Stein der Weisen

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Die Bereitung des Steins der Weisen (lat. Lapis philosophorum, arab.  الإكسير , El Iksir, von griech. xerion = Stein, wovon sich das dt. Wort „Elixier“ ableitet) ist das Opus Magnum, das Ziel und Meisterstück der alchemistischen Arbeit, durch die die rohe, durch den Sündenfall verdorbene prima materia zur reinen, vollkommen durchgeistigten ultima materia, eben dem Stein der Weisen, veredelt werden soll. Der Stein der Weisen wird oft auch bezeichnet als: Roter Löwe (Roter Leu), Großes Elixier oder Rotes Elixir, Magisterium, Rote Tinktur, Panazee des Lebens, Astralstein oder Philosophischer Stein. Der Schlüssel zur Bereitung des Steins der Weisen soll nach alchemistischer Tradition bereits in den 13 Absätzen der Tabula Smaragdina des Hermes Trismegistos gegeben sein.

Die Zubereitung des Steins der Weisen ist nicht, wie es oft missverständlich aufgefasst wird, primär auf bestimmte Hantierungen mit äußeren Substanzen ausgerichtet, sondern bedeutet vielmehr eine schrittweise zu entwickelnde geistige Arbeit, die einmal zur völligen Vergeistigung des physischen Leibes führen soll. Allerdings war die äußere alchemistische Arbeit dabei eine wichtige und notwendige Hilfe, um die inneren Wandlung herbeizuführen, und ungekehrt sollte die dadurch errungene geistige Kraft auf die äußeren Substanzen, mit denen man arbeitete, veredelnd zurückwirken.

Das Opus Magnum

Die Bereitung des Steins der Weisen verläuft über vier grundlegende Stufen, die mit den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer korrespondieren, die durch die Aufnahme der quinta essentia, der Ätherkräfte, schrittweise vergeistigt werden sollen.

Die Schwärzung (lat. nigredo, griech. melanosis), in der sich der rohe, ungeläuterte Urzustand der prima materia widerspiegelt, bildete den Anfang des Großen Werkes. Als Symbol steht dafür der Rabe. Durch die fortgesetzte Läuterung des Stoffes wurde zunächst die Weißung (lat. albedo, griech. leukosis), bei der sich symbolisch der Rabe zur weißen Taube verwandelt, und dann die Gelbung (lat. citrinitas, griech. xanthosis) erreicht. Misslang die Gelbung, so stellte sich die vielfarbige cauda pavonis, der sog. Pfauenschwanz, ein. Die letzte und höchste Stufe war die Rötung (lat. rubedo, griech. iosis). Der Stoff rötet sich und wütet als roter Drache gegen sich selbst, bis er sich in Blut verwandelt, was anzeigt, dass der Verwandlungsprozess gelungen ist. Der so gewonnene Stein der Weisen ist nach der Beschreibung des Paracelsus leuchtend rubinfarbig, durchsichtig und sehr schwer. Darstellungen aus dem späteren Mittelalter lassen vielfach die Stufe der Gelbung aus, so dass man es dann nur mehr mit der Trias von nigredo, albedo und rubedo zu tun hat.

In der Praxis verlief das alchemistische Magisterium zumeist über mehr als vier Stufen, da vorbereitende Arbeiten und auch gewisse Zwischenschritte notwendig waren. Die Zahl und Abfolge dieser Schritte variiert bei den verschiedenen Autoren. Alchemie ist eben keine abstrakte Wissenschaft, sondern eine individuell zu handhabende Kunst. Basilius Valentinus und Paracelsus sprechen, wie die meisten Autoren, von sieben Schritten, die mit den sieben Planeten zusammenhängen. Im Rosarium Philosophorum wird die Zubereitung des Steins der Weisen in 10 Stufen beschrieben und andere Autoren nennen sogar 12 Stufen, die ihre Entsprechung in den zwölf Bildern des Tierkreises haben. In allen Fällen war man sich bewusst, dass der kosmische Einfluss auf die Wandlung der irdischen Stoffe sehr bedeutsam ist.

Die Wirksamkeit des Lebensäthers

Von den vier Ätherarten, die Rudolf Steiner beschrieben hat, ist der Lebensäther der höchste. In ihm kulminieren jene Kräfte, die auch als der Baum des Lebens bezeichnet werden. Der Lebensäther ist erst im Zuge unserer Erdentwicklung entstanden; die anderen Ätherarten, der Wärme-, Licht- und Klangäther, wurden bereits auf früheren Verkörperungen unserer Erde gebildet. Der Klangäther, der auf dem alten Mond entstanden ist, wirkt vor allem im Wasserelement, und ist die eigentlich ordnende Kraft in allen chemischen Verwandlungsprozessen. Die moderne Quantenmechanik gibt uns ein, freilich sehr abstraktes, Bild dieser ordnenden Kräfte. Der Lebensäther wirkt darüber hinaus unmittelbar gestaltend bis in das feste Erdelement hinein, das ebenfalls erst auf der Erde gebildet wurde. Mit diesen Lebensätherkräften hat es der Alchemist vorwiegend zu tun und wenn er von der quinta essentia spricht, die zwar prinzipell alle vier Ätherkräfte umfasst, so meint er doch vor allem die Kräfte des Lebensäthers. Darauf hat auch Hermann Beckh sehr deutlich hingewiesen:

"Chymische Ausdrücke, wie „Stein der Weisen”, „Tinktur” erscheinen in älterer Literatur häufig als Bilder da, wo von Läuterung und Vergeistigung des Irdischen und Menschlichen die Rede ist. Zum Sprachgebrauch ist dabei hinzuzufügen, daß die beiden angeführten Worte nicht immer dasselbe bedeuten. So ist „Stein der Weisen" gewöhnlich die verwandelnde „Tinktur”, das Endprodukt des „chymischen Prozesses". Zuweilen aber auch die Anfangssubstanz, die prima materia, der Ausgangspunkt des chymischen Prozesses, die im Menschen und in der Erde verborgene, im Stofflichen überstofflich waltende geheimnisumwobene Substanz „Jungfernerde”. Jakob Böhme, in dessen chymischem Wortschatz die „Tinktur” eine so bedeutsame Rolle spielt, verwendet dieses Wort nicht nur im Sinne der metallverwandelnden Substanz, sondern bringt es mit dem „jungfräulichen Geheimnis der Stoffeswelt” irgendwie zusammen, und zwar so, daß er mehr die übersinnlich-überstoffliche Seite, die lebensätherische Seite dieses Geheimnisses, wie wir auch sagen können, damit meint, als das schon mehr im Physisch-Stofflichen liegende Anfangsprodukt chymischer Prozesse. An den für die Alchymie so wichtigen Zusammenhang des Lebensäthers als der höchsten der vier Ätherarten mit der festen Erdenstofflichkeit als dem untersten der Elemente — nicht die „Elemente” der heutigen Chemie, sondern eher dasjenige, was der Chemiker und Physiker „Aggregatzustände der Materie” nennen würde, ist hier gemeint — läßt uns die ganze Art, wie Böhme das Wort Tinktur gebraucht, denken. Es steht dieses Geheimnis des Lebensäthers, des Lebens selbst, mit dem der Alchymie in einer innigen Beziehung." (Lit.: Beckh, S 10f)

Geht man von den vier Elementen zu den chemischen Elementen über, so erkennt man, dass die meisten von ihnen unter irdischen Bedingungen als Feststoff vorliegen, also im alchemistischen Sinn als eine Variante des Erdelements aufzufassen sind. Sie erweisen sich damit alle als mehr oder weniger geeignet, die Lebensätherkräfte in den Feinbau ihrer kristallinen Struktur aufzunehmen. Ein chemisches Element nimmt dabei aber eine ganz bevorzugte Stellung ein. Es ist der Kohlenstoff, der wie kein anderes chemisches Element befähigt ist, den Lebensäther aufzunehmen. Darum bildet auch der Kohlenstoff und seine ungezählten Verbindungen die materielle Basis allen irdischen Lebens.

Die Läuterung des Astralleibs

Der Lebensäther steht an der Schwelle, wo die Ätherwelt in die Astralwelt, also in die Seelenwelt, übergeht. Störungen in der Astralsphäre, wirken dadurch sehr schnell auch in die Welt des Lebensäthers herein. Durch die luziferische Versuchung und den damit verbundenen Sündenfall wurde der Astralleib des Menschen und die ganze Astralsphäre der Erde in Unordnung gebracht. Das konnte nicht ohne Wirkungen für die Ätherwelt bleiben. Wie schon die Genesis schildert, sollte der Mensch von nun an nicht mehr von den Früchten des Baums des Lebens essen, d.h. die Herrschaft über die Lebensätherkräfte verlieren.

Jakob Böhme (1575-1624), Portrait von Gottlob Glymann

"Die „Geheimwissenschaft” zeigt uns, wie in dem mit dem chemischen oder Klangäther verbundenen Lebensäther das vom Menschen im Sündenfall verlorene höhere Lebenselement liegt, der Baum des Lebens, der dem aus dem Paradies vertriebenen Menschen der Urschöpfung verloren ging. Auch die höhere, chymisch-magische Machtvollkommenheit über das Erdenelement ging damit verloren. So erscheint der über das Geheimnis der Alchymie für den heutigen Menschen gebreitete Schleier als eine mittelbare Folge des Menschheits-Falles. Ins Netz der Wirkungen verstrickt, bleibt da der Mensch dem Ursachengebiet und seiner Beherrschung entrückt. In der niederen Stoffeswelt waltende Mächte haben eine im Reiche der Ursachen, des höheren Äthers einstmals dem Menschen-Ich vorbehaltene Macht an sich zu reißen vermocht. In diese ganzen Weltenzusammenhänge und Menschheitszusammenhänge, in das ganze Geheimnis des Sündenfalles der Menschheit und des durch ihn bewirkten Verlustes gewisser höherer Erkenntnisse und Kräfte läßt uns Jakob Böhme in der Art, wie er von der Tinktur spricht, hineinschauen:

Der Mensch war geschaffen, daß er soll ein Herr der Tinktur sein, und sie war ihm Untertan, er aber wurde ihr Knecht, dazu fremde. Also suchet er nur Gold, und findet Erde; darum, daß er den Geist verließ und ging „mit seinem Geist in die Wesenheit, hat ihn die Wesenheit gefangen und in den Tod geschlossen: daß wie die Tinktur der Erde im Grimm verschlossen liegt, bis ins Gericht Gottes, also auch lieget des Menschen Geist mit im Zorn verschlossen, er gehe denn aus und werde in Gott geboren. (De incamatione Verbi.)

Jakob Böhmes dunkle Worte deuten hin auf den Grund, warum dem Menschengeist, trotz aller Vielseitigkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, das eigentliche Naturgeheimnis in solche Fernen gerückt ist, warum das ganze Gebiet von einem so dichten Schleier verhüllt ist, so daß alles Reden von Alchymie heute noch immer fast wie phantastisches Irresein oder Schlimmeres anmutet." (Lit.: Beckh, S 12f)

Damit der Alchemist die Herrschaft über den Lebensäther wiedergewinnen kann, muss er zuvor seinen Astralleib, der seine Jungfräulichkeit, d.h. seine Reinheit, verloren hat, läutern. Und zwar auf solche Weise, dass dabei die dunklen Astralkräfte, die sein Seelenwesen durchziehen, nicht bloß herausgesetzt und der astralen Erdensphäre überantwortet werden, sondern dass sie schöpferisch verwandelt und durchlichtet werden. Dazu muss der Mensch sein höheres Selbst, also das Geistselbst in anthroposophischer Sprechweise, entwickeln. Nur dann beginnt auch die Astralsphäre unserer Erde wieder jungfräulich zu werden - und nur dann ist eine wirksame alchymische Wandlung der Stoffeswelt möglich.

In der christlichen Esoterik wurde der so geläuterte Astralleib stets als die Jungfrau Sophia verehrt. Sie entspricht, allerdings jetzt in christlich verwandelter Form, der «Isis» der ägyptischen Mysterien. Von Goethe wird sie im abschließenden Chorus Mysticus seiner Faust-Dichtung als das Ewig-Weibliche angesprochen, und Jakob Böhme sagt:

"Das ist meine Jungfrau, die ich in Adam hatte verloren, da ein irdisch Weib aus ihr ward. Jetzt habe ich meine liebe Jungfrau aus meinem Leibe wiedergefunden. Nun will ich die nimmermehr von mir lassen. Der Leib ist der Seelen Spiegel und Wohnhaus, und ist auch eine Ursache, dass die pure Seele den Geist verändert, als nach der Lust des Leibes oder des Geistes dieser Welt." (Jacob Boehme: Vierzig Fragen von der Seelen, Frage 7, Abs. 14).

Die Vergeistigung des physischen Leibes

Ein neues geistiges Wesensglied wird sich der Mensch durch die Vergeistigung des physischen Leibes erwerben, das von Rudolf Steiner als Geistesmensch bezeichnet wird und in den morgenländischen Weisheitslehren als Atma bekannt ist. Nicht zufällig ist der Ausdruck Atma mit unserem deutschen Wort Atem verwandt: Die Vergeistigung des physischen Leibes - gleichbedeutend mit der Bereitung des Steins der Weisen - hängt mit der systematischen Schulung des Atemprozesses wesentlich zusammen:

"Um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert sickerte manches über okkulte Entwickelung durch. Da wurde viel von dem Stein der Weisen in öffentlichen Schriften geschrieben, aber man merkt, daß die Verfasser selbst nicht viel davon verstanden, wenn auch alles aus richtiger Quelle stammte. In einer Thüringer Staatszeitung erschien im Jahre 1796 ein Artikel über den Stein der Weisen, in dem unter anderm folgendes gesagt wurde: Der Stein der Weisen ist etwas, das man nur kennen muß, denn gesehen hat es jeder Mensch. Es ist etwas, was alle Menschen eine gewisse Zeit hindurch fast jeden Tag in die Hand nehmen, was man überall finden kann, nur wissen die Menschen nicht, daß es der Stein der Weisen ist. - Das ist eine geheimnisvolle Andeutung : überall soll der Stein der Weisen zu finden sein. Aber diese sonderbare Ausdrucksweise ist wörtlich wahr.

Die Sache ist nämlich so: Wenn die Pflanze ihren Leib bildet, nimmt sie die Kohlensäure auf und behält den Kohlenstoff zurück, aus dem sie sich ihren Körper aufbaut. Mensch und Tier essen nun die Pflanze, nehmen dadurch den Kohlenstoff in sich wieder auf und geben ihn im Atem als Kohlensäure wieder ab. So besteht ein Kreislauf des Kohlenstoffes. In der Zukunft wird es anders sein. Da wird der Mensch lernen, sein Selbst immer mehr zu erweitern und das, was er jetzt der Pflanze überläßt, das wird er selbst einmal zustande bringen. Wie der Mensch durch das Mineral- und Pflanzenreich hindurchgeschritten ist, so schreitet er auch wiederum zurück. Er selbst wird Pflanze, nimmt das Pflanzendasein in sich auf und wird den ganzen Prozeß in sich selbst durchmachen: er wird den Kohlenstoff in sich behalten und bewußt damit seinen Körper aufbauen, wie es heute die Pflanze unbewußt tut. Den notwendigen Sauerstoff bereitet er dann sich selbst in seinen Organen, verbindet ihn mit dem Kohlenstoff zur Kohlensäure und lagert dann in sich selbst den Kohlenstoff wieder ab. Damit kann er also an seinem körperlichen Gerüst selbst fortbauen. Das ist eine große perspektivische Idee der Zukunft. Dann tötet er nichts anderes mehr.

Nun ist bekanntlich Kohlenstoff und Diamant derselbe Stoff. Diamant ist kristallisierter, durchsichtiger Kohlenstoff. Also brauchen Sie nicht zu denken, daß der Mensch später als Schwarzer herumlaufen wird, sondern sein Leib wird aus durchsichtigem, und zwar weichem Kohlenstoff bestehen. Dann hat er den Stein der Weisen gefunden. Er verwandelt seinen eigenen Leib in den Stein der Weisen.

Diesen Prozeß muß derjenige, der sich okkult entwickelt, so viel als möglich vorausnehmen, das heißt er muß seinem Atem die Fähigkeit des Tötens nehmen, er muß ihn so gestalten, daß die ausgeatmete Luft wieder brauchbar wird, so daß er sie immer wieder einatmen kann. Und wodurch geschieht das? Dadurch, daß man in den Atmungsprozeß Rhythmus hineinbringt. Dazu gibt der Lehrer Anweisung. Einatmen, Atemanhalten und Ausatmen, darin muß, wenn auch nur für kurze Zeit, Rhythmus liegen. Mit jedem rhythmisch ausgeatmeten Atemzug wird die Luft verbessert, ganz langsam, aber sicher. Man kann fragen: Was macht das aus? - Hier gilt der Satz: Steter Tropfen höhlt den Stein. Jeder Atemzug ist solch ein Tropfen. Der Chemiker kann das noch nicht nachweisen, weil seine Mittel zu grob sind, um die feinen Stoffe wahrzunehmen, aber der Okkultist weiß, daß dadurch in der Tat der Atem lebensfördernd wird und mehr Sauerstoff enthält als unter gewöhnlichen Umständen. Nun wird aber der Atem gleichzeitig noch durch etwas anderes rein gemacht, nämlich durch Meditieren. Auch dadurch wird, wenn auch nur äußerst wenig, dazu beigetragen, daß die Pflanzennatur wieder hereingenommen wird in die menschliche Natur, so daß der Mensch zu dem Nicht-Toten kommt." (Lit.: GA 95, 13.Vortrag)

Durch die Bereitung des Steins der Weisen kann es dem Adepten tatsächlich gelingen, die Bedeutung des physischen Todes im gewöhnlichen Sinn zu überwinden:

"Der Stein der Weisen hat einen bestimmten Zweck, der von Cagliostro angegeben wurde: er sollte das menschliche Leben auf 5527 Jahre verlängern. Das erscheint dem Freigeist lächerlich. Tatsächlich ist es aber möglich, durch besondere Schulung das Leben ins Unermeßliche zu verlängern dadurch, daß der Mensch lernt, nicht mehr in seinem physischen Körper zu leben. Derjenige, der sich aber vorstellen wollte, daß den Adepten kein Tod im gewöhnlichen Sinne des Wortes treffe, der würde sich etwas Falsches darunter vorstellen. Auch wer glaubt, daß ein Adept nicht von einem Ziegelstein getroffen und erschlagen werden kann, auch der würde sich etwas Falsches vorstellen. Das würde allerdings nur dann gewöhnlich eintreten, wenn der Adept es zuläßt. Nicht um den physischen Tod handelt es sich, sondern um Folgendes. Der physische Tod desjenigen, der für sich selbst den Stein der Weisen erkannt und ihn herauszusetzen verstanden hat, ist für ihn nur ein scheinbares Ereignis. Für die anderen Menschen ist er ein wirkliches Ereignis, das einen großen Abschnitt in seinem Leben bedeutet. Für den, der in der Weise, wie Cagliostro es mit seinen Schülern gewollt hat, es versteht, den Stein der Weisen zu benützen, ist der Tod nur ein scheinbares Ereignis. Er bildet nicht einmal einen besonders wichtigen Abschnitt im Leben; er ist nämlich etwas, was nur für die anderen da ist, die etwa den Adepten beobachten können, und die sagen, daß er stirbt. Er selbst stirbt aber in Wirklichkeit gar nicht. Die Sache ist vielmehr so, daß der Betreffende gelernt hat, überhaupt nicht in seinem physischen Körper zu leben; daß er gelernt hat, alle diejenigen Vorgänge, die im Momente des Todes im physischen Körper plötzlich vor sich gehen, nach und nach während seines Lebens vor sich gehen zu lassen. Es hat sich mit dem Körper des Betreffenden alles schon vollzogen, was sich sonst im Tode vollzieht. Dann ist der Tod nicht mehr möglich, denn der Betreffende hat längst gelernt, ohne den physischen Körper zu leben. Er legt den physischen Körper in ähnlicher Weise ab, wie man einen Regenmantel auszieht, und zieht einen neuen Körper an, wie man einen neuen Regenmantel anzieht." (Lit.: GA 93, S 104f)

Der Kohlenstoff als physische Grundlage der Ich-Entwicklung des Menschen

Die Trennung von Sonne, Mond und Erde

Am Beginn der Erdenentwicklung, noch lange vor der lemurischen Zeit, in die der Sündenfall fällt, waren Sonne, Mond und Erde noch ein gemeinsamer Himmelskörper, in dem die Menschenvorfahren gemeinsam mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien lebten. Durch die verhärtenden Monden- und Erdenkräfte fanden die höheren Hierarchien aber bald nicht mehr die geeigneten Bedingungen, um in ihrer geistigen Entwicklung genügend rasch voranzuschreiten. Je dichter und spröder die Stofflichkeit ist, in der ein geistiges Wesen leben muss, umso mehr wird es in seiner geistigen Entwicklung zurückgehalten. Das ist die eine Seite; anderseits ist aber auch eine gewisse Dichte der Stofflichkeit notwendig, damit sich das Bewusstsein in rechter Weise entfalten kann. Je freier und unabhängiger ein geistiges Wesen werden soll, umso tiefer muss es in die dichteste Materie herabsteigen. Gerade das, was durch die eigenen geistigen Kräfte nicht oder nur schwer umgeformt werden kann, bildet gleichsam den notwendigen Spiegel, in dem sich das geistige Wesen selbst betrachten und sich seiner eigenen geistigen Kräfte bewusst werden kann. Jedes geistige Wesen bedarf eines ganz bestimmten Verhältnisses zwischen den bewusstseinsschaffenden materiellen und den geistbefreienden ätherischen Kräften, um sich in rechter Weise entwickeln zu können. Die höheren Hierarchien konnten in dem gemeinsamen, aus Sonne, Mond und Erde bestehenden Himmelskörper solche geeigneten Bedingungen nicht mehr finden. Unter der Führung des Christus zogen die höheren Hierarchien die feinsten Substanzen mit der Sonne heraus und schufen sich dadurch einen ihnen angemessenen Wohnsitz. Zurück blieb die Erde mit den noch darin befindlichen Mondenkräften. In dieser Welt lebte der Mensch in der Zeit vor dem Sündenfall.

Der Mondenaustritt und die Entstehung des Mineralreichs

Solange der Mond noch mit der Erdenwelt verbunden war, schritt die Verhärtung der Erde immer weiter fort. Die Erde wurde immer mehr zu einer zähflüssigen amorphen glasartigen Masse. Diese erstarrende Flüssigkeit war das materielle Abbild der dahinter wirkenden niederen begierdehaften Astralkräfte des Mondes. Diese niedern Astralkräfte wirkten verdunkelnd auf das Geistige, das nun nur mehr sehr begrenzt in die Erdenwelt hereinwirken konnte. Für den Menschen wurde es, wie schon früher beschrieben, immer schwerer, sich hier zu verkörpern. Und das, obwohl der Mensch damals, als er sich ja noch im Paradieseszustand befand, noch gar nicht einmal bis zum flüssigen Element herabgestiegen war, sondern nur bis zum Luftelement herunterreichte. Aber auch dieses war schon zu stark von den erstarrenden Mondenkräften erfasst.

Von einer eigentlichen irdischen Verkörperung des Menschen konnte damals noch nicht gesprochen werden, denn das feste Erdelement, das für eine irdische Inkarnation im eigentlichen Sinn nötig ist, gab es damals noch gar nicht. Der Mensch konnte zu dieser Zeit auch noch nicht sein eigenständiges Ich entfalten. Es lebte zwar der göttliche Ich-Funke in ihm, indem die 7 Elohim ihr Ich hingeopfert an die Menschheit hatten, aber das war eben noch kein individuelles Ich für jeden einzelnen Menschen, sondern es lebten in der gesamten Menschheit zunächst nur die 7 Facetten des göttlichen Ich-Seins.

Der Kristallhimmel und das Mineralreich

Mit dem Heraustritt des Mondes geschah eine gewaltige Umgestaltung der Erdenwelt. Jetzt erst entstand mit dem kristallinen Erdelement die höchste Ausprägung des Mineralreichs und jetzt erst begannen die wirklich irdischen Verkörperungen des Menschen – und jetzt erst wurde es möglich, dass jeder Mensch beginnen konnte, sein individuelles Ich zu entwickeln.

Das kristalline Erdelement ist ganz anders geartet als die erstarrende zähflüssige Mondensubstanz, die es bis dahin gegeben hatte. Die nun entstehende kristalline Erdensubstanz ist zwar härter und dichter als die alte mondenhafte Materie, aber sie ist völlig offen und durchsichtig für höchste geistige Kräfte, die aus kosmischen Bereichen kommen, die weit über die Grenzen unseres Planetensystems hinausreichen in die Region des Tierkreises, ja die letztlich sogar aus Bereichen kommen, die überhaupt jenseits von Raum und Zeit liegen. In den mittelalterlichen Mysterien sprach man zurecht vom Kristallhimmel, der die Grenze zur überräumlichen und überzeitlichen Welt bildet.

"Wenn hier wiederholt von „Kristallkräften des Kosmos” gesprochen wurde, so waltet dabei die Anschauung, wie die im mineralischen Kristall zur sichtbaren Offenbarung kommenden Raumeskräfte und Formkräfte als übersinnliche Kraftwesenheit und Lichtwesenheit in einer höheren Daseinsebene existieren. Im Hannoverer Zyklus „Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes” wird geschildert, wie da, wo jene Ur-Kristall-Wesenheit in die Leere, in das „Jungfräuliche der Welt” hinein zerbirst oder zersprüht, das Physisch-Mineralische, wie mineralische Materie da entsteht. (Beim Zerbersten ins Ätherische und Astralische des Kosmos entsteht pflanzliche bzw. tierische Materie.) Wird dabei etwas von den übersinnlichen Formkräften gleichsam ins Sichtbare mitgenommen, so entsteht das Wunder des mineralischen Kristalls. Der hier von Rudolf Steiner gebrauchte Ausdruck „das Jungfräuliche der Welt”, für das Geheimnis der ursprünglichen, noch nicht stofflich erfüllten Raumeswelt, erinnert uns wieder an den „Stein der Weisen” des Novalis und das mit ihm sich berührende, im Eingang dieser Betrachtung erwähnte „jungfräuliche Geheimnis der Stoffeswelt”. Der in der Anthroposophie immer betonte Zusammenhang der Kristallkräfte, des Mineralischen überhaupt, mit dem oberen (überplanetarischen oder übersaturnischen) Sternhimmel — in einer älteren Geheimlehre sprach man noch vom „Kristallhimmel” — ist auch für die Alchymie von Bedeutung." (Lit.: Beckh S 21)

Diese kristallbildenden Kräfte sind eng verwandt mit den Ich-Kräften, die sich die Menschen von nun an immer mehr zueigen machen konnten.

Der Kohlenstoff – der Stein der Weisen

Der Koh-I-Noor („Berg des Lichts“), ein knapp 110-karätiger Diamant, ist heute Teil der Britischen Kronjuwelen.

Damit der Mensch sein individuelles Ich entwickeln konnte, bedurfte er eines physischen Leibes, der für die kosmischen kristallisierenden Kräfte in höchstem Maße offen war. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Kohlenstoff, das wunderbarste aller chemischen Elemente. Der Kohlenstoff kann eine solche Fülle verschiedenster chemischer Verbindungen eingehen wie kein anderes chemisches Element. Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, dass der physische Leib des Menschen bis hinein in die Substanzen, die ihn erfüllen, immer individueller durchgestaltet wird.

Zurecht nimmt der Kohlenstoff im Periodensystem der chemischen Elemente eine zentrale Stellung ein. In gewissem Sinn sind alle anderen chemischen Elemente als Modifikationen, als Variationen des Kohlenstoffs aufzufassen. Es ist hier nicht der Platz, dieses Thema ausführlicher zu behandeln, nur eine kurze Andeutung soll gegeben werden. So hat der Graphit beispielsweise metallischen Charakter, ist glänzend wie die Metalle und leitet den elektrischen Strom. Während aber dem Graphit nur die aller niedersten astralen Kräfte entsprechen, hängen die anderen Metalle, namentlich die sog. Planetenmetalle, mit stufenweise höheren astralen Kräften zusammen, die den verschiedenen Planetensphären entsprechen: Das flüssige Quecksilber mit der Merkursphäre, das rötliche Kupfer mit der Venus usw. Die verschiedenen Farben der Metalle und Metallverbindungen entstehen dabei letztlich dadurch, dass die reinen kristallisierenden lichtoffenen kosmischen Kräfte durch niedrigere Astralkräfte teilweise verdunkelt werden, so wie Goethe in seiner Farbenlehre ja zurecht beschrieben hat, wie die Farben durch stufenweise Abdunklung des Lichts entstehen.

Schwarzer Diamant - Die schwarze Färbung entsteht durch eine Vielzahl fein verteilter kleiner schwarzer Einschlüsse, die meist aus Graphit bestehen.

Schon in seinen äußeren mineralischen Erscheinungen zeigt der Kohlenstoff, dass seine Gestaltbarkeit von der niedersten mondenhaften Materie bis hin zur völlig geistoffenen Substanz reicht. Der schmutzige, schmierige Graphit steht am untersten Ende dieser Substanzreihe und der lichtoffene Diamant am obersten. Es gibt aber auch farbige Diamanten. Die Farben sind aber nicht, wie bei den meisten Mineralien, durch metallische Verunreinigungen bedingt, sondern entstehen oft durch Einschlüsse von Stickstoff, dem materiellen Repräsentanten der astralen Kräfte, aber auch durch Kristallbaufehler. Braune Farbtöne treten dabei am häufigsten auf, aber es gibt gefärbte Diamanten in allen Regenbogenfarben. Sogar schwarze Diamanten gibt es, deren Schwärzung durch Graphiteinschlüsse entsteht.

In der Kristallstruktur des lupenreinen Diamanten zeigt sich gleichsam ein mineralisches Abbild der höchsten Ich-Kräfte, währen der dunkle, metallisch glänzende Graphit ein treffendes Bild der niedersten begierdenhaften Seelenkräfte ist. Die beinahe unzerstörbar scheinende feste Raumesgestalt des Diamanten ist ein irdisches Abbild der Ewigkeit, der Welt der Zeitlosigkeit und Dauer; der bewegliche, gleitfähige Graphit, der aufgrund dieser Eigenschaft sogar ein perfektes Schmiermittel ist, bildet hingegen die Welt der Zeitlichkeit, der irdischen Vergänglichkeit ab.

Die Aufgabe des Menschen im Laufe seiner wiederholten irdischen Inkarnationen besteht darin, gleichsam seine physische Leibessubstanz von ihrer ursprünglich graphitartigen Natur immer mehr zu einem diamantartigen Zustand zu veredeln, indem er die Stoffe, die seinen Leib erfüllen, immer mehr mit seiner individuellen Ich-Kraft durchdringt. In dem der Mensch das tut, bereitet er den "Stein der Weisen".

Literatur

  1. Hermann Beckh: Alchymie. Vom Geheimnis der Stoffeswelt., Rudolf Geering Verlag, Goetheanum Dornach, 1987, ISBN 3-7235-0429-9
  2. Rudolf Steiner: Die Tempellegende und die Goldene Legende, GA 93 (1982), Berlin, 16. Dezember 1904
  3. Rudolf Steiner: Vor dem Tore der Theosophie, GA 95 (1978), Dreizehnter Vortrag, Stuttgart, 3. September 1906
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