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Dritter Humanismus

Der bedeutendste Repräsentant des sogenannten Dritten Humanismus war Werner Jaeger. Die Bezeichnung Dritter Humanismus – nach dem Renaissance-Humanismus und dem Neuhumanismus – stammt aus einer 1921 gehaltenen Rede des Berliner Philosophen Eduard Spranger, mit dem Jaeger befreundet war und der sich mit ihm gemeinsam für die alten Sprachen und eine Philosophie der Bildung einsetzte: „Aber ein Unterschied unseres Humanismus, den man den dritten nennen könnte gegenüber jenem zweiten, liegt in der Weite des Suchens und des Verstehens, das wir Modernen aufzubringen vermögen.“[1]
Die Rechtfertigung für eine intensive Neubelebung bzw. nötige Rettung der humanistischen Bildungsidee leitete Jaeger aus veränderten Zeitumständen und Herausforderungen ab: „Der Prozentsatz der Bevölkerung, der an dem angestammten geistigen Besitzstand unserer Nation wirklich inneren Anteil hat, nimmt im Zeichen der fabrikmäßigen Massenproduktion der Popularwissenschaft und der Einführung von Kino, Rundfunk und Taschenmikroskop auf der Schule von Jahr zu Jahr ab. Die mächtigsten Wirtschaftsschichten unseres Volkes, Arbeitermasse und Großkapital, sind mit den wohlbekannten Ausnahmen den Grundlagen unserer humanen Kultur fremd, ja ihr teilweise feindselig. Der mittlere Bürgerstand aber, bei dem diese Interessen erblich und wenn auch nicht ohne Schwankungen bis vor kurzer Zeit am sichersten geborgen waren, wird zwischen den großen Mühlsteinen der modernen Wirtschaft zerrieben.“ Immer frühzeitiger erfasse „das Triebwerk der Berufsmaschine“ den Geist der Heranwachsenden und füttere ihn mit nutzenbezogenem „Zivilisationswissen“ auf Kosten der geistigen Individualität und freier seelischer Entfaltung. Das führe „zu rationalistischer Entleerung und Abplattung des Lebens, zu brutalen Reaktionen der vergewaltigten Natur, zur ungesunden Hypertrophie des Erwerbs- und Vergnügungssinnes, zur Aufhebung der geistigen Selbständigkeit von Staat und Kultur.“ Überzivilisation einerseits und Zivilisationsflucht andererseits vernichteten in letzter Übersteigerung die Kultur. Denn diese sei nicht äußerer Apparat noch formlose Innerlichkeit, sondern „hellstes Wissen des Geistes um sich selbst und sicheres Ruhen in seiner Form, zweckfreies Sein und Können.“ Alle echte Bildung sei humanistisch: „Bildung des Menschen zum Menschen.“[2]
Nach Jaeger hat aber die Kultur im Griechentum schlechthin ihren Ursprung. Die Griechen haben ihre geistige Gesamtschöpfung als Erbe an die übrigen Völker des Altertums weitergegeben. Für Jaeger beginnt der Humanismus mit der Übernahme der griechischen Kultur im Römischen Reich. Der griechische Bildungsgedanke sei dann im Christentum in eigenständiger Weise fortgesetzt worden. Konstitutiv für jede Erscheinungsform von Humanismus sei dabei die Struktur des Wiederaufnehmens. Die abendländische Geschichte wird bei Jaeger zu einer Reihe von Erneuerungen der griechischen Bildungsidee.[3] Der auf dem Gedanken der reinen Menschenbildung beruhende Kulturbegriff griechischen Ursprungs begründe für alle Völker des „hellenozentrischen Kulturkreises“ – angefangen mit den Römern – nicht lediglich eine historische Abhängigkeit, sondern beinhalte eine „geistigen Durchdringung mit griechischer Kultur“.[4]
Im Zentrum von Jaegers Bildungsidee steht die Paideia. Die Gesamtheit der griechischen Kultur sei Ausdruck des Strebens, den Menschen zu formen. Das höchste Kunstwerk, das es zu bilden gelte, ist demnach der Mensch. „Jede Erweiterung des griechischen Wissens, jeder große Fortschritt führt zu einer Erweiterung auch der Bildung. Komödie, Tragödie, Rhetorik, Publizistik und Philosophie hallen wider von dem leidenschaftlichen Kulturkampf um Bildung. Sie wird Mittelpunkt des öffentlichen Lebens.“[5] Dabei hätten die Griechen die Dinge „organisch“ betrachtet. Sie hätten das Einzelne als Teil eines Ganzen aufgefasst. Erst dadurch seien sie zur Schöpfung des Begriffs „Natur“ fähig geworden. Mit diesem habe sich das Interesse verbunden für die Gesetze, welche in den Dingen selbst wirkten. Aus der Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Wesens entsprängen die Normen für die persönliche Führung der Seele und für den Aufbau der Gemeinschaft.
Im altsprachlichen Studium als geistformender Kraft im Sinne Wilhelm von Humboldts sah Jaeger weiterhin „die tragfähigste Grundlage einer humanistischen Bildung der Jugend.“ Aus der Verbindung von formaler Geistesschulung mit einem auf antike Fundamente gegründeten modernen Kulturbewusstsein ergebe sich „die Anschauung von Schöpfungen maßstabgebender, zeitloser Größe“. Die Idee einer solchen Jugendbildung sei zwar hoch gegriffen; allerdings sei schon viel bewirkt, wenn auch nur dies oder jenes davon eindrucksvoll verwirklicht werde.[6]
Einzelnachweise
- ↑ Eduard Spranger: Der gegenwärtige Stand der Geisteswissenschaften und die Schule. 2. Auflage. Leipzig 1925, S. 7 (Erstveröffentlichung 1922).
- ↑ Werner Jaeger: Antike und Humanismus. In: Hans Oppermann (Hrsg.): Humanismus. Darmstadt 1977, S. 18–32, hier: 18–20 (Erstveröffentlichung 1925).
- ↑ Werner Jaeger, Paideia. Berlin 1933 bis 1947; Werner Jaeger: Antike und Humanismus. In: Hans Oppermann (Hrsg.): Humanismus. Darmstadt 1977, S. 18–32, hier: 27.
- ↑ Werner Jaeger: Antike und Humanismus. In: Hans Oppermann (Hrsg.): Humanismus. Darmstadt 1977, S. 18–32, hier: 23 (Erstveröffentlichung 1925).
- ↑ Werner Jaeger: Antike und Humanismus. In: Hans Oppermann (Hrsg.): Humanismus. Darmstadt 1977, S. 18–32, hier: 25 (Erstveröffentlichung 1925).
- ↑ Werner Jaeger: Antike und Humanismus. In: Hans Oppermann (Hrsg.): Humanismus. Darmstadt 1977, S. 18–32, hier: 32 (Erstveröffentlichung 1925).









