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Bibliothek:Rudolf Steiner/Arbeitervorträge/GA 347 Die Erkenntnis des Menschenwesens/Zweiter Vortrag
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ZWEITER VORTRAG
Dornach, 5. August 1922
Guten Morgen, meine Herren! Nun werde ich auch heute noch fortsetzen müssen mit dem, was wir besprochen haben, aus dem Grunde, weil ja die Sache nur dann ganz gut verstanden werden kann, wenn man immer weiter und weiter in sie eindringt.
Sehen Sie, es kommt beim Menschen also darauf an, wie Sie gesehen haben, daß er sowohl aus dem Erdreiche seine Nahrung nimmt, da durch ernährt er sich -, daß er aus dem, was die Erde umgibt, aus dem Luftreiche also, seine Atmung besorgt, dadurch lebt er eigentlich erst, dadurch ist er erst imstande, auch ein fühlendes und empfindendes Wesen zu werden - und daß er aus der ganzen Welt die Kräfte nimmt, wie wir gesehen haben, dadurch ist er ein denkendes Wesen und wird eigentlich erst dadurch ein vollständiger Mensch.
Also der Mensch muß sich ernähren können, der Mensch muß atmen können, dadurch ein fühlendes Wesen werden - und er muß die Kräfte aus dem Weltenall nehmen können, um dadurch ein denkendes Wesen zu werden. Er wird ebensowenig von selbst ein denkendes Wesen, wie er durch sich selber reden kann. Der Mensch kann nicht sich selber denken, ebensowenig wie er sich selber essen kann.
Nun wollen wir einmal näher betrachten, wie diese Dinge eigentlich vor sich gehen. Beginnen wir zunächst einmal damit, daß wir uns klar machen, wie eigentlich dieser Vorgang geschieht, wenn wir die Nahrungsstoffe aufnehmen, sie gewissermaßen in einem ertöteten, toten Zustande haben innerhalb unseres Gedärmorganismus, und sie dann wiederum belebt werden durch die Lymphdrüsen und durch die Lymphe ins Blut übergeführt werden, das Blut durch die Atmung erneuert wird. Das Blut, respektive die Kraft des Blutes, der Atemstoß, steigt dann durch das Rückenmark in das Gehirn hinein und verbindet sich dort mit demjenigen, was die Gehirntätigkeit ist.
Sie brauchen nur zu betrachten, wie das Kind in einer anderen Weise sich ernährt als der erwachsene Mensch, dann werden Sie daraus schon für die ganze Erkenntnis des Menschen sehr viel entnehmen können.
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Das Kind muß, wie Sie wissen, in der allerersten Lebenszeit viel Milch trinken. Zunächst nährt es sich ja ausschließlich von Milch. Was heißt das eigentlich, daß sich das Kind ausschließlich von Milch ernährt? Das können wir uns vorstellen, wenn wir uns klarmachen, woraus die Milch eigentlich besteht.
Die Milch besteht - das bedenkt man gewöhnlich nicht - zu 87 Prozent aus Wasser. Also wenn wir als Kinder Milch trinken, so trinken wir eigentlich damit 87 Prozent Wasser, und nur die letzten 13 Prozent sind etwas anderes. Von diesen letzten 13 Prozent sind nur 41/2 Prozent Eiweiß; 4 Prozent sind Fett in der Milch, und dann sind noch einige restierende andere Stoffe, Salze und so weiter. Aber im wesentlichen ist das dasjenige, was das Kind aufnimmt mit der Milch. Es nimmt also in der Hauptsache eigentlich Wasser auf.
Nun habe ich Ihnen ja gesagt, daß der Mensch überhaupt in der Hauptsache aus Flüssigkeit besteht. Das Kind muß diese Flüssigkeit immer vermehren. Es muß ja wachsen und hat daher sehr viel Wasser nötig, nimmt dieses Wasser mit der Milch auf.
Sie können nun sagen: Dann wäre es also ebenso, wenn wir dem Kinde nur diese 13 Prozent Nahrung beibrächten und ihm im übrigen Wasser zu trinken geben würden. - Ja, sehen Sie, darauf ist aber der menschliche Körper nicht eingerichtet. Dasjenige, was wir mit der Milch bekommen, sind ja nicht 13 gewöhnliche Prozente von Eiweiß und Fett und so weiter, sondern das alles, Eiweiß und Fett, das ist in der Milch aufgelöst, im Wasser aufgelöst, wenn es Milch ist. Es ist also schon so, daß, wenn das Kind die Milch trinkt, es die Stoffe, die es braucht, im aufgelösten Zustande bekommt. Und das ist etwas anderes, als wenn der Körper erst diejenigen Arbeiten verrichten müßte, die im Auflösen geschehen.
Wenn Sie sich erinnern, was ich bis jetzt schon über die Ernährung gesagt habe, dann werden Sie sagen: Die Nahrungsstoffe, die wir mit dem Munde aufnehmen, müssen wir ja auch erst auflösen. Wir haben eigentlich von der Natur nur die Erlaubnis, feste Nahrungsstoffe in den Mund zu bekommen; dann lösen wir sie auf durch unsere eigene Flüs sigkeit. Der weitere Körper, Magen, Gedärme und so weiter können überhaupt erst das Aufgelöste brauchen. Das Kind muß sich ja erst diese
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Fähigkeit erringen, aufzulösen; die muß es erst bekommen. Es kann also nicht vom Anfange an das schon selber besorgen. Es wird ihm also vor her aufgelöst. Das können Sie am besten daraus entnehmen, daß das Kind, wenn es zu sehr mit irgendeiner künstlichen Nahrung, die zu sammengesetzt ist, genährt wird, dennoch verkümmert.
Nun könnten Sie sagen: Wenn ich also vielleicht doch in der Lage wäre, künstliche Milch zu erzeugen, wenn ich also die 13 Prozent, die da im Wasser drinnen sind an Eiweiß, Fett und so weiter, so zusammen setzen könnte mit dem Wasser, daß das also äußerlich so ähnlich der Milch wäre, wäre das eine Milch, die dann für das Kind ebensogut wäre wie die Milch, die es gewöhnlich bekommt? - Ja, sehen Sie, meine Herren, das ist eben nicht der Fall. Das Kind würde verkümmern, wenn es solche künstliche Milch bekommen würde. Und da die Menschen nur nach den Bedürfnissen produzieren können, so wird man auch auf das Produzieren solcher Milch verzichten müssen. Es würde ein die Mensch heit verderbendes Mittel sein.
Denn wer kann nur dasjenige besorgen als Auflösung, was da das Kind nötig hat? Sehen Sie, das kann wiederum nur das Leben selber. Notdürftig könnten es ja die Tiere, aber nicht einmal alle Tiere. Aber für die allererste Zeit, wo das Kind darauf angewiesen ist - weil es noch nicht selber richtig auflösen kann -, diese Nahrungsstoffe, Eiweiß und Fett, schon in richtiger Weise aufgelöst zu bekommen, kann das Kind eigentlich nur richtig genährt werden mit der Menschenmilch selber.
Und von anderer Milch ist ja Eselsmilch der Menschenmilch am ähnlichsten, und man kann daher, wenn irgendwie nicht die Möglich keit vorhanden ist, das Kind durch Selbststillen oder Stillen überhaupt zu ernähren, das Kind am weitesten noch mit Eselsmilch bringen. Das ist zwar sehr komisch, aber tatsächlich ist die Eselsmilch der Menschenmilch am allerähnlichsten, so daß also, wenn nicht die richtige Menschenstillung besorgt werden kann, ja die Stillung zur Not auch dadurch besorgt werden könnte, daß man sich einen Esels stall und eine Eselsstute hält und auf diese Weise das Kind mit Milch versorgt. Das ist aber natürlich nur etwas, was ich als Hypothese sage, damit Sie sehen, wie die Dinge in der Natur zusammenhängen.
Wenn Sie jetzt zum Beispiel die Milch vergleichen, sagen wir mit
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dem Hühnerei als Nahrungsmittel, so bekommen Sie das heraus, daß das Hühnerei ungefähr 14 Prozent an Eiweiß enthält, also weitaus viel mehr, eigentlich das Vierfache von dem, was die Milch enthält. Wenn man also anfängt, dem Kinde solche Nahrung zu geben, die mehr Ei weiß enthält, dann muß das Kind schon diese Kraft des Auflösens in sich bekommen haben. Es muß schon selber auflösen können.
Sie sehen daraus, wie notwendig es ist, daß das Kind flüssige Nahrung bekommt. Aber was für eine flüssige Nahrung? Eine flüssige Nahrung, die schon durch das Leben gegangen ist, und, da das Kind ja angelegt wird unmittelbar an die Mutterbrust, womöglich noch lebt.
Beim Kinde ist das ganz deutlich zu bemerken, daß, wenn es nun die Milch trinkt und die Milch durch Mund und Speiseröhre bis in den Magen geht - da wird sie erst im menschlichen Körper abgetötet -, daß sie dann wiederum belebt werden kann in den Gedärmen. So daß wir da am Kinde unmittelbar sehen, daß das Leben erst abgetötet werden muß. Und weil das Leben noch wenig verändert ist, hat das Kind zum Wiederbeleben weniger Kraft notwendig, wenn es Milch trinkt, als wenn es etwas anderes genießt. Sie sehen also, wie nahe der Mensch dem Leben steht.
Aber daraus sehen Sie noch etwas anderes. Wenn man jetzt wirklich richtig denkt, worauf kommt man denn da eigentlich? Fangen Sie an, jetzt gerade an diesem Punkte ganz richtig zu denken. Sehen Sie, wenn wir uns sagen: Das Kind muß also belebte Nahrung aufnehmen, die es selber ertöten und wiederbeleben kann, und wir sagen dann: der Mensch besteht zum größten Teil aus Flüssigkeit -, dürfen wir da sagen, der Mensch besteht aus Wasser, aus dem Wasser, das wir draußen in der Natur, in der leblosen Natur finden? - Dann müßte ja dieses Wasser, das wir in der leblosen Natur finden, im Kinde gerade so arbeiten können, wie es im Erwachsenen arbeitet, der schon mehr Lebenskräfte sich gesammelt hat!
Daraus aber sehen Sie, daß das, was wir als unsere fast 90 Prozent Wasser in uns tragen, nicht gewöhnliches, lebloses Wasser ist, sondern daß das belebtes Wasser ist. Also es ist etwas anderes, was der Mensch als Wasser in sich trägt: Er trägt belebtes Wasser in sich. Und dieses belebte Wasser, das ist also Wasser, wie wir es haben draußen in der
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leblosen Natur, durchdrungen mit dem, was die ganze Welt durchsetzt als Leben, sich nur im leblosen Wasser ebensowenig geltend macht, wie sich das menschliche Denken im toten Leichnam geltend macht. Wenn Sie also sagen: Wasser - da hier habe ich Wasser im Bach und Wasser habe ich im menschlichen Körper, so können Sie sich das verständlich machen, geradeso wie wenn Sie sagen: Da habe ich einen Leichnam und da habe ich einen lebenden Menschen; das Wasser im Bach ist der Leich nam desjenigen Wassers, das im menschlichen Körper ist.
Deshalb sagen wir: Der Mensch hat nicht nur dieses Tote in sich, dieses Physische, sondern er hat auch einen Lebenskörper, einen Lebens-leib in sich. Das ist dasjenige, was ein richtiges Denken wirklich gibt:
Der Mensch hat diesen Lebensleib in sich. Und wie das nun weiterwirkt im Menschen, das können wir uns klarmachen, wenn wir den Menschen wirklich im Zusammenhang mit der Natur beobachten. Da aber müs sen wir uns eigentlich das vor Augen stellen, daß wir zuerst hinaus-schauen in die Natur, und dann hineinschauen in den Menschen. Wenn wir in die Natur hinausschauen, dann finden wir ungefähr überall die Bestandstücke, die Teile, aus denen der Mensch besteht, nur daß der Mensch diese Teile von der Natur in seiner Art verarbeitet.
Gehen wir also, um das zu verstehen, zu den allerkleinsten Tieren. Sie werden dabei schon, während ich rede, bemerken, wie ich beim Menschen schon ähnlich von demjenigen, was in ihm ist, geredet habe, wie ich jetzt von den kleinsten und von den niedrigsten Lebewesen draußen in der Natur reden muß. Sehen Sie, da gibt es im Wasser, im Meerwasser ganz kleine tierische Wesen. Diese kleinen tierischen Wesen, die sind eigentlich nur kleine Schleimklümpchen, meistens so klein, daß man sie überhaupt nur durch ein starkes Vergrößerungsglas sehen kann. Ich zeichne sie jetzt natürlich vergrößert (siehe Zeichnung, links). Diese kleinen Schleimklümpchen, die schwimmen also im umgebenden Was ser, in der Flüssigkeit.
Wenn nun nichts weiter da wäre als so ein Schleimklümpchen und ringsherum das Wasser, so würde dieses Schleimklümpchen in Ruhe bleiben. Aber wenn, sagen wir, irgendein kleines Körnchen von irgend einem Stoff heranschwimmt, zum Beispiel solch ein kleines (siehe Zeich nung, rechts) heranschwimmt, dann breitet dieses Tierchen, ohne daß
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[Bild GA 347 31a]
irgend etwas anderes da ist, seinen Schleim so weit aus, daß jetzt dieses Körnchen in seinem Schleim drinnen ist. Und natürlich muß es diesen Schleim dadurch ausbreiten, daß es da sich wegzieht. Dadurch bewegt sich dieses Klümpchen. Dadurch also, daß dieses kleine Lebewesen, die ser kleine Lebensschleim mit seinem eigenen Schleim ein Körnchen um gibt, dadurch haben wir es zugleich bewegt. Aber das andere Körnchen da, das wird jetzt aufgelöst da drinnen. Es löst sich auf, und das Tier chen hat dieses Körnchen gefressen.
Nun kann aber ein solches Tierchen auch mehrere solcher Körnchen fressen. Denken Sie, da wäre dieses Tierchen, da ein Körnchen, da auch ein Körnchen, da und da auch ein Körnchen (siehe Zeichnung), dann
[Bild GA 347 31b]
streckt das Tierchen hierher seine Fühler, daher, daher und daher aus, und wo es sie am meisten ausgestreckt hat, wo das Körnchen also am größten war, da zieht es sich dann nach und zieht die anderen mit. So daß also dieses Tierchen sich auf diese Weise bewegt, daß es sich zu gleich ernährt.
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Nun, meine Herren, wenn ich Ihnen das beschreibe, wie so diese kleinen Schleimklümpchen da im Meere herumschwimmen und sich zugleich ernähren, dann erinnern Sie sich, wie ich Ihnen die sogenann ten weißen Blutkörperchen beschrieben habe im Menschen. Die sind im Menschen drinnen zunächst ganz dasselbe. Im menschlichen Blut schwimmen auch solche kleinen Tiere herum und ernähren sich und bewegen sich auf diese Weise. Wir kommen dadurch zu einem Ver ständnis, was da eigentlich im Menschenblut herumschwimmt, indem wir uns anschauen, was da draußen im Meere an solchen kleinen Tier chen herumschwimmt. Das tragen wir also in uns.
Und jetzt, nachdem wir uns erinnert haben, wie wir eigentlich in gewissem Sinne solche Lebewesen, die draußen in der Natur ausge breitet sind, in unserem Blute herumschwimmend haben, die also da drinnen allseitig leben, wollen wir uns einmal klarmachen, wie unser Nervensystem, namentlich unser Gehirn beschaffen ist. Unser Gehirn, das besteht auch aus kleinsten Teilen. Wenn ich Ihnen diese kleinsten Teile aufzeichne, so sind sie so, daß sie auch eine Art von klumpigem, dickem Schleim darstellen. Von diesem Schleim gehen solche Strahlen
[Bild GA 347 32]
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aus (siehe Zeichnung), die aus demselben Stoff wie der Schleim be stehen. Sehen Sie, da ist solch eine Zelle, wie man sie nennt, aus dem Gehirn. Die hat eine Nachbarzelle. Die streckt hier ihre Füßchen oder Armchen aus, und die berührt sich da mit den anderen. Da ist eine dritte solche Zelle; die streckt hier ihre Füßchen aus, berührt sich da. Sie können sehr lang werden. Manche gehen fast durch den halben Kör per. Die grenzt wieder an eine Zelle an. Wenn wir unser Gehirn durch das Mikroskop anschauen, so wirkt es durchaus so, daß es aus solchen Pünktchen besteht, wo die Schleimmasse stärker angehäuft ist. Und dann gehen hier dicke Baumäste aus; die gehen immer wieder ineinan der hinein. Wenn Sie sich vorstellen würden einen dichten Wald mit dicken Baumkronen, die weitausladende Äste hätten, die sich gegen seitig berühren würden, so hätten Sie eine Vorstellung, wie das Gehirn unter dem Mikroskop, unter dem Vergrößerungsglas ausschaut.
Aber, meine Herren, Sie können jetzt sagen: Nun hat er uns also beschrieben diese weißen Blutkörperchen, die im Blute leben. Und das, was als das Gehirn beschrieben ist, das ist doch ganz ähnlich; da siedeln sich lauter solche Körperchen an, wie sie im Blut sind. - Wenn ich näm lich das machen würde, daß ich einem Menschen, ohne daß ich ihn dabei töten würde, alle weißen Blutkörperchen wegnehmen könnte und die nun so hübsch, nachdem ich ihm zuerst das Gehirn herausgenommen habe, in die Schädeldecke hineintun könnte, dann hätte ich ihm aus sei nen weißen Blutkörperchen ein Gehirn gemacht.
Aber das Merkwürdige ist, daß, bevor wir ihm aus den weißen Blut körperchen ein Gehirn machen würden, diese weißen Blutkörperchen halb sterben müßten. Das ist der Unterschied zwischen den weißen Blutkörperchen und den Gehirnzellen. Die weißen Blutkörperchen sind voller Leben. Die bewegen sich immer umeinander im menschlichen Blut. Ich habe Ihnen gesagt, sie wallen wie das Blut durch die Adern durch. Da gehen sie heraus. Da werden sie dann, wie ich es ausgeführt habe, zu Feinschmeckern und gehen bis an die Körperoberfläche. Über all kriechen sie herum im Körper.
Wenn Sie aber das Gehirn anschauen, da bleiben diese Zellen, diese Körperchen an ihrem Ort. Die sind in Ruhe. Die strecken nur ihre Äste aus und berühren immer das nächste. Also dasjenige, was da im Körper
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ist an weißen Blutkörperchen und in voller Bewegung ist, das kommt im Gehirn zur Ruhe und ist in der Tat halb abgestorben.
Denn denken Sie sich dieses herumkriechende Tierchen im Meer, das frißt einmal zuviel. Wenn es zuviel frißt, dann geschieht die Geschichte so: Dann streckt es seinen Arm aus, seinen Ast, nimmt da auf und da, und hat zuviel gefressen. Das kann es nicht vertragen; jetzt teilt es sich in zwei, geht auseinander, und wir haben statt eins zwei. Es hat sich vermehrt. Diese Fähigkeit, sich zu vermehren, haben auch unsere wei ßen Blutkörperchen. Es sterben immer welche ab und andere entstehen durch Vermehrung.
Auf diese Weise können sich die Gehirnzellen, die ich Ihnen da auf gezeichnet habe, nicht vermehren - unsere weißen Blutkörperchen in uns sind volles, selbständiges Leben -, die Gehirnzellen, die so ineinan dergehen, können sich so nicht vermehren; aus einer Gehirnzelle wer den niemals zwei Gehirnzellen. Wenn der Mensch ein größeres Gehirn kriegt, wenn das Gehirn wächst, müssen immer Zellen aus dem übrigen Körper in das Gehirn hineinwandern. Die Zellen müssen hineinwach sen. Nicht, daß im Gehirn das jemals vor sich gehen würde, daß die Gehirnzellen sich vermehren würden; die sammeln sich nur an. Und während unseres Wachstums müssen immer aus dem übrigen Körper neue Zellen hinein, damit wir, wenn wir erwachsen sind, ein genügend großes Gehirn haben.
Auch daraus, daß diese Gehirnzellen sich nicht vermehren können, sehen Sie, daß sie halb tot sind. Sie sind immer im Sterben, diese Gehirn-zellen, immer, immer im Sterben. Wenn wir das wirklich richtig be trachten, so haben wir im Menschen einen wunderbaren Gegensatz:
In seinem Blut trägt er Zellen voller Lebendigkeit in den weißen Blut körperchen, die immerfort leben wollen, und in seinem Gehirn trägt er Zellen, die eigentlich immerfort sterben wollen, die immer auf dem Weg des Sterbens sind. Das ist auch wahr: der Mensch ist durch sein Gehirn immer auf dem Wege des Sterbens, das Gehirn ist eigentlich immer in Gefahr, zu sterben.
Nun, meine Herren, Sie werden schon gehört haben, oder vielleicht selber erlebt haben - es ist einem das immer unangenehm, wenn man es selber erlebt -, daß Menschen auch ohnmächtig werden können. Wenn
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Menschen ohnmächtig werden, so kommen sie in einen solchen Zustand, wie wenn sie fallen würden. Sie verlieren das Bewußtsein.
Was ist denn da eigentlich im Menschen geschehen, wenn er auf diese Weise das Bewußtsein verliert? Sie werden auch wissen, daß zum Beispiel Menschen, die recht bleich sind, wie zum Beispiel solche Mädchen, die bleichsüchtig sind, am leichtesten ohnmächtig werden. Warum? Ja, sehen Sie, sie werden aus dem Grunde ohnmächtig, weil sie im Verhältnis zu den roten Blutkörperchen zuviel weiße haben. Der Mensch muß ein ganz genaues Verhältnis, wie ich es Ihnen auch an gegeben habe, zwischen weißen Blutkörperchen und roten Blutkörper chen haben, damit er in der richtigen Weise bewußt sein kann. Also, was bedeutet denn das, daß wir bewußtlos werden? Zum Beispiel in der Ohnmacht, aber auch im Schlafe werden wir bewußtlos. Das bedeutet, daß die Tätigkeit der weißen Blutkörperchen eine viel zu regsame ist, viel zu stark ist. Wenn die weißen Blutkörperchen zu stark tätig sind, wenn also der Mensch zuviel Leben in sich hat, dann verliert er das Bewußtsein. Also ist es sehr gut, daß der Mensch in seinem Kopfe Zellen hat, die fortwährend sterben wollen; denn wenn die auch noch leben würden, diese weißen Blutkörperchen im Gehirn, dann würden wir überhaupt kein Bewußtsein haben können, dann wären wir immer schlafende Wesen. Immer würden wir schlafen.
Und so können Sie fragen: Warum schlafen denn die Pflanzen immerfort? - Die Pflanzen schlafen immerfort einfach aus dem Grunde, weil sie nicht solche lebendige Wesen haben, weil sie also eigentlich überhaupt kein Blut haben, weil sie dieses Leben, das in un serem Inneren da als selbständiges Leben ist, nicht haben.
Wenn wir unser Gehirn mit etwas in der Natur draußen vergleichen wollen, so müssen wir unser Gehirn wiederum nur mit den Pflanzen vergleichen. Das Gehirn, das untergräbt im Grunde genommen fort während unser eigenes Leben, und dadurch schafft es gerade Bewußt sein. Also kriegen wir einen ganz widersprechenden Begriff für das Gehirn. Es ist ja widersprechend: Die Pflanze kriegt kein Bewußtsein, der Mensch kriegt Bewußtsein. Das ist etwas, was wir noch erst durch lange Überlegungen erklären müssen, und wir wollen uns jetzt auf den Weg begeben, das erklären zu können.
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Wir werden ja jede Nacht bewußtlos, wenn wir schlafen. Da muß also in unserem Körper etwas vor sich gehen, was wir jetzt verstehen lernen müssen. Was geht denn dann da in unserem Körper vor sich? Ja, sehen Sie, meine Herren, wenn alles in unserem Körper geradeso wäre beim Schlafen wie beim Wachen, so würden wir eben nicht schla fen. Beim Schlafen, da fangen unsere Gehirnzellen ein bißchen mehr zu leben an, als sie beim Wachen leben. Sie werden also ähnlicher den jenigen Zellen, welche eigenes Leben in uns haben. So daß Sie sich vor stellen können: Wenn wir wachen, da sind diese Gehirnzellen ganz ruhig; wenn wir aber schlafen, da können diese Gehirnzellen zwar nicht sehr stark von ihrem Orte weg, weil sie schon lokalisiert sind, weil sie von außen festgehalten werden; sie können nicht gut sich herum-bewegen, nicht gut herumschwimmen, weil sie gleich an etwas anderes anstoßen würden, aber sie bekommen gewissermaßen den Willen, sich zu bewegen. Das Gehirn wird innerlich unruhig. Dadurch kommen wir in den bewußtlosen Zustand, daß das Gehirn innerlich unruhig wird.
Jetzt müssen wir sagen: Woher kommt denn eigentlich im Menschen dieses Denken? Das heißt, woher kommt es denn, daß wir die Kräfte aus dem ganzen weiten Weltenall in uns aufnehmen können? Mit un seren Ernährungsorganen können wir nur die Erdenkräfte aufnehmen mit den Stoffen. Mit unseren Atmungsorganen können wir nur die Luft aufnehmen, nämlich mit dem Sauerstoff. Daß wir die ganzen Kräfte aus der weiten Welt aufnehmen können mit unserem Kopf, dazu ist notwendig, daß es da drinnen recht ruhig wird, daß also das Gehirn sich vollständig beruhigt. Wenn wir aber schlafen, fängt das Gehirn an, regsam zu werden; dann nehmen wir weniger diese Kräfte auf, die da draußen im weiten Weltenall sind, und da werden wir bewußtlos.
Aber jetzt ist ja die Geschichte so: Denken Sie einmal, an zwei Orten wird eine Arbeit verrichtet; hier, sagen wir, wird eine Arbeit verrichtet von fünf Arbeitern, und da von zwei Arbeitern. Die werden dann zusammengegeben, diese Arbeiten, und jede Partie macht weiter einen Teil der Arbeit. Nehmen wir aber an, es wird einmal notwendig, daß man da ein bißchen die Arbeit einstellt, weil zuviel Teile von der einen Sorte und dort zuwenig von der anderen fabriziert worden sind. Was werden wir dann tun? Da werden wir von den fünf Arbeitern einen
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bitten, daß er hinübergeht zu den zwei Arbeitern. Nun haben wir dort drei Arbeiter und von den fünfen werden es hier vier. Wir verlegen die Arbeit von der einen Seite nach der anderen, wenn wir nichts ver mehren wollen. Der Mensch hat nur eine ganz bestimmte Menge von Kräften. Die muß er verteilen. Wenn also im Schlaf in der Nacht das Gehirn regsamer wird, mehr arbeitet, so muß das nämlich aus dem anderen Körper herausgeholt werden; diese Arbeit muß da heraus-geholt werden. Nun, wo wird denn die hergenommen? Ja, sehen Sie, die wird eben dann von einem Teil der weißen Blutkörperchen her-genommen. Ein Teil der weißen Blutkörperchen fängt an, in der Nacht weniger zu leben als am Tage. Das Gehirn lebt mehr. Ein Teil der weißen Blutkörperchen lebt weniger. Das ist der Ausgleich.
Nun aber habe ich Ihnen gesagt: Dadurch, daß das Gehirn das Leben etwas einstellt, ruhig wird, fängt der Mensch an zu denken. Wenn also diese weißen Blutkörperchen ruhig werden, beruhigt werden in der Nacht, dann müßte der Mensch anfangen, überall da zu denken, wo die weißen Blutkörperchen ruhig werden. Da müßte er anfangen, jetzt mit seinem Körper zu denken.
Fragen wir uns nun: Denkt denn der Mensch vielleicht mit seinem Körper in der Nacht? - Das ist eine kitzlige Frage, nicht wahr, ob der Mensch vielleicht in der Nacht mit seinem Körper denkt! Nun, er weiß nichts davon. Er kann zunächst nur sagen, er weiß nichts davon. Aber daß ich von etwas nichts weiß, das ist ja noch kein Beweis, daß das nicht da ist, sonst müßte alles das nicht da sein, was die Menschen noch nicht gesehen haben. Daß ich also von etwas noch nichts weiß, das ist kein Beweis, daß es nicht da ist. Der menschliche Körper könnte in der Tat in der Nacht denken, und man weiß einfach nichts davon und glaubt daher, daß er nicht denkt.
Nun müssen wir untersuchen, ob denn der Mensch vielleicht doch Anzeichen dafür hat, daß er, während er beim Tage mit dem Kopf denkt, in der Nacht mit der Leber und mit dem Magen und mit den anderen Organen anfängt zu denken, sogar vielleicht mit den Gedär men denkt.
Wir haben dafür gewisse Anzeichen. Jeder Mensch hat Anzeichen, daß das der Fall ist. Denn stellen Sie sich einmal vor, woher das kommt,
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daß etwas da ist und wir doch nichts wissen davon. Denken Sie sich, ich stehe da, rede zu Ihnen, und ich wende meine Aufmerksamkeit Ihnen zu, das heißt, ich sehe dann nicht dasjenige, was hinter mir ist.
Da kann Kurioses passieren. Ich kann zum Beispiel gewöhnt sein, mich manchmal hier auf den Stuhl zu setzen zwischen dem Reden. Jetzt wende ich meine Aufmerksamkeit auf Sie, und während der Zeit nimmt mir jemand den Stuhl weg. Ich habe das ganze nicht gesehen, aber geschehen ist es doch, und ich merke die Folgen, wenn ich mich jetzt niedersetzen will!
Sehen Sie, die Sache ist so, daß man nicht bloß urteilen muß nach dem, was man so gewöhnlich weiß, sondern man muß urteilen nach dem, was man vielleicht auch auf ganz indirekte Weise wissen kann. Hätte ich mich gerade geschwind umgeschaut, so würde ich mich wahr scheinlich nicht auf den Boden niedergelassen haben. Wenn ich mich umgeschaut hätte, hätte ich das verhindert.
Nun betrachten wir einmal das menschliche Denken im Körper. Sehen Sie, die Naturforscher, die haben das gern, wenn sie reden kön nen von Grenzen der menschlichen Erkenntnis. Was meinen sie eigent lich da? Die Naturforscher meinen bei demjenigen, was sie reden von Grenzen der Erkenntnis, daß das nicht da ist, was sie noch nicht gesehen haben - nicht durch das Mikroskop oder durch das Fernrohr oder überhaupt. Aber mit der Erkenntnis setzen sich die Leute eben fort während auf den Boden nieder, weil das gar kein Beweis ist, daß etwas nicht da ist, wenn man es nicht gesehen hat. Das ist schon ein mal so.
Nun, dasjenige, was also mir bewußt werden soll, das muß von mir nicht nur erdacht werden, sondern ich muß noch extra das Erdachte beobachten. Das Denken könnte mir ein Vorgang sein, der immer geschieht, manchmal im Kopf, manchmal im ganzen Körper. Aber wenn ich wache, da habe ich meine Augen auf. Die Augen sehen nicht nur nach außen, sondern die Augen nehmen auch nach innen wahr. Ebenso wenn ich etwas schmecke, so schmecke ich nicht nur das, was außen ist, sondern ich nehme auch in meinem Inneren wahr, ob ich zum Beispiel, sagen wir, durch meinen ganzen Körper krank bin, und dasjenige,
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was irgendein anderer noch als sympathisch schmeckt, das wird mir ekelhaft. Also das Innere bestimmt immer. Das innere Wahrnehmen muß auch da sein.
Denken Sie sich nun, wir wachen so ganz normal auf. Da beruhigen sich langsam unsere Gehirnzellen. Die kommen ganz langsam in Ruhe, und die Sache geht so, daß ich nach und nach meine Sinne gebrauchen lerne, also meine Sinne wieder gebrauche. Es geht das Aufwachen ganz angemessen dem Lebenskreislauf nach vor sich. Das kann der eine Fall sein.
Der andere Fall kann aber auch sein, daß ich durch irgendeinen Um stand zu schnell meine Gehirnzellen beruhige. Viel zu schnell beruhige ich sie. Da geschieht jetzt etwas anderes, wenn ich sie zu schnell be ruhige. Sagen wir, wenn einer die Bewegung von den Arbeitern leitet, von der ich gesagt habe, wenn hier fünf sind, nimmt er den fünften weg und stellt ihn dort hinüber, wenn einer das leitet, so wird das unter Umständen sehr glatt vor sich gehen. Nehmen Sie aber an, der eine muß den einen wegnehmen, der andere muß ihn wieder hintun, da kann sich die ganze Geschichte schlimm gestalten, namentlich, wenn die zwei sich streiten, ob es richtig oder nicht richtig ist. Wenn nun in meinem Gehirn die Gehirnzellen zu schnell sich beruhigen, dann werden diejenigen weißen Blutkörperchen, die während des Schlafens jetzt in Ruhe ge kommen sind, nicht so schnell wieder in Bewegung kommen können. Und es wird das entstehen, daß, während ich im Gehirn schon beruhigt bin, während ich im Gehirn also schon meine ganze Bewegung beruhigt habe, die im Schlafe da war, da unten im Blut die weißen Blutkörper chen noch nicht werden aufstehen wollen. Die werden da noch etwas in Ruhe beharren wollen. Die wollen nicht aufstehen.
Das wäre ja etwas ganz Wunderbares, wenn wir so ohne weiteres diese noch faulen Blutkörperchen wahrnehmen könnten - ich sage das natürlich nur figürlich -, die noch im Bette liegen bleiben wollen. Da würden sie sich nur erst anschauen, wie sich sonst die ruhigen Gehirn zellen anschauen, und wir würden die wunderbarsten Gedanken wahrnehmen. Gerade in dem Momente, wo wir zu schnell aufwachen, wür den wir die wunderbarsten Gedanken wahrnehmen. Das kann man einfach verstehen, meine Herren, wenn man die ganze Geschichte von
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dem Zusammenhang des Menschen mit der Natur versteht. Würde man, wenn nichts anderes hinderlich wäre, schnell aufwachen, so würde man in seinem Körper die wunderbarsten Gedanken wahrnehmen kön nen. Das kann man aber nicht. Warum kann man das nicht? Ja, wissen Sie, da zwischen diesen faul gebliebenen, noch schlafenden weißen Blutkörperchen, und zwischen dem, womit wir sie wahrnehmen, was wir nur mit dem Kopf können, da geht die ganze Atmung vor sich. Da sind die roten Blutkörperchen drinnen. Die Atmung geht vor sich, und wir müssen durch den ganzen Atmungsprozeß diesen Gedankenvor gang, der da in uns vor sich geht, ansehen.
Denken Sie sich einmal, ich wache auf; dadurch beruhigt sich mein Gehirn. Da unten (es wird gezeichnet), da sind irgendwo die weißen Blutkörperchen im Blut drinnen. Die würde ich auch noch als ruhige wahrnehmen, und ich würde da drinnen die schönsten Gedanken sehen. Ja, jetzt ist aber zwischendrinnen da der ganze Atmungsprozeß. Das ist geradeso wie wenn ich etwas anschauen will, und ich schaue es durch ein trübes Glas an; da sehe ich es undeutlich, da verschwimmt mir alles. Dieser Atmungsprozeß ist wie ein trübes Glas. Da verschwimmt mir das ganze Denken, das da im Körper drunten ist. Und was entsteht daraus? Die Träume. Die Träume entstehen daraus: Undeutliche Ge danken, die ich wahrnehme, wenn in meinem Körper die Gehirntätig keit sich zu schnell beruhigt.
Und wiederum beim Einschlafen, wenn ich eine Unregelmäßigkeit habe, wenn also das Gehirn beim Einschlafen zu langsam in die Reg samkeit hineinkommt, dann geschieht die Geschichte so, daß ich da durch, daß das Gehirn zu langsam in die Regsamkeit hineinkommt, also noch die Fähigkeit hat, etwas wahrzunehmen - daß ich dadurch wiederum das Denken, das da unten schon beginnt während des Schla fens, im Einschlafen beobachten kann. Und so geschieht es, daß also der Mensch dasjenige, was eigentlich die ganze Nacht von ihm un beobachtet bleibt, im Aufwachen und im Einschlafen als Träume wahrnimmt.
Denn Träume nehmen wir eigentlich erst im Moment des Auf wachens wahr. Daß wir Träume erst im Moment des Aufwachens wahrnehmen, das können Sie sich sehr leicht dadurch vergegenwärtigen,
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daß Sie einmal einen Traum ordentlich anschauen. Nehmen Sie an, ich schlafe und neben meinem Bett steht ein Stuhl. Nun kann ich fol gendes träumen: Ich bin ein Student und begegne irgendwo einem anderen Studenten, dem ich irgendein grobes Wort sage. Der andere Student, der muß darauf reagieren - man nennt das «Komment» -, der muß dann reagieren auf dieses grobe Wort, und es kommt ja bis dahin dann, daß er mich fordert. Es kann manchmal eine ganze Geringfügig keit sein, so müssen Studenten fordern.
Nun, da wird alles jetzt so geträumt: da werden die Sekundanten ausgewählt, da geht man in den Wald hinaus im Traum, und draußen ist man angekommen; man beginnt zu schießen. Der erste schießt. Ich höre noch im Traum den Schuß, wache aber auf und habe bloß mit meinem Arm neben dem Bett den Stuhl umgeschmissen. Das war der Schuß!
Ja, meine Herren, wenn ich den Stuhl nicht umgeschmissen hätte, dann hätte ich den ganzen Traum überhaupt nicht geträumt, dann wäre der Traum nicht dagewesen! Daß also der Traum just ein solches Bild geworden ist, das ist ja erst im Momente des Aufwachens ge schehen, denn der umgeschmissene Stuhl hat mich ja erst aufgeweckt. Also in diesem einzigen Moment des Aufwachens ist das Bild entstan den, ist undeutlich geworden, was da in mir vorgeht. Daraus können Sie sehen, daß dasjenige, was bildlich ist im Traume, sich erst bildet im einzigen Moment, in dem ich aufwache, geradeso wie im Einschlafen in dem einzigen Moment sich bilden muß dasjenige, was bildhaft ist im Traume.
Aber wenn sich solche Bilder bilden, und ich mit solchen Bildern wiederum etwas wahrnehmen kann, so müssen eben Gedanken dazu da sein. Wozu kommen wir denn da? Wir kommen dazu, Schlafen und Wachen etwas zu verstehen. Fragen wir uns also: Wie ist denn das nun beim Schlafen? Beim Schlafen ist unser Gehirn mehr in Tätigkeit als beim Wachen, beim Wachen beruhigt sich unser Gehirn. Ja, meine Herren, wenn wir sagen könnten, daß unser Gehirn beim Wachen tätiger wird, dann, sehen Sie, könnten wir Materialisten sein, denn dann würde die physische Tätigkeit des Gehirnes das Denken bedeuten. Aber wenn wir vernünftige Menschen sind, können wir gar nicht sagen,
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daß das Gehirn beim Wachen regsamer ist als beim Schlafen. Es muß sich gerade beim Wachen beruhigen.
Also die körperliche Tätigkeit kann uns ja gar nicht das Denken geben. Wenn uns die körperliche Tätigkeit das Denken geben würde, so müßte dieses Denken in einer stärkeren körperlichen Tätigkeit be stehen als das Nichtdenken. Aber das Nichtdenken besteht in einer stärkeren körperlichen Tätigkeit. Also können Sie sagen: Ich habe eine Lunge; die Lunge würde faul sein, wenn nicht der äußere Sauerstoff über sie kommen und sie in Tätigkeit versetzen würde. So aber wird mein Gehirn faul bei Tag; da muß also auch etwas Äußeres kommen für das Gehirn, das es in Tätigkeit versetzt. Und so müssen wir an erkennen, daß in der Welt - geradeso wie der Sauerstoff die Lunge in Bewegung versetzt oder in Tätigkeit versetzt - bei Tag das Gehirn durch irgend etwas, was nicht im Körper selber ist, nicht zum Körper selber gehört, zum Denken gebracht wird.
Wir müssen uns also sagen: Treiben wir richtige Naturwissenschaft, dann werden wir dazu geführt, ein Unkörperliches, ein Seelenhaftes anzunehmen. Wir sehen es ja, daß es da ist. Wir sehen es gewissermaßen beim Aufwachen hereinfliegen, denn aus dem Körper kann nicht das jenige kommen, was da Denken ist. Würde es aus dem Körper kommen, so müßte man gerade in der Nacht besser denken. Wir müßten uns hin legen und einschlafen, dann würde in unserem Gehirn das Denken auf gehen. Aber das tun wir nicht. Also wir sehen gewissermaßen herein-fliegen dasjenige, was unsere seelische und geistige Wesenheit ist.
So daß man sagen kann: Die Naturwissenschaft hat ja große Fort schritte in der neueren Zeit gemacht, aber sie hat nur dasjenige kennen gelernt, was eigentlich nicht zum Leben und nicht zum Denken geeig net ist, während sie das Leben selber nicht begriffen hat, und das Denken noch viel weniger begriffen hat. Und so wird man, wenn man richtig Naturwissenschaft treibt, nicht durch einen Aberglauben, son dern gerade durch diese richtige Naturwissenschaft dazu gebracht, zu sagen: Geradeso wie es zum Atmen einen Sauerstoff geben muß, muß es zum Denken ein Geistiges geben.
Davon das nächste Mal, denn das läßt sich nicht so einfach entschei den. Es werden noch in vielen von Ihnen allerlei Gegenkräfte sein gegen
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das, was ich gesagt habe. Aber es muß durchaus gesagt werden, daß der jenige, der eben nicht so redet, sich die ganze Geschichte in dem Men schen einfach nicht klarmacht. Also darum handelt es sich, nicht irgend einen Aberglauben zu verbreiten, sondern eine vollständige Klarheit erst zu schaffen. Das ist es, um was es sich handelt.










