber auf der reibungslosen Zusammenarbeit seiner Organe und Zellen. In weiterer Konsequenz wird es auch erst dadurch möglich, dass sich höhere seelische und geistige Kräfte in diesem Organismus verkörper. Nicht anders ist es auch bei sozialen Gemeinschaften. Durch ihr Zusammenwirken strömen der Gemeinschaft Lebenskräfte, d.h. Ätherkräfte zu. Der Ätherleib jedes einzelnen Mitglieds wird dadurch nachhaltig gestärkt - ein nicht unwesentlicher Gesundheitsfaktor! Das Ätherische, das gesunde Zusammenleben, bildet die Grundlage des Sozialen überhaupt. Darüber hinaus kann sich erst durch die Gemeinschaft ein höheres Seelisches und Geistiges offenbaren, das dem einzelnen Individuum in dieser Form gar nicht zugänglich ist. Darauf hat auch Rudolf Steiner nachdrücklich hingewiesen.

„Wir sehen in der ganzen Natur Vorbilder des Zusammenwirkens
von Einzelwesen in einem Ganzen. Nehmen Sie
bloß den menschlichen Körper. Er besteht aus selbständigen
Wesen, aus Millionen und Abermillionen von einzelnen
selbständigen Lebewesen oder Zellen. Wenn Sie einen Teil
dieses menschlichen Körpers unter dem Mikroskop betrachten,
so rinden Sie, daß er geradezu aus solchen selbständigen
Wesen zusammengesetzt ist. Wie wirken sie aber zusammen?
Wie ist dasjenige selbstlos geworden, das in der Natur
ein Ganzes bilden soll? Keine unserer Zellen macht ihre
Sonderheit in egoistischer Weise geltend. Das Wunderwerkzeug
des Gedankens, das Gehirn, ist ebenfalls aus Millionen
feiner Zellen gebildet, aber jede wirkt an ihrem Platze in
harmonischer Weise mit den andern. Was bewirkt das Zusammenwirken
dieser kleinen Zellen, was bewirkt es, daß
ein höheres Wesen innerhalb dieser kleinen Lebewesen zum
Ausdrucke kommt? Des Menschen Seele ist es, die diese
Wirkung hervorbringt. Aber niemals könnte die menschliche
Seele hier auf Erden wirken, wenn nicht diese Millionen
kleiner Wesen ihre Selbstheit aufgeben und sich in den
Dienst des großen, gemeinsamen Wesens stellen würden,
das wir als die Seele bezeichnen. Die Seele sieht mit den
Zellen des Auges, denkt mit den Zellen des Gehirns, lebt
mit den Zellen des Blutes. Da sehen wir, was Vereinigung
bedeutet. Vereinigung bedeutet die Möglichkeit, daß ein
höheres Wesen durch die vereinigten Glieder sich ausdrückt.
Das ist ein allgemeines Prinzip in allem Leben. Fünf Menschen,
die zusammen sind, harmonisch miteinander denken
und fühlen, sind mehr als 1 + 1 + 1 + 1 + 1, sie sind nicht
bloß die Summe aus den fünf, ebensowenig wie unser Körper
die Summe aus den fünf Sinnen ist, sondern das Zusammenleben,
das Ineinanderleben der Menschen bedeutet
etwas ganz Ähnliches, wie das Ineinanderleben der Zellen
des menschlichen Körpers. Eine neue, höhere Wesenheit ist
mitten unter den fünfen, ja schon unter zweien oder dreien.
«Wo zwei oder drei in meinem Namen vereinigt sind, da
bin ich mitten unter ihnen.» Es ist nicht der eine und der
andere und der dritte, sondern etwas ganz Neues, was durch
die Vereinigung entsteht. Aber es entsteht nur, wenn der
einzelne in dem andern lebt, wenn der einzelne seine Kraft
nicht bloß aus sich selbst, sondern auch aus den andern
schöpft. Das kann aber nur geschehen, wenn er selbstlos in
dem andern lebt. So sind die menschlichen Vereinigungen
die geheimnisvollen Stätten, in welche sich höhere geistige
Wesenheiten herniedersenken, um durch die einzelnen Menschen
zu wirken, wie die Seele durch die Glieder des Körpers
wirkt.“ (Lit.:GA 54, S. 191)



== Karmische und vorgeburtliche Ursachen der Gemeinschaftsbildung ==

„Da müssen wir unterscheiden zwischen
dem, was uns mit anderen Menschen durch unser eigentliches Schicksal,
durch unser Karma in Beziehung bringt, und dem, was nicht in
diesem engsten Sinne mit unserem individuellen Karma zusammenhängt.
Wir haben auf der einen Seite gewisse Beziehungen zu den
Menschen, die sich einstellen in unserem Leben; wir knüpfen neue Beziehungen
an zu einzelnen Menschen. Wir haben Beziehungen, die
nichts anderes sind als die Wirkungen von anderen Verhältnissen, die
in früheren Erdenleben sich angeknüpft haben. Wir knüpfen hier
wiederum Verhältnisse an, die ihre karmische Entwickelung in späteren
Erdenleben finden werden. Das gibt eine ganze Menge von individuellen
Beziehungen der einzelnen Menschen zu anderen einzelnen
Menschen. Diese Beziehungen, die im wesentlichen mit unserem Karma
im engsten Sinne zusammenhängen, müssen wir unterscheiden von den
weiteren Beziehungen, in die wir dadurch zu Menschen kommen, daß
wir mit ihnen solche Gemeinschaften schließen, durch welche wir einer
religiösen Gemeinde, einem Glaubensbekenntnis mit ihnen gemeinsam
angehören, daß wir mit ihnen in gleichem Sinne erzogen werden, mit
ihnen gemeinschaftlich ein Buch lesen und dergleichen, mit ihnen gemeinsam
irgendeine Kunst genießen und so weiter. Diese Menschen,
mit denen wir also in eine irdische Gemeinschaft kommen, müssen
nicht immer durch eine karmische Beziehung aus einem früheren Erdenleben
mit uns zusammen sein. Es gibt allerdings auch solche Gemeinschaften,
die auf gemeinsame Schicksale in früheren Erdenleben
hinweisen, aber mit diesen großen Gemeinschaften, von denen ich eben
gesprochen habe, ist dieses in der Regel nicht der Fall. Doch führt es
auf etwas anderes zurück. Es führt darauf zurück, daß wir gegen das
Ende der Zeit, die wir in der übersinnlichen Welt zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt durchleben, wenn wir in dem Zeiträume ankommen,
der nahe liegt unserer neuen Wiederverkörperung, geistige
Beziehungen eingehen - weil wir bis zu einem gewissen Grade da reif
werden für solche geistige Beziehungen - zu den Hierarchien der
Angeloi, Archangeloi und Archai, also geistige Beziehungen zu den
höheren Hierarchien überhaupt; aber daß wir in der geistig-übersinnlichen
Welt vor unserer neuen Geburt auch anderen Menschenseelen
nahekommen, die später verkörpert werden als wir, die in irgendeiner
Weise noch länger auf ihre Verkörperung zu warten haben.
Wir haben eine ganze Summe von übersinnlichen Begegnungen, die
wir gerade durch unsere besondere Reife machen, bevor wir wiederum
durch eine Geburt in das Erdenleben hereingezogen werden. Und
diese Kräfte, die wir dabei aufnehmen, die stellen uns auf der Erde
an denjenigen Platz hin, wo es uns möglich wird, solche Gemeinschaften
des irdisch-geistigen Lebens zu erleben, von denen ich eben
gesprochen habe.“ (Lit.:GA 193, S. 48f)



== Gemeinschaftsbildung im Bewusstseinsseelenzeitalter ==

„Dadurch, daß der Mensch die Naturerscheinungen in der
neueren Naturwissenschaft aussondern muß, daß er sich
entfernt von der Natur, dadurch wird er als Persönlichkeit
auf sich gestellt. Dadurch aber war er zunächst, bevor er
nun wiederum auf jenem übersinnlichen Weg, den ich angedeutet
habe, zur übersinnlichen Welt kam, um sich wieder
in die Welt hineinzustellen - wie er früher natürlich drinnengestanden
war, so jetzt übersinnlich —, bevor er zu
diesem Weg kam, den er nunmehr gegen die Zukunft hin
zu beschreiten haben wird, war der Mensch gewissermaßen
rein auf die Spitze seiner Persönlichkeit gestellt. Die Naturwissenschaft
hat ihn auf die Spitze der Persönlichkeit gestellt.
Die Naturwissenschaft hat die ganze Seelenverfassung
bestimmt. Sie hatte seine Instinkte eingenommen.
Dadurch stehen sich die modernen Menschen nicht so wie
die alten Menschen als Bluts- oder Zunftverwandte, sondern
sie stehen sich als Individualitäten, als Persönlichkeiten
gegenüber. Sie müssen aus der Freiheit heraus ihre Vereinigungen,
ihre sozialen Gemeinschaften suchen. Und sie
haben sie daher zunächst nur aus Instinkten gefunden, aber
aus Instinkten, die etwas Widerspruchsvolles haben, weil
die Zeit der Instinkte vorüber ist, weil der Mensch auf der
einen Seite nicht mehr instinktiv denken kann, sondern
bewußt denken muß unter der Erziehung der Naturwissenschaft.
Und auf der anderen Seite hatte der Mensch noch
nicht die Möglichkeit, sich wieder durch übersinnliche Erkenntnis
in die Welt hineinzustellen. Daher stellte er sich
hinein in eine neue Welt, über die er dachte, und in die
alte Welt so, wie er nicht mehr über sie dachte. Die alten
Instinkte pflanzte er fort in die Welt, die ihm durch das
moderne naturwissenschaftliche Denken gar nicht mehr vor
der Seele lag. Dadurch kam, wenn man tiefer seelisch erfaßt,
was durch die neuere Menschheit weht, jener klaffende
Widerspruch in das moderne soziale Leben hinein.“ (Lit.:GA 73, S. 316f)



Für unser gegenwärtiges Bewusstseinsseelenzeitalter ist es besonders bedeutsam, dass der Mensch in der Gemeinschaft am anderen Menschen in einem noch höheren Sinn erwachen kann.

„Nehmen Sie die zwei jedem Menschen ja gut bekannten Bewußtseinszustände,
die vorhanden sind: den träumenden Menschen und den
Menschen im gewöhnlichen wachen Tagesbewußtsein. Wie ist es beim
träumenden Menschen? Beim schlafenden Menschen, der nicht träumt,
ist es ja ebenso, denn traumlos schlafen heißt nur, daß die Träume so
sehr herabgedämpft sind, daß man sie nicht merkt. Also wie ist es beim
träumenden Menschen?

Er lebt in seiner Traumbilderwelt. Er lebt in derselben, indem sie
oftmals für ihn viel anschaulicher, viel tiefer ins Herz gehend ist - das
kann man schon sagen - als dasjenige, was man im Alltag beim wachen
Tagesbewußtsein erlebt. Aber man erlebt es isoliert. Man erlebt es als
die einzelne menschliche Persönlichkeit. In einem und demselben Zimmer
können zwei Menschen schlafen, sie haben zwei ganz verschiedene
Welten in ihrem Traumbewußtsein. Sie erleben diese Welten nicht miteinander.
Jeder erlebt sie für sich; sie können sich höchstens hinterher
den Inhalt erzählen.

Wacht der Mensch auf aus dem Traumbewußtsein in das gewöhnliche
Tagesbewußtsein, so nimmt er durch seine Sinne dieselben Dinge
wahr, die derjenige, der ihm zunächst steht, auch wahrnimmt. Eine
gemeinschaftliche Welt tritt ein. Der Mensch erwacht zu einer gemeinschaftlichen
Welt, indem er aus dem Traumbewußtsein in das wache
Tagesbewußtsein übergeht. Ja, an was erwacht denn der Mensch aus
dem Traumbewußtsein ins wache Tagesbewußtsein? Er erwacht am
Licht, am Geräusch, an seiner natürlichen Umgebung — in dieser Beziehung
machen auch die andern Menschen keine Ausnahme - zum
wachen Tagesbewußtsein, zum gewöhnlichen wachen Tagesbewußtsein.
Aus dem Traum heraus erwacht man an dem Natürlichen des andern
Menschen, an seiner Sprache, an dem, was er einem sagt, und so weiter,
an der Art und Weise, wie sich seine Gedanken und Empfindungen in
die Sprache hineinkleiden. An dem, wodurch der gewöhnliche Mensch,
der andere Mensch sich natürlich auslebt, erwacht man. Also man erwacht
an der natürlichen Umgebung zum gewöhnlichen Tagesbewußtsein.
In allen früheren Zeitaltern war es so, daß der Mensch aus dem
Traumbewußtsein ins wache Tagesbewußtsein an der natürlichen Umgebung
erwachte. Und dann hatte er an seiner natürlichen Umgebung
zugleich das Tor, durch das er, wenn er es tat, in ein Übersinnliches
hineindrang.

Mit dem Erwachen der Bewußtseinsseele, mit dem Entfalten der Bewußtseinsseele
ist in dieser Beziehung ein neues Element hereingetreten
ins Menschenleben. Da muß es nämlich noch ein zweites Erwachen
geben, und dieses zweite Erwachen wird immer mehr und mehr als ein
Bedürfnis der Menschheit auftreten: Das ist das Erwachen an Seele
und Geist der andern Menschen. Im gewöhnlichen wachen Tagesleben
erwacht man ja nur an der Natur des andern Menschen; aber an Seele
und Geist des andern Menschen will der Mensch erwachen, der selbständig,
der persönlich durch das Bewußtseinszeitalter geworden ist.
Er will an Seele und Geist des andern Menschen erwachen, er will dem
andern Menschen entgegentreten so, daß der andere Mensch in seiner
eigenen Seele einen solchen Ruck hervorbringt, wie es gegenüber dem
Traumleben das äußere Licht, das äußere Geräusch und so weiter hervorbringt.

Dieses Bedürfnis ist einmal ein ganz elementares seit dem Beginne
des 20. Jahrhunderts und wird immer stärker werden. Das ganze 20.
Jahrhundert hindurch wird, trotz allem seinem chaotischen, tumultuarischen
Wesen, das die ganze Zivilisation durchsetzen wird, dieses als
Bedürfnis aufzeigen: es wird sich einstellen das Bedürfnis, daß Menschen
an dem andern Menschen in einem höheren Grade werden erwachen
wollen, als man erwachen kann an der bloßen natürlichen
Umgebung.“ (Lit.:GA 257, S. 175ff)



== Anthroposophische Gemeinschaftsbildung ==

„Nun, wir mögen noch so schöne Ideen aufnehmen aus der Anthroposophie,
aus dieser Kunde von einer geistigen Welt, wir mögen
theoretisch durchdringen alles dasjenige, was von uns vom Äther-,
Astralleib und so weiter gesagt werden kann, wir verstehen dadurch
noch nicht die geistige Welt. Wir beginnen das erste Verständnis für
die geistige Welt erst zu entwickeln, wenn wir am Seelisch-Geistigen
des andern Menschen erwachen. Dann beginnt erst das wirkliche Verständnis
für die Anthroposophie. Ja, es obliegt uns, auszugehen von
jenem Zustande für das wirkliche Verständnis der Anthroposophie,
den man nennen kann: Erwachen des Menschen an dem Geistig-Seelischen
des andern Menschen.“ (Lit.:GA 257, S. 116)



„Es wird sich bei geistgemäßer
Einstellung ein eigenartiges Verhältnis ergeben in bezug auf die
durch die Meditationen gebildete geistige Substanz, ein Verhältnis
jedes Einzelnen zum Ganzen. Dieses Verhältnis wird sich so gestalten
können: Zu gegebenen Zeiten und für bestimmte Aufgaben wird
sich alles, was durch die Gemeinschaft erarbeitet wird, auf einen
Einzelnen konzentrieren. Er wird dann für seine Aufgaben gewissermaßen
mit der ganzen spirituellen Substanz der Gemeinschaft
begnadet.

Wenn die anderen, die zur Gemeinschaft gehören, nun richtig
verstehen, was geschieht, werden sie neidlos, ja mit einer berechtigten
Mitfreude darauf hinschauen, wie dem Einen in diesem Augenblick
alles gegeben ist. Dieser Eine wird umgekehrt nicht nur seinen
eigenen Tugenden oder Talenten zuschreiben können, wenn ihm
jetzt viel gelingt. Er wird das Bewußtsein haben, daß er in wesentlichen
Teilen mit aus dem heraus arbeitet und wirkt, was ihm die
anderen gegeben haben. Und das wird ihn zur Bescheidenheit und
Dankbarkeit aufrufen.“ (Lit.:GA 266c, S. 465f)



== Literatur ==

  1. Rudolf Steiner: Die Welträtsel und die Anthroposophie, GA 54 (1983), ISBN 3-7274-0540-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die Ergänzung heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie, GA 73 (1987), ISBN 3-7274-0730-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Der innere Aspekt des sozialen Rätsels, GA 193 (1989), ISBN 3-7274-1930-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Anthroposophische Gemeinschaftsbildung, GA 257 (1989), ISBN 3-7274-2570-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, Band III: 1913 und 1914; 1920 – 1923, GA 266/3 (GA 266c) (1998), ISBN 3-7274-2663-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heikunst, GA 316 (2003), ISBN 3-7274-3160-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org


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