Nikodemus

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Paul Troger: Christus bei Nikodemus, 1739
Hans Memling: Grablegung Jesu, Linker Flügel eines Altars, nach 1490, Groeninge Museum in Brügge in Belgien. Mit Nikodemus (links), Joseph von Arimathäa (rechts) und Andreas (hinten).

Nikodemus (griech. Nikodemos bedeutet sinngemäß: „Sieger in der Volksversammlung“ bzw. „Sieger aus dem Volk“) ist der Name einer Person aus dem Johannesevangelium im Neuen Testament der Bibel.

Biblisches Zeugnis

Nach Joh 3,1 EU gehört Nikodemus zur jüdischen Gruppe der Pharisäer und wird darüber hinaus als ein „Führer der Juden“ bezeichnet. Er besucht Jesus des Nachts und wird von ihm über die Notwendigkeit einer geistigen Wiedergeburt belehrt. Ihr Verhältnis steht somit im Kontext des christlich-jüdischen Dialogs. Darin geht es wesentlich um die Frage, ob der Mensch wegen seiner leiblichen Herkunft (als Jude) oder in einem bewussten geistigen Akt der Erneuerung erlöst sei.

Die nächtliche Situation des Gesprächs wird oft so verstanden, dass Nikodemus nur im Geheimen, ohne Wissen der anderen Pharisäer zu Jesus zu kommen wagt. Die daraus abgeleitete grundsätzliche feindliche jüdische Haltung gegenüber Jesus ist jedoch nicht zwingende Voraussetzung für die Szene. Der Talmud beschreibt eine Gepflogenheit jüdischer Rabbis, sich bei Nacht mit den Geheimnissen der Torah zu beschäftigen (bMen 110a):

Ein Stufenlied: Preiset den Herrn, alle Diener des Herrn, die ihr in den Nächten im Hause des Herrn steht (Ps 134,1 EU). Was heißt: in den Nächten? Rabbi Jochanan erwiderte: Das sind die Schriftgelehrten, die sich nachts mit der Torah befassen. Die Schrift rechnet es ihnen an, als würden sie sich mit dem Opferdienst befassen.

Dem entspricht auch Mt 10,27 EU: Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet (später) am hellen Tag. So verstanden ist der nächtliche Besuch des Nikodemus bei Jesus vor allem ein spirituelles Gespräch, wie es der jüdische Gelehrte üblicherweise mit der Torah führt. Das würde darauf hinweisen, dass es dem Johannesevangelium in dieser Szene nicht um eine schroffe Gegenüberstellung zwischen Judentum und Christentum geht, sondern vielmehr darum, die Bedingungen für einen ernsthaften Dialog aufzuzeigen.

In Joh 7,50-52 EU tritt Nikodemos im Hohen Rat für Jesus ein. Ein drittes Mal wird er bei der Grablegung Jesu erwähnt, als er eine beträchtliche Menge von Myrrhe und Aloe zur Salbung des Leichnams bringt (Joh 19,39 EU).

Außerbiblische Quellen

Flavius Josephus erwähnt in seinen Antiquitates (XIV, 37) einen Nikodemus, der sich zum Christentum bekehrt habe. Es ist jedoch nicht erwiesen, ob damit der Nikodemus des Johannesevangeliums gemeint ist.

Die apokryphe christliche Schrift Acta Pilati wird seit dem Mittelalter auch als Nikodemusevangelium bezeichnet.

Aufgrund der spärlichen außerbiblischen Quellen wird die historische Existenz des Nikodemus von Bibelkritikern in Zweifel gezogen.

Die Katholische Kirche verehrt ihn als Heiligen mit dem Gedenktag 31. August.

Rudolf Steiner erwähnt Nikodemus in seinem Zyklus zum Johannes Evangelium:

„Und Kapitel für Kapitel wird uns jetzt im Johannes Evangelium ein Zweifaches gezeigt: erstens, dass das, was mitgeteilt wird, für diejenigen mitgeteilt wird, die in einer gewissen Weise okkulte Wahrheiten zu begreifen vermögen. Heute wird ja exoterisch Geisteswissenschaft vorgetragen, damals aber konnten geisteswissenschaftliche Wahrheiten nur diejenigen verstehen, die in einer gewissen Weise bis zu diesem oder jenem Grade wirklich eingeweiht waren. Wer konnte etwas von dem verstehen, was an tieferen Tatsachen der Christus Jesus zu sagen hatte? Derjenige nur konnte es verstehen, welcher vermochte, außerhalb des Leibes wahrzunehmen, wer heraustreten aus dem Leibe und in der geistigen Welt bewusst werden konnte. Wollte der Christus Jesus zu Menschen reden, die ihn verstehen konnten, so mussten es solche sein, die eingeweiht waren in einer gewissen Weise, die schon in einer gewissen Weise geistig sehen konnten. Wenn er zum Beispiel spricht von der Wiedergeburt der Seele in dem Kapitel über das Gespräch mit Nikodemus; da wird uns gezeigt, dass er diese Wahrheit einem solchen verkündet, der mit geistigen Sinnen sieht. Sie brauchen nur zu lesen: «Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, mit Namen Nikodemus, ein Oberster unter den Juden; der kam zu Jesu bei der Nacht...» (3:1-2) Gewöhnen wir uns nur daran, die Worte auf die Goldwaage zu legen! Es wird uns angedeutet, dass Nikodemus zu Jesu «bei der Nacht» kommt, das heißt, dass er außerhalb des physischen Leibes dasjenige aufnimmt, was ihm da der Christus Jesus mitzuteilen hat. «Bei der Nacht», -das heißt, indem er sich seiner geistigen Sinne bedient, kommt er zu dem Christus Jesus. So wie Nathanael und der Christus Jesus sich als Eingeweihte verständigen durch die Rede vom Feigenbaum, so wird auch hier eine Verständigungsfähigkeit angedeutet.“ (Lit.:GA 103, S. 98f)

Hieraus ist ersichtlich, dass Nikodemus laut Rudolf Steiner mehr war als ein gewöhnlicher Pharisäer, der sich davon stahl bei der Nacht, um mit dem Christus Jesus zu sprechen. Nikodemus war seinerseits ein Eingeweihter, der im leibfreien Zustand den Christus aufsuchen und sich mit ihm austauschen konnte.

Literatur

  • Cornel Heinsdorff: Christus, Nikodemus und die Samaritanerin bei Juvencus. Mit einem Anhang zur lateinischen Evangelienvorlage, Berlin/ New York 2003 (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte, Bd. 67) ISBN 3-11-017851-6
  • Jan Dobraczynski: Briefe des Nikodemus, Warschau 1952
  • Rudolf Steiner: Johannes Evangelium, GA 103
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Siehe auch

Weblinks

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