Gerhard Kienle

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Gerhard Kienle

Gerhard Kienle (* 22. November 1923 in Madrid; † 2. Juni 1983 in Herdecke) war ein deutscher anthroposophischer Arzt, Neurologe, Gesundheitspolitiker und Wissenschaftstheoretiker. Er war Hauptbegründer des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke und der Universität Witten/Herdecke.

Leben

Der Sohn einer Diplomatenfamilie wuchs in Madrid auf. 1926 zog die Famile zurück nach Berlin, es folgten aber weitere längere Auslandsaufenthalte.

1941 begann Kienle in Berlin an der Militärärztlichen Akademie Medizin zu studieren. Bei seinem Kriegseinsatz als Hilfsarzt wurde er bei Arnheim im Herbst 1944 verwundet. Von 1945 bis 1948 setzte er sein Medizinstudium an der Universität Tübingen fort und promovierte dort. 1953 wurde er Assistent an der Nervenklinik der Universität Tübingen. In den Jahren 1963 bis 1968 war er neurologischer Oberarzt unter Prof. Duus am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main. In dieser Zeit verfasste er eine freie Habilitation über den nicht-euklidischen Sehraum des Menschen. 1968 war er an der Grundsteinlegung des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke beteiligt, das 1969 eingeweiht wurde.

In den 1970er Jahren setzte er sich für die gesetzliche Verankerung und wirtschaftliche Erstattungsfähigkeit der homöopathischen, naturheilkundlichen und anthroposophischen Medizin im deutschen Gesundheitswesen ein. In seiner Rolle als wissenschaftlicher Gutachter des Arzneimittelausschusses des Bundestages hatte er die methodenpluralistische Fassung des Arzneimittelgesetzes von 1976 zu verantworten.

1982 war er maßgeblicher Mitbegründer der Universität Witten/Herdecke als erste private Universität der Bundesrepublik Deutschland.

In seinen Büchern kritisierte Gerhard Kienle den vorherrschenden Glauben in die Übertragbarkeit von Ergebnissen aus Tierversuchen mit Medikamenten auf den Menschen, indem er prinzipielle Unterschiede zwischen Mensch und Tier aufzeigte und unzulässige Argumentationen zugunsten von Tierversuchen aufzudecken suchte, wiewohl er nicht prinzipiell gegen diese Versuche war.

Über den gegenwärtigen den Stand der anthroposophisch-medizinischen Forschung merkte Kienle in einer am 13. November 1982 gehaltenen Rede vor dem Mitarbeiterkreis der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland selbstkritisch an:

„Wo stehen wir heute? Welcher Irrtum lag denn vor, als man die ‹Phänomenologie› erfand? In welchem Verhältnis steht dazu, was man heute bei uns als ‹Goetheanismus› bezeichnet? Inwieweit betreiben wir denn selbst Opposition gegen Rudolf Steiner? Diese Äußerungen Rudolf Steiners liegen jedem, der sich damit befaßt, schwer auf der Seele. Es gibt noch viele Rätsel, die gelöst werden müssen. Es heißt doch, daß man sich prüfen muß, ob nicht alles, was man selbst gemacht hat, vom Grundsatz her falsch ist. Diese Seelenprüfung rüttelt an den Grundfesten unseres Selbstbewußtseins. Wie kann man das Infragestellen aller eigenen Leistungen ohne Resignation ertragen? Rudolf Steiner verlangt, daß man die Erkenntnislage der naturwissenschaftlichen Medizin durchschaut, die Irrtümer aufdeckt und neue Konzepte entwickelt. Es müssen die anthropologischen und anthroposophischen Bilder des Menschen entsprechend dem Buch Von Seelenrätseln einander nähergebracht werden. Diese Leistungen zu erbringen, übersteigt den Rahmen unserer Persönlichkeit, man müßte ja Galilei, Paracelsus, Helmholtz und Virchow in einer Person sein! Aber genau dies - und noch mehr - erwartet Rudolf Steiner. Wer die Verhältnisse nüchtern anblickt, sieht sich in einer Zerreißprobe. Lebt man das aus, was man als die gewordene Persönlichkeit eben kann, dann gerät man in Opposition zu Rudolf Steiner, folgt man ihm, muß man über sich hinauswachsen - aber wie? Anthroposophisch-medizinische Forschung und das richtige Vertreten in der Öffentlichkeit gelingt uns doch wohl nur, soweit wir unter Aufbietung aller Anstrengungen die Grenzen unserer Persönlichkeit durchbrechen und den Verhältnissen etwas abringen, was eigentlich nicht geht.

Aus diesen Erwägungen wäre die Konsequenz zu ziehen, daß wir dann, wenn wir meinen, Goetheanismus zu betreiben, die Grundlinien der Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung zur Hand nehmen und damit unser eigenes Vorgehen überprüfen, und daß wir dann, wenn wir wissenschaftlich nicht erfolgreich sind und uns in der Welt nicht durchsetzen, die Hinweise Rudolf Steiners nehmen, um unseren eigenen Widerspruch zu ihm aufzudecken. Vielleicht gelingt es uns so, in der Forschung und in der Öffentlichkeit fruchtbar zu werden.“

Gerhard Kienle: Anthroposophisch-medizinische Forschung und Öffentlichkeit pdf

Werke

  • Die Chorea Huntington-Fälle von 1900 bis Februar 1947 aus der Universitätsklinik für Nerven- und Gemütskrankheiten der Eberhard-Karl-Universität Tübingen. Diss. 1948
  • Notfalltherapie neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen. Thieme, Stuttgart 1964; 3. erw. A. 1978, ISBN 978-3133595032
  • Die optischen Wahrnehmungsstörungen und die nichteuklidische Struktur des Sehraumes. Thieme, Stuttgart 1968
  • Arzneimittelsicherheit und Gesellschaft. Eine kritische Untersuchung. Schattauer, Stuttgart/New York 1974, 978-3794503735
  • Die Zulassung von Arzneimitteln und der Widerruf von Zulassungen nach dem Arzneimittelgesetz von 1976 (mit Rainer Burkhardt). Urachhaus, Stuttgart 1982, ISBN 3878389213
  • Der Wirksamkeitsnachweis für Arzneimittel. Analyse einer Illusion (mit Rainer Burkhardt). Urachhaus, Stuttgart 1983, ISBN 978-3878389514
  • Die ungeschriebene Philosophie Jesu. Urachhaus, Stuttgart 1983, ISBN 978-3878383864
  • Christentum und Medizin. Vier Vorträge. Urachhaus, Stuttgart 1986, ISBN 978-3878384861
  • Wissenschaft und Anthroposophie. Impulse für neue Wege der Forschung (Mitverfasser). Urachhaus, Stuttgart 1989, ISBN 978-3878386094
  • Anthroposophisch-medizinische Forschung und Öffentlichkeit, in: Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, Nr. 143, Ostern 1983 pdf

Literatur

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