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Bibliothek:Rudolf Steiner/Arbeitervorträge/GA 347 Die Erkenntnis des Menschenwesens/Vierter Vortrag

Aus AnthroWiki

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VIERTER VORTRAG

Dornach, 9. September 1922

Nun, meine Herren, da eine ziemlich lange Zwischenzeit zwischen unseren Vorträgen war, so möchte ich doch an das anknüpfen, was wir das letzte Mal besprochen haben. Ich habe Ihnen ja dazumal hauptsächlich auseinanderzusetzen versucht, wie im Leben der Schlaf und das Wachen drinnenstehen. Ich habe Ihnen gesagt, daß wir im Gehirn gewisse kleine Gebilde haben, Zellen nennt man sie, und ich habe Ihnen auch die Form aufgezeichnet. Diese Zellen, die haben hier den Eiweißkörper

[Bild GA 347 64]

(siehe Zeichnung) und dann Fortsätze, sind also sternförmig. Aber diese Fortsätze sind ungleich. Der eine ist lang, der andere ist kurz. Dann ist in der Nähe eine andere solche Zelle, die ihre Fortsätze hat, dann eine dritte, die auch ihre Fortsätze hat, und diese Fortsätze, diese Fäden, die da von den runden Zellen ausgehen, die verstricken sich miteinander, so daß sie ein Netz bilden. So daß das Gehirn eigentlich - man sieht es nicht mit freiem Auge, sondern nur, wenn man

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starke Vergrößerungen anwendet - ein Netzwerk ist, ein Netz bildet, und in dem Netze hier die kleinen Kügelchen einlagert.
Sehen Sie, diese Gehirnzellen sind im Grunde genommen halb tot. Das ist dasjenige, was eben das Auffälligste ist. Denn solche kleinen Wesen, wie sie die Gehirnzellen sind - wenn sie leben, dann bewegen sie sich auch. Und ich habe ja Ihnen die anderen Zellen auch erklärt, die weißen Blutkörperchen, die schwimmen herum wie kleine Tiere. Sie sind auch kleine Tiere; die sehen geradeso aus. Aber sie schwimmen herum und fressen. Wenn irgend etwas im Blut ist, was sie aufnehmen können, so nehmen sie das auf, strecken ihre Fühlfäden aus und saugen es in ihren eigenen Leib hinein. Und so durchschwimmen, durchströmen sie wie Bäche unseren Körper. So haben wir halb tote und halb lebendige Zellen im Blut herumschwimmend.
Nun ist das so, daß, wenn wir wach sind, diese Gehirnzellen dann wirklich fast ganz tot sind. Und nur dadurch, daß die Gehirnzellen tot sind, können wir denken. Wenn die Gehirnzellen lebendiger wären, könnten wir nicht denken. Und das kann man ja auch sehen. Denn im Schlafe, da fangen diese Gehirnzellen ein bißchen an zu leben; gerade dann, wenn wir nicht denken, wenn wir schlafen, da fangen die Gehirn zellen an zu leben. Und sie bewegen sich nur deshalb nicht, weil sie so nahe beieinanderliegen, weil sie einander nicht ausweichen können. Sonst, wenn sie anfangen würden, sich zu bewegen, würden wir über haupt nicht mehr aufwachen.
Wenn jemand schwachsinnig wird, also nicht mehr denken kann, und dann stirbt und man untersucht seine Gehirnzellen, dann findet man auch: diese Gehirnzellen bei einem schwachsinnig gewordenen Menschen haben angefangen zu leben, zu wuchern. Sie sind weicher, als sie bei einem normalen Menschen sind. Daher redet man auch von einer Gehirnerweichung bei schwachsinnig gewordenen Menschen, und der Ausdruck «Gehirnerweichung» ist nicht ganz schlecht.
Wenn man wirklich ohne Vorurteil den lebendigen Menschen kennenlernt, so sagt man sich: Das Leben, das in ihm ist, dieses körperliche Leben, das kann nicht sein Denken bewirken, denn das muß ja gerade absterben im Gehirn, wenn der Mensch denken soll. Das ist ja eben die Sache. Wenn die Wissenschaft heute wirklich richtig vorgehen würde,

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richtig arbeiten würde, dann würde die Wissenschaft nicht materia listisch sein können, weil man dann aus der Körperbeschaffenheit des Menschen selber sehen würde, daß ein Geistiges in ihm gerade dann am lebendigsten tätig ist, wenn das Körperliche abstirbt, wie im Gehirn. Man kann also streng wissenschaftlich Seele und Geist beweisen.
In der Nacht, wenn wir schlafen, sind die Gehirnzellen etwas lebendiger. Deshalb können wir auch nicht denken. Und die weißen Blut körperchen, die fangen dann an rege zu werden, wenn wir wachen. Das ist der Unterschied zwischen Schlafen und Wachen. Also wir wachen, wenn unsere Gehirnzellen gelähmt sind, fast abgetötet sind; dann kön nen wir denken. Wir schlafen und können nicht denken, wenn unsere weißen Blutkörperchen etwas abgetötet sind, und unsere Gehirnzellen anfangen, ein bißchen Leben zu haben. Der Mensch muß also eigentlich etwas vom Tod in sich haben in bezug auf seinen Körper, wenn er den ken soll, das heißt, wenn er seelisch leben soll.
Sehen Sie, meine Herren, es ist gar nicht zu verwundern, daß die heutige Wissenschaft auf solche Sachen nicht kommt, denn diese heutige Wissenschaft, die hat sich ja in ganz besonderer Art entwickelt. Wenn man Gelegenheit hat, so etwas anzusehen, wie ich zum Beispiel. jetzt in Oxford angesehen habe - ich konnte ja in Oxford eine Reihe von Vorträgen halten, und Oxford ist ja eine der hauptsächlichsten Hochschulen in England -, so kann einem auffallen, daß diese Ox forder Hochschule ganz anders eingerichtet ist als unsere Hochschulen hier in der Schweiz oder in Deutschland oder in Österreich. Diese Oxforder Hochschule, Universität, die hat noch etwas ganz Mittel­alterliches, absolut Mittelalterliches. Sie hat so stark Mittelalterliches, daß diejenigen Menschen, welche dort promovieren, das heißt, den Doktor machen, einen Talar und ein Barett bekommen. Jede solche Universität hat ihren eigenen Schnitt für Talar und Barett. Man kann einen Oxforder Baccalaureus oder Doktor unterscheiden von einem Cambridger, weil er einen anderen Schnitt im Talar und Barett hat. Diesen Talar und dieses Barett müssen aber die Leute anziehen bei irgendwelchen feierlichen Gelegenheiten, damit man weiß: der ist an der und der Universität gewesen und gehört dazu. Das ist gerade so, weil in England sich eben viele solche Dinge aus dem Mittelalter noch

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erhalten haben, wie zum Beispiel bei den Richtern dort; wenn sie im Amte tätig sind, müssen sie noch die Perücke tragen; die gehört dazu. Nun sehen Sie, da hat sich das Mittelalterliche noch ganz erhalten. Das ist auf dem Kontinente, in der Schweiz, in Österreich, in Deutschland nicht mehr der Fall. Da bekommt man keinen Talar, und man trägt auch als Richter nicht mehr eine Perücke. Ich glaube, das ist auch in der Schweiz nicht mehr der Fall, so viel mir bekannt ist.
Das ist ja von außen sehr spaßig anzuschauen für einen kontinentalen Menschen. Der sagt sich einfach: Nun, da haben sie noch das tiefe Mittelalter. Die Baccalauren, die Doktoren, die gehen herum auf der Straße mit Talar und Barett und so weiter. Aber es bedeutet das doch noch etwas ganz anderes. Sehen Sie, die Wissenschaft wird dort auch noch so betrieben, wie sie im Mittelalter betrieben worden ist. Das heißt, das, was dort getrieben wird, ist außerordentlich sympathisch, ist eigentlich gegenüber einer heutigen Hochschule, die alles das ab geschafft hat - ich möchte nicht, daß der Tal ar wieder eingeführt wird, mißverstehen Sie mich nicht -, aber gegenüber manchem, was heute alles an anderen Hochschulen ist, ist das eigentlich etwas außerordent lich Sympathisches, denn es hat etwas Ganzes. Es hat das Mittelalter wirklich in allen Formen erhalten. Es hat schon etwas Ganzes. Denn im Mittelalter konnte man ja alles mögliche erforschen, nur durfte man nichts über die Welt erforschen, die die Religion als Monopol genommen hatte. Das ist auch etwas, was Sie in Oxford noch fühlen. Sobald irgend jemand sich aufmachen würde und würde auch über die übersinnliche Welt etwas sagen wollen, dann wären sie dort außer ordentlich reserviert.
Nun, die mittelalterliche Wissenschaft hatte, solange wie die Leute sich nicht über das religiöse Leben ausließen, ihre vollständige Freiheit. Das ist ja bei uns verlorengegangen. Bei uns muß man heute an den Hochschulen Materialist sein. Wenn man nicht Materialist ist, dann wird man wie ein Ketzer behandelt - nicht wahr, wenn das, sagen wir, anständig wäre, die Leute zu verbrennen, so würde man sie auch heute noch verbrennen, auch von den Hochschulen aus. Das können Sie ja aus nächster Nähe sehen, wie man behandelt wird, wenn es sich darum handelt, irgend etwas Neues in die Wissensgebiete einzuführen. Die

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äußeren Perücken sind ja verschwunden, aber die inneren Perücken, die sind auch auf dem Kontinente durchaus noch nicht verschwunden!
Es ist nun so, daß auf dem Kontinent zwar eine Wissenschaft sich entwickelt hat, aber diese Wissenschaft hat noch die anderen Gewohn heiten, und die wird deshalb materialistisch, weil sie sich nie angewöhnt hat, sich mit dem Geistigen zu befassen. Im Mittelalter durfte man sich nicht mit dem Geistigen befassen, weil das der Religion überlassen war. In der Weise machen das die Leute heute noch weiter. Sie befassen sich eben nur mit dem Körper, und aus dem Grunde lernen sie gar nichts über dasjenige, was eigentlich am Menschen geistig ist. Also es ist tat­sächlich nur eine Vernachlässigung von seiten der Wissenschaft, daß man diejenigen Dinge, die da sind, durchaus nicht wirklich studiert.
Das möchte ich Ihnen gerade heute an einem Beispiel zeigen, damit Sie sehen: Derjenige, der heute wirkliche Wissenschaft treibt, der kann durchaus wissenschaftlich davon sprechen, daß eine Seele oder ein Geist einzieht in den Körper, wenn der Mensch im Mutterleibe seinen Körper entwickelt, und daß im Tode wiederum der Geist den Körper verläßt. Das ist heute wissenschaftlich zu beweisen, aber man muß wirklich die Wissenschaft dann kennen. Man muß sich mit der Wissenschaft sach gemäß abgeben können. Was tut heute die Wissenschaft in einem be­stimmten Fall? Sagen wir zum Beispiel, irgend jemand wird als fünfzigjähriger Mensch leberkrank und stirbt an seiner Leberkrankheit. Nun schön! Man legt ihn auf den Seziertisch, schneidet den Bauch auf und untersucht die Leber. Man findet, daß die Leber vielleicht etwas verhärtet ist innerlich, und man denkt nach, woher das kommen kann. Höchstens noch denkt man nach, was der Mensch gegessen haben könnte, daß durch ein falsches Essen die Leber verhärtet sein könnte. Aber so leicht ist unsere Natur nicht zu verstehen, daß wir einfach einen Menschen haben, seine Leber untersuchen können und wissen, wie es nun mit der Leber ist; so leicht ist es nicht. Man kann überhaupt aus der Leber, wenn man nur über die letzten Jahre des Menschen nachdenkt, gar nicht erkennen, warum sie so ist, wie sie ist.
Wenn man einem fünfzigjährigen Menschen die Leber herausschnei det und findet, die Leber ist verhärtet, dann ist in den meisten Fällen
- nicht in allen, aber in den meisten Fällen - die Schuld daran, daß der

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Mensch als ganz kleines Kind, als Säugling, mit einer falschen Milch ernährt worden ist. Dasjenige, was oftmals erst im fünfzigsten Jahre auftritt als eine Krankheit, das hat seine Ursache in der ganz frühen Kindheit. Denn warum?
Sehen Sie, derjenige, der nun die Leber wirklich untersuchen kann und der weiß, was die Leber im Menschen bedeutet, der kann sich das Folgende sagen. Er weiß, daß die Leber bei einem ganz kleinen Kinde noch frisch ist; sie ist sogar noch in Entwickelung. Nun ist die Leber ein menschliches Glied, das ganz anders ist als alle anderen mensch lichen Glieder. Die Leber ist etwas ganz Besonderes. Das kann man auch äußerlich sehen. Sehen sie, wenn Sie irgendein Organ des Men schen nehmen, Herz oder Lunge oder was Sie wollen, so kann man sagen: Dieses Organ gehört eben zum ganzen menschlichen Leibe. Nehmen Sie irgendein Organ, sagen wir zum Beispiel den rechten Lungenflügel, so können Sie sagen: In diesen rechten Lungenflügel, da gehen rote Blutadern hinein - Sie wissen, was das bedeutet - und blaue Blutadern gehen wiederum heraus. Die roten Blutadern, die hinein gehen, die haben Sauerstoff - den sehen Sie in den Körper übergehen - und die blauen Blutadern, die haben das Verbrauchte, die haben Kohlensäure, die weg muß, ausgeatmet werden muß (siehe Zeichnung).

[Bild GA 347 69]

Nun, sehen Sie, jedes Organ - Magen, Herz - ist so eingerichtet, daß der Mensch in diese Organe rotes Blut bekommt und blaues Blut herausgeht.

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Bei der Leber ist es anders. Zwar zuerst schaut es im wesentlichen auch bei der Leber so aus. Wenn Sie da die Leber haben - die Leber liegt unter dem Zwerchfell auf der rechten Seite des menschlichen Körpers -, da haben Sie auch so die Sache zunächst, daß rote Blutadern hineingehen und blaue Blutadern herausgehen. Wenn das der Fall wäre, wäre eben die Leber ein Organ wie die anderen menschlichen Organe.

[Bild GA 347 70]

Aber außerdem geht noch eine große Ader, welche blaues Blut, Kohlen säure enthält, extra in die Leber hinein, was bei keinem anderen Organ der Fall ist. Es geht also eine blaue Ader, die sogenannte Pfortader in die Leber hinein, eine mächtige blaue Ader. Die verzweigt sich überall da drinnen und versorgt die Leber mit blauem Blut, also für alle an deren Organprozesse unbrauchbar gewordenem Blut, das sonst gereinigt wird, indem man die Kohlensäure ausatmet. In die Leber schicken wir fortwährend Kohlensäure herein. Die Leber braucht gerade, was die anderen Organe fortschmeißen müssen.
Woher kommt das? Das kommt daher, daß die Leber eine Art inneres Auge ist. Die Leber ist wirklich eine Art inneres Auge. Die Leber verspürt - besonders, wenn sie frisch ist, beim Kinde - den Geschmack, aber auch die Güte der Milch, die das Kind an der Mutterbrust saugt. Und viel später noch nimmt die Leber alles wahr, was an Nahrungs­mitteln in dem menschlichen Körper sich auslebt. Die Leber ist ein Wahrnehmungsorgan, ein Auge, möchte man sagen; ich könnte auch sagen, ein Tastorgan, ein Gefühlsorgan. Die Leber nimmt alles das wahr.
Ein anderes Organ am Menschen, das wahrnimmt, ist das Auge. Aber das Auge nimmt ja deshalb gerade so stark die Außenwelt wahr, weil es fast extra da drinnen sitzt im Kopfe. Es ist ja ganz in dieser Knochenhöhle drinnen, aber es ist fast ein abgesondertes Organ. Man kann es herausnehmen, und es liegt ganz extra, abgesondert vom Körper

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da drinnen in dieser Knochenhöhle. Die anderen Sinne führen uns nicht so in die Außenwelt wie das Auge. Wenn Sie hören, so erleben Sie innerlich noch. Die Musik ist daher innerlicher als das Sehen. Das Auge, das ist so eingerichtet, damit es eben nicht so sehr dem menschlichen Leibe angehört, sondern der Außenwelt angehört.
Dadurch aber, daß in die Leber hineingeht blaues Blut, das sonst die Kohlensäure rausschmeißt in die Außenwelt und wieder rot gemacht wird, dadurch ist die Leber fast so abgesondert vom anderen mensch lichen Leibe wie das Auge. Es ist also die Leber ein Sinnesorgan. Das Auge nimmt Farben wahr. Die Leber nimmt wahr, ob der Sauerkohl, den ich esse, dem Körper nützlich oder schädlich ist, ob die Milch, die ich trinke, dem Körper nützlich oder schädlich ist. Die Leber nimmt das fein wahr, und die Leber gibt die Galle ab, und die Galle wird ab gegeben - das ist wirklich so - wie das Auge die Tränen abgibt. Wenn der Mensch traurig wird, fängt er an zu weinen. Die Tränen kommen nicht umsonst aus dem Auge. Mit dem Wahrnehmen, mit dem Bemer ken von den Dingen hängt das Traurigwerden zusammen. Und ebenso hängt das Absondern der Galle damit zusammen, daß die Leber wahr nimmt, ob irgend etwas dem Körper schädlich oder nützlich ist. Sie sondert mehr oder weniger Galle ab, je nachdem wie schädlich es ist, was der Mensch bekommt. Also wir haben in der Leber ein Wahnehmungsorgan.
Nun denken Sie sich: Wenn das Kind ungesunde Milch bekommt, dann ärgert sich die Leber fortwährend. Und wenn der Mensch doch so gesund ist, daß er dann nicht gleich die Gelbsucht kriegt durch zu starke Gallenabsonderung, so ist ein fortwährendes Drängen da nach Gallenabsonderung beim Kind. Und dann wird die Leber schon beim Kind krank. Der Mensch kann viel aushalten. Er kann vierzig, fünf undvierzig Jahre diese kranke Leber, die er sich als Säugling erworben hat, mit sich herumschleppen; aber zuletzt, im fünfzigsten Jahre, kommt es zum Ausbruch: Die Leber ist verhärtet.
So also ist es wirklich nicht, daß man bloß den Menschen, der fünfzig Jahre alt ist, auf den Seziertisch legt, ihm den Bauch aufschneidet, die Organe herausnimmt, sie anguckt und etwas darüber sagt. Da kann man eben nichts sagen. Der Mensch ist nicht bloß dieses Augenblickswesen,

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sondern der Mensch ist ein Wesen, das sich eben durch eine bestimmte Anzahl von Jahrzehnten entwickelt. Und was manchmal fünfzig Jahre zurückliegt, das kommt nach fünfzig Jahren zum Aus druck. Da muß man aber den Menschen vollständig kennen, wenn man das verstehen will.
Nun nehme ich an, Sie seien jetzt einmal Materialisten. Aber wenn Sie Materialisten sind, dann sagen Sie sich das Folgende. Ich habe Ihnen gesagt, die Leber ist ein Organ, dessen Krankheit beim Säugling ver ursacht sein kann und im fünfzigsten Lebensjahre zum Ausbruch kom men kann. Ja, meine Herren, wie ist die Geschichte aber mit dem Men schen? Nehmen wir einmal ganz schematisch an, der Mensch ist ein Wesen aus Fleisch, aus Blut, aus Muskeln und so weiter bestehend. Er hat Blutgefäße in sich, er hat Adern in sich, Nerven - das alles sind Stoffe natürlich, richtige Stoffe. Aber glauben Sie, daß die Stoffe, die zum Beispiel in der Leber sind beim kleinen Kinde, das gesäugt wird, noch im fünfzigsten Jahre vorhanden sind? Nein, das ist nicht der Fall. Denn, nehmen Sie nur das Allereinfachste: Sie schneiden sich die Fingernägel. Wenn Sie sich die Nägel nicht schneiden, so wachsen sie wie die Habichtskrallen fort. Da schneiden Sie ja fortwährend ein Stückchen Stoff von sich ab! Und wenn Sie sich die Haare schneiden, schneiden Sie auch ein Stückchen Stoff von sich ab. Aber Sie werden schon manchmal bemerkt haben, daß das nicht nur beim Haare- und Fingernägelschneiden stattfindet, daß Stoff weggeht, sondern wenn Sie sich manchmal kratzen und längere Zeit den Kopf nicht gewaschen haben, dann kratzen Sie Schuppen mit ab. Das sind Stückchen Haut. Und wenn Sie sich nicht ganz waschen würden, wenn nicht der Schweiß kleine Schuppen vom Körper fortschwemmen würde, könnten Sie einen ganz geschuppten Körper kriegen. Das heißt, an der Außenseite des Körpers, da fällt fortwährend der Stoff weg.
Nun denken Sie sich einmal, Sie schneiden sich da ein Stück Fingernagel weg. Das wächst wieder nach. Das kommt von innen nach. Ja, so ist es nämlich mit dem ganzen menschlichen Körper. Dasjenige, was am allerinnersten ist, das ist nach ungefähr sieben Jahren an der Außenfläche, und wir können es als Schuppen wegtun. Sonst macht das nur die Natur, und wir bemerken nicht, wie wir die feinen Schuppen immer

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loskriegen. Der Stoff nämlich, die Materie des Menschen, die geht immer von innen nach außen und schuppt sich äußerlich ab. Dasjenige, was Sie heute da ganz drinnen haben, das wird nach sieben Jahren außen sein und sich ganz abgeschuppt haben, und dasjenige, was Sie dann in sich drinnen haben, das ist neugebildet, ganz neugebildet. Je nach sieben Jahren werden nämlich die weichen Teile des menschlichen Stoffes neu gebildet. Wenn man ein kleines Kind ist, so gilt das sogar noch für gewisse äußere Knochenorgane. Daher haben wir die Milch zähne nur so ungefähr bis zum siebenten Jahre; dann werden sie ab gestoßen und neue Zähne bilden sich aus dem Inneren heraus. Die blei ben nur dann, weil man nicht mehr die Kraft hat, die Zähne abzu stoßen; wie man die Fingernägel abstößt, so kann man sie eben nicht abstoßen. Aber sie haben eigentlich beim modernen Menschen doch nicht die Neigung, sich länger zu halten! Nun, der Mensch kann viel aushalten. Die Zähne halten sich, aber wie lange? Sie werden ja, beson ders in der Schweiz, furchtbar schadhaft nach einiger Zeit. Es hängt mit dem Wasser zusammen, das Schadhaftwerden der Zähne, besonders in dieser Gegend.
Aber daraus sehen Sie, daß Sie den Stoff, den Sie heute in sich haben, nach sieben Jahren nicht mehr in sich haben. Sie haben ihn ausgeworfen und neu gebildet. Wenn es auf den Stoff ankäme, dann wäre zum Bei spiel heute der Herr Dollinger nicht derjenige, der da sitzt; denn die Stoffe, die er dazumal gehabt hat, die sind fort, die sind verflogen. Er ist seit der Zeit ein ganz neuer geworden dem Stoff nach. Nun hat man ihn ja aber dazumal auch schon mit demselben Namen angeredet. Er ist heute noch derselbe; ja, aber der Stoff ist es nicht, der Stoff ist es gar nicht. Dasjenige, was den Stoff fortwährend als eine Kraft zusammen hält, was also, wenn der Stoff von irgendeiner Stelle hier fortgeht, da wiederum einen neuen hinträgt - den Stoff kann man sehen, wenn man den Menschen auf den Seziertisch legt, aber das, was da als Kraft im Menschen ausgedehnt ist, das kann man nicht sehen -, das ist das so­genannte Übersinnliche.
Ja, meine Herren, wenn also die Leber beim Säugling ruiniert wird und im fünfzigsten Jahre eine Leberkrankheit herauskommt, so ist ja das Stück Leber, das da drinnen liegt, ganz ausgewechselt. Der Stoff

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ist längst fort. Am Stoff liegt es nicht, daß wir uns eine Leberkrankheit erworben haben, sondern es liegt an den Kräften, die unsichtbar sind. Die haben sich angewöhnt, während der Säuglingszeit die Leber nicht ordentlich tätig sein zu lassen. Die Tätigkeit, nicht der Stoff, die Tätig keit ist in Unordnung gekommen. Also wenn wir uns klar sind darüber, daß es sich mit der Leber so verhält, müssen wir sagen: Es ist ja ganz offenbar auch klar, daß der Mensch, da er den Stoff immer auswech selt, etwas, was nicht Stoff ist, in sich trägt.
Wenn man diesen Gedanken nur ordentlich faßt, so kommt man ja dazu, aus wissenschaftlichen Gründen unmöglich Materialist sein zu können. Nur diejenigen Leute, welche glauben, daß der Mensch mit fünfzig Jahren derselbe Stoff ist, wie er als Kind war, die sind Materia listen. Das ist es also, was aus rein wissenschaftlichen Gründen es not­wendig macht, daß man dem Menschen ein Geistiges zugrunde liegend denkt, daß also der Mensch ein Geistiges in sich trägt.
Aber, meine Herren, Sie werden doch nicht glauben, daß diese Leberstoffteilchen, die mit fünfzig Jahren längst fort sind, die Leber aufbauen, daß die etwas tun können dazu, daß die Leber aufgebaut wird. Die gehen ja eben fort, die verlassen ja eben die Leber. Für diese Stoffteilchen bleibt eigentlich nichts dort als der Raum. Dasjenige, was die Leber fortwährend neu bildet, das ist Kraft, das ist etwas Über-sinnliches. Das bildet die Leber fortwährend neu.
So neugebildet muß der ganze Mensch werden, wenn er überhaupt zur Welt kommen will. Die Kräfte, die da in der Leber sind, die müssen ja schon da sein, wenn der Mensch überhaupt im Leibe der Mutter ge bildet wird..
Nun, Sie können sagen: Im Leibe der Mutter kommen die weibliche Eizelle und die männliche Samenzelle zusammen, und aus dem entsteht der Mensch. Ja, meine Herren, aus dieser Stoffmischung kann ebenso wenig der Mensch entstehen, wie die Leberkrankheit im fünfzigsten Jahre entstehen kann aus dem Stoff, der verdorben worden ist im ersten Lebensjahre. Dieser Stoff, der muß da sein. Derjenige, der behauptet, im mütterlichen Leibe bilde sich der Mensch aus Stoff, der soll nur auch gleich behaupten, ich lege da Holz zusammen und setze mich ein paar Jahre nieder, und dann wird nach ein paar Jahren eine sehr schöne

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Bildsäule daraus. Natürlich, der Stoff muß dem Geist zur Verfügung gestellt werden. Das geschieht im mütterlichen Leibe. Aber der Mensch wird nicht im mütterlichen Leibe gebildet, sondern dieser Stoff, der wird, wie der Stoff von einem Bildhauer, von dem Geiste eben be arbeitet, und dadurch bildet sich das im Menschen, was ihn immer wie der neu bildet, wenn ein physischer Stoff ausgeworfen wird. Wir brauchten wirklich viel weniger zu essen, als wir essen müssen, wenn der Stoff eine größere Bedeutung hätte. Da würden wir, wenn wir ein kleines Kind sind, allerdings essen müssen, damit wir größer werden können. Wenn wir aber dann mit zwanzig Jahren ausgewachsen wären und der Stoff immer derselbe bliebe, so brauchten wir nachher gar nichts mehr zu essen. Es wäre eine wunderbare Geschichte für den Arbeitsunternehmer, denn Kinder sind heute verboten zu verwenden, und die Arbeiter brauchten nichts mehr zu essen. Es würde also eine wunderbare Geschichte sein! Aber daß wir fortwährend noch essen müssen, wenn wir ausgewachsen sind, das beweist, daß dasjenige, was bleibt, was im Menschen noch während des Lebens ist, eben nicht der Stoff, sondern das Geistig-Seelische ist. Und das muß da sein, bevor überhaupt die menschliche Empfängnis stattfindet, ist auch da, und bearbeitet den Stoff von allem Anfange an, wie es ihn auch weiter bearbeitet.
Wenn nun der Mensch geboren wird, dann kann man sehen, wie er da in der allerersten Kindheit fast fortwährend schläft. Er schläft fort während. Gesund ist es eigentlich für den Menschen nur, wenn er in der allerersten Säuglingszeit höchstens ein bis zwei Stunden wach ist; sonst sollte der Säugling fortwährend schlafen, hat auch das Bedürfnis, fast immer zu schlafen.
Was heißt denn aber das: der Säugling hat das Bedürfnis, fort während zu schlafen, und er soll schlafen? Das heißt, sein Gehirn soll dann noch etwas lebendig sein. Die weißen Blutkörperchen sollen noch nicht zu lebhaft durch den Körper schießen; die sollen sich da noch beruhigen, diese weißen Blutkörperchen, und das Gehirn soll noch nicht tot sein. Deshalb muß der Säugling schlafen. Er kann aber auch noch nicht denken. Sobald er anfängt zu denken, so fangen auch die Gehirn zellen an, immer mehr und mehr tot zu werden. Solange wir im Wachsen

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sind, treibt immerfort die Kraft, die uns größer macht, auch noch die jenigen Vorgänge zum Gehirn hin, die das Gehirn recht weich erhalten können. Aber wenn wir nicht mehr wachsen, wenn das Wachsen stockt, dann wird es immer schwerer, daß dasjenige, was ins Gehirn kommen soll, auch während des Schlafes hinaufkommt. Und die Folge davon ist, daß wir zwar immer besser denken lernen, je älter wir werden, daß aber unser Gehirn viel mehr die Neigung zum Totsein erhält, und wir sterben eigentlich im Gehirn, wenn wir einmal ausgewachsen sind, fortwährend ab.
Nun kann der Mensch eben viel aushalten. Er hält sein Gehirn noch sehr lang so, daß es in der Nacht weich genug wird. Aber es kommt eben doch einmal die Zeit, wo die Kräfte, die nach dem Kopf hinauf-treiben, das Gehirn nicht mehr ordentlich versorgen können, und dann nähert es sich dem Alter.
Woran stirbt denn eigentlich der Mensch in Wirklichkeit? Natür lich, wenn irgendein Organ zugrunde geht, dann kann der Geist nicht mehr arbeiten, wie man an einer Maschine, die nicht in Ordnung ist, nicht mehr arbeiten kann. Aber abgesehen davon wird ja sein Gehirn immer steifer und steifer, und er kann sein Gehirn nicht mehr ordent lich herstellen. Bei Tag wird ja das Gehirn fortwährend ruiniert, weil der Körper nicht dasjenige ist, was das Gehirn wieder herstellt, sondern es ist das Geistig-Seelische. Aber das ist, wenn man es so ausdrücken darf, wie ein Gift; das Geistig-Seelische ruiniert das Gehirn im Wachen. Daher müssen wir schlafen, damit das Gehirn wieder hergestellt wer den kann. Wenn das Gehirn nicht denken könnte, dann würde ja das Gehirn nicht abgetötet werden, sondern immer stärker werden. Denn der Arm, der nicht denkt, der arbeitet, wird immer stärker und stärker. Aber das Gehirn wird immer schwächer und schwächer beim Denken. Das Gehirn ist nicht ein solches Organ, das durch sein Leben denkt, sondern dadurch, daß es abstirbt, denkt es, und dadurch wird der Kör per für den Menschen einmal unbrauchbar. Der Geist ist da, aber der Körper wird einmal unbrauchbar.
Das zeigt sich auch, wenn Sie wiederum sich erinnern, was ich gesagt habe: Die Leber ist wie ein Sinnesorgan, wie eine Art Auge da drinnen. Ja, meine Herren, das ist eine Leberkrankheit, wenn bei einem fünfzig

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Jahre alten Menschen die Leber so versteift und so verhärtet ist, wie ich es vorhin angenommen habe. Aber etwas verhärtet ist die Leber im späteren Alter immer. Beim kleinen Kind ist sie frisch und weich. Da sind diese rotbraunen Gewebe-Inselchen - die Leber besteht ja daraus, daß da solche Gewebe-Inselchen sind - so verbunden durch ein solches Netz wiederum. Das ist das Lebergewebe.
Nun, diese Leber ist ganz weich und elastisch im Kindheitsalter. Aber sie wird immer steifer und härter, je älter man wird. Denken Sie, dieselbe Geschichte tritt beim Auge auf. Wenn man älter wird, dann wird das Innere des Auges immer steifer und steifer. Wenn es krank haft sich versteift, dann kommt der Star. Wenn die Leber krankhaft sich versteift, dann kommt die innere Leberverhärtung mit Leber-abszessen und so weiter.
Aber auch im gesunden Zustande wird die Leber ebenso abgebraucht als Sinnesorgan, wie abgebraucht wird das Auge. Und die Leber nimmt immer weniger wahr, wie da drinnen die Nahrungsmittel nützlich oder schädlich sind, weil sie abgebraucht worden ist. Wenn also einer alt geworden ist, dann dient ihm die Leber nicht mehr so gut, diese Dinge, die in den Magen kommen, zu beurteilen, ob sie nützlich oder schäd lich sind. Da wird nicht mehr so gut abgehalten. Die Leber bewirkt, wenn sie gesund ist, daß die nützlichen Stoffe im Körper verbreitet und die schädlichen abgehalten werden. Wenn aber die Leber schad haft geworden ist, dann kommen auch die schädlichen Stoffe in die Darmdrüsen, in die Lymphe, und gehen dann im Körper herum und erzeugen allerlei Krankheiten. Und das macht es, daß derjenige, der alt geworden ist als Mensch, seinen Körper innerlich nicht mehr so wahrnehmen kann wie er ihn früher durch die Leber wahrnehmen konnte. Er ist, ich möchte sagen, für seinen eigenen Körper innerlich blind geworden. Wenn man äußerlich blind ist, kann einen ein anderer führen, kann einem helfen. Wenn man aber innerlich blind wird, dann gehen die Vorgänge nicht mehr ordentlich vor sich, dann kommt sehr bald der Darmkrebs, oder Magen- oder Pförtnerkrebs, oder irgend etwas, wo die Leber nicht in Ordnung ist. Dann ist der Körper nicht mehr zu gebrauchen. Dann können aber auch die neuen Stoffe, die fortwährend abgestoßen werden müssen, nicht mehr ordentlich in den

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Körper eingefügt werden. Die Seele kann nicht mehr so mitmachen mit dem menschlichen Körper, und die Zeit ist da, wo der Körper ganz weggeworfen werden muß.
Ja, meine Herren, man sieht, wie der Körper schon von Jahr zu Jahr weggeworfen wird, denn wenn Sie sich am Kopf abschuppen oder die Nägel schneiden, dann werfen Sie das unbrauchbar Gewordene weg. Aber dasjenige, was als Kräfte drinnen ist, bleibt. Wenn aber das Ganze unbrauchbar wird, dann kann dasjenige, was drinnen arbeitet, nichts mehr ersetzen. Dann wird, so wie sonst die Nägel und die Schuppen und anderes vom Körper abgeworfen wird, jetzt der ganze Körper abgeworfen, und dasjenige, was vom Menschen zurückbleibt, ist eben das Geistige. So daß Sie sagen können: Wenn ich den Menschen ver stehe, so verstehe ich ihn eben nach Leib und Geist, und es ist nicht wahr, daß der Mensch nur irgend etwas Körperliches ist.
Ja, sehen Sie, man könnte sagen, das ist nur eine religiöse Sache. Aber es ist nicht bloß eine religiöse Sache. Hier in dieser Goetheanum wissenschaft, da tritt es eben hervor, daß es sich nicht bloß um eine religiöse Sache handelt. Durch die Religion soll der Mensch beruhigt werden, daß er nicht stirbt, wenn sein Körper stirbt. Das sind im Grunde genommen egoistische Gefühle, und die Prediger rechnen auch damit. Die sagen den Menschen so etwas, daß sie nicht sterben. Hier handelt es sich nicht um eine religiöse Sache, sondern um eine wirkliche praktische Sache.
Derjenige, der bloß den Menschen auf den Seziertisch legt, den Bauch aufschneidet und die Leber anschaut, der wird nicht auf den Gedanken kommen, wie man sich Mühe geben müsse, damit das Kind als Säugling ordentlich ernährt wird. Wer aber weiß, wie das vor sich geht, der wird darauf kommen, wie das Kind erzogen werden soll, damit es ein gesunder Mensch werden kann. Gesundheit herstellen in der Kindheit ist viel wichtiger, als später Krankheit heilen. Aber man weiß ja nichts davon, wenn man den Menschen nur wie einen Stoff klotz ansieht.
Nun, an diesem Beispiel ist es leicht ersichtlich, was ich da gesagt habe. Aber nehmen Sie ein anderes Beispiel. Nehmen Sie an, ich habe ein Kind in der Schule, und ich füttere es fortwährend mit allem möglichen

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Zeug, lasse es lernen, daß sein Gedächtnis überlastet wird, daß das Kind gar nicht recht zu sich kommt. Ja, meine Herren, da strengt man den Geist an in Wirklichkeit. Aber es ist nicht wahr, daß man bloß den Geist anstrengt, denn der Geist arbeitet fortwährend an dem Kör per. Und wenn ich das Kind falsch unterrichte und falsch erziehe, auch nur, sagen wir, dem Gedächtnis nach, dann verhärte ich bei ihm ganz bestimmte Organe, weil dasjenige, was im Gehirn verwendet wird, den anderen Organen verlorengeht. Und wenn Sie das Kind gar zu stark dem Gehirn nach belasten, so werden seine Nieren krank. Das heißt, Sie können nicht nur durch körperliche Einflüsse das Kind krank machen, sondern durch die Art, wie Sie unterrichten und erziehen, das Kind gesund oder krank machen.
Sehen Sie, da wird die Geschichte praktisch. Kennt man den Men schen wirklich, so bekommt man eine ordentliche Pädagogik in der Schule. Kennt man den Menschen so, wie die heutige Wissenschaft ihn kennt, so kann man an den Universitäten den Leuten vortragen, wie wir gesehen haben: Die Leber schaut so aus, wir haben rotbraune Leber Inselchen und so weiter. - Und was ich Ihnen da aufgezeichnet habe, kann man natürlich an der Universität beschreiben. Aber nachher ver stummt man.
Eine solche Wissenschaft ist nicht praktisch, weil sie nicht in die Schulen hineingetragen werden kann. Der Lehrer kann nichts anfangen mit einer solchen Wissenschaft. Der Lehrer kann erst etwas damit an fangen, wenn er weiß: Wenn die Leber im dreißigsten Jahre so aus schaut, muß ich, damit sie sich ordentlich entwickelt, im achten oder neunten Lebensjahre das tun, damit sie sich ordentlich entwickelt, nicht von dem Kinde verlangen, daß es Anschauungsunterricht treibt, son dern im achten oder neunten Jahre dem Kinde etwas beibringen, was seine Organe in der richtigen Weise führt. Also ich muß ihm zum Bei spiel etwas erzählen und mir nacherzählen lassen, und muß das Ge dächtnis nicht überlasten, sondern es sich selber überlassen. Das bringt man heraus, wenn man den Menschen kennt nach Leib, Seele und Geist. Dann aber kann man auch ordentlich erziehen.
Nun frage ich Sie, ist das nicht das Allerwichtigste, daß man nicht bloß mit einer Geschichte vom Überirdischen den Menschen beruhigt

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durch Kanzelreden, daß er nicht stirbt, wenn sein Leib stirbt? Das tut man gewiß nicht - ich habe es Ihnen ja bewiesen -, aber man wirkt dadurch nur auf den Egoismus der Menschen, die eben wünschen fort zuleben, und diesen Wünschen kommt man entgegen. Die Wissenschaft hat es nicht mit Wünschen zu tun, sondern mit Tatsachen, und diese Tatsachen, wenn man sie kennt, machen die ganze Geschichte prak tisch. Da hat man etwas in die Schule hineinzutragen, wenn man den Menschen wirklich kennt.
Und das ist dasjenige, wodurch sich diese Goetheanumwissenschaft von einer anderen Wissenschaft unterscheidet. Hier möchte man all mählich einen Zustand herbeiführen, der anwendbar ist nicht nur für ein paar Leute, die eben gerade dem Wissenschaftsstande angehören, sondern wo die Wissenschaft ganz allgemein menschlich ist, der Menschheit zugute kommt, an der Entwickelung der Menschheit ar beitet.
Die heutige Wissenschaft arbeitet nur in der Technik praktisch, manchmal noch auf dem oder jenem anderen Gebiete, zum Beispiel der Medizin, aber auch nicht sehr stark. Ja, meine Herren, da wird zum Beispiel Theologie gelehrt oder Geschichte gelehrt - ja, fragen Sie, ob das im Leben irgendwo angewendet wird. Nicht einmal auf der Kanzel kann der Theologe seine Wissenschaft anwenden; er muß so reden, wie die Leute es hören wollen. Oder fragen Sie den Juristen, den Advo katen, den Richter! Der lernt seine Sachen, damit er sie eingepaukt hat und nachher im Examen die Sachen weiß. Aber nachher vergißt er sie so schnell wie möglich, denn draußen richtet er sich nach ganz anderen Gesetzen. Es wird nichts angewendet auf den lebendigen Menschen. Kurz, wir haben eine Wissenschaft, die gar nicht mehr lebenspraktisch ist. Und das ist das Schlimme.
Daraus können Sie auch sehen, daß wirklich sich Klassen von Men schen bilden. Im Leben ist es so, daß, was im Leben steht, auch an gewendet werden muß. Wenn also eine Wissenschaft da ist, die nicht angewendet werden kann, eine unnützliche Wissenschaft da ist, dann sind die Leute, die diese Wissenschaft treiben, auch in einem gewissen Sinne unnützlich, und dann entsteht eine unnützliche Menschenklasse. Da haben Sie die Klassenunterschiede.

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Das habe ich in meinen «Kempunkten» versucht darzustellen, daß eigentlich mit dem geistigen Leben auch die Klassenunterschiede zu sammenhängen. Aber wenn man auf die Wahrheit hindeutet, wird man ja von allen Seiten als Phantast erklärt. Aber Sie können sich hier über zeugen, daß es sich nicht um Phantastisches handelt, sondern um ein wirkliches, tatsächliches Erkennen und um ein Praktischmachen der Wissenschaft, die wirklich eingreifen kann ins Leben. Dann beruhigen die Menschen sich auch über den Tod.
Es ist ja natürlich so manches für Sie schwierig, gerade aus dem Grunde, weil die Schulerziehung nicht so ist, wie sie sein sollte. Aber Sie werden schon allmählich die Dinge verstehen. Und Sie können sicher sein, so recht verstehen es auch die anderen nicht. Wenn man so mit der heutigen Wissenschaft unter all diese mittelalterlichen Verhält nisse kommt, so sieht man, was das für eine Wissenschaft ist. Wenn ich die Wissenschaft des Goetheanums in Oxford vortrage, so unterscheidet sich das ganz beträchtlich von dem, was sonst in Oxford vorgetragen wird. Das ist eben ein ganz anderer Zug und wird erst allmählich verstanden werden.
Und so möchte ich, daß Sie ein Verständnis bekommen, wie schwer es ist, damit durchzudringen. Es ist schwer, aber es wird werden und muß werden, denn sonst geht einfach die Menschheit zugrunde.