Bestattungsfragen

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"Das Thema Sterben und Tod hat in unterschiedlichen Zusammenhängen jetzt neu Bedeutung und Aktualität gewonnen. Dazu gehört auch am Ende die Frage, die immer zu den Kriterien des Kulturlebens gehört hat: Wie gestaltet man eine Bestattung? Was ist ein Verstorbener, bevor er und wenn er beigesetzt wird, und was hat für ihn selbst dabei noch Bedeutung? In einer Großstadt nehmen kirchliche Bestattungen deutlich ab, an ihre Stelle treten anonyme Beisetzungen oder selbstgestaltete Feiern und Rituale. Es ist gewiss von großer Bedeutung, auch für den Toten, wie Hinterbliebene sich in der oftmals in einem solchen Augenblick entstandenen Offenheit und Sensibilität mit diesem Vorgang verbinden, also wirklich an-wesend sein können. Das nach eigenen Bedürfnissen gestaltete Bestattungsritual reicht inzwischen von der Sektparty am Grab oder auf dem Boot bei einer Seebestattung bis zu sehr einfühlsamen individuell und künstlerisch gestalteten Liebeserweisungen gegenüber dem Verstorbenen. Ebenso sehen die Gräber auf modernen Friedhöfen aus: Von unerträglichem Kitsch bis zur hochkünstlerisch sachlich gestalteten «Steinsetzung» als Erinnerungsstätte ist alles vorhanden. Die anonyme Bestattung ohne Begleitung und anschließend einen konkreten Ort für das Gedenken nimmt zu. Die Gründe dafür sind verschieden. Entweder gibt es niemanden, der sich um ein Grab kümmern könnte, oder es werden die Kosten gescheut, die damit verbunden sind. Es gibt aber drittens auch Menschen, die sich in ihrer Erinnerung ganz frei von einer Stätte fühlen, denen es eher fremd ist, dazu an einem Grab stehen zu sollen. Auch im öffentlichen Diskurs kommt das Thema vor, wo es sich um Gedächtnisstätten für die Toten handelt, die ermordet wurden, gefallen sind oder durch Katastrophen ums Leben kamen, um solche also, bei denen es sich gar nicht um ein Grabmal handelt, sondern um Orte der Erinnerung allgemein. Spätestens hier kommt die Überlegung dazu, ob das nur für Hinterbliebene da sei, zu Mahnung und Gedenken, oder ob ein solcher Ort auch für die Toten Bedeutung haben kann. Hilfreich für diese Überlegungen ist eine weitere Ausweitung des Themas. Es gibt auch ganz unabhängig vom Tod Orte oder Landschaften, die für manche lebenslänglich mit einem Ereignis verbunden sind und bleiben. HIER war es, dass eine Begegnung stattfand, eine Entscheidung getroffen wurde, eine Erkenntnis aufleuchtete. Kann das so ins Sichtbare eingeschriebene Unsichtbare bei intensiver Erinnerung eines Lebenden nicht auch bis zum irdischen Ort hin fühlbar für einen Toten werden? Es sind wohl die lebendigen Erinnerungen der «Stoff», an welchem das Okular entsteht, durch welches die Toten schauen, und durch die eine Vergegenwärtigung erst möglich wird."

(Mechtild Oltmann: Tod und Gedächtnis. In: Anthroposophie weltweit - Mitteilungen Deutschland, November 2006, S. 11)