Taylor-Regel

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Die Taylor-Regel ist eine geldpolitische Regel zur Setzung des Leitzinses durch eine Zentralbank. Benannt wurde sie nach ihrem Erfinder, dem US-Ökonomen John B. Taylor.[1]

Allgemeines

Taylor versuchte zu ergründen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten die US-Zentralbank, das Federal Reserve System (Fed), den Zielwert für ihr wichtigstes geldpolitisches Instrument, den kurzfristigen Zinssatz (Federal Funds Rate) auf dem Geldmarkt, festlegt.[2] Im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank strebt die amerikanische Zentralbank neben dem Ziel stabiler Preise auch einen hohen Beschäftigungsstand und moderate langfristige Zinsen an. Um die Reaktion der Fed auf Änderungen der realwirtschaftlichen Entwicklung und der Inflation genau zu quantifizieren und somit einen zielführenden Zinssatz abzuleiten, entwickelte John B. Taylor im Jahr 1993 diese Formel. Sie stellt einen empirischen Ansatz dar, der sich auf ökonomische Untersuchungen stützt. Grundsätzlich beziehen sich die Untersuchungen auf die G8-Staaten und deren Erfolg zur Erreichung ihrer geldpolitischen Ziele. Aus diesem Grund kann die Regel in angepasster Form auf viele andere Länder übertragen werden.[3] Die Taylor-Regel soll eine Art Handlungsanleitung für Notenbanken sein.[4]

Taylors Absicht

Ursprünglich war es Taylors Absicht, eine Regel zu ermitteln, die geeignet war, die Zinspolitik der Fed (Federal Reserve System) nachzuzeichnen.[5] Somit hatte er das Ziel, eine Alternative zur Festlegung des kurzfristigen Zinssatzes der Geldpolitik zu entwerfen.[6] Dabei legte er Wert auf ihre Einfachheit und Robustheit. Sie sollte als Mittel dienen, die Geldpolitik der Zentralbank adäquat zu erfassen und zu bewerten. Aber gleichzeitig sollte sie ein Konzept als Richtschnur für politische Entscheidungen von Zentralbanken sein. Aus einer Gesetzeslage der USA (Fed muss Preisniveau- und konjunkturelle Entwicklung berücksichtigen) entstand seine Prämisse, dass die Zentralbanken ihre Zinspolitik in Abhängigkeit von der aktuellen Inflationsrate und der konjunkturellen Situation festlegen.[7]

Komponenten der Taylor-Formel und deren Interpretation

[8]

  • erwartete Inflationsrate
  • realer Gleichgewichtszins
  • „Inflationslücke“ Differenz zwischen erwarteter Inflation (gemessen am BIP-Deflator) und Inflationsziel (jene, die die Zentralbank mittelfristig anstrebt)
  • „Produktionslücke“ bzw. „Output Gap“ ist die logarithmische Differenz zwischen dem tatsächlichen realen BIP und dem Produktionspotenzial (definiert als Produktionsvolumen entsprechend der langfristigen Wachstumsrate)[9]

Die erwartete Inflationsrate und der reale Gleichgewichtszins liefern in Anlehnung an die Fischergleichung eine Benchmark für den kurzfristigen Zins, dessen Höhe kompatibel mit der Erreichung des Inflationsziels bei Vollbelastung () ist.

Die Preisstabilität und das Wirtschaftswachstum bzw. die Konjunkturstabilisierung werden in der Produktions- und Inflationslücke zusammengefasst. Wird das Inflationsziel bei der Inflationslücke überschritten, erfordert dies eine Erhöhung des kurzfristigen Zinses über die Benchmark und umgekehrt. Die Produktionslücke fängt konjunkturelle Aspekte und Preisperspektiven ein.

Hier empfiehlt sich eine Senkung des kurzfristigen Zinssatzes bei nicht ausgelasteten Kapazitäten () und eine Erhöhung bei voll ausgelasteten Kapazitäten ().

Beide geben an, wie stark die Zentralbank Abweichungen vom Produktionspotenzial und Abweichungen bei der angestrebten Zielinflationsrate geldpolitisch bewertet.[10] und geben an, wie stark die Geldpolitik auf Veränderungen der Inflationsrate von ihrem Ziel bzw. der Produktion vom Produktionsniveau reagieren sollte. Nach Taylor wird dabei auf eine Höhe von festgesetzt. Somit kann die Zentralbank bei dem Anzeichen eines Inflationsdrucks den Realzins steigen lassen, damit sich das Gleichgewicht wiederherstellen lässt.[11] Die Verwendung der erwarteten Inflation auf der rechten Seite dieser Gleichung verdeutlicht, dass als geldpolitisches Instrument zwar der nominale Kurzfristzins fungiert, es aber letztendlich um die Beeinflussung des Realzinses geht.

Die Taylor-Regel als eine Weiterentwicklung des IS-LM-Modells

IS-MP-Modell

In der Taylor-Regel sind klassische monetaristisch-keynesianische Elemente und Elemente der „Neuen klassischen Makroökonomik“ miteinander verknüpft. Er setzt den Zins in Abhängigkeit von den Zielabweichungen bei geldpolitisch als relevant erachteten Makrovariablen ein. Das macht im IS-LM-Modell die LM-Bedingung überflüssig, weil dies der rekursiven Bestimmung der nominalen Geldmenge dient. In der neuen Version des IS-LM-Modells messen die Koordinaten den Realzinssatz (y-Achse) und den Realoutput (x-Achse). Der IS-Linie liegen die üblichen Hypothesen zugrunde. Weiterhin reagiert die Gesamtnachfrage gegenläufig zum Realzins. Das hat zur Folge, dass die Lage der Linie durch die Nachfragekomponente bestimmt wird und das güterwirtschaftliche Angebot jederzeit der Nachfrage folgt. Die Lage der neuen MP-Linie (MP=monetary policy) ist abhängig von der aktuellen Inflationsrate und der geldpolitischen Zielrate. Hinsichtlich der Taylor-Regel befolgt die Zentralbank eine einfache Variante. Wenn die Inflationsrate über dem geldpolitischen Zielwert liegt, erhöht sie den Realzins (und umgekehrt). Die Bank kennt die erwartete Inflationsrate (durch Annahme rationaler Erwartungen) und steuert diese durch den Nominalzins, um den Realzins zu beeinflussen. Dabei orientiert sie sich aber ausschließlich an der aktuellen Inflationsrate. In der Abbildung wird sichtbar, dass zwischen Outputniveau und Inflationsrate stets eine eindeutige und gegenläufige Beziehung besteht.[12]

Verfahrensschritte zur Herleitung einer zweckmäßigen Regel

Um Abweichungen von den Preis- und Outputzielen zu beeinflussen, kann der kurzfristige Zinssatz mittels Herleitung durch einzelne Verfahrensschritte bestimmt werden. Dazu ist die zu prüfende geldpolitische Regel in das gewählte Modell einzufügen und durch die Wahl des möglichen Lösungsalgorithmus aufzulösen. Der nächste Schritt ist die Analyse der stochastischen Verteilung der Varianzen der einzelnen Variablen (Input, Output, Unterbeschäftigung). Schlussendlich folgt die Evaluation der geldpolitischen Regel mit den festen Eigenschaften und der Überprüfung der Robustheit des Modells. Dies kann durch einen Vergleich mit anderen Modellen geschehen.[13]

Möglichkeiten der Anwendung der Taylor-Regel

Die Taylor-Regel ist sehr wandelbar und kann somit auf viele verschiedene politische Verhältnisse angepasst werden. Dabei kann sie als Grundlage geldpolitscher Entscheidungen angesehen werden. Weiterhin sind auch Modellrechnungen zur Variation der Koeffizienten für die Gewichtung der erwarteten Inflationsrate und des Outputgap möglich.[14]

Siehe auch

Literatur

  • Michael Woodford: The Taylor Rule and Optimal Monetary Policy. In: The American Economic Review. Vol. 91, No. 2, Papers and Proceedings of the Hundred Thirteenth Annual Meeting of the American Economic Association, Mai 2001, S. 232–237.
  • Lars E. O. Svensson: What Is Wrong with Taylor Rules? Using Judgment in Monetary Policy through Targeting Rules. In: Journal of Economic Literature, Bd. 41 Nr. 2 (Juni 2003), S. 426–477.

Einzelnachweise

  1. Michael Heine, Hansjörg Herr: Die Europäische Zentralbank. Eine kritische Einführung in die Strategie und Politik der EZB. Marburg 2004, ISBN 3-89518-455-1, S. 150.
  2. John B. Taylor: An Historical Analysis of Monetary Policy Rules. (PDF; 1,5 MB) Working Paper 6768, Cambridge USA, Oktober 1998, S. 51–52. Abgerufen am 25. November 2010
  3. Ralph Anderegg: Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik. München 2007, ISBN 978-3-486-58148-5, S. 313.
  4. Klaus Schaper (2001), S. 138.
  5. Johannes Treu: Der Taylorzins und die europäische Geldpolitik 1999–2009. (Memento vom 27. Januar 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft (bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis) (PDF; 234 kB) Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 2010, ISSN 1437-6989, S. 2–3. Abgerufen am 16. November 2010.
  6. Ralph Anderegg (2007), S. 313.
  7. Michael Heine, Hansjörg Herr (2004), S. 150.
  8. Christian Peukert: Die Taylor Regel. (PDF; 175 kB) Übung zur empirischen Wirtschaftsforschung, Ulm 2010, S. 2–3. Abgerufen am 26. November 2010.
  9. Michael Heine, Hansjörg Herr (2004), S. 150, 151.
  10. Egon Görgens, Franz Seitz, Karlheinz Ruckriegel: Europäische Geldpolitik. Theorie, Empire, Praxis. 4. überarbeitete Auflage. Stuttgart 2004, ISBN 3-8252-8285-6, S. 228–229.
  11. Europäische Zentralbank. (Memento vom 26. Februar 2005 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft (bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis) (PDF) Monatsbericht Oktober 2001, S. 46. Abgerufen am 29. November 2010
  12. Franco Reither: Grundzüge der Neuen Keynesianischen Makroökonomik. (PDF) Hamburg 2003, S. 2–3. Abgerufen am 27. November 2010
  13. Ralph Anderegg (2007), S. 322–323.
  14. Ralph Anderegg (2007), S. 322.
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