Bibliothek:Goethe/Naturwissenschaft/Physikalische Wirkungen

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Physikalische Wirkungen

Von meinen physikalischen Annäherungen und Schematisierungen, die nur freilich auch sehr im Fluge geschehen, will ich folgendes melden: sie stehen jetzt in folgender Reihe:

magnetische
turmalinische
elektrische
galvanische
perkinische
chtomatische
sonore
schmeckbare
riechbare

Und nun einiges zur Erläuterung. Die magnetischen bleiben die allgemeinsten, weil sie auf einen spezifischen Körper beschränkt sind; sie beziehen sich allein aufs Eisen und würden, nach meiner Überzeugung, gleich etwas ganz anderes sein, sobald sie an einem andern Körper entdeckt würden.

Die turmalinischen sind nicht allein dem Turmalin angehörig, sondern auch dem Hyacinth, Chrysolith, Smaragd. Die Wirkung zeigt sich nicht in gleicher Temperatur wie die magnetische, es gehört Erhitzung und Abkühlung dazu; leichte ganz fremde Teile werden angezogen und abgestoßen. Sie gehen also schon ins Allgemeinere, doch ist noch Polarität des Körpers da.

Elektrische Wirkungen können an allen Körpern hervorgebracht werden, an einigen mehr als an andern. Wenn ich den Magnet und Turmalin Hermaphroditen nennen möchte, so würden die elektrischen Wirkungen schon getrennte Geschlechter haben. Diese beiden Materien, oder mit welchem symbolischen Namen man die wirklich entgegengesetzte Erscheinung benennen will, werden an verschiedenen Körpern durch Reiben, Erschüttern, Schmelzen und Abkühlen erregt. Die magnetische und turmalinische sind immer mit dem Körper verbunden, die elektrische kann von demjenigen Körper, der sie hervor gebracht hat, abgesondert werden. Von den beiden ersten ist noch nicht gewiß, inwiefern sie auf organische Naturen wirken. Die elektrische wirkt auf die Nerven. Von ihrer übrigen allgemein zerschmetternden, entzündenden Wirkung nichts zu sagen.

Galvanische Wirkungen. Sie scheinen besonders auf Metalle reduziert zu sein; zum eminenten Phänomenbraucht man zweierlei Art; ich vermute aber, daß einerlei Metall schon auch dazu hinreichend ist. Ob man es damit zur Erscheinung bringen wird, weiß ich nicht. Sie wirken eminent auf Nerve und Muskel, affizieren allgemein das Auge als Licht, den Geschmack als Säure, den Muskel, indem sie zucken machen, so daß man sich überzeugen konnte: ein fortdauernder galvanischer Prozeß sei der Lebensprozeß organischer Naturen.

Die perkinischen Wirkungen sind eine Modifikation der galvanischen. jene sind reizend, diese schmerzstillend, welches auf eins hinauskommt. Sie sind nicht zu verachten, obgleich die Erfahrungen sehr schwer werden anzustellen sein.

NB. Hier würde nun meo voto der sogenannte tierische Magnetismus stehen. Da nämlich zwei organische Naturen durch Näherungen, ja fast ideale Berührungen allgemein reizende oder soporifere Wirkungen hervorbringen. Die Schwierigkeit, hierüber reine Versuche anzustellen, wird dieses Kapitel, bis auf ein glückliches genialisches Wagestück, das zu erwarten steht, noch lange zurückhalten.

Die chromatischen und sonoren Wirkungen schließen sich zwar recht artig an abgemeldete physische Wirkungen an, doch würde man ihnen sehr unrecht tun, wenn man sie in jene Enge einschränken und in jener Allgemeinheit verlieren wollte; sie stehen um ein Unglaubliches höher, sowohl in der Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinung als in der Möglichkeit ihrer ästhetischen Anwendung, welches jedoch im Grunde eins gesagt ist. Sie haben den ungeheuern Vorteil, daß sie für bestimmte Sinne vorzüglich wirken.

Wie der Magnet im Eisen wirkt, so wirkt die Farbe Auge, und ich möchte sagen. so hoch das Auge über dem Eisen steht, so viel höher steht die Farbe über der magnetischen Wirkung.

Wer die physischen Wirkungen, die höchsten, die wir kennen, Farbe und Ton, hinunterziehen wollte, würde sich sehr verkürzen; wer jene untere heraufziehen wollte, würde sich einen blossen imaginativen Spass machen; alles kommt darauf an, was der organischen Natur und dieser in ihren höchsten Zuständen gemäß ist, es mag, darf und soll übrigens in Kombination mit seiner irdischen Base bleiben.

Das Chromatische hat etwas sonderbar Doppelhaftes und, wie ich unter uns wohl reden darf: eine Art von Doppelhermaphroditischem, ein sonderbares Fordern, Verbinden, Vermischen, Neutralisieren, Nullisieren und so weiter, ferner einen Anspruch an physiologische, pathologische und ästhetische Effekte, daß man, selbst bei der größten Bekanntschaft damit, noch immer darüber erschrickt. Und doch ist es immer so stoffhaft, materiell, daß man nicht weiß, was man dazu sagen soll.

Die sonoren Wirkungen ist man genötigt, beinahe ganz obenan zu stellen. Wäre die Sprache nicht unstreitig das Höchste, was wir haben, so würde ich Musik noch höher als Sprache und als ganz zuoberst setzen.

Wenigstens scheint mir, daß der Ton noch viel größerer Mannigfaltigkeit als die Farbe fähig sei, und obgleich auch in ihm das einfachste physische Gesetz der Dualität stattfindet, so wie er auch, in seinen ersten Ursprüngen betrachtet, durch viel gemeinere Anlässe als die Farbe erregt wird, so hat er doch eine unglaubliche Biegsamkeit und Verhältnismöglichkeit, die mir über alle Begriffe geht und vielleicht zeitlebens gehen wird, ob ich gleich die Hoffnung nicht aufgebe, aus der konventionellen eingeführten Musik das physisch Einfache noch herauszufinden. So viel von diesen.

Das Schmeckbare und Riechbare habe ich alle Ursache in die Chemie zu verweisen, wenigstens würde ich bis jetzt diese Wirkungen nur auf eine sehr gezwungene Art in die physikalischen Rubriken einschreiben.

So viel kann ich für diesmal sagen, freilich würde das Gespräch um ein Gutes fruchtbarer gewesen sein.