Unfehlbarkeitsdogma

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Papst Pius IX. verkündete 1854 das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Marias und 1870 das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes.

Das Unfehlbarkeitsdogma der katholischen Kirche wurde auf dem Ersten Vatikanischen Konzil mit der dogmatischen Konstitution Pastor Aeternus am 18. Juli 1870 von Papst Pius IX. verkündet. Es wurde damit die Unfehlbarkeit des Papstes (Infallibilität, von lat. Infallibilitas) für alle in seinem Amt als „Lehrer aller Christen“ ex cathedra als Dogma verkündeten Glaubens- und Sittenlehren als unfehlbarer Glaubensatz festgeschrieben, wobei allerdings nur solche Lehren verkündet werden dürfen, die im Einklang mit der Bibel und der apostolischen Tradition stehen. Es sollte damit dem Papst eine Letztentscheidung bei Glaubensstreitigkeiten eingeräumt werden. Die theologische Grundlage dazu bildet die Annahme, dass der allmächtige Gott aus bestimmten Gründen und zu bestimmten Gelegenheiten auch dem an sich fehlbaren Menschen die Unfehlbarkeit verleihen könne. Das Unfehlbarkeitsdogma wurde wie folgt definiert:

„Itaque Nos traditioni a fidei Christianae exordio perceptae fideliter inhaerendo, ad Dei Salvatoris nostri gloriam, religionis Catholicae exaltationem et Christianorum populorum salutem, sacro approbante Concilio, docemus et divinitus revelatum dogma esse definimus: Romanum Pontificem, cum ex Cathedra loquitur, id est, cum omnium Christianorum Pastoris et Doctoris munere fungens, pro suprema sua Apostolica auctoritate doctrinam de fide vel moribus ab universa Ecclesia tenendam definit, per assistentiam divinam, ipsi in beato Petro promissam, ea infallibilitate pollere, qua divinus Redemptor Ecclesiam suam in definienda doctrina de fide vel moribus instructam esse voluit; ideoque eiusmodi Romani Pontificis definitiones ex sese, non autem ex consensu Ecclesiae irreformabiles esse. Si quis autem huic Nostrae definitioni contradicere, quod Deus avertat, praesumpserit; anathema sit.[1]

„Zur Ehre Gottes, unseres Heilandes, zur Erhöhung der katholischen Religion, zum Heil der christlichen Völker lehren und erklären wir endgültig als von Gott geoffenbarten Glaubenssatz, in treuem Anschluss an die vom Anfang des christlichen Glaubens her erhaltene Überlieferung, unter Zustimmung des heiligen Konzils: Wenn der Römische Papst in höchster Lehrgewalt (ex cathedra) spricht, das heißt: wenn er seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen waltend in höchster apostolischer Amtsgewalt endgültig entscheidet, eine Lehre über Glauben oder Sitten sei von der ganzen Kirche festzuhalten, so besitzt er aufgrund des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen ist, jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren ausgerüstet haben wollte. Diese endgültigen Entscheidungen des Römischen Papstes sind daher aus sich und nicht aufgrund der Zustimmung der Kirche unabänderlich. Wenn sich jemand — was Gott verhüte — herausnehmen sollte, dieser unserer endgültigen Entscheidung zu widersprechen, so sei er ausgeschlossen.“[2]

Das Dogma blieb nicht unwidersprochen und führte zur Abspaltung der Altkatholischen Kirche. Es wird in der Praxis auch nur äußerst selten angewendet. Papst Benedikt XVI. äußerte sich zur Unfehlbarkeit mit folgenden Worten: „… aber ich möchte auch sagen, daß der Papst kein Orakel und – wie wir wissen – nur in den seltensten Fällen unfehlbar ist.“[3]

Rudolf Steiner bemerkte bezüglich des Unfehlbarkeitsdogmas:

„Sie wissen - um etwas Naheliegendes zu erwähnen -, in einem bestimmten Zeitpunkt wurde fixiert das Dogma der sogenannten Infallibilität. Dieses Dogma der Infallibilität — das ist nun das Wichtige - wird von vielen Menschen akzeptiert, angenommen. Derjenige, der nun ein wirklicher Christ ist, kann sich überlegen: Wie ist es mit diesem Dogma der Infallibilität? - Er kann sich zum Beispiel die Frage vorlegen: Was würden die ersten Kirchenväter, die noch näher dem ursprünglichen Sinne des Christentums gestanden haben, zu dem Dogma der Infallibilität gesagt haben? - Sie würden es eine Gotteslästerung genannt haben! Und damit würde man im christlichen Sinne wohl auch die Sache treffen können. Damit würde man aber hingedeutet haben auf ein außerordentlich wirksames okkultes Mittel, nämlich durch etwas im eminentesten Sinne Widerchristliches Glauben zu erwecken. Aber dieser Glaube ist ein wichtiger okkulter Impuls nach einer bestimmten Seite hin, um loszukommen von der normalen christlichen Entwickelung. Sie sehen, man kann an Nächstes rühren, und man findet überall in der Welt okkulte Impulse.“ (Lit.:GA 174, S. 232)

„Die Sache hat begonnen mit den Erklärungen des Dogmas der Conceptio immaculata, und sie fand dann außerordentlich subtil und geistvoll eine weitere Steigerung in der Enzyklika und in dem Syllabus der sechziger Jahre, in denen durch Pius IX. alles moderne Denken in achtzig Artikeln als häretisch erklärt worden ist. Eine weitere bedeutsame Steigerung, wiederum außerordentlich geistvoll und historisch konsequent, lag dann in der Erklärung des Infallibilitätsdogmas, in der Erklärung des Unfehlbarkeitsdogmas. Der nächste innerlich außerordentlich konsequente Schritt war die Enzyklika «Aeterni patris», jene Enzyklika, welche die Lehre des Thomas von Aquino als die offizielle Lehre der römisch-katholischen Geistlichkeit erklärte. Und die vorläufige Krönung des ganzen Gebäudes ist der Antimodernisteneid, der ja im wesentlichen nichts anderes ist als eine Übertragung desjenigen, was intellektuell immer da war, in die Emotionssphäre des Menschen, in die Willens- und Gemütssphäre des Menschen. Was immer anerkannt werden mußte, das muß seit dem Jahre 1910 auch noch beschworen werden.“ (Lit.:GA 198, S. 102f)

Als besonders bedenklich sah Steiner das „Unfehlbarkeitsdogma“ an, das im gegenwärtigen Zeitalter des Intellektualismus vielfach den wissenschaftlichen Autoritäten zugebilligt wird:

„Ich sage mit vollem Bewußtsein: der Intellektualismus ist der Vater des Fanatismus —, denn in keiner Religionsgenossenschaft gab es jemals einen so großen Fanatismus wie bei den modernen Wissenschaftsgenossen. Man muß nur alles das kennen, was durch solche Strömungen pulst. Man muß erkennen, wie weit entfernt derjenige sein kann von dem Zugeständnis der Infallibilität des römischen Papstes, der unbesieglich an die Infallibilität des Professors glaubt oder gar an das Abstraktum «moderne Wissenschaft». Der Glaube an diese Dinge ist so groß, weil man sich dessen gar nicht bewußt ist, daß er überhaupt vorhanden ist, weil man den Glauben daran für eine Selbstverständlichkeit hält. Man bemerkt gar nicht, wie man auf diesem Gebiet in einem Maximum von Fanatismus steckt.“ (Lit.:GA 343a, S. 608)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Einzelnachweise

  1. CONSTITUTIO DOGMATICA PASTOR AETERNUS: DE ROMANI PONTIFICIS INFALLIBILI MAGISTERIO [1]
  2. Josef Neuner S.J., Heinrich Roos S.J.: Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung. Vierte verbesserte Auflage, herausgegeben von Karl Rahner S.J. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1954, S. 234f (Glaubenssatz 388)
  3. Der Papst ist kein Orakel …. In: kath.net – Katholische Nachrichten. 24.08.2005. Abgerufen am 06.02.2017.