Bibliothek:Goethe/Naturwissenschaft/Organische Entzweiung

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Johann Wolfgang Goethe

Aus dem Nachlass. Versuche zur Methode der Botanik. VERSUCHE ZUR METHODE DER BOTANIK

Ordnung des Unternehmens

Kapitel I.

Das Unternehmen zu ordnen ist groß und schwer
Mit Ordnung zu wissen erfordert genauere Kenntnis der einzelnen Gegenstände
Aufmerksamkeit auf ihre Charaktere also Unterschied und Übereinstimmungen
Hiezu ist schon weit mehr als der sinnliche Blick und als das Gedächtnis nötig.
Einsicht in das Bezeichnende und Urteil hierüber.
Streben des menschlichen Geists was er behandelt zum Ganzen zu bilden .
Ungeduld des Menschen sich nicht genug vorzubereiten.
Übereilung im Abschließen
Kann nicht immer getadelt werden.
Erfahrungen der verschiedenen Zeitalter
Die früheren weniger vollständig.
Niemand, wer eine wissenschaftliche Kenntnis sich zuzueignen denkt fühlt gleich im Anfange die Notwendigkeit Voraus daß er seine Denk- und Vorstellungsart immer werde höher spannen müssen.
Diejenigen, die sich mit den Wissenschaften beschäftigen fühlten dieses Bedürfnis nur erst nach und nach.
Heut zu Tage, da so vieles Allgemeine zur Sprache gekommen kommt der beinah nur handwerksmäßige botanische Gärtner stufenweise bis zu den schwersten Fragen, aber da er von den Standpunkten nichts weiß von wo aus sie zu beantworten wären so muß er sich entweder mit Worten bezahlen lassen oder kommt in eine Art von staunender Verwirrung.
Man tut also wohl sich gleich von Anfang auf ernsthafte Fragen und ernste Beantwortungen vorzubereiten.
Wenn man sich hierüber einigermaßen beruhigen will und eine heitere Aussicht verschaffen will, so kann man sich sagen daß niemand eine Frage an die Natur tue die er nicht beantworten könne, denn in der Frage liegt die Antwort das Gefühl daß sich über einen solchen Punkt etwas denken etwas ahnden lasse.
Freilich wird nach der verschiednen Weise der Menschen gar verschiedentlich gefragt.
Um uns in diesen verschiedenen Arten einigermaßen zu orientieren wollen wir sie einteilen in:
Nutzende
Wissende
Anschauende und
Umfassende
  1. Die Nutzenden, Nutzen-Suchenden, -Fordernden sind die ersten die das Feld der Wissenschaft gleichsam umreißen, das Praktische ergreifen; das Bewusstsein durch Erfahrung gibt ihnen Sicherheit das Bedürfnis eine gewisse Breite.
  2. Die Wissbegierigen bedürfen eines ruhigen uneigennützigen Blickes einer neugierigen Unruhe eines klaren Verstands und stehn immer im Verhältnis mit jenen, sie verarbeiten auch nur im wissenschaftlichen Sinn dasjenige was sie vorfinden.
  3. Die Anschauenden verhalten sich schon produktiv und das Wissen indem es sich selbst steigert fordert ohne es zu bemerken das Anschauen und geht dahin über, und so sehr sich auch die Wissenden vor der Imagination kreuzigen und segnen so müssen sie doch ehe sie sichs versehen die produktive Einbildungskraft zu Hülfe rufen.
  4. Die Umfassenden die man in einem stolzern Sinne die Erschaffenden nennen könnte verhalten sich im höchsten Grade produktiv, indem sie nämlich von Ideen ausgehen sprechen sie die Einheit des Ganzen schon aus und es ist gewissermaßen, nachher die Sache der Natur sich in diese Idee zu fügen.
Gleichnis von Wegen hergenommen

Beispiel vom Aquädukt das Phantastische vom Idealen zu unterscheiden-

Beispiel vom dramatischen Dichter .
Hervorbringende Einbildungskraft mit möglicher Realität. Bei allem wissenschaftlichen Bestreben muß man sich deutlich machen daß man sich in diesen vier Regionen befinden wird.
Man muß das Bewusstsein sich erhalten in welcher man sich eben befindet.
Und die Neigung sich in einer SO frei und gemütlich als in der andern zu bewegen.
Das Objektive und Subjektive des Vortrags wird also hier voraus bekannt und gesondert wodurch man hoffen kann wenigstens einiges Vertrauen zu erregen.

Genetische Behandlung

Kapitel II.

Es fällt in die Augen daß wir uns bei unsern Vorträgen meist auf den Grenzen der zweiten und dritten Region aufhalten werden, wir werden uns mit Bewusstsein aus einer in die andere bewegen.
Gewöhnlich nehmen die Wissenden instinktartig ihre Zuflucht zu den Anschauenden ob sie auch gleich oft in theoretischen Fällen durch einen falschen teleologischen Weg sich zu den Nutzenden zurückbegeben worunter wir alle Naturforschenden zur Ehre Gottes rechnen.
Ein Punkt, wo die Nähe der beiden Regionen anschaulich gemacht und genutzt werden kann ist die genetische Behandlung.
Wenn ich eine entstandne Sache vor mir sehe nach der Entstehung frage und den Gang zurück messe so weit ich ihn verfolgen kann, so werde ich eine Reihe Stufen gewahr die ich zwar nicht neben einander sehen kann sondern mir in der Erinnerung zu einem gewissen idealen Ganzen vergegenwärtigen muß.
Erst bin ich geneigt mir gewisse Stufen zu denken, weil aber die Natur keinen Sprung macht, bin ich zuletzt genötigt mir die Folge einer ununterbrochenen Tätigkeit als ein Ganzes anzuschauen indem ich das Einzelne aufhebe ohne den Eindruck zu zerstören.
Teilung in gröbere Momente. Versuch einer feinern
Versuch noch mehrerer Zwischenpunkte.
Wenn man sich die Resultate dieser Versuche denkt, so sieht man daß zuletzt die Erfahrung aufhören das Anschauen eines Werdenden eintreten und die Idee zuletzt ausgesprochen werden muß.
Beispiel einer Stadt als Menschenwerks.
Beispiel der Metamorphose der Insekten als Naturwerks.
Lehre von der Metamorphose der Pflanzen in ihrer ganzen Bedeutung.


Organische Einheit

Kapitel III.

Identität der Teile in den verschiedensten Gestalten.
Eintretende wichtige Fragen
ob aus dem Samen das Vorhandene entwickelt wird?
Oder ob gegebene Anfänge gesetzmäßig fort- und umgebildet werden.
Atomistische Vorstellungsart hat eine gewisse Nähe zur gemeinen Ansicht
Zu einer gewissen Sinnesart.
Ist nicht ganz in Naturbetrachtungen zu entbehren
Aber sie ist hinderlich, wenn man ihr durchaus treu bleiben will.
Gewisse Geister können sich nicht davon los machen
Dynamische Vorstellungsart.
Ihre anfänglichen Schwierigkeiten.
Ihre Vorteile in der Folge, mehrere Gegensätze der beiden. Letztere zu unserm Vortrag einstweilen anzunehmen. Sie muß sich durch den Gebrauch legitimieren
Bei Betrachtung der Pflanze wird ein lebendiger Punkt an- genommen, der ewig seines gleichen hervorbringt.
Und zwar tut er es bei den geringsten Pflanzen durch Wiederholung eben desselbigen.
Ferner bei den vollkommnere durch progressive Ausbildung und Umbildung des Grundorgans in immer vollkommnere und wirksamere Organe um zuletzt den höchsten Punkt organischer Tätigkeit hervorzubringen, Individuen durch Zeugung und Geburt aus dem organischen Ganzen abzusondern und abzulösen.
Höchste Ansicht organischer Einheit.

Organische Entzweiung

Kapitel IV.

Organische Entzweiung.

Vorher ward die Pflanze als Einheit betrachtet.
Die empirische Einheit können wir mit Augen sehen.
Sie entsteht aus der Verbindung vieler verschiednen Teile von der größten Mannigfaltigkeit zu einem scheinbaren Individuo.
Eine einjährige vollendete Pflanze ausgerauft.
Ideale Einheit.
Wenn diese verschiednen Teile aus einem idealen Urkörper entsprungen und nach und nach in verschiedenen Stufen aus- gebildet gedacht werden.
Diesen idealen Urkörper mögen wir ihn in unsern Gedanken so einfach konzipieren als möglich, müssen wir schon in seinem Innern entzweit denken denn ohne vorhergedachte Entzweiung des einen läßt sich kein drittes Entstehendes denken.
Diesen idealen Urkörper, der schon eine gewisse Bestimmbarkeit zur Zweiheit bei sich trägt, lassen wir vorerst im Schoße der Natur ruhen.
Wir bemerken nur daß sich hier die atomistische und dynamische Vorstellungsarten die Entwicklungs- und Bildungsmethoden gleich einander entgegen setzen.
Kurze Darstellung des Dualismus der Natur überhaupt
Übergang auf die Pflanze
Sie ist obgleich an einem organischen Körper beinah physisch.
Keim der Wurzel und des Blatts
Sie sind mit einander ursprünglich vereint ja eins läßt sich nicht ohne das andere denken.
Sie sind auch einander ursprünglich entgegengesetzt.
Wir beantworten die Frage warum die Wurzelkeime sich abwärts, die Blätterkeime sich aufwärts entwickeln dadurch, daß wir sagen sie seien einander nach dem allgemeinen Naturdualism, der hier in ihnen spezifiziert ist, entgegengesetzt.
Indessen läßt sich über die nähern Bedingungen etwas sagen.
Eine Pflanze, wie jedes Naturwesen läßt sich nicht ohne umgebende Bedingungen denken.
Sie verlangt eine Base der Existenz zur Befestigung zur Hauptnahrung der Masse nach.
Sie verlangt Luft und Licht zur mannigfaltigen Entwicklung, feinere Nahrung und Ausbildung.
Wir finden die Wurzel bedürfe der Feuchtigkeit und der Finsternis, das Blatt des Lichts und der Trockne um sich zu entwickeln.
Und so sind diese Bedürfnisse von Anfang an bis zu Ende einander entgegen gesetzt.
An jedem Knoten, ja an noch viel mehrern Punkten des Pflanzenkörpers kann sich die Wurzel entwickeln wenn die Bedingungen Feuchtigkeit und Finsternis, ja nur jene gewissermaßen allein, gegenwärtig ist.
An jedem Punkte der Pflanze kann sich der Blattkeim entwickeln sobald Licht und Trockne darauf wirken.
Beispiele.
Hauptunterschied des Wurzel- und Blattkeims.
Jener bleibt immer einfach
Es ist nur eine Fortsetzung der Fortsetzung ohne Mannigfaltigkeit.
Diese entwickelt sich aufs mannigfaltigste und nähert sich stufenweise der Vollendung.
Diese befördern Licht und Trockenheit.
Feuchte und Finsternis hindern sie.
Gewisse Pflanzen besonders die rankenden welche an ihren Zweigen eine Quasiwurzel trotz Licht und Luft entwickeln haben bei einer gewissen Zähheit und Reizbarkeit viel Wässriges in ihrer Mischung.
Wenn nun ein solches Wesen ursprünglich und anfänglich in seinem Ganzen mit einem Gegensatz gedacht wird, so werden wir in seinen Teilen auch eine solche Trennung wieder finden.
Wir werden sie wieder finden in der obern und untern Fläche des Blatts.
Im Splint der nach innen das Holz, nach außen die Rinde bildet usw. bis wir endlich den Gipfel der organischen Trennung die Scheidung in zwei Geschlechter erreichen.