Atemübungen

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Atemübungen waren seit alten Zeiten ein wesentlicher Bestandteil des geistigen Schulungswegs, insbesondere des Yoga Schulungswegs. Indem wir auf den Atemprozess einwirken, arbeiten wir an unserem höchsten geistigen Wesensglied, dem Geistesmenschen oder Atma, das durch die Vergeistigung des physischen Leibes gebildet wird.

Über die Gefahren von Atemübungen

Auch heute sind Atemübungen bedeutsam für die höhere geistige Schulung, doch hat sich die Konstitution des Menschen wesentlich gewandelt. Rudolf Steiner, der auch selbst fortgeschrittenen Geistesschülern bestimmte Atemübungen empfohlen hat, warnte daher wiederholt sehr eindringlich vor den möglichen Gefahren von Atemübungen für den heutigen Menschen und gemahnte an die damit verbundene Verantwortung:

"Indem der Mensch mit den Lungen atmet und seine Atmungsvorgänge umgestalten kann zu jenen Konfigurationen, die durch den Kehlkopf bewirkt werden, Sprache und Gesang, ist ihm etwas gegeben, was höchster Ausbildung fähig ist. Daher ist es wohl begründet, wenn dasjenige, was die Krönung sein wird, wenn der Mensch sich höher und höher entwickelt, in der orientalischen Theosophie «Atma» genannt wird. Das Wort «Atma» hat die gleiche Wurzel wie «Atmen». Atma oder Geistesmensch ist das höchste Glied, das der Mensch in der Zukunft einmal ausbilden wird. Er muß aber die Ausbildung des Atma oder Geistesmenschen selbst bewirken, der heute erst in der Anlage vorhanden ist. Er muß mitarbeiten an dem, was sich als modifizierter Atmungsprozeß darlebt in Sprache und Gesang. Das steht erst im Anfang und wird sich immer weiter und weiter entwickeln und immer weitere Kreise umfassen.

Wenn wir das bedenken, dann werden wir sagen: Sobald der Mensch in sachgemäßer Weise eingreifen kann in seinen Atmungsprozeß, so wird das eine höhere Einwirkung sein als alle anderen. Aber weil es sich hier um hohe geistige Kräfte handelt, für die der Mensch mit seiner gegenwärtigen Konstitution noch nicht reif ist, so ist es klar, daß dabei auch am leichtesten Unheil hervorgerufen werden kann. Wenn also unter den verschiedenen Übungen, die der Mensch vornehmen kann, um sich zu vervollkommnen, auch solche sind, die den Atem regeln, so ist es wichtig, bei solchen Übungen die allergrößte Sorgfalt zu verwenden, und der Lehrer muß dem Schüler gegenüber die größtmögliche Verantwortung empfinden. Denn die göttlich-geistigen Wesenheiten selber waren es, welche aus ihrer Weisheit heraus den Atmungsprozeß modifizierten, um den Menschen aus einer niederen Stufe zu einem sprachbegabten Wesen zu machen, und sie mußten, weil der Mensch dazu nicht reif ist, die Sprache nicht in die Willkür seiner Individualität stellen, sondern sie mußten sie außerhalb derselben stellen. Alle Atemübungen bedeuten also ein Einwirken auf eine höhere Sphäre, und wir müssen uns klar darüber sein, daß damit die größte Verantwortung verbunden sein muß. Leider werden heute vielfach leichtfertige Anweisungen auf diesem Gebiete gegeben, und wer diese Dinge versteht, blickt mit Grauen darauf, daß zahlreiche Menschen sich heute mit Atemübungen abgeben, ohne genügende Vorbereitung vorgenommen zu haben. Dem Geistesforscher erscheinen sie wie Kinder, die mit dem Feuer spielen. Niemand soll glauben, daß äußere anatomische Kenntnisse und physische Rücksichten dazu fähig machen, über das Atmen Vorschriften zu geben. Der wahre Lehrer auf diesem Gebiete weiß: Wenn man in den Atmungsprozeß bewußt eingreift, so appelliert man an das Göttlich-Geistige in der menschlichen Natur. Und weil das der Fall ist, können die Gesetze dazu nur aus dem höchsten heute erreichbaren geistigen Erkennen herausgeholt werden. Anweisungen über Eingriffe in den Atmungsprozeß können daher nur einem solchen Lehrer anvertraut werden, von dem die allergrößte Sorgfalt und Vorsicht erwartet werden kann. In unserer Zeit, wo man sich so wenig bewußt ist, daß allem Materiellen ein Geistiges zugrunde liegt, wird man auch leichten Herzens glauben, diese oder jene Atemübungen vorschreiben zu können. Wenn man aber weiß, daß allem Physischen ein Geistiges zugrunde liegt, dann wird man auch zu der Erkenntnis kommen, daß zu den edelsten Offenbarungen des Geistigen im Physischen die Modifikation des menschlichen Atmungsprozesses gehört und daß das Eingreifen in den Atmungsprozeß nur verbunden sein kann mit einer Stimmung der Seele, die wie eine gebetartige ist. Wer in den Atmungsprozeß eingreifen will, darf dies nur tun aus der Erkenntnis heraus, daß dem Schüler Erkenntnis Gebet wird, daß er sich erfüllt mit tiefer Andacht. Anders sollten überhaupt nicht Anweisungen gegeben werden für diese verantwortungsvollsten Dinge. Der Erkennende wird ein Andächtiger, der sich erfüllt mit der Gnade derjenigen Wesenheiten, denen wir uns zwar nähern, zu denen wir aber heute noch hinaufsehen müssen, weil sie ihre Weisheit heruntersenden aus Höhen des Makrokosmos, die höher sind, als wir mit unserem gewöhnlichen Wissen erfassen können. Das ist es, was sich ergibt aus der Geisteswissenschaft als ein letztes Resultat, daß sie ausklingt wie ein selbstverständliches Gebet:

Gottes schützender segnender Strahl
Erfülle meine wachsende Seele,
Daß sie ergreifen kann
Stärkende Kräfte allüberall.
Geloben will sie sich,
Der Liebe Macht in sich
Lebensvoll zu erwecken,
Und sehen so Gottes Kraft
Auf ihrem Lebenspfade
Und wirken in Gottes Sinn
Mit allem, was sie hat." (Lit.: GA 119, S 278ff)

Die Gefahren von Atemübungen waren auch in theosophischen Kreisen bekannt. Der Theosoph William Quan Judge schrieb dazu:

"In der theosophsichen Literatur ist viel über die Gefahren bei der Ausübung von Yoga-Praktiken, wie z.B. der Atemregulierung oder dem Annehmen bestimmter Körperhaltungen etc., gesagt worden. Mehrere Leser, die mit einfachen Erklärungen solcher Autoren wie H.P.B., die diese Praktiken als schädlich einstuften, nicht zufrieden sind, fragten von Zeit zu Zeit nach diesbezüglichen Gründen. Viele dieser im Pfad und anderwärtig gegebenen Gründe waren jedoch nur weitere Erklärungen. Ich habe einige Experimente eingeleitet, um die Auswirkungen einiger Atemübungen auf den physischen Körper wie sie bei Hatha Yoga Praktiken benutzt werden aufzuzeigen, und möchte nun zugunsten der an diesem Thema Interessierten eines aufzeichnen.

Die bei den Experimenten anwesenden Personen waren ein wohlbekannter Arzt, dessen Namen ich angeben kann, eine diese Yogaübungen praktizierende Person und ich. Zu Beginn nahm der Arzt drei Minuten den Puls des Ausübenden und stellte einen Rhythmus von 96 Schlägen pro Minute fest. Dann begann das Experiment mit den Übungen und brachte folgendes Ergebnis:

Erste Minute, Puls sinkt auf 91 Schläge;
zweite Minute, Puls sinkt auf 81 Schläge;
dritte Minute, Puls verbleibt bei 81 Schlägen.

Nach einer fünfminütigen Pause, wurden die Übungen für einen Zeitraum von sechs Minuten wieder aufgenommen und hatten nachstehendes Resultat:

Erste Minute, Puls arbeitet mit 91 Schlägen pro Minute;
zweite Minute, Puls sinkt auf 86 Schläge;
dritte Minute, Puls verharrt bei 86 Schlägen;
vierte Minute, Puls fällt auf 76 Schläge;
fünfte Minute, Puls bleibt bei 76 Schlägen;
sechste Minute, Puls verbleibt bei 76 Schlägen.

Dies zeigt einen Rückgang der Pulsfunktionen von 20 Schlägen in 14 Minuten. Des weiteren zeigt es, dass die fünfminütige Pause nach den ersten drei Minuten nicht ausreichte, um dem Puls zu ermöglichen, zu den 96 Schlägen zurückzukehren, mit denen er begann. Die ersten drei Minuten zeigten ein Sinken des Pulses von fünf Schlägen in der ersten und zehn weiteren Schlägen in der nächsten Minute, dies macht zusammen eine Minderung von fünfzehn Schlägen in diesen drei Minuten. Es scheint, dass eine der Begleiterscheinungen bei diesen Praktiken, eine bestimmte Wirkung auf die Herztätigkeit ist. Da alle Hindu Bücher einheitlich zu großer Vorsicht vor den Gefahren bei diesbezüglichen Übungen warnen, können wir hier eine sehr große Gefahr in der Wirkung auf die Herztätigkeit erkennen, die sich aus einer Minderung des Pulses von 20 Schlägen in 14 Minuten ergibt. Die Hindu Bücher, auf die ich hingewiesen habe, sind die einzigen Werke, durch die interessierte Personen von diesen Übungen gehört haben. Sie sagen weiterhin aus, dass es unbedingt für jeden Studierenden erforderlich ist, einen Führer zu haben, der mit dem Gegenstand voll vertraut ist und dass jeder dieser Übenden ein Gegenmittel benötigt, um durch dessen Wirkung eine Neutralisierung der schlechten physikalischen Wirkungen zu gewährleisten. Die Studierenden sind zu begierig, die Experimente zu machen und schenken den Warnungen keine Aufmerksamkeit. Ich kenne einige Fälle, bei denen bewusst, trotz Warnung, diese Übungen ohne Hilfe durchgeführt wurden. Ich hoffe, dass der obige Bericht nicht nur eine Rechtfertigung der warnenden Bemerkungen ist, welche in der Vergangenheit schon oft von aufrichtigen theosophischen Autoren ausgegeben wurden, sondern auch eine ernste Warnung vor diesem gefährlichen Gebiet für alle Theosophen ist." (Lit.: Judge, Echos)

Literatur

  1. William Quan Judge: Echos aus dem Orient, Band I
  2. Rudolf Steiner: Makrokosmos und Mikrokosmos, GA 119 (1988), Elfter Vortrag, Wien, 31. März 1910
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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