Sibyllen

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Die Sibyllen (griech. σίβυλλα) waren Seherinnen, die ihre meist rätselhaften und doppeldeutigen Prophezeiungen im Zustand einer unwillentlich und unkontroliert auftretenden Ekstase aus tief unterbewussten Quellen schöpften. Sie standen damit in schroffem Gegensatz zu der ruhigen, besonnen Geistesart der jüdischen Propheten. Die Orakelstätten, aus denen sie ihre naturhaften geistigen Kräfte schöpften, waren Felsenhöhlen, die sogenannten Sibyllengrotten. Meist sollen sie ein sehr hohes Alter erreicht haben. Oft wurden die Sibyllen mit dem Apollon- und Artemis-Kult und dem Mithras-Kult in enge Verbindung gebracht. Nach Rudolf Steiner war das chaotische Sibyllentum, das aus den irdisch-elementarischen Kräften schöpfte, selbst in seiner Blütezeit nur mehr ein atavistisches Relikt vorangegangener Epochen.

Die Sibyllen in der antiken Überlieferung

Die Sibyllinischen Orakel, die Oracula sibyllina, genossen in der Antike, namentlich im Römischen Reich, hohes Ansehen. Der römische Historiker Marcus Terentius Varro (116 - 27 v. Chr.) nennt zehn Sibyllen, wobei er schon im Namen auf den jeweiligen Ort ihres Wirkens hinweist. Der Originaltext ist zwar verloren gegangen, doch zitiert der Kirchenvater Lactantius, der auch der Erzieher des Sohnes von Kaiser Konstantin war, den Text in seinen Göttlichen Unterweisungen.

Die Sibylle von Erythrai, die berühmteste hellenische Sibylle, soll nach der Überlieferung des Apollodorus den Trojanischen Krieg vorhergesagt haben.

Die bedeutendste Sibylle im Römischen Reich war die Sibylle von Cumae, die im 6. Jahrhundert v. Chr. das Orakel von Cumae bei Neapel leitete. Vergil nennt sie in seinen Eklogen und in der Aeneis) und Petronius spricht von ihr in seinem Satyricon. Nach Maurus Servius Honoratius, dem Kommentator des Vergil, soll sie identisch mit Deiphobe sein, einer Tochter des Meergottes Glaukos, die als Priesterin des Apollon und der Artemis in einer Höhle bei Cumae wirkte und dort den Äneas in die Unterwelt geleitete. Apollon selbst soll sich in sie verliebt haben und versprach ihr alles, was sie wollte, wenn sie seine Geliebte würde. Da wünschte sie sich so viele Lebensjahre, wie ein Sandhaufen an Körnern enthält, doch vergaß sie, zugleich um ewige Jugend zu bitten. So alterte sie immer weiter, wurde immer kraftloser und schwand wie ein Schatten dahin, ohne jede Hoffnung, durch den baldigen Tod erlöst zu werden. Zuletzt war sie so eingeschrumpft, dass sie in eine von der Höhlendecke herabhängende Flasche passte. Der Legende nach soll sie neun Bücher mit Prophezeiungen, die berühmten Sibyllinische Bücher, besessen haben, die sie um 520 v. Chr. dem römischen König Tarquinius Superbus für einen unverschämt hohen Preis zum Kauf anbot. Als der König ablehnte, verbrannte sie drei Bücher und bot ihm die sechs verbliebenen zum gleichen Preis. Wieder lehnte der König ab, da verbrannte sie drei weitere Bücher und bot dem König die letzten drei wieder zum gleichen Preis an - und diesmal kaufte sie Tarquinius, um nicht noch die letzten der wertvollen Prophezeiungen zu verlieren und verwahrte sie in einem Gewölbe des Jupitertempels auf dem Kapitol in Rom.

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