Tragödie

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Die Tragödie (griech. τραγωδία, tragodía „Bocksgesang“ ) ist eine Form des Dramas, die sich bis in das antike Griechenland zurückführen lässt. Das Wort "Tragödie" kommt aus der griechischen Sprache und bezeichnet einen "Bocksgesang", da ursprünglich der Gott Dionysos mit seinen bocksfüßigen Begleitern im Mittelpunkt stand. Eine deutsche Form der Tragödie ist das Trauerspiel; die beiden Begriffe sind jedoch nicht genau deckungsgleich.

In ihrer klassischen Form beschäftigt sich die Tragödie mit dem Schicksal, Unglück und den letztendlich tragischen Katastrophen, die Mächtigen, Adligen und Menschen in hohen sozialen Positionen widerfahren. Fehlentscheidungen, Charakterfehler und Hybris (Überheblichkeit) führen dazu, dass die Situation der betroffenen Figuren sich unausweichlich verschlechtert und mit ihrem Tod endet. Hierbei bedeutet „tragisch“ aber nicht wie in der Alltagssprache, dass etwas sehr traurig ist, sondern die Tragik besteht darin, dass sich jemand in einem unauflösbaren Dilemma befindet und dadurch „schuldlos schuldig“ wird, wie zum Beispiel Ödipus, Orestes oder Hamlet.

Aristoteles schrieb in seiner Poetik der Tragödie geradezu psychologische Wirkungsmacht zu: Die Zuschauer sollten in der Aufführung Mitleid (eleos) und Furcht (phobos) für den Helden empfinden und in der Anschauung seines tragischen Schicksals eine Reinigung (Katharsis) von eben diesen Gefühlen erleben.

Dionysos und die heilenden Kräfte der Tragödie

„Der Grieche hatte noch nicht eine solche Anschauung der Welt wie wir. Er konnte zwar schon solche Begriffe und Ideen von der Welt entwickeln wie wir, aber er konnte zu gleicher Zeit diejenigen Anschauungen ernst nehmen, die noch in Bildern gegeben waren. Er lebte überhaupt anders, als wir heute leben. Wir gehen zum Beispiel ins Theater, um uns zu unterhalten. Um sich zu unterhalten, ging man in Griechenland eigentlich erst ins Theater - wenn ich mich so ausdrücken darf - zu Euripides Zeiten, kaum zu Sophokles Zeiten, und jedenfalls nicht in den Zeiten des Äschylos, oder gar in noch älteren Zeiten. Da ging man zu anderen Zielen in die dramatischen Vorstellungen. Man hatte ein deutliches Gefühl, daß in allem, in Baum und Strauch, in Quelle und Fluß geistig-seelische Wesenheiten leben. Wenn man diese geistigseelischen Wesenheiten erlebt, da hat man eben Lebensaugenblicke, wo man kein starkes Selbstgefühl hat. Wenn man aber wiederum dieses starke Selbstgefühl entwickelt, was die Alten noch durch Joga-Schulung haben suchen müssen, und was der Grieche nicht mehr durch Joga- Schulung zu suchen brauchte, dann wird alles tot um einen herum, dann sieht man gewissermaßen nur den Leichnam der Natur. Dadurch aber verbraucht man sich. Man sagte sich: Das Leben verbraucht den Menschen. Der Grieche fühlte das wie eine Art seelischen und leiblichen Erkrankens, nur die tote Natur anzuschauen. Man empfand das lebhaft in älteren griechischen Zeiten, daß einen das Tagesleben krank macht, daß man etwas braucht, wodurch man wieder gesund wird: und das war die Tragödie. Um gesund zu werden, weil man fühlte, man verbraucht sich, man macht sich in einem gewissen Sinne krank, man braucht, wenn man überhaupt ganz Mensch bleiben will, eine Heilung, deshalb ging man zur Tragödie. Und die Tragödie wurde noch in Äschylos Zeiten so gespielt, daß man denjenigen, der die Tragödie bildete, der sie gestaltete, als den Arzt empfand, der den verbrauchten Menschen in einem gewissen Sinne wieder gesund machte. Die Gefühle, die da erregt wurden von Furcht, von Mitleid mit den Helden, die auftraten, wirkten wie eine Arznei. Sie durchdrangen den Menschen, und indem er sie überwand, diese Gefühle von Furcht und Mitleid, bildeten sie in ihm eine Krisis, wie sich zum Beispiel bei der Pneunomie eine Krisis bildet. Und indem man die Krisis überwindet, wird man gesund. So wurden die Schauspiele aufgeführt, um die Menschen, die sich als Menschen verbraucht fühlten, gesund zu machen. Das war das Gefühl, das man in der älteren Griechenzeit der Tragödie, dem Schauspiel entgegenbrachte. Und das war aus dem Grunde, weil sich die Menschen sagten: Wenn man sein Ich fühlt, dann wird die Welt entgöttert. Das Schauspiel führt wieder den Gott vor, denn es war im wesentlichen ein Vorführen der göttlichen Welt und des Schicksals, das selbst die Götter erdulden müssen, also ein Vorführen dessen, was hinter der Welt als Geistiges sich geltend macht. Das war es, was in der Tragödie vorgeführt wurde.

So war dem Griechen die Kunst noch eine Art Heilungsprozeß. Und indem die ersten Christen nachlebten, was in der Verkörperung des Christus in dem Jesus gegeben war und was in den Evangelien nachgedacht und nachempfunden werden kann: der Hingang des Christus Jesus zum Leiden und zum Kreuzestod, zur Auferstehung, zur Himmelfahrt- empfanden sie gewissermaßen eine innerliche Tragödie. Deshalb nannten sie auch den Christus, und nannte man ihn immer mehr den Arzt, den Heiland, den großen Arzt der Welt. Der Grieche hat in den älteren Zeiten dieses Heilende bei seiner Tragödie empfunden. Die Menschheit sollte allmählich dazu kommen, das historisch, das geschichtlich Heilende im Anblicke, im Gemütserleben des Mysteriums von Golgatha, der großen Tragödie von Golgatha zu erleben und zu empfinden.

Im alten Griechenland ging man, namentlich in der Zeit vor Äschylos, in der das, was früher nur im Dunkel der Mysterien gefeiert wurde, schon mehr öffentlich geworden war, in die Tragödie. Was sahen die Menschen in dieser älteren Tragödie? Der Gott Dionysos erschien, der Gott Dionysos war es, welcher aus den Erdenkräften, aus der geistigen Erde sich herausarbeitete. - Der Gott Dionysos, weil er sich aus den geistigen Kräften herausarbeitete und an die Oberfläche der Erde drang, machte das Leiden der Erde mit. Er fühlte gewissermaßen als Gott seelisch - nicht so, wie es beim Mysterium von Golgatha war, auch körperlich -, was es hieß, unter Wesen zu leben, welche durch den Tod gehen. Er lernte den Tod nicht an sich selbst erleben, aber er lernte ihn anschauen. Man fühlte, da ist der Gott Dionysos, der tief leidet unter den Menschen, weil er den Anblick haben mußte von alledem, was die Menschen erleiden. Es war nur eine einzige Wesenheit auf der Bühne zunächst, der Gott Dionysos, der leidende Dionysos, und um ihn herum ein Chor, der da rezitierend sprach, damit die Leute es hören konnten, was in dem Gotte Dionysos vorging. Denn das war überhaupt die erste Gestalt des Schauspieles, der Tragödie, daß die einzig wirklich handelnde Person, die auftritt, der Gott Dionysos war, und um ihn herum der Chor, welcher rezitierte, was in des Dionysos Seele vorging. Nach und nach nur wurden dann aus der einen Person, die den Gott Dionysos in den älteren Zeiten darstellte, mehrere Personen, und dann aus dem einen Schauspiele das spätere Drama. So erlebte man im Bilde den Gott Dionysos. Und man erlebte später in Wirklichkeit, als eine historische Tatsache der Menschheitsentwickelung, den leidenden und sterbenden Gott, den Christus. Einmal als historische Tatsache sollte sich das vor der Menschheit abspielen, so daß alle Menschen es empfinden konnten, was sonst in Griechenland im Schauspiel erlebt worden war. Aber indem die Menschheit diesem großen Geschichtsdrama entgegenlebte, wurde das Drama, das so heilig war in der alten Griechenzeit, daß man in ihm den Heiland, die wunderwirkende Menschheitsarznei empfand, immer mehr und mehr, ich möchte sagen, von seinem Podest herabgeworfen und wurde zum Unterhaltungsstoff, wie es schon bei Euripides der Fall ist.“ (Lit.:GA 211, S. 53ff)

Siehe auch

Literatur

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