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Bibliothek:Rudolf Steiner/Arbeitervorträge/GA 347 Die Erkenntnis des Menschenwesens/Fünfter Vortrag

Aus AnthroWiki

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FÜNFTER VORTRAG

Dornach, 13. September 1922

Meine Herren! Die Dinge, die wir in den letzten Betrachtungen bespro chen haben, sind so wichtig auch zum Verständnisse dessen, was ich noch weiter zu sagen haben werde, daß ich wenigstens mit ein paar Worten diese wichtigen Dinge noch einmal vor Augen stellen will.
Nicht wahr, wir haben gesehen, daß im wesentlichen das mensch liche Gehirn aus kleinen Gebilden besteht, die sternförmig sind. Aber die Strahlen der Sterne sind sehr weit verlaufend. Die Ausläufer dieser kleinen Wesenheiten, die verschlingen sich ineinander, verweben sich ineinander, so daß das Gehirn eben eine Art von Gewebe ist, auf die Art entstanden, wie ich es Ihnen gesagt habe.
Solche kleinen Wesen, wie sie im Gehirn sind, sind auch im Blut, nur mit dem Unterschiede, daß die Gehirnzellen - so nennt man ja diese kleinen Gebilde - nicht leben können, nur in der Nacht, beim Schlafen, etwas leben können. Sie können dieses Leben nicht ausüben. Sie können sich nicht bewegen, weil sie wie in einem Heringsfaß zusammen gepfercht, zusammengeklumpt sind. Aber die Blutkörperchen, die weißen Blutkörperchen im roten Blute da drinnen, die können sich bewegen. Die schwimmen im ganzen Blut herum, bewegen ihre Aus läufer und kommen nur von diesem Leben etwas ab, ersterben etwas, wenn der Mensch schläft. So daß also der Schlaf und das Wachen zusammenhängen mit dieser Tätigkeit oder auch Untätigkeit der Ge-hirnzellen, überhaupt der Nervenzellen, und der Zellen, die als weiße Blutkörperchen im Blute herumschwimmen, sich darinnen herumbewegen.
Nun habe ich Ihnen auch gesagt, daß man gerade an einem solchen Organ, wie es die Leber ist, beobachten kann, wie der menschliche Körper im Laufe seines Lebens sich verändert. Ich habe Ihnen das letzte Mal gesagt, daß wenn beim Säugling etwa die Leber nicht in ordent licher Weise wahrnimmt - es ist ja eine Art Wahrnehmungstätigkeit, die Leber nimmt wahr und ordnet die Verdauung -, wenn also die Leber gestört wird in ihrer Wahrnehmung, so daß sie eigentlich eine

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unrichtige Verdauung wahrnimmt während des Säuglingsalters, so zeigt sich das oftmals erst im allerspätesten Leben, ich sagte Ihnen, beim fünfundvierzig-, fünfzigjährigen Menschen. Der menschliche Organis mus kann eben viel aushalten. Also wenn die Leber auch schon während des Säuglingsalters gestört wird, hält sie dies noch durch bis zum fünf undvierzigsten, fünfzigsten Lebensjahre. Dann zeigt sie sich innerlich verhärtet und es entstehen die Leberkrankheiten, die manchmal eben so spät beim Menschen auftreten und die dann eine Folge sind von dem, was während des Säuglingsalters verdorben worden ist.
Am besten wird daher der Säugling mit der Milch der eigenen Mut ter ernährt. Nicht wahr, das Kind geht ja hervor aus dem Leibe der Mutter. Man kann also begreifen, daß es in seinem ganzen Organismus, in seinem ganzen Leib verwandt ist mit der Mutter. Es muß daher am besten dann gedeihen, wenn es nicht gleich, wenn es zur Welt kommt, etwas anderes bekommt als dasjenige, was auch aus dem Leib der Mut ter kommt, mit dem es also verwandt ist.
Allerdings, es kommt ja vor, daß die Muttermilch nicht geeignet ist durch ihre Zusammensetzung. Manche Menschenmilch ist zum Beispiel bitter, manche zu salzig. Da muß dann eine andere Ernährung, durch eine andere Persönlichkeit am besten, einsetzen.
Nun kann ja die Frage entstehen: Kann das Kind nicht gleich vom Anfange an mit Kuhmilch ernährt werden? - Nun, da muß man sagen:
In den allerersten Zeiten des Säuglingsalters ist die Ernährung mit der Kuhmilch nicht sehr gut. Aber man braucht auch nicht zu denken, daß nun gleich eine furchtbar große Sünde gegen den menschlichen Orga nismus verrichtet wird, wenn man das Kind mit einer Kuhmilch nährt, die man in der entsprechenden Weise verdünnt und so weiter. Denn es ist ja natürlich die Milch bei den verschiedenen Wesen verschieden, aber nicht so stark, daß man nicht auch Kuhmilch statt der Menschenmilch zur Ernährung einführen könnte.
Aber wenn nun diese Ernährung vor sich geht, so geht sie ja so vor sich, daß noch nichts, wenn das Kind nur Milch trinkt, zerkaut zu wer den braucht. Dadurch sind gewisse Organe im Körper wesentlicher in Tätigkeit als später, wenn die feste Nahrung zubereitet werden muß. Die Milch ist im wesentlichen so, daß sie, ich möchte fast sagen, noch

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lebt, wenn das Kind sie bekommt. Es ist fast flüssiges Leben, was das Kind in sich aufnimmt.
Nun wissen Sie ja, daß in den Gedärmen eine ganz wichtige Sache für den menschlichen Organismus vor sich geht, eine ganz außerordent lich wichtige Sache. Diese außerordentlich wichtige Sache ist diese, daß alles, was durch den Magen in die Gedärme hineinkommt, abgetötet werden muß, und wenn es durch die Darmwände dann in die Lymph-gefäße und ins Blut kommt, muß es wieder belebt werden. Das ist schon einmal das Allerwichtigste, was man verstehen muß, daß der Mensch die Nahrung, die er aufnimmt, zuerst abtöten muß und nachher wie derum beleben muß. Das äußere Leben, unmittelbar vom Menschen aufgenommen, ist im menschlichen Leibe drinnen nicht brauchbar. Der Mensch muß alles, was er aufnimmt, durch seine eigene Tätigkeit er-töten und dann wieder beleben. Das muß man nur wissen. Das weiß die gewöhnliche Wissenschaft nicht, und daher weiß sie nicht, daß der Mensch die Kraft des Lebens in sich hat. Geradeso wie er Muskeln und Knochen und Nerven in sich hat, so hat er eine belebende Kraft, einen Lebensleib in sich.
Bei dieser ganzen Verdauungstätigkeit, bei der also abgetötet und wieder belebt wird, bei der das Abgetötete im neuen Leben innerlich aufsteigt und ins Blut hineingeht, schaut die Leber zu, so wie den äußeren Dingen das Auge zuschaut. Und wie im späteren Alter das Auge vom Star befallen werden kann, das heißt, dasjenige undurch sichtig wird, was früher durchsichtig war, wie sich das verhärtet, so kann auch die Leber sich verhärten. Und die Leberverhärtung ist eigent lich in der Leber dasselbe, was die Starkrankheit im Auge ist. Der Star kann auch in der Leber sich bilden. Dann entsteht eben am Ende des Lebens eine Leberkrankheit. Mit fünfundvierzig, fünfzig Jahren, auch später, entsteht eine Leberkrankheit. Das heißt, die Leber schaut nicht mehr das Innere des Menschen an. Es ist wirklich so: Mit dem Auge schauen Sie die Außenwelt an, mit dem Ohre hören Sie das, was in der Außenwelt klingt, und mit der Leber schauen Sie zuerst die eigene Ver dauung an und dasjenige, was sich an die Verdauung anschließt. Die Leber ist ein inneres Sinnesorgan. Und nur wer die Leber als ein inneres Sinnesorgan erkennt, der versteht dasjenige, was im Menschen vor sich

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geht. So daß man also die Leber mit dem Auge vergleichen kann. Gewissermaßen hat der Mensch innen in seinem Bauch einen Kopf. Nur schaut der Kopf nicht nach außen hin, sondern der schaut nach innen. Und deshalb ist es, daß der Mensch mit einer Tätigkeit, die er sich nicht zum Bewußtsein bringt, im Inneren arbeitet.
Aber das Kind fühlt diese Tätigkeit. Im Kind ist das ganz anders. Das Kind guckt noch wenig nach der Außenwelt, und wenn es nach der Außenwelt guckt, kennt es sich nicht aus. Aber um so mehr guckt es nach innen im Fühlen. Das Kind fühlt ganz genau, wenn in der Milch etwas ist, was nicht hineingehört, was herausgeworfen werden muß in die Gedärme, damit es abgeführt wird. Und wenn etwas in der Milch nicht in Ordnung ist, so nimmt die Leber die Krankheitsanlage für das ganze spätere Leben in sich auf.
Nun, sehen Sie, Sie können sich ja denken, daß zum Auge, wenn es nach außen hin guckt, ein Gehirn gehört. Mit dem bloßen Anschauen der Außenwelt wäre uns als Menschen nicht gedient. Wir würden die Außenwelt anglotzen, rundherum anglotzen, aber wir würden nichts denken können über die Außenwelt. Es wäre geradeso wie ein Pan­orama, und wir säßen mit einem leeren Kopf davor. Wir denken mit unserem Gehirn, und denken über dasjenige, was draußen in der Welt ist, mit unserem Gehirn.
Ja, aber, meine Herren, wenn die Leber eine Art inneres Auge ist, das die ganze Darmtätigkeit abtastet, dann muß die Leber ja auch eine Art Gehirn haben, so wie das Auge das Gehirn zur Verfügung hat. Sehen Sie, die Leber kann zwar das alles anschauen, was im Magen vor sich geht, wie im Magen der ganze Speisebrei durchmischt wird mit Pepsin. Die Leber kann dann, wenn der Speisebrei durch den sogenann ten Magenpförtner in den Darm eintritt, sehen, wie im Darm der Speisebrei weiterrückt, wie er in diesem Speisebrei aber immer mehr die brauchbaren Teile absondert durch die Wände des Darmes, wie dann die brauchbaren Teile in die Lymphgefäße übergehen und von diesen Gefäßen dann ins Blut eindringen. Aber von da ab kann die Leber nichts mehr tun. Geradesowenig wie das Auge denken kann, so wenig kann die Leber die weitere Tätigkeit tun. Da muß zu der Leber ein anderes Organ kommen, wie zum Auge das Gehirn kommen muß.

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Und geradeso wie Sie in sich die Leber haben, die fortwährend Ihre Verdauungstätigkeit anguckt, so haben Sie in sich auch eine Denktätig keit, von der Sie im gewöhnlichen Leben gar nichts wissen. Diese Denk-tätigkeit - das heißt, Sie wissen von der Denktätigkeit nur nichts, von dem Organ wissen Sie schon -, diese Denktätigkeit, die geradeso hinzu gefügt wird der Wahrnehmungstätigkeit, der Auffassungstätigkeit der Leber, wie durch das Gehirn der Wahrnehmungstätigkeit des Auges das Denken hinzugefügt wird, die haben Sie nämlich, so sonderbar es Ihnen scheint, durch die Niere, das Nierensystem.
Das Nierensystem, das sonst für das gewöhnliche Bewußtsein nur das Urinwasser absondert, ist gar kein so unedles Organ, wie man es immer anschaut, sondern die Niere, die sonst eben nur das Wasser ab sondert, die ist dasjenige, was zur Leber gehört und was eine innere Tätigkeit ausübt, ein inneres Denken. Die Niere steht auch mit dem anderen Denken im Gehirn durchaus in Verbindung, so daß, wenn die Gehirntätigkeit nicht in Ordnung ist, auch die Tätigkeit der Niere nicht in Ordnung ist. Nehmen wir an, beim Kinde schon fangen wir an, das Gehirn nicht ordentlich arbeiten zu lassen. Es arbeitet nicht ordentlich, wenn wir zum Beispiel das Kind veranlassen, zu viel zu lernen - ich habe schon das letzte Mal darauf hingedeutet -, zu viel mit dem bloßen Gedächtnisse arbeiten zu lassen, wenn wir es zu viel auswendig lernen lassen. Etwas muß es auswendig lernen, damit das Gehirn beweglich wird; aber wenn wir es zu viel auswendig lernen lassen, dann muß sich das Gehirn so anstrengen, daß es zu viel Tätigkeit ausübt, die im Gehirn Verhärtungen hervorbringt. Dadurch entstehen Gehirnverhärtungen, wenn wir das Kind zu viel auswendig lernen lassen. Wenn aber im Gehirn Verhärtungen entstehen, dann wird durch das ganze Leben hin­durch es so sein können, daß das Gehirn nicht ordentlich arbeitet. Es ist eben zu hart.
Aber das Gehirn steht mit der Niere in Verbindung. Und dadurch, daß das Gehirn mit der Niere in Verbindung steht, arbeitet dann auch die Niere nicht mehr ordentlich. Der Mensch kann eben viel aushalten; es zeigt sich erst später: Es arbeitet der ganze Leib nicht mehr ordent lich, es arbeitet auch die Niere nicht mehr ordentlich, und Sie finden im Urin Zucker, der eigentlich aufgearbeitet werden soll. Aber der Leib ist

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zu schwach geworden, um den Zucker zu verbrauchen, weil das Gehirn nicht ordentlich arbeitet. Er läßt den Zucker im Urinwasser. Der Kör per ist nicht in Ordnung, der Mensch leidet an der Zuckerkrankheit.
Sehen Sie, das möchte ich Ihnen ganz besonders klarmachen, daß von der geistigen Tätigkeit, zum Beispiel von dem Zuviel-Auswendig-lernen, eben etwas abhängt, wie der Mensch später ist. Haben Sie nicht gehört, daß die Zuckerkrankheit gerade so häufig ist bei reichen Leuten? Die können für ihre Kinder außerordentlich gut sorgen, auch materiell, auf physischem Gebiete; aber sie wissen nicht, daß sie dann auch für einen ordentlichen Schullehrer sorgen müßten, der das Kind nicht so viel auswendig lernen läßt. Sie denken: Nun, das macht ja der Staat, da ist alles gut, da braucht man sich nicht zu kümmern darum. - Das Kind lernt zu viel auswendig, wird später ein zuckerkranker Mensch! Man kann eben nicht durch die materielle Erziehung allein, durch dasjenige, was man durch Nahrungsmittel dem Menschen beibringt, den Men schen gesund machen. Man muß Rücksicht nehmen auf dasjenige, was sein Seelisches ist. Und sehen Sie, da fängt man allmählich an zu fühlen, daß das Seelische etwas Wichtiges ist, daß der Körper nicht das einzige ist am Menschen, denn der Körper kann von der Seele aus ruiniert werden. Denn wir können noch so gut essen als Kind und noch so stark nach dem essen, was der Chemiker im Laboratorium an den Nahrungs mitteln studiert - wenn das Seelische nicht in Ordnung ist, das See lische nicht berücksichtigt wird, geht der menschliche Organismus doch kaputt. Da lernt man sich allmählich durch eine wirkliche Wissen-schaft, nicht die heutige bloß materielle Wissenschaft, hineinleben in das, was beim Menschen schon vorhanden ist, bevor die Empfängnis kommt, und vorhanden ist nach dem Tode, weil man eben das kennen-lernt, was sein Seelisches ist. Das muß man gerade in solchen Dingen besonders in Betracht ziehen.
Aber nun denken Sie, woher kommt denn das eigentlich, daß die Menschen heute nichts wissen wollen von dem, was ich Ihnen da er zählt habe? Nun, Sie können heute an die Menschen mit einer soge-nannten Bildung herankommen; da ist es «ungebildet», wenn man von der Leber redet, oder gar von der Niere redet. Es ist etwas Ungebildetes. Woher kommt es denn, daß es etwas «Ungebildetes» ist?

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Sehen Sie, die alten Juden im hebräischen Altertum - und schließlich kommt ja unser Altes Testament von den Juden -, die alten Juden haben noch nicht das Reden von der Niere als etwas so furchtbar Un gebildetes angesehen. Denn die Juden sagten zum Beispiel nicht, wenn der Mensch in der Nacht quälende Träume hatte - das kann man im Alten Testament lesen; die heutigen Juden sind schon so gebildet, daß sie das nicht wieder vorbringen, was im Alten Testament steht, wenn sie in anständiger Gesellschaft sind, aber im Alten Testament steht es -, sie sagten nicht, wenn der Mensch böse Träume hatte in der Nacht:
Meine Seele ist gequält. - Ja, meine Herren, das kann man leicht sagen, wenn man keine Vorstellung von der Seele hat; dann ist «Seele» bloß ein Wort - das ist ja nichts. Aber das Alte Testament sagte, wie es rich tig ist aus einer Weisheit heraus, die einmal die Menschheit gehabt hat, wenn der Mensch böse Träume in der Nacht gehabt hat: Die Niere quält ihn. - Was da im Alten Testament schon gewußt worden ist, darauf kommt man wieder durch die neuere Anthroposophie, das neuere Forschen: Da ist die Nierentätigkeit nicht in Ordnung, wenn man böse Träume hat.
Dann kam das Mittelalter, und im Mittelalter hat sich allmählich das herausgebildet, was bis heute noch gilt. Denn im Mittelalter, da war die Neigung, alles nur zu loben, was man nicht wahrnehmen kann, was irgendwie außer der Welt ist. Am Menschen läßt man ja den Kopf frei; das andere bedeckt man. Man darf nur von dem reden, was eben frei ist. Allerdings, manche Damen gerade der gebildeten Welt gehen ja heute so herum, daß sie so viel frei lassen, daß man von dem Frei gelassenen noch lange nicht reden darf. Aber immerhin, dasjenige, was dann im Inneren des Menschen ist, das ist für eine gewisse Sorte von Christentum im Mittelalter - in England hieß es später das Puritaner tum - etwas geworden, wovon man nicht reden darf. Von der bloß materiellen Sinneswissenschaft darf man darüber nicht reden. Das ist nichts Geistiges, davon darf man nicht reden. Und damit hat man all mählich überhaupt den ganzen Geist verloren. Natürlich, wenn man nur redet von dem Geist, wo der Kopf sitzt, da kann man ihn nicht so leicht erhaschen. Aber wenn man ihn erhascht, wo er im ganzen mensch lichen Leibe sitzt, da kann man das wohl.

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Und sehen Sie, die Nieren, die sind dann dasjenige, was denkt zu der Wahrnehmungstätigkeit der Leber dazu. Die Leber schaut an, die Nie ren denken; und die können dann denken die Herztätigkeit und können überhaupt alles das denken, was die Leber nicht angeschaut hat. Die Leber kann noch anschauen die ganze Verdauungstätigkeit und wie der Speisesaft ins Blut kommt. Aber dann, wenn es anfängt, im Blut zu kreisen, dazu muß gedacht werden. Und das tun die Nieren. So daß also der Mensch in sich tatsächlich so etwas wie einen zweiten Men schen hat.
Nun aber, meine Herren, werden Sie doch unmöglich glauben kön nen, daß diejenigen Nieren, die Sie aus dem toten Körper heraus schneiden und die Sie dann auf den Seziertisch legen - oder wenn es eine Rinderniere ist, so essen Sie sie sogar; die können Sie ja ganz be quem anschauen, bevor Sie sie essen oder kochen -, aber Sie werden doch nicht glauben, daß das Stück Fleisch mit all den Eigenschaften, von denen der Anatom spricht, daß das Stück Fleisch denkt! Das denkt natürlich nicht, sondern das vom Seelischen, was in der Niere drinnen ist, das denkt. Daher ist es auch so, wie ich Ihnen das letzte Mal gesagt habe: Das Stoffliche, das zum Beispiel an der Niere ist, sagen wir im Kindesalter, das ist nach sieben, acht Jahren ganz ausgewechselt. Da ist ein anderer Stoff drinnen. Geradeso wie Ihre Fingernägel nach sieben, acht Jahren nicht mehr dasselbe sind, sondern Sie immer das Vordere abgeschnitten haben, so ist in der Niere und Leber alles weg gegangen, was da war und ist von Ihnen neu ersetzt worden.
Ja, da müssen Sie fragen: Wenn der Stoff gar nicht mehr da ist, der vor sieben Jahren in der Leber, in der Niere da war, und dennoch die Leber nach Jahrzehnten noch krank werden kann durch das, was man als Säugling an ihr versäumt hat, dann ist eben eine Tätigkeit da, die man nicht sieht, denn der Stoff pflanzt sich nicht fort. Das Leben pflanzt sich fort vom Säuglingsalter bis ins fünfundvierzigste Jahr. Krank werden kann nicht der Stoff - der wird ausgeschieden -, aber es pflanzt sich fort die nicht sichtbare Tätigkeit, die da drinnen ist und die beim Menschen durch das ganze Leben durchgeht. Da sehen Sie, wie der menschliche Körper eigentlich ein kompliziertes, ein ungeheuer kompliziertes Wesen ist.

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Nun möchte ich Ihnen noch etwas anderes sagen. Ich habe Ihnen gesagt: Die alten Juden haben noch etwas davon gewußt, wie die Nierentätigkeit beteiligt ist an einem solchen dumpfen, finsteren Denken, wie es die Träume sind in der Nacht. Aber in der Nacht ist es ja nun so, daß unsere Vorstellungen fort sind; da nimmt man wahr, was die Niere denkt. Bei Tag hat man den Kopf voll mit den Gedanken, die von außen kommen. Geradeso wie wenn ein starkes Licht da ist und ein schwaches Kerzenlicht, so sieht man das starke Licht, und das schwache Kerzenlicht verschwindet daneben. So ist es beim Menschen, wenn er wach ist: er hat den Kopf voll mit den Vorstellungen, die von der Außenwelt kommen, und was da unten die Nierentätigkeit ist, das ist eben das kleine Licht; das nimmt er nicht wahr. Wenn der Kopf auf hört zu denken, dann nimmt er das, was die Nieren denken und die Leber anschaut im Inneren, noch wahr als Träume. Deshalb schauen auch die Träume so aus, wie Sie sie manchmal sehen.
Denken Sie sich einmal, da ist im Darm etwas nicht in Ordnung; das schaut die Leber an. Bei Tag beachtet man das nicht, weil eben stärkere Vorstellungen da sind. Aber in der Nacht beim Einschlafen oder Aufwachen, da beachtet man das, wie die Leber das Nicht-in-Ordnung-Sein der Gedärme wahrnimmt. Nun aber ist die Leber nicht so schlau und die Niere auch nicht so schlau, wie der menschliche Kopf ist. Weil sie nicht so schlau sind, können sie nicht gleich sagen: Das sind die Därme, die ich da sehe. - Sie machen ein Bild daraus, und der Mensch träumt, statt daß er die Wirklichkeit sieht. Wenn die Leber die Wirklichkeit sehen würde, so würde sie die Därme brennen sehen. Aber sie sieht nicht die Wirklichkeit, sie macht ein Bild daraus. Da sieht sie züngelnde Schlangen. Wenn der Mensch von züngelnden Schlangen träumt, was er sehr häufig tut, dann schaut die Leber die Gedärme an, und daher kommen sie ihr wie Schlangen vor. Manchmal geht es ja dem Kopf geradeso wie der Leber und der Niere. Wenn der Mensch irgend etwas, zum Beispiel ein gebogenes Stück Holz in der Nähe sieht und noch dazu in einer Gegend, wo Schlangen sein könnten, so kann sogar der Kopf dieses gebogene Stück Holz für eine Schlange halten, wenn es fünf Schritte vorn ist. So hält das innere Anschauen und das Denken der Leber, der Niere die gewundenen Gedärme für Schlangen.

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Manchmal träumen Sie von einem Ofen, der fest eingeheizt ist. Sie wachen auf und haben Herzklopfen. Was ist da geschehen? Ja, die Niere denkt nach über das stärkere Herzklopfen, aber sie denkt sich das so aus, als wenn das ein warm eingeheizter Ofen wäre, und Sie träumen von einem kochenden Ofen. Das ist dasjenige, was die Niere denkt von Ihrer Herztätigkeit.
Da drinnen im menschlichen Bauche also - trotzdem es wieder «nicht gebildet» ist, davon zu reden - sitzt ein seelisches Wesen. Die Seele ist ein kleines Mäuschen, das irgendwo einschlüpft in den mensch lichen Körper und da drinnen hockt. Nicht wahr, so haben es früher die Leute gemacht. Die haben nachgedacht: Wo ist der Sitz der Seele? -Aber man weiß schon überhaupt nichts mehr von der Seele, wenn man frägt, wo der Sitz der Seele ist. Sie ist ebenso im «Ohrwaschel» wie in der großen Zehe, nur braucht die Seele Organe, durch die sie denkt, vorstellt und Bilder macht. Und in einer solchen Tätigkeit, die Sie sehr gut kennen, macht sie das durch den Kopf, und in der Art, wie ich es Ihnen beschrieben habe, wo das Innere angeschaut wird, macht sie es durch Leber und Niere. Man kann überall sehen, wie die Seele am menschlichen Körper tätig ist. Und das muß man sehen.
Dazu gehört allerdings eine Wissenschaft, die nicht einfach tote Menschenleiber aufschneidet, auf den Seziertisch legt, Organe heraus-schneidet und sie materiell anschaut; dazu gehört, daß man wirklich sein ganzes inneres Seelenleben im Denken und in allem etwas tätiger macht, als die Leute haben wollen, die bloß anschauen. Natürlich ist es bequemer, Menschenkörper aufzuschneiden, die Leber herauszuschnei den und nachher aufzuschreiben, was man da findet. Da braucht man die innere Grütze nicht stark anzustrengen. Dazu hat man die Augen, und da braucht man bloß ein bißchen Denken dazu, wenn man die Leber nach allen Richtungen zerschneidet, kleine Stücke macht, unter das Mikroskop legt und so weiter. Das ist eine leichte Wissenschaft. Aber fast alle Wissenschaft ist heute eine leichte Wissenschaft. Man muß eben viel mehr das innere Denken in Tätigkeit bringen, und man muß vor allen Dingen nicht glauben, daß man von dem Augenblick an, wo man den Menschen auf den Seziertisch legt, ihm seine Organe aus-schneidet und beschreibt, den Menschen kennenlernen kann. Denn da

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schneidet man eben die Leber einer fünfzigjährigen Frau oder eines fünfzigjährigen Mannes aus und weiß nicht, wenn man das anschaut, was beim Säugling schon geschehen ist. Man braucht eben eine ganze Wissenschaft. Das ist eben dasjenige, was eine wirkliche Wissenschaft anstreben muß. Das ist das Bestreben der Anthroposophie, eine wirk liche Wissenschaft zu haben. Und diese wirkliche Wissenschaft führt nicht bloß zum Körperlichen, sondern sie führt, wie ich Ihnen gezeigt habe, zum Seelischen und zum Geistigen.
Ich habe Ihnen das letzte Mal gesagt: In der Leber ist es so, daß die blauen Blutadern, also die Adern, in denen das Blut nicht als rotes Blut fließt, sondern als blaues Blut, also mit Kohlensäure in sich, daß solche besonderen Blutadern in die Leber hineingehen. Bei allen anderen Or ganen ist das nicht der Fall. Die Leber ist in dieser Beziehung ein ganz ausgezeichnetes Organ. Sie nimmt blaue Blutadern auf und läßt das blaue Blut geradezu in sich verschwinden.
Das ist etwas außerordentlich Bedeutsames, Wichtiges. Wenn wir uns also die Leber vorstellen, so gehen natürlich die gewöhnlichen roten Adern auch in die Leber. Es gehen die blauen Adern aus der Leber heraus. Aber außerdem geht noch eine besondere blaue Ader, die Pfortader, also ganz kohlensäurehaltiges Blut, in die Leber hinein (siehe Zeichnung S.70). Nun, die Leber nimmt das auf und läßt es nicht wie der heraus, was dann an Kohlensäure in die Leber durch dieses beson dere blaue Blut hineinkommt.
Ja, nicht wahr, die gewöhnliche Wissenschaft sieht, wenn sie die Leber herausgeschnitten hat, diese sogenannte Pfortader, denkt nun nicht weiter darüber nach. Aber derjenige, der zu einer wirklichen Wissenschaft kommen konnte, der vergleicht doch.
Nun gibt es noch Organe am Menschenkörper, die etwas sehr Ahn liches haben, und das sind die Augen. Es ist bei den Augen etwas ganz klein, leise nur angedeutet, aber dennoch, es ist beim Auge auch so, daß nicht alles Blut, alles blaue Blut, das in das Auge hereingeht, wiederum zurückgeht. Es gehen da Adern hinein, es gehen rote Adern hinein, blaue heraus. Aber nicht alles blaue Blut, das in das Auge hineingeht, geht auch wiederum zurück, sondern es verteilt sich geradeso wie in der Leber. Nur, in der Leber ist das stark, im Auge ist das sehr schwach.

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Ist das nicht ein Beweis, daß ich die Leber mit dem Auge vergleichen darf? Natürlich kann man auf alles hindeuten, was da ist im menschlichen Organismus. So kommt man eben darauf, daß die Leber ein inneres Auge ist.
Aber das Auge ist nach außen gerichtet. Das guckt nach außen und verbraucht das blaue Blut, das es bekommt, um nach außen zu schauen. Die Leber verbraucht es nach innen. Daher läßt sie es im Inneren ver schwinden, das blaue Blut, und verbraucht es zu etwas anderem. Nur manchmal, sehen Sie, da kommt das Auge auch so in die Neigung hin ein, seine blauen Adern so ein bißchen zu verwenden. Das ist dann, wenn der Mensch traurig wird, wenn er weint; da quillt der bitter schmeckende Tränensaft aus den Augen heraus, aus den Tränendrüsen. Das kommt von dem bißchen blauen Blut her, das in dem Auge bleibt. Wenn das besonders belebt wird durch Traurigkeit, so kommen die Tränen als Absonderung.
Aber in der Leber ist fortwährend diese Geschichte drinnen! Die Leber ist fortwährend traurig, weil so wie der menschliche Organismus schon einmal ist im Erdenleben, man traurig werden kann, wenn man ihn von innen anschaut, denn er ist zum Höchsten veranlagt, aber er schaut eben doch nicht so besonders gut aus. Die Leber ist eben immer traurig. Deshalb sondert sie immer einen bitteren Stoff ab, die Galle. Was das Auge mit den Tränen tut, das macht die Leber für den ganzen Organismus in der Gallenabsonderung. Nur - die Träne fließt nach außen und die Tränen sind, sobald sie aus dem Auge draußen sind, ver weht; aber die Galle da im ganzen menschlichen Organismus verweht nicht, weil eben die Leber nicht nach außen, sondern nach innen schaut. Da tritt das Schauen zurück, und die Absonderung, die sich vergleichen läßt mit der Tränenabsonderung, die tritt hervor.
Ja, aber, meine Herren, wenn das wirklich wahr ist, was ich Ihnen sage, dann muß sich ja das auf einem anderen Gebiete erst recht zeigen. Es muß sich zeigen, daß diejenigen Erdenwesen, die mehr im Inneren leben, mehr in der inneren Denktätigkeit leben, daß also die Tiere nicht weniger denken als der Mensch, daß die Tiere mehr denken - also im Kopfe weniger als der Mensch, sie haben ein unvollkommenes Gehirn. Aber dann mussen sie mehr das Leberleben und das Nierenleben be achten,

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müssen mehr mit der Leber nach innen gucken und mit den Nieren mehr nach innen denken. Das ist auch beim Tier der Fall. Dafür gibt es einen äußeren Beweis. Unsere menschlichen Augen sind so ein gerichtet, daß eigentlich das blaue Blut, das da hineinkommt, schon sehr wenig ist, so wenig, daß die heutige Wissenschaft gar nicht davon redet. Früher hat sie davon geredet. Aber bei den Tieren, die mehr in ihrem Inneren leben, schauen die Augen nicht bloß an, sondern die Augen denken mit.
Wenn man so sagen könnte, die Augen sind eine Art Leber, so könnte man nun sagen: Beim Tier ist das Auge viel mehr Leber als beim Men schen. Beim Menschen ist das Auge vollkommener geworden und weni ger Leber. Es zeigt sich das beim Auge. Da beim Tier läßt sich genau nachweisen, daß da drinnen nicht bloß das ist, was beim Menschen ist:
ein glasiger, wäßriger Körper, dann die Augenlinse, wiederum ein glasig wäßriger Körper -, sondern bei gewissen Tieren gehen die Blut-adern in das Auge hinein und bilden im Auge einen solchen Körper (siehe Zeichnung). Bis in diesen Glaskörper gehen die Blutadern hinein,

[Bild GA 347 94]

bilden da drinnen einen solchen Körper, den man den Fächer nennt, den Augenfächer. Der ist bei diesen Tieren ... (Lücke in der Nach-schrift.) Warum? Weil bei diesen Tieren das Auge noch mehr Leber ist. Und geradeso wie die Pfortader in die Leber hineingeht, so geht da dieser Fächer ins Auge hinein. Daher ist es beim Tiere so: Wenn das Tier etwas anguckt, denkt schon das Auge; beim Menschen guckt es nur, und er denkt mit dem Gehirn. Beim Tier ist das Gehirn klein und unvoll kommen. Es denkt nicht so viel mit dem Gehirn, denkt schon im Auge

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drinnen, und es kann im Auge dadurch denken, daß es diesen Sichelfortsatz hat, also daß es das verbrauchte Blut, das kohlensaure Blut im Auge drinnen verwendet.
Ich kann Ihnen etwas sagen, was Sie wirklich nicht überraschen wird. Sie werden nicht voraussetzen, daß es dem Geier hoch oben in den Lüften mit seinem verdammt kleinen Gehirn gelingen würde, den ganz schlauen Entschluß zu fassen, gerade da herunterzufallen, wo das Lamm sitzt! Wenn es beim Geier auf das Gehirn ankäme, könnte er verhungern. Aber beim Geier sitzt im Auge drinnen ein Denken, das nur die Fortsetzung ist von seinem Nierendenken, und dadurch faßt er seinen Entschluß und schießt herunter und fängt das Lamm ab. So macht es der Geier nicht, daß er sich sagt: Da unten ist ein Lamm, jetzt muß ich mich in Positur setzen; jetzt werde ich gerade richtig in der Linie da herunterfallen, da werde ich auf das Lamm stoßen. - Diese Überlegung würde ein Gehirn machen. Wenn ein Mensch da oben wäre, so würde er diese Überlegung anstellen; nur wäre er nicht imstande, das auszuführen. Aber beim Geier denkt schon das Auge. Da ist die Seele schon im Auge drinnen. Das kommt ihm gar nicht so zum Be wußtsein, aber er denkt doch.
Sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt, der alte Jude, der sein Altes Testa ment verstanden hat, der hat gewußt, was es heißt: Gott hat dich durch deine Nieren in der Nacht geplagt. - Damit wollte er ausdrücken die Wirklichkeit dessen, was der Seele als bloße Träume erscheint. Gott hat dich durch deine Nieren in der Nacht geplagt - so sagte er ja, denn er hat gewußt: Da ist nicht nur ein Mensch, der durch seine Augen hinaus-guckt in die äußere Welt, sondern da ist ein Mensch, der durch seine Nieren hereindenkt und durch seine Leber hereinschaut in das Innere.
Und das haben die alten Römer auch noch gewußt. Die haben ge wußt, daß es eigentlich doch zwei Menschen gibt: den einen, der durch seine Augen so herausguckt, und dann den anderen, der in seinem Bauche seine Leber hat und der in sein eigenes Innere hereinguckt. Nun ist es allerdings so, daß man bei der Leber - man kann das an der Ver teilung der ganzen blauen Adern verfolgen -, wenn man den Ausdruck gebrauchen will, sagen muß: Die guckt eigentlich nach hinten. Daher kommt es auch, daß der Mensch so wenig von seinem Inneren wahrnimmt;

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geradesowenig wie Sie das, was hinter Ihnen ist, wahrnehmen, sowenig nimmt die Leber ganz bewußt wahr, was sie eigentlich anguckt. Das haben die alten Römer gewußt. Nur haben sie es so aus gedrückt, daß man nicht gleich darauf kommt. Sie haben sich vor gestellt: Da hat der Mensch vorn einen Kopf, und im Unterkörper hat er wiederum einen Kopf; der ist aber nur ein undeutlicher Kopf, der guckt nach hinten. - Und dann haben sie die zwei Köpfe zusammen genommen und haben so etwas gebildet (siehe Zeichnung): einen Kopf mit zwei Gesichtern, von denen das eine nach hinten, das andere nach vorne schaut. Solche Bildsäulen findet man heute noch, wenn man nach Italien kommt. Man nennt sie Janusköpfe.

[Bild GA 347 96]

Sehen Sie, die Reisenden, die dazu das Geld haben, gehen mit ihrem Baedeker durch Italien, schauen sich auch diese Janusköpfe an, schauen in den Baedeker herein - da steht aber nichts Vernünftiges drinnen. Denn, nicht wahr, man muß sich doch fragen: Wie sind denn diese alten Römerkerle dazu gekommen, solch einen Kopf auszubilden? So dumm waren sie eigentlich nicht, daß sie geglaubt haben, wenn man irgendwo übers Meer fährt, dann gibt es Menschen mit zwei Köpfen auf der Erde. Aber so ungefähr, nicht wahr, muß es sich der Reisende denken, der durch seine Augen ja nicht belehrt wird, wenn er da sieht, daß die Römer einen Kopf mit zwei Gesichtern ausgebildet haben, eins nach hinten, eins nach vorne.

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Ja, nun, die Römer haben eben noch etwas gewußt durch ein ge wisses natürliches Denken, was die ganze spätere Menschheit nicht gewußt hat, und worauf wir jetzt kommen, selbständig darauf kom men. So daß man jetzt wieder wissen kann, daß die Römer nicht dumm waren, sondern gescheit waren! Januskopf heißt Jänner, Januar. Warum haben sie ihn denn just in den Zeitanfang des Jahres gesetzt? Das ist auch noch ein besonderes Geheimnis.
Ja, meine Herren, wenn man schon einmal so weit gekommen ist, einzusehen, daß die Seele nicht nur im Kopfe, sondern auch in der Leber und Niere arbeitet, dann kann man auch verfolgen, wie das durch das Jahr hindurch verschieden ist. Wenn nämlich Sommer ist, warme Jahreszeit, da ist es so, daß die Leber außerordentlich wenig arbeitet. Da kommt die Leber und die Niere mehr in eine Art von see lischer Schlaftätigkeit, verrichtet nur ihre äußerlichen körperlichen Funktionen, weil der Mensch mehr an die Wärme der Außenwelt hin gegeben ist. Es fängt das im Inneren an, mehr Stillstand zu haben. Das ganze Verdauungssystem ist im Hochsommer stiller als im Winter; aber im Winter fängt dieses Verdauungssystem an, sehr geistig-seelisch zu sein. Und wenn die Weihnachtszeit kommt, die Neujahrszeit, wenn der Januar kommt und anfängt, da ist am stärksten die seelische Tätigkeit in der Leber und in den Nieren drinnen.
Das haben die Römer auch gewußt. Deshalb haben sie den Menschen mit den zwei Gesichtern den Jännermenschen, den Januarmenschen genannt. Wenn man selbständig wieder darauf kommt, was für ein Gescheites eigentlich da hingestellt ist, so braucht man die Dinge nicht mehr anzuglotzen, sondern kann sie wieder verstehen. Man glotzt sie heute nur an, weil die heutige Wissenschaft nichts mehr ist. Sehen Sie, Anthroposophie ist wirklich nichts Unpraktisches. Sie kann nicht nur alles dasjenige erklären, was menschlich ist, sondern sogar das, was geschichtlich ist; sie kann zum Beispiel erklären, warum die Römer diese Janusköpfe gebildet haben! Eigentlich - ich sage das wirklich nicht, um Eitelkeit zu treiben -, eigentlich müßte man schon beim Baedeker, damit die Menschen die Welt verstehen, einen Anthroposophen hinsetzen, sonst gehen die Menschen eigentlich verschlafen durch die Welt, glotzen alles nur an, können nicht nachdenken.

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Ja, meine Herren, daraus werden Sie ersehen, daß es wirklich ernst gemeint ist, wenn man sagt, man müsse vom Körperlichen ausgehen, um zum Seelischen zu gelangen. Nun, von diesem Seelischen werde ich Ihnen dann am nächsten Samstag weiterreden. Dann können Sie sich auch überlegen, was für Fragen Sie stellen wollen. Aber Sie werden gesehen haben, daß es wirklich nicht ein Spaß ist, wie man dazu kom men will, aus dem Körperlichen heraus das Seelische zu erkennen, sondern es ist das eine sehr ernste Wissenschaft.