Psychostasie

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Das Wiegen des Herzens in einem Relief im Hathor-Tempel von Deir el-Medina
Der Erzengel Michael beim Wiegen der Seelen

Der Begriff Psychostasie bezeichnet, seit Beginn der altägyptische Tradition, das Wiegen des Herzens eines Toten und bedeutet zugleich eine Seelenwägung, denn das ermittelte Gewicht steht stellvertretend für den Wert der Seele.

Ursprung

Das Wiegen der Seele entstammt einer alten ägyptischen Tradition. Denn laut dem damaligen Glauben wurde das Herz des Verstorbenen beim Einzug in das Totenreich von den Göttern Thot und Anubis gewogen. Wenn das Herz zu leicht war und damit die Unzulänglichkeit des Toten andeutete, wurde es an die Totenfresserin Ammut verfüttert.

Der Spruch 125 des ägyptischen Totenbuchs befasst sich mit der Beschreibung des Totengerichts. Der Verstorbene muss sich vor den Totenrichtern rechtfertigen, da diese über sein weiteres Schicksal entscheiden werden. Hier findet die Psychostasie statt. Zu Beginn begibt sich der Verstorbene in die Halle der Maat und vollständigen Wahrheit, um dort den 42 Totenrichtern gegenüber zu treten und vor ihnen Rechenschaft abzulegen. Nachdem er eine kurze Begrüßungsformel gesprochen hat, beginnt der Verstorbene einen Monolog darüber zu halten, welche negativen Taten er nicht begangen habe und wendet sich anschließend direkt an jeden Einzelnen der Totenrichter, um sein negatives Bekenntnis abzuliefern. Im Anschluss daran betont der Verstorbene noch einmal, wodurch er sich zu Lebzeiten ausgezeichnet habe und bittet die Götter darum, ihn zu erretten. Veranschaulicht wird die Psychostasie durch Vignetten, deren Hauptkennzeichen die Darstellung des Verstorbenen in Gegenwart der Waage ist.

Geschichte der Psychostasie

Bei den Griechen wurde von Zeus einmal das Wiegen der Seele vollzogen, als es um den Kampf zwischen Achilles und Memnon ging.

Die Seelenwägung im Jüngsten Gericht entspricht der ägyptischen Herzwägung beim Totengericht. Sie ist auch dem Alten Testament bekannt (Hiob 31, 6; Dan 5, 27). In der Christenheit ist das Wiegen der Seele nur in der Vorstellung des Jüngsten Gerichts vorhanden, in dem die Menschen von Gott beurteilt werden sollen. Sie wird in mittelalterlichen Darstellungen durch den Erzengel Michael vorgenommen (s. Abb.). Auch untergeordnete Elemente der Seelenwägung stimmen in ägyptischen und mittelalterlichen Bildern treu überein, nicht zuletzt der Rachen des Untiers als Symbol für die Hölle. Wie sich die Beisitzer im ägyptischen Gericht aus seligen Toten rekrutieren konnten, so nehmen auch die Apostel am Jüngsten Gericht neben „dem Thron seiner Herrlichkeit“ teil (Matth. 19, 28).

Im Volksglauben lebte die ägyptische Tradition der Psychostasie weiter. Viele Christen hielten noch bis zum Mittelalter an dem Brauch fest, das Herz eines verstorbenen Menschen durch etwas Schwereres zu ersetzten. Zuerst wurden dabei früher das organische Herz entnommen und durch ein künstliches Herz aus einem möglichst schweren Stoff ersetzt, um dem Toten seine Chance zu erhöhen, nach dem Tod im Jenseits weiterzuleben bzw. sein Herz „gewichtiger“ erscheinen zu lassen. Bei wohlhabenden Menschen, wie z.B. Kaisern, Königen und reichen Adligen wurde Gold als Herzersatz bevorzugt. Angehörige niederer Stände ersetzten das Herz durch einen gewöhnlichen Stein. Da dieser Brauch sich noch bis zum Mittelalter hielt, ist uns heute auch, der aus der damaligen Zeit stammende Ausdruck „ein Herz aus Gold/Stein“ bekannt. Eine andere Erklärung für den Ausdruck „ein Herz aus Stein“ ist die alttestamentliche Bibelstelle Hesekiel 36, 26, in der Gott ankündigt, das steinerne Herz der Menschen wegzunehmen und durch ein fleischernes zu ersetzen.

Redewendungen

Redewendungen erweisen sich als ein kollektives Gedächtnis für längst vergessene Vorstellungen. Der Ausdruck „gewogen und zu leicht befunden“ (= den sachlichen, fachlichen, ethischen o.ä. Anforderungen nicht genügend, vgl. DUDEN Redewendungen) stammt aus dem alttestamentlichen Buch Daniel (5, 27), das direkt die ägyptische Idee der Psychostasie aufgreift. Bei den Redewendungen „leichten Herzens“ und „ein Herz aus Stein“ hat dagegen im Laufe der Zeit eine Bedeutungs-Inversion stattgefunden. Sie meinen nun das Gegenteil vom psychostatischen Ursprung. Eine sprachgeschichtliche Episode ist die Verwendung des Begriffs in der DDR geblieben. Zeitweise galt „Psychostasie“ Regimegegnern, die für ihren Sprachwitz bekannt und gefürchtet waren, als ironischer Begriff für Praktiken des MfS.

Versuche wissenschaftlicher Psychostasie

Duncan MacDougall, Arzt aus Haverhill in Massachusetts bestimmte in wissenschaftlichen Experimenten das Gewicht der Seele mit 21 Gramm. Davon berichtete die New York Times am 11. März 1907. MacDougall baute eine Präzisionswaage: ein an einem Gestell aufgehängtes Bett, dessen Gewicht samt Inhalt sich auf fünf Gramm genau bestimmen ließ. Die erste von sechs Versuchspersonen zeigte im Moment des Todes einen Gewichtsverlust von 21 Gramm: das Gewicht der Seele. 15 Hunde dagegen verendeten auf der Waage – alle ohne den geringsten Gewichtsverlust. Auch der niederländische Physiker Dr. Zaalberg van Zelst und auch Dr. Malta wollten nachgewiesen haben, dass man den Astralkörper eines Menschen wiegen und damit physikalisch nachweisen kann. In einigen Versuchen in Den Haag wogen sie sterbende Patienten und ermittelten dabei im Moment des klinischen Todes einen nicht zu erklärenden Gewichtsverlust der Personen von 69,5 Gramm. Der Film „21 Gramm“ (Alejandro González Iñárritu, USA 2003) bezieht sich auf diese Experimente.

Siehe auch

Literatur

  • Leo Fisher: Der Versuch, die Seele zu wiegen und andere Sternstunden von Forschern und Fantasten, Frankfurt 2005
  • Dennis Goldstein: Eisenherz. Ursprung und Wandel mitteleuropäischer Volksbräuche, Köln 1989
  • Karin Plashy: Die Darstellung der Seelenwägung im Mittelalter, Zürich 2002
  • Rudolf zur Lippe: Der Sitz der Seele in Dietmar Kamper, Christoph Wulf: Die erloschene Seele, Berlin 1988, S. 162-175
  • M. Saleh: Das Totenbuch in den thebanischen Privatgräbern. AV 46. Mainz 1984
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