Harmonik und Harmonielehre

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Harmonielehre am Prager Konservatorium von Friedrich Dionys Weber, Prag 1841 (Titelblatt)

Harmonik (von altgriech. ἁρμονία harmonía „Ebenmaß“, „Harmonie“) ist ein umfassender Begriff aus der Musiktheorie und -praxis. Sie beschäftigt sich mit der Ordnung des Zusammenklangs mehrerer Töne[1] und kann als vertikale (zeitgleiche) Komponente der Musik angesehen werden, im Unterschied zu den horizontalen (zeitseriellen) Komponenten Rhythmus und Melodie.

Unter Harmonielehre wird dagegen die systematische Erfassung der Akkordgestalten und des tonalen Klangraumes verstanden, verbunden mit methodischen Anleitungen (etwa im Tonsatz) zur möglichst fehlerfreien Handhabung der Klangverbindungen im Sinne der traditionellen Vorgaben der Musik innerhalb der dur-moll-tonalen Epoche (ca. 1600 bis in die Gegenwart). Gemäß dem Musikwissenschaftler Ziegenrücker[2] ist Gegenstand der Harmonielehre „neben dem Aufbau der Akkorde insbesondere die Verbindung der Klänge zu musikalisch logischen Folgen“.

Geschichte

In der Antike deckt sich die Harmonik ganz mit der Theorie der Tonsysteme (siehe Philolaos und Aristoxenos). Seit der Entwicklung der mehrstimmigen Musik engte sich die Bedeutung der Harmonik mehr und mehr auf den gleichzeitigen Zusammenklang verschiedener Stimmen ein. In dieser heute vorherrschenden engeren Bedeutung umfasst Harmonik alle stilistischen Formen des Zusammenklangs von Musik, beginnend bei der frühen Mehrstimmigkeit des europäischen Mittelalters bis hin zu Klangstrukturen der Avantgarde. Wie die Mehrstimmigkeit ist die Harmonik daher eine primär abendländisch-europäische Entwicklung.

Der Begriff „Harmonielehre“ stützt sich auf Jean-Philippe Rameaus (1683–1764) Traité de l’Harmonie (1722), ein Traktat, welches noch während der Zeit des Generalbasses die Erkenntnisse der Fundamentalbass-Theorie zu einer mehr analytisch ausgerichteten Theorie nutzt. Die von Jacob Gottfried Weber (1779–1839) entwickelte und später von Simon Sechter (1788–1867) und Arnold Schönberg (1874–1951) ausgebaute Stufentheorie wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch die von Hugo Riemann (1849–1919) begründete Funktionstheorie ergänzt. Beide Systeme haben sich bis in die heutige Zeit mit Modifikationen und Erweiterungen erhalten. Schönbergs im Jahr 1911 erschienenes Werk Harmonielehre war auch theoretisches Fundament für die atonale Zwölftonmusik. Heinrich Schenker (1868–1935) verbindet in seiner Harmonielehre die Kontrapunktlehre mit der Akkordlehre: die Stimmführung wird nunmehr als die Horizontalisierung der (vertikalen) Harmonik verstanden (bezeichnet auch als Ursatz in der von ihm begründeten Reduktionsanalyse).

Mit Harmonielehre wird allerdings nur ein Teilaspekt der Musikgeschichte – nämlich die Harmonik – unter satztechnischen und analytischen Gesichtspunkten erfasst. Harmonielehre bedeutet vor allem, aus einer pädagogischen Absicht heraus eine Handwerkslehre zu vermitteln, die zu gewissen Abstraktionen und Vereinfachungen führen muss, da eine stilistische Entwicklung von über 300 Jahren zu berücksichtigen ist. Dennoch kommt der Harmonielehre noch heute eine zentrale Bedeutung zu, da sie Einblick in stilistische – und damit interpretatorische – Grundfragen der Musik zwischen 1600 und 1900 gibt. Darüber hinaus sind Grundkenntnisse von Harmonielehre auch für das Verständnis der sog. Populärmusik oder des Jazz unabdingbar.

Siehe auch

Literatur

Überblick
  • Reinhard Amon: Lexikon der Harmonielehre. Wien 2005, ISBN 3-476-02082-7
  • Diether de la Motte: Harmonielehre. Bärenreiter, Kassel, und Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976, ISBN 3-7618-0540-3.
  • Wieland Ziegenrücker: Allgemeine Musiklehre mit Fragen und Aufgaben zur Selbstkontrolle. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1977; Taschenbuchausgabe: Wilhelm Goldmann Verlag, und Musikverlag B. Schott’s Söhne, Mainz 1979, ISBN 3-442-33003-3, S. 104–135 (Von den Akkorden und den harmonischen Verwandtschaften).
historisch
  • Lars Ulrich Abraham: Harmonielehre. Der homophone Satz. Laaber Verlag
    • Band II mit Beispielen und Übungen
  • Manfred Wagner: Die Harmonielehren der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Gustav Bosse Verlag, Regensburg 1974, ISBN 3-7649-2081-5
klassisch-romantisch
  • Wilhelm Maler: Beitrag zur Durmolltonalen Harmonielehre. Band 1 (1. Auflage 1931). 11. Auflage. Leuckart, 1980, ISBN 3-920587-00-6
  • Friedrich Wilhelm Francke: Theorie und Praxis des harmonischen Tonsatzes. (1. Auflage 1898) Nachdruck der 4. Auflage 1929: Georg-Olms-Verlag, Hildesheim 1987, ISBN 3-487-07973-9
  • Wolfgang Budday: Harmonielehre Wiener Klassik. Theorie – Satztechnik – Werkanalyse. Verlag Berthold & Schwerdtner, Stuttgart 2002, ISBN 3-00-008998-5
Funktionstheorie
  • Hermann Grabner: Handbuch der funktionellen Harmonielehre. ISBN 3-7649-2112-9
  • Hugo Riemann: Handbuch der Harmonielehre. (1. Auflage 1880) Breitkopf & Härtel, Leipzig 1929
Neue Musik (20. Jahrhundert)
  • Arnold Schönberg: Harmonielehre. Universal Edition Wien 1911, 2. Auflage 1922, ISBN 3-7024-0029-X
  • Vincent Persichetti: Twentieth-Century Harmony. New York/London 1961, ISBN 0-393-09539-8
  • Paul Hindemith: Unterweisung im Tonsatz. Mainz 1940, ISBN 3-7957-1600-4
  • Hanno Hussong: Untersuchungen zu praktischen Harmonielehren seit 1945. Dissertation. Verlag dissertation.de – Verlag im Internet GmbH, Berlin 2005
  • Benedikt Stegemann: Theorie der Tonalität. Wilhelmshaven 2013, ISBN 978-3-7959-0962-8
Popularmusik, Jazz-Rock-Pop

Weblinks

Anmerkungen

  1. Vgl. Wieland Ziegenrücker: Allgemeine Musiklehre mit Fragen und Aufgaben zur Selbstkontrolle. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1977; Taschenbuchausgabe: Wilhelm Goldmann Verlag, und Musikverlag B. Schott’s Söhne, Mainz 1979, ISBN 3-442-33003-3, S. 104 („Der Begriff Harmonie umfaßt jedes räumliche Miteinander von Tönen, die Ordnung der Zusammenklänge.“)
  2. Wieland Ziegenrücker: Allgemeine Musiklehre mit Fragen und Aufgaben zur Selbstkontrolle. 1979, S. 104.


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