Nachhaltiger Konsum

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Nachhaltiger Konsum ist Teil einer nachhaltigen Lebensweise und ein Verbraucherverhalten: Umwelt- und sozialverträglich hergestellte Produkte zu kaufen, kann politischen Einfluss auf globale Problemlagen ausüben, um die ökonomischen, ökologischen und sozialen Kosten zu minimieren. Bekanntes Beispiel für die globale Dimension von Kaufentscheidungen sind die Bemühungen zum fairen Handel. Verbraucher sollen etwas teurere Güter kleinerer Erzeuger aus Entwicklungsländern nehmen und so gerechte Arbeitsbedingungen unterstützen. Auch sonst ist die Kaufentscheidung ausschlaggebend, die vor allem die Betriebs- und Folgekosten eines Produktes beachtet. Das gilt für den späteren Energieverbrauch ebenso wie für die leichte Reparierbarkeit oder die Langlebigkeit der Produkte.

Der Begriff ethischer Konsum wird gelegentlich synonym zu nachhaltigem Konsum verwendet.[1] Allgemeiner ist ethischer Konsum solcher Konsum, der von ethischen Erwägungen des Konsumenten – nicht nur hinsichtlich Nachhaltigkeit – beeinflusst wird.[2][3] Insbesondere hat die Frage, ob eine Form der Fleischproduktion mit dem Tierwohl eher vereinbar sei als eine andere Form, nichts mit der Kategorie der „Nachhaltigkeit“ zu tun; die Frage ist aber für ethisch orientierte Verbraucher von zentraler Bedeutung.

Begriffsgeschichte

Die Entstehung des Begriffs Nachhaltiger Konsum steht im Kontext der Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung, als eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der jetzigen Generation entspricht, ohne dass Möglichkeiten künftiger Generationen, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können, gefährdet werden. Der Ursprung des Begriffs Nachhaltiger Konsum geht zurück auf Kapitel 4 der Agenda 21, die im Jahr 1992 auf der so genannten Rio-Konferenz verabschiedet wurde. Unter dem Titel „Veränderung von Konsumgewohnheiten“ wurde gefordert, sich gezielt mit nicht nachhaltigen Produktionsweisen und Konsumgewohnheiten auseinanderzusetzen und eine einzelstaatliche Politik zur Veränderung derselben zu entwickeln. Das trägt dem Sachverhalt Rechnung, dass die Nachfrage Produktionsstrukturen und -prozesse steuert und dass in der Konsumsphäre selbst Umweltbelastungen stattfinden, die einer nachhaltigen Entwicklung entgegenstehen. Auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im September 2002 wurde vor dem Hintergrund immer weniger nachhaltiger Produktions- und Konsummuster die Entwicklung eines Zehn-Jahres-Rahmenprogramms für nachhaltigen Konsum und Produktion beschlossen. Dieses Programm wird als sogenannter Marrakesch-Prozess bezeichnet.

Eine einheitliche allseits anerkannte Definition des Begriffs „nachhaltiger Konsum“ fehlt allerdings bis heute. Eine hilfreiche Definition, die auch der Arbeit der Verbraucherzentralen zugrunde liegt, ist das Verständnis von nachhaltigem Konsum als der Ver- bzw. Gebrauch von Gütern und Dienstleistungen, der die Bedürfnisse der Konsumenten erfüllt, Umwelt und Ressourcen schont und sowohl sozialverträglich als auch ökonomisch tragfähig ist. Damit finden sich in der Definition die drei grundlegenden Nachhaltigkeitsdimensionen, Umwelt- und Ressourcenschonung, Sozialverträglichkeit, ökonomische Tragfähigkeit, wieder. Diese kennzeichnen auch das sogenannte Drei Säulen Modell der Nachhaltigkeit.

Konsumverzicht

Dem Konzept nachhaltiger Konsum steht das Konzept Konsumverzicht gegenüber. Hierbei steht die Überlegung im Zentrum, ob man wirklich ein neues Produkt benötigt, oder nicht das alte reparieren, ein gebrauchtes kaufen, mieten oder tauschen möchte oder durch Upcycling aus einem alten ein neues Produkt herstellen kann. Ende November findet der Aktionstag für Konsumverzicht statt, der Kauf-nix-Tag, siehe auch: Suffizienz (Ökologie).

Nachhaltiger Konsum von Einzelverbrauchern

Menschen, die einen nachhaltigen Lebensstil praktizieren, werden als LOHAS (nach engl. Lifestyles of Health and Sustainability) bezeichnet. Menschen, die bewusst weniger Fleisch konsumieren, da sie den negativen Umweltauswirkungen der Massentierhaltung entgegenwirken wollen, werden Flexitarier genannt.[4]

Zertifizierungen von Produkten oder Unternehmen können dem Verbraucher als Hilfe bei der Konsumentscheidung dienen. Es existieren zahlreiche Produktzertifizierungen mit entsprechenden Gütesiegeln, z. B. das Fair-Trade-Siegel für "fairen Handel" oder das Demeter-Siegel für eine bio-dynamische Wirtschaftsweise. Des Weiteren bietet der CSE-Standard als Unternehmenszertifizierung für Wirtschaftsakteure eine Richtlinie für ethischen Konsum.

s. a. Sinnmarkt#Ethischer Konsum und Sinnmarkt#Selektive Sinnorientierung und Umsetzungsdefizite

Nachhaltiger Konsum von Unternehmen und Organisationen

Bei nachhaltigem Konsum denkt man bisher vor allem an Einzelverbraucher, weniger an Unternehmen, bei denen man nachhaltiges Handeln vor allem mit Corporate Social Responsibility in Verbindung bringt. Dabei liegt der Fokus meist auf der Zulieferkette beziehungsweise Wertschöpfungskette, die bei verantwortungsbewussten Unternehmen nicht nur wirtschaftlich rentabel, sondern auch sozial und ökologisch verträglich gestaltet sein sollte. Es geht hierbei meist um das Produkt selbst beziehungsweise den Herstellungs- und Lieferprozess.

Zunehmend stärker in den Fokus gerät der nachhaltige Konsum im Bürobetrieb.

Vor allem im ökologischen Bereich können Unternehmen und Organisationen nach dem Green-Office-Prinzip[5] ihre Ökobilanz verbessern. Dabei spielen vor allem die Beschaffung und das Verhalten der Mitarbeitenden eine wichtige Rolle. In folgenden Bereichen bieten sich Anknüpfungspunkte für nachhaltigen Konsum in Unternehmen und Organisationen:[6][7][8][9]

  • Energie und Ressourcen – Beispiele: Nutzung von Ökostrom, Eigenstromerzeugung zum Beispiel über Photovoltaik, Doppelseitiges Drucken, Ausschalten von Geräten und Beleuchtung bei Nichtgebrauch
  • Mobilität – Beispiele: Firmenfahrräder, Jobtickets, emissionsarme Fahrzeuge, Bahn statt Flugzeug oder – wenn Flüge unvermeidbar sind – Kompensation der Flüge über Klimaschutzprojekte
  • Bürobedarf und Ausstattung – Beispiele: Anschaffung energiearmer und/oder recycelter Bürogeräte, Recyclingpapier
  • Catering und Veranstaltungsmanagement – Beispiele: wenn möglich regional und saisonal einkaufen,[10] Produkte aus fairem Handel bevorzugen

Zur sozialen Dimension nachhaltigen Konsums in Unternehmen und Organisationen zählt neben dem Fairen Handel auch das Betriebliche Gesundheitsmanagement.

Kontroverse

Viele Produkte, welche nachhaltig konsumierbar sein sollen, sind eher ein Instrument des Marketings des anbietenden Unternehmens, als Teil einer nachhaltigen Lebensweise. So kann etwa der Bezug von Ökostrom zwar nachhaltig sein,[11] in vielen Fällen ist das Produkt jedoch ein Mittel zur Kundenbindung und zur Steigerung des Absatz. Dem Konsument soll ein wohliges Gefühl beim Konsum verschafft werden, auch wenn die Umweltwirkung in Wirklichkeit nur Fassade ist (siehe auch: Greenwashing).

Gelegentlich wird der nachhaltige Konsum als Ersatz für „echtes“ politisches oder gesellschaftliches Engagement eingestuft (siehe: Bionade-Biedermeier).

Literatur

  • Karl-Werner Brand (Hrsg.): Von der Agrarwende zur Konsumwende? Die Kettenperspektive. Ergebnisband 2, Band 5 (der SÖF-Buchreihe), oekom Verlag München 2006, ISBN 3-86581-040-3[12]
  • Tanja Busse: Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht. Blessing Verlag, München 2006, ISBN 3-89667-312-2.
  • Kevin Riemer: Vertrauen im Kontext des nachhaltigen Konsums. AVM, München 2015, ISBN 978-3-86924-624-6
  • Rico Defila, Antonietta Di Giulio, Ruth Kaufmann-Hayoz (Hrsg.): Wesen und Wege nachhaltigen Konsums. Ergebnisse aus dem Themenschwerpunkt „Vom Wissen zum Handeln – Neue Wege zum Nachhaltigen Konsum“. oekom Verlag. München 2011, ISBN 978-3-86581-296-4.
  • Frank-Martin Belz, Georg Karg, Dieter Witt (Hrsg.): Nachhaltiger Konsum und Verbraucherpolitik im 21. Jahrhundert. metropolis Verlag, Marburg 2007, ISBN 978-3-89518-601-1.
  • Helmut Hagemann: Vom Kassenzettel zum Stimmzettel. Orientierungshilfen für nachhaltige Kaufentscheidungen im Massenmarkt. Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, Wuppertal 2004, (Wuppertal Papers 150, ISSN 0949-5266), online (PDF; 1,9 MB).
  • Leo Hickman: Fast nackt. Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben. Pendo Verlag, München 2006, ISBN 3-86612-100-8.
  • Kai Hudetz, Aline Eckstein: Informationsverhalten und Informationsbedürfnis der Konsumenten zum Thema Nachhaltigkeit. Studie des Instituts für Handelsforschung (IfH) und Stayfair.de, Köln 11. Juni 2010.
  • Bernhard Pötter: König Kunde ruiniert sein Land. oekom Verlag, München 2006, ISBN 3-936581-92-4.
  • Gerhard Scherhorn, Christoph Weber (Hrsg.): Nachhaltiger Konsum. Auf dem Weg zur gesellschaftlichen Verankerung. oekom Verlag, München 2002, ISBN 3-928244-85-X.
  • Dagmar Vinz: Nachhaltiger Konsum und Ernährung: Private KonsumentInnen zwischen Abhängigkeit und Empowerment. In: PROKLA – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 138: Ökonomie des Konsums. 35. Jg., Nr. 1, März 2005, ISSN 0342-8176, S. 15–34.
  • Ingo Balderjahn: Nachhaltiges Management und Konsumentenverhalten. UTB Lucius, München 2013, ISBN 978-3-8252-3902-2.
  • John Naish: Genug: Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 2008, ISBN 978-3-404-66436-8.

Siehe auch

Weblinks

Referenzen

  1.  Veronika A. Andorfer: Ethical Consumption. In: The Wiley Blackwell Encyclopedia of Consumption and Consumer Studies. 2. März 2015, S. 268–269.
  2.  Ethical Consumption. In: The SAGE Encyclopedia of Economics and Society. 19. November 2015
  3.  E. Cooper-Martin und M. E. Holbrook: Ethical consumption experiences and ethical space. In: Advances in Consumer Research. 20, Nr. 1, 1993.
  4. Ein Hoch auf die Flexitarier. In: Süddeutsche Zeitung, 10. Januar 2014
  5. Dieter Spath, Wilhelm Bauer, Stefan Rief (Hrsg.): Green Office: Ökonomische und ökologische Potenziale nachhaltiger Arbeits- und Bürogestaltung, Gabler Verlag, Wiesbaden 2012.
  6. Umweltministerium Baden-Württemberg (Hrsg.): Umweltorientierte Beschaffung von Gebrauchs- und Verbrauchsgütern für den Bürobereich. Stuttgart 2008 (PDF-Datei)
  7. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) (Hrsg.): Allianz für eine nachhaltige Beschaffung. Berlin 2013 (PDF-Datei)
  8. Hessisches Ministerium der Finanzen (Hrsg.): Leitfäden zur Unterstützung der Beschaffer bei der nachhaltigen Beschaffung für die Produktgruppen Bürobedarf, Bürogeräte mit Druckfunktion, Büromöbel, Reinigungsleistungen, Textilprodukte, Computer und Monitore, Kraftfahrzeuge. Wiesbaden 2012
  9. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Umweltbundesamt (Hrsg.): Leitfaden für die nachhaltige Organisation von Veranstaltungen, Berlin 2010, PDF-Datei
  10. Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF) (Hrsg.): Nachhaltige Ernährung
  11. Echter Umweltschutz oder „Grünfärberei“?: Wie grün ist Ökostrom wirklich? (Memento vom 6. April 2014 im Internet Archive) Westdeutscher Rundfunk
  12. Karl-Werner Brand: Von der Agrarwende zur Konsumwende? In: Ernährungs-Umschau 53 (2006) Heft 7


Dieser Artikel basiert (teilweise) auf dem Artikel Nachhaltiger Konsum aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.