Sibyllinische Bücher

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Die Sibyllinischen Bücher waren eine Sammlung von Orakelsprüchen in griechischen Hexametern, die vom halblegendären letzten römischen König Tarquinius Superbus einer Wahrsagerin (Sibylle) abgekauft und während der gesamten Geschichte des Römischen Reichs in Krisensituationen zu Rate gezogen wurden. Die Sibyllinischen Bücher dürfen nicht mit dem sogenannten Sibyllinischen Orakel verwechselt werden, 12 Büchern vermeintlicher Prophezeiungen, die erst nach den jeweiligen Ereignissen verfasst wurden (vergleiche die Hinzufügungen zum Buch Daniel), aber dennoch eine Quelle kultureller Information darstellen.

Die älteste Sammlung sibyllinischer Orakel scheint in der Zeit des Solon und Kyros in Gergis auf dem Berg Ida erstellt worden zu sein; sie war der hellespontischen Sibylle (Sibylle von Marpessos) zugeordnet und wurde im Tempel des Apollon in Gergis aufbewahrt. Von Gergis kam die Sammlung nach Erythrai (Attika) nach Cumae zur Sibylle von Cumae, wo Aeneas sie nach Vergil vor seinem Abstieg in die Unterwelt (Aeneis VI, 10) befragte.

Die Geschichte des Erwerbs der Sibyllinischen Bücher durch Tarquinius Superbus ist eines der berühmten mythischen Elemente römischer Geschichte. Die Sibylle von Cumae bot Tarquinius neun Bücher dieser Prophezeiungen zum Kauf an, was der König aufgrund des geforderten horrenden Preises ablehnte; daraufhin verbrannte sie drei der Bücher und bot den Rest zum gleichen Preis erneut an. Tarquinius lehnte ein zweites Mal ab, sie verbrannte drei weitere Bücher und wiederholte ihr Angebot. Jetzt lenkte Tarquinius ein, erwarb die letzten drei Bücher zum vollen Preis und brachte sie anschließend in einem Gewölbe des Jupitertempels auf dem Kapitol unter. Die Geschichte wird erwähnt in Varros verlorenen Büchern, aus denen Lactantius in den Institutiones Divinae (I: 6) und Origenes zitieren.

Die Sibyllinischen Bücher wurden der Obhut von zwei Patriziern (Duumviri) anvertraut, nach 376 v. Chr. wurden dann zehn Wächter ernannt, fünf Patrizier und fünf Plebejer (Decemviri), schließlich wurde, wohl in der Zeit Sullas, ihre Zahl auf fünfzehn (Quindecimviri) erhöht. Bei diesen Decemviri Sacris Faciundis handelt es sich üblicherweise um ehemalige Konsuln oder Praetoren, die ihr Amt lebenslang ausübten und von allen anderen öffentlichen Pflichten entbunden waren. Ihre Aufgabe bestand darin, die Bücher geheim und in Sicherheit zu halten. Sie konsultierten die Bücher auf Anweisung des Senats (wobei sie, da die Bücher in griechischer Sprache und in Hexametern geschrieben waren, von zwei griechischen Übersetzern unterstützt wurden), nicht um exakte Zukunftsvorhersagen in Form von Prophezeiungen zu erhalten, sondern um die religiösen Maßnahmen festzulegen, die erforderlich waren, um außergewöhnliche Unglücke zu vermeiden oder bei unheilverkündenden Zeichen (Kometen, Erdbeben, Seuchen und ähnlichem) Sühne zu leisten, wobei nur der in den Sibyllinischen Büchern beschriebene Sühneritus der Öffentlichkeit verkündet wurde, nicht die Orakel selbst – wodurch dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet war.

Auch hatten die Wächter der Sibyllinischen Bücher die Oberaufsicht über die Verehrung des Apollon, der Magna Mater Kybele und der Ceres, deren Kult durch die Bücher eingeführt worden war. Somit war einer der wesentlichen Wirkungen der Sibyllinischen Bücher ihr Einfluss auf die Einführung griechischer Kulte und der griechischen Götterwelt in die ursprüngliche römische Religion, insoweit dies nicht bereits durch die etruskische Religion geschehen war. Als die Sibyllinischen Bücher in Anatolien, in der Nachbarschaft Trojas zusammengestellt wurden, berücksichtigten sie die Götter und Göttinnen sowie deren Riten vor Ort, die dadurch in die Kulte des römischen Staates eingeführt wurden, eine synkretistische Verschmelzung nationaler Gottheiten mit den korrespondierenden griechischen Gottheiten, und eine generelle Modifikation der römischen Religion.

Als der Jupitertempel auf dem Kapitol im Jahr 83 v. Chr. niederbrannte, gingen die Bücher verloren – und wurden, dem bodenständigen Religionsverständnis der Römer entsprechend, vom Senat im Jahr 76 v. Chr. durch eine neue Sammlung ähnlicher Sprüche ersetzt, die aus Ilium (Troja), Erythrae, Samos, Sizilien und Africa zusammengetragen wurden. Diese neue sibyllinische Sammlung wurde im wieder aufgebauten Tempel deponiert, zusammen mit Sprüchen einheimischen Ursprungs, zum Beispiel denen der Sibylle von Tibur, den Brüdern Marcius, und anderen. Vom Kapitol wurden sie von Augustus in seiner Eigenschaft als Pontifex Maximus 12 v. Chr. – nach einer Überprüfung und der Anfertigung einer Abschrift – in den Tempel des Apollo Patrous auf dem Palatin transferiert, wo sie bis zum Jahr 405 blieben. Flavius Stilicho († 408) wird verdächtigt, sie verbrannt zu haben.

Einige ursprüngliche Verse aus den Sibyllinischen Büchern sind im Buch der Wunder des Phlegon von Tralles (2. Jahrhundert) erhalten geblieben.

Der geistige Ursprung der Sibyllinischen Bücher

Der geistige Ursprung der Sibyllinischen Bücher liegt laut Rudolf Steiner in der ägyptischen Kultur.

„Oh, könnten Sie zurücksehen in die Arbeitskammern der ägyptischen Eingeweihten! Das war ein anderes Arbeiten als heute auf dem Gebiete der Wissenschaft. Da waren die Eingeweihten die Wissenschafter. Sie erforschten den Gang der Sterne und erkannten die Regelmäßigkeit in dem Stand und Lauf der Sterne und in der Einwirkung ihrer Stellungen auf das, was unten auf der Erde sich vollzog. Sie sagten sich: Wenn diese oder jene Konstellation am Himmel ist, so muß unten dieses oder jenes vor sich gehen im Staatsleben, und wenn eine andere Konstellation kommt, muß auch etwas anderes geschehen. Nach einem Jahrhundert werden gewisse Konstellationen da sein, sagten sie, und dann muß ein dem Entsprechendes vor sich gehen. — Und für Jahrtausende hinaus wurde vorausbestimmt, was zu tun ist. So entstand das, was man als die Sibyllinischen Bücher bezeichnet. Was darinnensteht, ist kein Wahn. Nach sorgfältigen Beobachtungen haben die Eingeweihten niedergeschrieben, was für Jahrtausende hinaus zu geschehen hat, und ihre Nachfolger wußten: Das ist einzuhalten. Und sie taten nichts, was nicht in diesen Büchern für die Jahrtausende hinaus nach dem Lauf der Sterne vorgezeichnet war. Sagen wir, es habe sich darum gehandelt, irgendein Gesetz zu machen. Da hat man nicht abgestimmt wie bei uns, da holte man Rat bei den heiligen Büchern, in denen aufgeschrieben war, was hier auf der Erde geschehen muß, damit es ein Spiegel dessen sei, was in den Sternen geschrieben ist, und was in den Büchern stand, das führte man aus. Der ägyptische Priester wußte, als er diese Bücher schrieb: Meine Nachfolger werden ausführen, was darinnensteht. — Von der Notwendigkeit der Gesetzmäßigkeit waren sie überzeugt.“ (Lit.:GA 104, S. 72f)

Literatur

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Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Weblinks


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