Die Atomistik und ihre Widerlegung

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Die Atomistik und ihre Widerlegung ist der Titel eines von Rudolf Steiner 1890 geschriebenen Aufsatzes, in dem er sich noch schärfer als in dem schon 1882 verfassten Aufsatz «Einzig mögliche Kritik der atomistischen Begriffe» gegen die Auffassung wendet, dass Atome real existierende Objekte seien, wohingegen die unmittelbar erlebbaren Sinnesqualitäten bloß subjektive Erscheinungen wären: In Wahrheit sei es genau umgekehrt.

„Wir sehen also, worauf diese ganze Lehre hinaus will. Alles, was wir in der Welt mit den Sinnen wahrnehmen: Farben, Töne usw. soll nicht wirklich existieren, sondern nur in unserem Gehirne auftreten, wenn in der Außenwelt bestimmte schwingende Bewegungsformen vorhanden sind. Wenn ich Hitze wahrnehme, so ist dies nur deshalb, weil der Äther um mich herum in Bewegung ist und die Atheratome an meine Hautnerven anschlagen; wenn ich Licht empfinde, weil dieselben Ätheratome an meinen Sehnerven herankommen usw.

Daher sagt der moderne Physiker: Es gibt in Wirklichkeit nichts als schwingende, sich bewegende Atome; alles übrige ist nur ein Geschöpf meines Gehirnes, das sich dieses bildet, wenn es von der Bewegung in der Außenwelt berührt wird [...]

Die Sache hat aber eine noch viel bedenklichere Seite. Wenn es in der wirklichen Welt überhaupt nichts gibt als schwingende Atome, dann kann es auch keine wahrhaft objektiven Ideen und Ideale geben. Denn wenn ich eine Idee fasse, so kann ich mich fragen: was bedeutet diese Idee außer meinem Bewußtsein. Nichts weiter als eine Bewegung meiner Hirnmoleküle. Weil meine Hirnmoleküle in diesem Momente so und so schwingen, gaukelt mir mein Gehirn irgend eine Idee vor. Alles Wirkliche in der Welt wäre Bewegung, das andere leerer Dunst, Erzeugnis dieser Bewegung [...]

Der Fehler, der den Schlüssen dieser Naturwissenschaft zu Grunde liegt, ist so einfach, daß man in der Tat nicht begreifen kann, wie die ganze gelehrte Welt der Gegenwart in diesen grenzenlosen Irrtum verfallen konnte.

Wir können durch ein einfaches Beispiel die Sache klar machen. Nehmen wir einmal an, jemand gibt in dem Orte A ein Telegramm an mich auf. Wenn mir das Telegramm überbracht wird, habe ich nichts vor mir als Papier und Schriftzeichen. Indem ich diese Dinge mir aber gegenüberhalte und zu lesen verstehe, erfahre ich wesentlich mehr, als was Papier und Schriftzeichen sind, nämlich einen ganz bestimmten Gedankeninhalt. Kann ich nun sagen: ich habe diesen Gedankeninhalt erst in meinem Gehirne erzeugt, und das einzig Wirkliche seien nur Papier und Schriftzeichen? Gewiß nicht. Denn der Inhalt, den ich jetzt in mir habe, ist genau ebenso auch im Orte A enthalten. Dieses Beispiel ist sogar das treffendste, das man wählen kann. Denn es ist doch auf sichtbare Weise nicht das Allergeringste von A herüber zu mir gekommen. Wer wollte behaupten, daß die Telegraphendrähte wirklich die Gedanken von einem Orte zum andern tragen? Genau ebenso ist es mit unseren Sinnesempfindungen. Wenn eine Reihe von Ätherteilchen, die in einer Sekunde 589 billionenmal hin- und herschwingen, an mein Auge kommen und den Sehnerv erregen, so tritt bei mir allerdings z. B. die Empfindung des Grün auf. Aber die Ätherwellen sind, wie oben beim Telegramm Papier und Schriftzeichen, nur die Träger des Grün, das an dem Körper wirklich ist. Der Vermittler ist ja doch nicht das Wirkliche der Sache. So wie beim Telegramm Draht und Elektrizität, so wird hier der schwingende Äther als Vermittler benützt. Man darf aber deshalb, weil wir durch und vermittelst des schwingenden Äthers das Grün erfassen, nicht sagen: Grün sei einfach dasselbe wie der schwingende Äther.

Diese grobe Verwechslung von Vermittler und Inhalt, der vermittelt wird, liegt der ganzen modernen Naturwissenschaft zu Grunde.

Man muß annehmen, das Grün sei eine Eigenschaft der Körper; dieses Grün errege eine schwingende Bewegung von 589 Billionen Schwingungen in der Sekunde, diese Bewegung kommt an den Sehnerv und dieser sei so eingerichtet, daß er weiß: wenn 589 Billionen Schwingungen ankommen, dann können diese nur von einer grünen Fläche ausgegangen sein. Ebenso ist es mit allen unsern andern Vorstellungen beschaffen. Wenn ich einen bestimmten Gedanken, Idee, Ideal habe, so muß derselbe natürlich auch auf reale Weise in unserem Gehirne gegenwärtig sein. Dies ist nur so möglich, daß die Gehirnteile in einer bestimmten Weise sich bewegen. Denn ein im Räume ausgedehntes Wesen kann keine anderen Veränderungen als Bewegungen erleiden. Aber es wäre eine arge Verwechslung von dem Inhalte der Idee und der Art, wie sie im Körper auftritt, wenn man sagen wollte: die Bewegung selbst sei die Idee. Nein, die Bewegung bietet nur die Möglichkeit, daß die Idee Gestalt, räumliches Dasein, gewinnt.

Wir können aber die Sache noch von einer ganz anderen Seite anfassen. Es gibt für uns Menschen überhaupt nichts, worinnen wir so ganz gegenwärtig sind, wie unsere Ideen, Ideale und Vorstellungsmassen. In ihnen leben und weben wir. Wenn wir im Dunkeln, in lautloser Stille sind, so daß wir gar keine Sinneseindrücke haben, was ist das, wessen wir uns da ganz und voll bewußt sind? Unsere Gedanken und Ideen. Nach diesen kommt dann alles, was ich durch die Sinne wahrnehme. Dieses habe ich gegeben, wenn ich meine Sinnesorgane der Außenwelt gegenüber offen und empfänglich halte. Außer Ideen, Idealen und Sinneseindrücken ist mir aber nichts gegeben. Alles übrige könnte nur erschlossen, d. h. auf Grund der Sinneseindrücke und Ideen als bestehend angenommen werden.

Darf ich eine solche Annahme in bezug auf bewegte Atome machen? Wenn Bewegung stattfindet, so muß doch etwas da sein, welches sich bewegt. Woher kenne ich die Bewegung? Doch nur daher, daß ich sehe, daß die Körper ihren Ort im Räume verändern. Was aber sich da vor mir bewegt, das sind Körper mit allen Eigenschaften von Farbe usw, Was will also der Physiker erklären? Sagen wir die Farbe. Er sagt: sie sei Bewegung. Was bewegt sich? Ein farbloser Körper. Oder er will die Wärme erklären. Er sagt wieder: sie ist Bewegung usf. Was bewegt sich? Ein wärmeloser Körper. Kurz: wenn wir alle Eigenschaften der Körper durch Bewegung erklären, so müssen wir zuletzt doch annehmen, daß jenes, was sich bewegt, keine Eigenschaften habe. Denn alle Eigenschaften entstehen ja erst aus der Bewegung.

Wir rekapitulieren: Der Physiker erklärt alle durch die Sinne wahrzunehmenden Eigenschaften durch Bewegung. Was sich bewegt, kann somit noch keine Eigenschaften haben. Was aber keine Eigenschaften hat, kann sich überhaupt nicht bewegen. Folglich ist das Atom, das die Physiker annehmen wollen, ein Ding, das vor der scharfen Beurteilung in Nichts zerfließt.

Die ganze Erklärungsweise zerfällt damit. Wir müssen den Farben sowie der Wärme, den Tönen usw. geradeso eine objektive Existenz zuschreiben wie der Bewegung. Damit haben wir die Physiker widerlegt und die objektive Realität der Erscheinungs- und Ideenwelt nachgewiesen.“ (Lit.: Beiträge 63, S. 15ff))

Literatur

  1. Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Heft 63: Rudolf Steiner über den Atomismus. Zwei Aufsätze aus dem Frühwerk Beiträge 63
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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