Finno-ugrische Sprachen

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Verbreitung der finno-ugrischen Sprachen in Eurasien
Geographische Verteilung der uralischen Sprachen

Die finno-ugrischen Sprachen (auch finnugrische oder ugro-finnische Sprachen) bilden zusammen mit dem samojedischen Zweig die uralische Sprachfamilie.[1] und unterteilen sich in zwei Zweige: den finno-permischen und den ugrischen Zweig. Die Finno-ugrisch sprechenden Volksgruppen nennt die Wissenschaft Finno-Ugrier oder finno-ugrische Völker.

Sprachgeschichte

Ähnlich wie bei den indogermanischen Sprachen sind die heutigen finno-ugrischen Sprachen das Ergebnis mehrerer Sprachspaltungen und lassen sich auf eine hypothetische Ursprache zurückführen, das Ur-Finno-Ugrische, das vermutlich in verschiedensten Dialekten von der Ostsee bis zum Ural gesprochen wurde.

In der ersten Spaltung ist die Ursprache in den finno-permischen und den ugrischen Zweig zerfallen. Die ugrische Sprachgemeinschaft spaltete sich in die sogenannten obugrischen Sprachen und in das Ur-Ungarische, aus dem das heutige Ungarische hervorgegangen ist. Im finno-permischen Zweig hat sich zuerst die permische Gruppe, dann die w:wolgafinnische und zuletzt die ostseefinnische Gruppe und das Samische herausgebildet.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die finno-ugrischen Völker schon früh Kontakte zur indogermanischen Sprachwelt hatten, wie sich anhand zahlreicher Entlehnungen beweisen lässt. So ist das Zahlwort für 100 im Finnischen sata, im Mordwinischen sada, im Mansischen sad, im Ungarischen száz, denn in nahezu allen indogermanischen Sprachen ist in den Zahlwörtern für 100 cent oder satem enthalten (vgl. altindisch satam für 100, avestisch satem für 100, lateinisch Centum für 100).

Klassifikation der Sprachen

Die finno-ugrischen Sprachen werden folgendermaßen klassifiziert:

Ugrische Sprachen

Finno-permische Sprachen

Die mordwinischen und Mari-Sprachen wurden früher unter die Wolgasprachen eingeordnet, aber diese Klassifizierung wird heute in Frage gestellt, da keine gemeinsame wolgafinnische Grundsprache rekonstruiert werden kann. Darum handelt es sich hier eher um eine areale als um eine genetische Einteilung.

Auch die Zusammenfassung der samischen Sprachen und der ostseefinnischen Sprachen zur Gruppe der finno-samischen Sprachen ist umstritten.

Allgemeines

Insgesamt gibt es ca. 25 Millionen Sprecher. Die Finno-Ugristik ist die Wissenschaft, die sich mit den finno-ugrischen Sprachen beschäftigt. Folgende Merkmale sind den finno-ugrischen Sprachen typisch:

  • Die finno-ugrischen Sprachen sind agglutinierende Sprachen, d. h., grammatikalische Kategorien werden vor allem mit Hilfe von Suffixen sowie Postpositionen und seltener auch Präfixen (vor allem Ungarisch) ausgedrückt. Vgl. Haus – in meinem Haus:
    • finnisch: talo – talossani
    • mordwinisch: kudo – kudosom
    • ungarisch: ház – házamban
  • Die finno-ugrischen Sprachen verfügen über kein grammatikalisches Geschlecht.
  • Typisch für die meisten ostseefinnischen und samischen Sprachen ist der Stufenwechsel, d. h., ein quantitativer sowie qualitativer Wechsel im Konsonantismus, ausgelöst durch das Anfügen bestimmter Suffixe bzw. Affixe. (Vgl. finnisch kukka – kukan, kota – kodan; samisch ahkka – ahka, guahti – guadi.)
  • Die Vokalharmonie ist heute noch im Finnischen und im Ugrischen (Ungarisch, Chantisch, Mansisch) stark ausgeprägt, findet sich aber auch in geschwundener Form in anderen Sprachen wieder (z. B. Mari). Das Estnische z. B. hat überhaupt keine Vokalharmonie mehr.
  • Mit Ausnahme des Komi bilden die finno-ugrischen Sprachen heutzutage kein synthetisches Futur. Es wird aber in einigen Sprachen analytisch (also durch eine Konstruktion) gebildet, und genauso gibt es auch Hin- bzw. Beweise für die frühere Existenz eines synthetischen Futurs (vgl. ungarisches Partizip Futur).
  • In den meisten finno-ugrischen Sprachen gibt es kein Wort für „haben“, der Besitz wird i. d. R. durch die habeo-Konstruktion, also dem Verb „sein“ in der 3. Person Singular, sowie dem Besitzenden (im Dativ oder Adessiv) ausgedrückt – wörtlich: „bei jmd. ist etwas“ – (vgl. dazu Dativus possessivus). Beispiele: finnisch minulla on auto – „ich habe ein Auto“, mordwinisch mon’kudom – „ich habe ein Haus“, ungarisch (Nekem) autóm van – „ich habe ein Auto“, wörtlich „(mir) ist mein Auto“
  • Typisch für finno-ugrische Sprachen ist der Reichtum an Kasus, vor allem zum Ausdruck von Örtlichkeitsverhältnissen. Aber auch hier gibt es Ausnahmen (samische Sprachen, Mansisch)
  • Die finnischen Sprachen besitzen zur Negation ein verneinendes Verb, das anstelle des Hauptverbs konjugiert wird. Beispiele:
    • finnisch mennä – „gehen“; en mene – „ich gehe nicht“; et mene – „du gehst nicht“; ei mene – „er geht nicht“
    • Komi ker – „machen“; og ker – „ich mache nicht“; on ker – „du machst nicht“; oz ker – „er macht nicht“
  • Die objektive (bestimmte) Konjugation ist besonders im Ungarischen und noch viel stärker im Mordwinischen ausgeprägt. Dabei wird durch das Verb zusätzlich angezeigt, ob das Objekt bestimmt oder unbestimmt ist. Beispiele aus dem Ungarischen:
    • könyvet olvasok – „ich lese ein Buch“ (irgendeines)
    • a könyvet olvasom – „ich lese das Buch“

Grundsätzlich gibt es mehrere vorherrschende Charakteristika, die aber nicht restlos auf alle Sprachen zutreffen, d. h., es gibt immer Abweichungen von der Mehrheit. Das bedeutet aber nicht, dass diese Sprachen nicht miteinander verwandt wären, sondern dass bestimmte grammatikalische Funktionen in manchen Sprachen geschwunden sind (innere spontane Entwicklung oder äußerer Einfluss).

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Vergleiche auch Ural-altaische Sprachen


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