Sinnesqualitäten

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Sinnesqualitäten oder Sinnesempfindungen wie Farben, Töne, Gerüche usw. sind das seelische Spiegelbild einer übersinnlichen Wirklichkeit, die von der untersinnlichen Welt zurückgeworfen wird (siehe auch → Sinneswahrnehmung).

Mit der untersinnlichen Welt ist hier die ahrimanische Welt gemeint, die der physischen Materie zugrunde liegt und die übersinnliche Welt ist die Gesamtheit der übersinnlichen, sinnlich nicht unmittelbar erfassbaren Weltbereiche, also die eigentliche geistige Welt, die ätherische Welt und insbesondere die Astral- oder Seelenwelt. Denn die Sinnesqualitäten gehören ihrer wahren Natur nach gerade dieser Astralwelt an, und hier namentlich der sog. Region der fließenden Reizbarkeit. Sie bilden einen von aller Gegenständlichkeit losgelösten Strom von flutenden Klängen, von Wärme und Kälte, von Farben und Geschmacks- und Geruchsempfindungen. Nur beseelten Wesen sind diese Sinnesqualitäten zugänglich. Rein physikalische Apparate erfahren zwar die physikalischen Wirkungen des Lichtes oder des Schalls, aber sie erleben dabei keine Farben oder Töne. Das niedere astrale Hellsehen malt seine Imaginationen gerade mithilfe dieser Ströme flutender Reizbarkeit.

Das Problem der Qualia

Hauptartikel: Qualia
Emil Heinrich du Bois-Reymond prägte 1872 den berühmten Ausspruch „Ignoramus et ignorabimus“

Jede Sinnesmodalität - wie etwa Sehen, Hören, Riechen, Schmecken oder Berührungen Fühlen - verfügt über ein breiteres oder engeres Spektrum typischer Qualia, die sich von denen aller anderen Sinnesmodalitäten vollkommen unterscheiden. Für die gegenwärtige Naturwissenschaft, Psychologie und Philosophie erscheint die Existenz dieser Qualia/Qualia als ungelöststes und vielfach auch für unlösbar gehaltenes Problem. Darauf hat schon 1872 der Physiologe Emil du Bois-Reymond in seiner berühmten Ignorabimusrede hingewiesen:

„Welche denkbare Verbindung besteht zwischen bestimmten Bewegungen bestimmter Atome in meinem Gehirn einerseits, andererseits den für mich ursprünglichen, nicht weiter definierbaren, nicht wegzuleugnenden Tatsachen: "Ich fühle Schmerz, ruhte Lust; ich schmecke Süßes, rieche Rosenduft, höre Orgelton, sehe Rot," und der ebenso unmittelbar daraus fließenden Gewißheit: "Also bin ich"? Es ist eben durchaus und für immer unbegreiflich, daß es einer Anzahl von Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff- usw. Atomen nicht sollte gleichgültig sein, wie sie liegen und sich bewegen, wie sie lagen und sich bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden. Es ist in keiner Weise einzusehen, wie aus ihrem Zusammensein Bewußtsein entstehen könne.“

Emil du Bois-Reymond: Über die Grenzen des Naturerkennens, S 458

An dieser resignierenden Feststellung hat sich bislang nichts grundsätzlich geändert. Mit seinem 1974 veröffentlichten Aufsatz: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? regte der Philosoph Thomas Nagel die Debatte um die Qualia neu an. Joseph Levine hat 1983 in seiner mittlerweile als klassisch geltenden Publikation Materialism and Qualia: The Explanatory Gap[1]darauf hingewiesen, dass hier nach wie vor eine Erklärungslücke (eng. explanatory gap) besteht.

Primäre und sekundäre Sinnesqualitäten

Seit John Locke hat man etwas unglücklich zwischen primären und sekundären Sinnesqualitäten unterschieden und letztere - ganz im Gegensatz zu Goethes Farbenlehre - völlig aus der wissenschaftlichen Betrachtung ausgeschlossen. Deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass man in der Wissenschaft nicht mehr an die Qualia herankommt.

„Primäre Qualitäten nannte Locke zum Beispiel alles dasjenige, was sich auf die Gestalt der Körper, auf deren geometrische Eigentümlichkeit, auf das Zahlenmäßige bezieht, auf die Bewegung bezieht, auf die Größe und so weiter. Davon unterschied er dann alles dasjenige, was er die sekundären Qualitäten nennt, Farbe, Ton, Wärmeempfindung und so weiter. Und während er die primären Qualitäten in die Dinge selbst hineinverlegt, so daß er annimmt, es seien räumliche, körperliche Dinge da, welche Gestalt haben, geometrische Eigentümlichkeiten haben, Bewegungen haben, nimmt er an, daß alles dasjenige, was sekundäre Qualitäten sind, Farbe, Ton usw., nur Wirkungen auf den Menschen seien. Draußen in der Welt seien nur primäre Qualitäten in den Körpern. Irgend etwas, dem Größe, Gestalt, Bewegung zukommt, das aber finster, stumm und kalt ist, irgend etwas übt eine Wirkung aus, und diese Wirkung drückt sich eben aus darinnen, daß der Mensch einen Ton, eine Farbe, eine Wärmequalität usw. erlebt.“ (Lit.:GA 326, S. 85)

Wie problematisch diese Behauptung ist und keineswegs eine emprisch gesicherte Tatsache darstellt, betonen auch Max Bennett und Peter Hacker in „Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften“:

„Erstens muss hervorgehoben werden, dass wir es hier nicht mit einer empirischen Behauptung oder wissenschaftlichen Hypothese zu tun haben und schon gar nicht mit einer wissenschaftlichen Theorie, die experimentell untermauert werden kann oder untermauert wurde, sondern mit einer philosophischen oder begrifflichen Behauptung, die nur durch begriffliche Untersuchungen und apriorische Argumente bekräftigt oder entkräftet werden kann. Es gibt kein wissenschaftliches Experiment, mit dem man beweisen könnte, dass Gras, wie es an sich ist, nicht grün ist, sondern uns nur so vorkommt, dass Zucker nicht wirklich süß ist, sondern es nur zu sein scheint, oder dass Eis nicht wirklich kalt ist, sondern nur diesen Anschein in uns hervorruft etc. Alles, was eine wissenschaftliche Theorie leisten kann, besteht darin, die Prozesse zu erklären, durch die wir in der Lage sind, Farben, Klänge und thermische Qualitäten wahrzunehmen, und zu untersuchen, ob andere Tierspezies dieselben perzeptuellen Unterscheidungsvermögen haben. Es ist nicht möglich zu zeigen, dass die Dinge, die wir als farbige wahrnehmen, in Wahrheit keine Farbe haben, oder dass die Dinge, die wir als klangerzeugende wahrnehmen, nicht wirklich Klänge hervorbringen. Man kann zeigen, dass farbige Objekte Licht bestimmter Wellenlängen reflektieren, das unsere Augen und Gehirne in der und der Weise beeinflusst, was dazu führt, dass wir das sehen, was wir ‚ihre Farbe‘ nennen. Und man kann zeigen, dass ‚lärmende‘ Objekte Schallwellen verursachen, die unsere Ohren und Gehirne auf eine Weise beeinflussen, dass unser Hörvermögen zur Entfaltung gelangt. Natürlich wird kein Geräusch gehört, wenn nicht Schallwellen die Ohren eines Hörenden erreichen – daraus folgt jedoch nicht, dass es kein Geräusch gab, das zu hören war, dass Bäume still zu Boden fallen, wenn kein Hörender dabei ist. Die wissenschaftliche Forschung zeigt keineswegs, dass Gras nicht wirklich grün ist oder dass Cellos keinen reichen und vollen Klang haben. Sie stellt nicht fest, dass es keine Farben gibt, wenn ein Beobachter ‚fehlt‘, oder dass Klänge auf der Anwesenheit eines Hörers beruhen.“ (Lit.: Bennett, Hacker 2010, S. 289f.)

Ähnlich argumentiert auch der deutsche Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs (*1958):

„Freilich lässt sich die Existenz von Sinnesqualitäten auch nicht widerlegen. Der Neurowissenschaftler kann nur feststellen, dass beim Wahrnehmen der Farbe Grün Licht bestimmter Wellenlänge auf die Retina fällt und eine Kaskade neuronaler Prozesse auslöst, ohne dass an irgendeiner Stelle die Farbe grün auftaucht – sowenig wie in den Beobachtungen des Physikers außerhalb des Körpers. Zweifellos bedarf es der Lichtwellen, die, von einem Gegenstand reflektiert, die Retina reizen, damit wir etwas sehen können, oder der Schallwellen, die unser Trommelfell in Schwingung versetzen, damit wir Töne hören. Aber wir sehen keine Lichtwellen und hören keine Schallwellen, sondern Farben und Töne. Die Tatsache, dass jene Wellen selbst nicht farbig bzw. laut sind, ist daher kein Grund, die Wirklichkeit von Farben und Töne zu bestreiten...

Dem Physiker kann es an sich gleichgültig sein, ob der Baum abgesehen von seiner materiellen Teilchenstruktur auch noch grün ist oder nicht. Die Frage taucht bei seinen Messungen und Theoriebildungen einfach nicht mehr auf. Die Bestreitung der Qualitäten ergibt sich daher nicht etwa aus einer physikalischen Notwendigkeit. Sie rührt vielmehr aus einem physikalistischen Weltbild, das die ursprünglich für bestimmte Zwecke willkürlich gewählten, quantifizierbaren Ausschnitte der Wirklichkeit, vor allem aber die daraus abgeleiteten theoretischen Konstrukte (Atome, Photonen, elektromagnetische Felder etc.) zur „eigentlichen“ Realität erhebt. Physikalische Beschreibungen und Erklärungen sollen nun für alle Bereiche der Lebenswelt gültig sein. Dann ist der grüne Baum nur noch ein großer Molekülhaufen, das Lied der Nachtigall in seinen Zweigen eine irreguläre Sequenz von Luftdruckschwankungen und die Freude des Wanderers, der ihr zuhört, ein bestimmtes neuronales Erregungsmuster...

Aber eine solche Welt ist nur eine gedachte Abstraktion von der Welt, die wir als Lebewesen bewohnen und erfahren – der Welt, die unser Organismus sich erschließt, um sich in ihr zu erhalten, in der er qualitative Unterschiede macht, die sich so auf der physikalischen Ebene nicht finden, und so die Umwelt in Bedeutsames und Relevantes strukturiert. So wird es auch möglich, dass die Dinge und Lebewesen sich uns zeigen, also in Farben, Klängen und Düften über sich hinaus und mit uns in Beziehung treten. Insofern sind die Sinnesqualitäten Resultate der Beziehung eines Lebewesens zu seiner Umwelt; doch diese Beziehung hat einen welterschließenden und insofern durchaus objektiven Charakter. Selbst die sogenannten primären Qualitäten der Physik werden uns nur über die sekundären überhaupt zugänglich.

Ist der Baum also tatsächlich grün? Das kommt darauf an, ob wir ihn als Teil unserer gemeinsamen Lebenswelt betrachten – dann können wir uns jederzeit auf seine Farbe einigen, sie ist also nicht etwa „nur subjektiv“ – oder aber in eine physikalische Konstruktwelt hinabsteigen, in der sich von den lebensweltlichen Qualitäten voraussetzungsgemäß nichts mehr findet. Weder ist die Farbe eine objektive Eigenschaft der materiellen Welt („naiver“ Realismus), noch ist sie bloßes Produkt einer Innenwelt (Konstruktivismus). Farben und andere Sinnesqualitäten sind Ausdruck einer Komplementarität von Lebewesen und Umwelt. Sie entstehen im Zusammenwirken von Wahrnehmungsvermögen und Objekteigenschaften. So lässt sich zeigen, dass die Ausbildung von Farbmustern bei Blütenpflanzen sich in ständiger Interaktion mit der Ausbildung des Farbsehens bei Insekten vollzog. Die Eigenschaft und ihre Wahrnehmung entstanden in verschiedenen Arten koevolutiv, im Rahmen eines übergreifenden ökologischen Systems[2].“ (Lit.: Fuchs, S. 45f)

Farben etwa seien also, wenn man John Locke folgt, nur sekundäre subjektive Phänomene, die durch die primären objektiven Bewegungsvorgänge in der Natur ausgelöst würden. Immer wieder hat man argumentiert, dass man niemals wissen könne, ob ein anderer Mensch die Farben genauso erlebt wie wir, während wir bezüglich der Größe und Form der materiellen Gegenstände sehr leicht zu einer allgemeinen Übereinstimmung kommen könnten. Diese Argumentation beruht allerdings auf einer Verwechslung des sinnlich gegebenen Wahrnehmungsfaktors mit der gedanklich erkannten Gesetzmäßigkeit. Bezüglich Form und Größe der Gegenstände springen uns so schnell die zugrunde liegenden geometrischen Gesetzmäßigkeiten entgegen, dass wir gar nicht bemerken, dass wir es hier bereits mit einer gedanklichen Durchdringung der Wahrnehmung zu tun haben. Hinsichtlich dieser gedanklich erfassten geometrischen Gegebenheiten kommen wir tatsächlich sehr schnell zu einer allgemeinen Übereinstimmung.

Dennoch hat Lockes Unterscheidung einen nachvollziehbaren Grund. Rudolf Steiner nennt 12 Sinne des Menschen, wobei er drei Gruppen unterscheidet, nämlich die Willenssinne, die Gefühlssinne und die Erkenntnissinne. Die Willenssinne, zu denen der Tastsinn, der Lebenssinn, der Eigenbewegungssinn und der Gleichgewichtssinn zählen, sind auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers gerichtet, dessen Zustand sie aber ganz objektiv wahrnehmen. Obgleich ihre Wahrnehmungen nur sehr dumpf und unterschwellig erlebt werden, vermitteln sie ein starkes Realitätsgefühl. Weil die Wahrnehmung dieser Sinne nur sehr dumpf ist, tritt zugleich das gedankliche Element viel stärker in den Vordergrund und vermittelt den Eindruck unverrückbar scheinender Wahrheiten, wie wir sie etwa aus der Mathematik und Geometrie kennen, die in der objektiven Realität unseres Leibes begründet sind. Daraus resultiert der objektive Charakter, den Locke den primären Sinnesqualitäten zubilligt.

Die sekundären Sinnesqualitäten gehören hauptsächlich dem Bereich der Gefühlssinne an, zu denen der Geruchssinn, der Geschmackssinn, der Sehsinn und der Wärmesinn gehören. Sie vermitteln zwischen Innerem und Äußerem, Subjektives und Objektives vermischt und durchdringt sich hier beständig, weshalb bezüglich dieser Sinne bereits eine gewisse Erkenntnisunsicherheit aufkommt. Zwar tritt die qualitative Wahrnehmung gegenüber dem gedanklichen Element stärker in den Vordergrund, doch ist sie mit einem deutlich geringeren Realitätsgefühl verbunden wie bei den Willenssinnen.

Die Erkenntnissinne (Gehörsinn, Sprachsinn, Denksinn und Ichsinn) sind ganz nach außen gerichtet. Wir sind von dem, was wir durch sie wahrnehmen ganz getrennt und mit ihrer eigentlichen Objektivität nicht unmittelbar verbunden, weshalb Rudolf Steiner gerade die äußeren Sinne mit Recht als subjektiv bezeichnet: „... richtig subjektiv sind gerade die ausgesprochen äußeren Sinne. Die müssen dasjenige, was durch sie wahrgenommen wird, im ausgesprochenen Sinne in unsere Menschlichkeit hereinbefördern.“ (GA 206, S. 17) Damit ist keineswegs gesagt, dass die äußeren Sinnesqualitäten selbst, also Farben, Töne usw., subjektiv sind, wohl aber, dass es uns zunächst schwer fällt, sie objektiv zu „ergreifen“.

„Nun wies ich auch in diesen Vorträgen darauf hin, wie in diesem naturwissenschaftlichen Zeitalter das Räumliche schon in bezug auf die Dimensionen ein Abstraktes geworden ist. Der Mensch wußte nichts mehr davon, daß in ihm selbst die drei Dimensionen konkret erlebt wurden als oben-unten, rechts-links, vorne-hinten (siehe Zeichnung S. 86). Er nahm auf diese Konkretheit der drei Dimensionen im naturwissenschaftlichen Zeitalter keine Rücksicht. Für ihn entstanden sie in völliger Abstraktheit. Er suchte den Schnittpunkt der drei Dimensionen

Die drei Dimensionen des Raumes

nicht mehr da, wo er real erlebt wird, im menschlichen Inneren, er suchte ihn irgendwo - und da kann er dann wo auch immer sein irgendwo im Räume - und konstruierte sich so seine drei Dimensionen. Jetzt hatte dieses Raumschema der drei Dimensionen ein selbständiges, aber nur gedachtes, abstraktes Dasein. Und das Gedachte wurde eben nicht erlebt als sowohl der Außenwelt wie dem Menschen angehörig, während eine frühere Zeit, wie ich sagte, die drei Raumdimensionen so erlebt hat, daß der Mensch wußte, er erlebt sie in sich mit der Natur der physischen Körperlichkeit zusammen.“ (Lit.:GA 326, S. 86f)

Bei den Farbphänomenen kommen uns die damit verbundenen Gesetzmäßigkeiten nicht so unmittelbar zu Bewusstsein. Goethe wollte durch seine Farbenlehre gerade diese Gesetze, die nicht weniger objektiv sind als die geometrischen, bewusst machen. Hell und Dunkel, Rot und Grün, Violett und Blau usw. können genau so sicher unterschieden werden wie Dreiecke, Vierecke und Kreise. Und so wie es ganz oder teilweise farbenblinde Menschen gibt, gibt es auch Menschen die aufgrund neurologischer Defekte für bestimmte Formprinzipen blind sind.

„Aus der Idee des Gegensatzes der Erscheinung, aus der Kenntnis, die wir von den besondern Bestimmungen desselben erlangt haben, können wir schließen, dass die einzelnen Farbeindrücke nicht verwechselt werden können, dass sie spezifisch wirken und entschieden spezifische Zustände in dem lebendigen Organ hervorbringen müssen.“

Goethe: Farbenlehre, § 761

So wie wir die primären Qualitäten in uns erleben, erleben wir die sekundären Qualitäten in der Außenwelt. In der sinnlich erfahrbaren Außenwelt treten sie uns allerdings nur als abgeschattete Bilder entgegen. Ihre wahre Realität liegt in der seelischen Außenwelt:

„Willst du finden das Wesen der Lockeschen primären Qualitäten der körperlichen Dinge -, so mußt du in dich selber hineinschauen, sonst kommst du nur auf Abstraktionen. - Nun ist es mit den sekundären Qualitäten, Ton, Farbe, Wärmequalität, Gerüchen, Geschmack so, daß der Mensch davon etwas wissen muß — es kann ja dieses Wissen sehr instinktiv nur sein, aber etwas wissen muß er davon -, daß er mit seinem geistig-seelischen Wesen ja nicht bloß in seinem physischen und ätherischen Leib lebt, sondern daß er auch außerhalb dieser Leiber sein kann mit seinem Ich und seinem astralischen Leibe, nämlich im Schlafzustande. Aber ebenso wie der Mensch bei einem vollen, intensiv empfundenen Wachzustande nicht außer sich, sondern in sich die primären Qualitäten erlebt, wie im speziellen Fall die drei Dimensionen, so weiß der Mensch, wenn es ihm entweder durch Instinkte oder durch eine instinktive Selbsterkenntnis oder auch durch geisteswissenschaftliche Schulung gelingt, das auch wirklich innerlich zu erleben, was außerhalb vom physischen Leib und Ätherleib vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist, dann weiß er auch, daß er das wahre Wesen von Ton, Farbe, Geruch, Geschmack, Wärmequalität wirklich dann in der Außenwelt erlebt außerhalb seines Leibes. Wenn der Mensch im Wachzustande bloß in seinem Inneren ist, so kann er nichts anderes erleben als die Bilder der wahren Realitäten von Ton, Farbe, Wärmequalität, Geruch, Geschmack. Aber diese Bilder entsprechen geistig-seelischen Realitäten, nicht physisch-ätherischen Realitäten. Trotzdem dasjenige, was wir als Ton erleben, so stark zusammenzuhängen scheint - es tut es ja auch, aber in einer ganz anderen Hinsicht - mit bestimmt gestalteten Luftwellen, wie Farbe zusammenhängt mit gewissen Vorgängen in der farblosen Außenwelt, so muß eben dennoch anerkannt werden, daß Ton, Farbe und so weiter Bilder sind, nicht vom Körperlichen, sondern vom Geistigen, Geistig- Seelischen, das in der Außenwelt ist.

Wir müssen also uns sagen können: Wenn wir einen Ton, eine Farbe, eine Wärmequalität erleben, dann erleben wir sie im Bilde. Aber wir erleben sie real, wenn wir außerhalb unseres Leibes sind. Und so können wir etwa schematisch den Tatbestand in der folgenden Weise darstellen (siehe Zeichnung): Die primären Qualitäten erlebt der Mensch wachend, voll wachend, in sich, und schaut sie in die Außenwelt hinein in Bildern; wenn er sie nur in der Außenwelt weiß, so hat er diese primären Qualitäten nur in Bildern (Pfeil). Diese Bilder sind das Mathematische, das Geometrische, das Arithmetische an den Dingen.

Primäre und sekundäre Qualitäten

Mit den sekundären Qualitäten ist es anders. Die erlebt der Mensch - wenn ich den physischen und Ätherleib des Menschen mit diesen waagerechten Strichen bezeichne und das Geistig-Seelische, das Ich und das Astralische, mit dem Roten -, die erlebt der Mensch außerhalb seines physischen und Ätherleibes und er projiziert in sich herein nur die Bilder. Weil das nicht mehr durchschaut wurde im naturwissenschaftlichen Zeitalter, wurden gewissermaßen die mathematischen Formen, die Zahlen auch, zu etwas, das der Mensch nur in der Außenwelt abstrakt suchte. Die sekundären Qualitäten, sie wurden etwas, das der Mensch nur in sich suchte. Aber weil sie da bloße Bilder sind, verlor er sie eben für die Wirklichkeit vollständig.“ (Lit.:GA 326, S. 88ff)

„Man muß zu dem Menschen nicht sagen: Wenn du das wahre Wesen zum Beispiel des Tones erkennen willst, so mußt du physikalische Experimente machen über dasjenige, was sich, wenn du einen Ton hörst, innerlich in der Luft sich abspielt, die den Ton zu dir bringt, sondern dann mußt du dem Menschen sagen: Wenn du das wahre Wesen des Tones kennenlernen willst, so mußt du dir eine Vorstellung davon bilden, wie du eigentlich den Ton außer deinem physischen und ätherischen Leibe erlebst. Das sind aber Gedanken, welche von den Menschen des naturwissenschaftlichen Zeitalters eben nicht gedacht wurden, weil diese Menschen eben nicht auf die vollständige Menschennatur eingehen wollten, weil sie keine Neigung entwickelten, die wahre Wesenheit des Menschen kennenzulernen. Und so fanden sie eben in der ihnen unbekannten Menschennatur nicht die Mathematik oder auch die primären Qualitäten; und so fanden sie in der Außenwelt - weil sie nicht wußten, daß der Mensch ja der Außenwelt auch angehört - nicht die sekundären Qualitäten.

Ich sage nicht, daß man hellsichtig sein müsse, um in diesen Dingen die richtige Einsicht zu bekommen, sondern ich muß betonen, daß zwar die hellsichtige Weltenerklärung tiefere intensive Erkenntnisse gerade auch auf diesem Gebiete geben kann, daß aber eine gesunde Selbstschau durchaus dahin führt, das Mathematische, die primären Qualitäten, das Mathematisch-Mechanische auch in das Innere des Menschen zu verlegen, die sekundären Qualitäten auch in die Außenwelt des Menschen zu verlegen. Man kannte die Menschennatur nicht mehr. Man wußte nicht in Wirklichkeit, wie die Körperlichkeit des Menschen erfüllt ist von der Geistigkeit, wie die Geistigkeit, indem sie wachend im Menschen ist, sich vergessen muß, sich ganz hingeben muß dem Körper, damit sie das Mathematische begreift. Und man wußte auch nicht das andere, daß die Geistigkeit sich ganz in sich zusammenfassen muß und unabhängig vom Körper, das heißt außerhalb des Körpers, leben muß, um zu den sekundären Qualitäten zu kommen. Über alle diese Dinge, sage ich, kann die hellseherische Anschauung intensivere Einsichten geben, aber sie ist nicht nötig. Eine Selbstschau, eine wirkliche, gesunde Selbstschau kann fühlen, in richtigem Gefühl erkennen, daß Mathematik auch etwas innerlich Menschliches ist, Ton, Farbe usw. auch etwas Äußerliches sind.

Ich habe das, was einfach ein gesundes Empfinden, das aber zu wirklichen Erkenntnissen führt, nach dieser Richtung haben kann, in den achtziger Jahren in meinen Einleitungen zu «Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften» dargestellt. Da ist auf keine hellseherische Erkenntnis Rücksicht genommen, aber es ist gezeigt, inwieweit der Mensch ohne hellseherische Erkenntnis zur Anerkennung der Realität von Farbe, Ton usw. kommen kann. Dies hat man noch nicht verstanden. Das naturwissenschaftliche Zeitalter ist in der Lockeschen Denkungsweise noch zu sehr befangen. Dies konnte man nicht verstehen, konnte es auch nicht verstehen, als ich es, ich möchte sagen, philosophisch geschürzt, 1911 deutlich ausführte am Philosophischen Kongreß in Bologna. Da versuchte ich zu zeigen, wie das GeistigSeelische des Menschen beim Wachzustande zwar im physischen und Ätherleib ist, aber seiner Qualität nach, gewissermaßen indem es den physischen und Ätherleib erfüllt, doch innerlich selbständig bleibt. Fühlt man diese innerliche Selbständigkeit des Geistig-Seelischen des Menschen, dann hat man auch eine Nachempfindung von dem, was das Geistig-Seelische im Schlafen von den Realitäten des Grünen und Gelben, des G und Cis, des Warmen und Kalten, des Sauren und Süßen usw. erlebt hat. Aber eben auf eine wirkliche Menschenerkenntnis wollte zunächst das naturwissenschaftliche Zeitalter nicht eingehen.“ (S. 90ff)

Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergien

Für die bloße Subjektivität der Farbeindrücke wurde oft das erstmals von Johannes Peter Müller formulierte Gesetz der spezifischen Sinnesenergien ins Treffen geführt. Das Auge bringt immer nur Licht- und Farberscheinungen hervor, egal ob es durch Stoß, Druck, elektrische Reizung oder eben auch durch äußeres Licht erregt wird. Die Farbqualitäten hätten daher unmittelbar gar nichts mit dem äußeren Reiz zu tun, sondern sie sind nur Erscheinungen innerhalb des Auges. In Wahrheit bestätigt das Gesetz der spezifischen Sinnesenergien aber nur das hier schon Gesagte. Jedes Sinnesorgan vermag eben grundsätzlich nur die seiner Natur entsprechenden Wahrnehmungsqualitäten zu zeigen, die es auch selbst hervorzubringen vermag. Es übersetzt alle Reize in die ihm gemäße Sprache. Wird das Auge durch Druck, Stoß oder elektrische Impulse erregt, entstehen dabei aber nur sehr unspezifische Farbeindrücke, die wenig über die Außenwelt aussagen – eben nur, dass da ein Stoß, Druck oder elektrischer Impuls als allgemeiner äußerer Reiz vorhanden war. Erst dem Licht gegenüber, durch das und für das es geschaffen wurde, entfaltet es seine volle Leistungsfähigkeit. Dieses Prinzip gilt aber für den Eigenbewegungssinn, durch den wir Formen wahrnehmen, nicht minder.

Rudolf Steiner bemerkt dazu:

"Die angeführte Beobachtung beweist nur, daß der sinn- und geistbegabte Organismus die verschiedenartigsten Eindrücke in die Sprache der Sinne übersetzen kann, auf die sie ausgeübt werden. Nicht aber, daß der Inhalt jeder Sinnesempfindung auch nur im Innern des Organismus vorhanden ist. Bei einer Zerrung des Sehnervs entsteht eine unbestimmte, ganz allgemeine Erregung, die nichts enthält, was veranlaßt, ihren Inhalt in den Raum hinaus zu versetzen. Eine Empfindung, die durch einen wirklichen Lichteindruck entsteht, ist inhaltlich unzertrennlich verbunden mit dem Räumlich-Zeitlichen, das ihr entspricht. Die Bewegung eines Körpers und seine Farbe sind auf ganz gleiche Weise Wahmehmungsinhalt. Wenn man die Bewegung für sich vorstellt, so abstrahiert man von dem, was man noch sonst an dem Körper wahrnimmt. Wie die Bewegung, so sind alle übrigen mechanischen und mathematischen Vorstellungen der Wahrnehmungswelt entnommen. Mathematik und Mechanik entstehen dadurch, daß von dem Inhalte der Wahrnehmungswelt ein Teil ausgesondert und für sich betrachtet wird. In der Wirklichkeit gibt es keine Gegenstände oder Vorgänge, deren Inhalt erschöpft ist, wenn man das an ihnen begriffen hat, was durch Mathematik und Mechanik auszudrücken ist. Alles Mathematische und Mechanische ist an Farbe, Wärme und andere Qualitäten gebunden. Wenn der Physik nötig ist, anzunehmen, daß der Wahrnehmung einer Farbe Schwingungen im Raume entsprechen, denen eine sehr kleine Ausdehnung und eine sehr große Geschwindigkeit eigen ist, so können diese Bewegungen nur analog den Bewegungen gedacht werden, die sichtbar im Raume vorgehen. Das heißt, wenn die Körperwelt bis in ihre kleinsten Elemente bewegt gedacht wird, so muß sie auch bis in ihre kleinsten Elemente hinein mit Farbe, Wärme und andern Eigenschaften ausgestattet vorgestellt werden. Wer Farben, Wärme, Töne usw. als Qualitäten auffaßt, die als Wirkungen äußerer Vorgänge durch den vorstellenden Organismus nur im Innern desselben existieren, der muß auch alles Mathematische und Mechanische, das mit diesen Qualitäten zusammenhängt, in dieses Innere verlegen. Dann aber bleibt ihm für seine Außenwelt nichts mehr übrig. Das Rot, das ich sehe, und die Lichtschwingungen die der Physiker als diesem Rot entsprechend nachweist, sind in Wirklichkeit eine Einheit, die nur der abstrahierende Verstand voneinander trennen kann. Die Schwingungen im Raume, die der Qualität «Rot» entsprechen, würde ich als Bewegung sehen, wenn mein Auge dazu organisiert wäre. Aber ich würde verbunden mit der Bewegung den Eindruck der roten Farbe haben." (Lit.: GA 6, S. 171f)

Goethes reine Phänomenologie der sinnlichen Erscheinungen

Hauptartikel: Farbenlehre

Goethe strebte im Gegensatz zur herkömmlichen Naturwissenschaft nach einer systematischen reinen Phänomenologie der sinnlich erfahrbaren Erscheinungen. Das qualitative Element steht im Vordergrund. Die Sinnesqualitäten selbst, die bei der herkömmlichen naturwissenschaftlichen Methode als vorgeblich rein subjektive Erscheinungen aus der wissenschaftlichen Theorienbildung völlig ausgeklammert werden, rücken bei Goethe gerade in den Mittelpunkt der naturwissenschaftlichen Betrachtung. In seiner Farbenlehre schreibt er:

„Ob man nicht, indem von den Farben gesprochen werden soll, vor allen Dingen des Lichtes zu erwähnen habe, ist eine ganz natürliche Frage, auf die wir jedoch nur kurz und aufrichtig erwidern: es scheine bedenklich, da bisher schon so viel und mancherlei von dem Lichte gesagt worden, das Gesagte zu wiederholen oder das oft Wiederholte zu vermehren.

Denn eigentlich unternehmen wir umsonst, das Wesen eines Dinges auszudrücken. Wirkungen werden wir gewahr, und eine vollständige Geschichte dieser Wirkungen umfasste wohl allenfalls das Wesen jenes Dinges. Vergebens bemühen wir uns, den Charakter eines Menschen zu schildern; man stelle dagegen seine Handlungen, seine Taten zusammen, und ein Bild des Charakters wird uns entgegentreten.

Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden. In diesem Sinne können wir von denselben Aufschlüsse über das Licht erwarten. Farben und Licht stehen zwar untereinander in dem genausten Verhältnis, aber wir müssen uns beide als der ganzen Natur angehörig denken: denn sie ist es ganz, die sich dadurch dem Sinne des Auges besonders offenbaren will.

Ebenso entdeckt sich die ganze Natur einem anderen Sinne. Man schließe das Auge, man öffne, man schärfe das Ohr, und vom leisesten Hauch bis zum wildesten Geräusch, vom einfachsten Klang bis zur höchsten Zusammenstimmung, von dem heftigsten leidenschaftlichen Schrei bis zum sanftesten Worte der Vernunft ist es nur die Natur, die spricht, ihr Dasein, ihre Kraft, ihr Leben und ihre Verhältnisse offenbart, so dass ein Blinder, dem das unendlich Sichtbare versagt ist, im Hörbaren ein unendlich Lebendiges fassen kann.

So spricht die Natur hinabwärts zu andern Sinnen, zu bekannten, verkannten, unbekannten Sinnen; so spricht sie mit sich selbst und zu uns durch tausend Erscheinungen. Dem Aufmerksamen ist sie nirgends tot noch stumm; ja dem starren Erdkörper hat sie einen Vertrauten zugegeben, ein Metall, an dessen kleinsten Teilen wir dasjenige, was in der ganzen Masse vorgeht, gewahr werden sollten.“

Goethe: Farbenlehre, Vorwort

Die Sinnesqualitäten als seelische Realtität in der Seelenwelt

Tatsächlich eröffnet sich der Blick für die Wirklichkeit der Qualia erst der imaginativen Anschauung, die durch entsprechende geistige Übungen erreicht werden kann.

„Mit Bezug auf die Sinneswahrnehmungen ist man aber in eine wahre wissenschaftliche Verwirrung gekommen. Die Menschen meinen vielfach - die Physiologen haben sich in dieser Beziehung sogar den Erkenntnistheoretikern und Philosophen im 19. Jahrhundert angeschlossen -, wenn wir zum Beispiel Rot sehen, so ist der äußere Vorgang irgendein Schwingungsvorgang, der sich fortpflanzt bis zu unserem Sehorgan, bis zum Gehirn. Dann wird ausgelöst das eigentliche Rot-Erlebnis. Oder es wird durch den äußeren Schwingungsvorgang ausgelöst der Ton Cis auf dieselbe Weise. Hier ist man in Verwirrung geraten, weil man dasjenige, was in uns, in unserer Körperbegrenzung lebt, gar nicht mehr von dem Äußeren unterscheiden kann. Hier spricht man durchaus davon, daß alle Sinnesqualitäten, Farben, Töne, Wärmequalitäten, eigentlich nur subjektiv seien; daß das äußere Objektive etwas ganz anderes sei.

Wenn wir nun geradeso, wie wir die drei Raumesdimensionen zunächst aus uns heraus bilden, um sie an und in den Dingen wieder zu finden, wenn wir ebenso dasjenige, was in uns sonst als Sinnesempfindung auftritt, aus uns selbst schöpfen und dann außer uns versetzen könnten, dann würden wir das erst in uns Gefundene in den Dingen ebenso finden, ja, auf uns zurückschauend, es wiederfinden, wie wir das als Raum in uns Erlebte in der Außenwelt finden und auf uns zurückschauend, uns selbst diesem Räume angehörend finden. Wir würden, wie wir die Raumeswelt um uns haben, eine Welt von ineinanderfließenden Farben und Tönen um uns haben. Wir würden sprechen von einer objektivierten farbigen, tönenden Welt, einer flutenden, farbigen, tönenden Welt, so wie wir von dem Raume um uns herum sprechen.

Das kann der Mensch aber durchaus erreichen, daß er diese Welt, die sonst für ihn nur vorliegt als die Welt der Wirkungen, kennenlernt als die Welt seiner eigenen Bildung. Wie wir unbewußt, einfach aus unserer menschlichen Natur heraus, uns die Raumesgestalt ausbilden, um sie dann in der Welt wiederzufinden, indem wir sie erst metamorphosiert haben, so kann der Mensch durch gewisse Übung - das muß er jetzt bewußt ausführen - dazu kommen, aus sich heraus den gesamten Umfang der Qualitäten enthaltenden Welt zu finden, um sie dann wiederzufinden in den Dingen, wiederzufinden zurückschauend auf sich selbst.

Was ich Ihnen hier schildere, das ist das Aufsteigen zu der sogenannten imaginativen Anschauung.“ (Lit.:GA 82, S. 58f)

Die Sinnesqualitäten sind rein seelischer und nicht physischer Natur, aber wir erfahren sie zunächst nicht in ihrer reinen Gestalt, sondern nur abgeschattet an der Materie. Als das alte Hellsehen in der Menschheit allmählich erlosch, legten sie sich gleichsam, und das gilt ganz besonders für die Farben, wie ein abgedunkelter Schleier über die Oberfläche der physischen Gegenstände und verwehrten so den unmittelbaren Einblick in die niedere Seelenwelt. Andere Sinnesqualitäten, wie etwa der Ton, scheinen mehr aus dem Inneren der physischen Dinge und Wesen hervorzudringen, aber das Prinzip bleibt das selbe.

Die Sinnesqualitäten als Keim zukünftiger Welten

Neue Welten enstehen, indem sie schöpferisch, d.h. durch einen reinen Willensakt, zuerst in Gedankenform im Devachan durch den Geist hervorgebracht werden, sich dann in der Astralwelt zu seelisch-astralen Gebilden verdichten, zu Ätherkräften formen, um schließlich in physischer Gestalt zu erscheinen. Die Sinnesqualitäten sind astrale Gebilde, in denen sich eine zukünftige äußere Welt ankündigt, an deren Gestaltung der Mensch durch seine Wahrnehmung aktiv beteiligt ist. Die Qualia sind in diesem Sinn der Anfangszustand einer zukünftigen Welt, deren späterer Endzustand - gleichsam der Leichnam dieses Schöpfungsprozesses - sich zwar noch nicht draußen in der Natur, wohl aber schon im Menschen selbst ankündigt in Form des leichnamhaften Nervensystems.

„Aus unserer, aus der physischen Scheinwelt herausgeborenen Ethik und Moral, ich habe es oft gesagt, werden künftige physische Welten entstehen, wie aus dem Pflanzenkeim heute die Pflanze entsteht. So daß man es da zu tun hat mit dem Anfangszustand des Wesenhaften. Und erst dadurch, daß man darauf kommt, daß Psychologie und Pneumatologie, damit wir eine ordentliche Naturwissenschaft haben, darauf hintendieren müssen, dasjenige, was sie durch Beobachtung gewinnen, als einen Anfangszustand zu betrachten, werden sie tatsächlich von der anderen Seite her jenes Licht werfen, das zur Naturwissenschaft gehört. Aber, was ist denn dieser Anfangszustand?

Es ist dieser Anfangszustand im Äußeren, nicht im Inneren jetzt, das geht aus meiner ganzen Betrachtungsweise hervor, es ist der Anfangszustand im Äußeren, also wenn ich hinausschaue und die grüne Pflanzendecke da ist, die farbige Welt, das Rote und Grüne und Blaue, und wenn da draußen die Töne sind. Was sind denn nur diese flüchtigen Gebilde, die die heutige Physik und Physiologie und Psychologie nur als etwas Subjektives betrachten wollen? Sie sind dasjenige, woraus sich die Welten der Zukunft draußen schaffen. Und Rot ist nicht das von der Materie im Auge oder im Gehirn Erzeugte, sondern das Rot ist der allererste noch scheinhafte Keim zukünftiger Welten. Lernen Sie das aber kennen, dann werden Sie auch ein wenig anschauen wollen, was diesen künftigen Welten draußen einmal als Leichnam entsprechen wird. Es wird nicht der Leichnam sein, den wir früher durch unsere Physik und Chemie gefunden haben, sondern es wird ein Zukunftsleichnam sein. Man wird ihn erkennen, wenn man das, was da draußen als Zukunftsleichnam einmal entstehen wird, heute schon im oberen Menschen entdeckt, in demjenigen Menschen, in dem vorzugsweise astralischer Leib und Ich tätig sind. Indem man da für diesen Anfangszustand den Endzustand erlebt, versteht man endlich ordentlich das Nervensystem und das Gehirn, insofern sie tot sind, nicht insofern sie lebendig sind. Sie können sogar toter als ein Leichnam sein in einem gewissen Sinne, indem sie den Nullpunkt des Toten, gerade im besonderen für das Nervensystem, noch überwinden und toter werden als tot. Dadurch aber werden sie gerade zu Trägern des sogenannten Geistigen, daß in ihnen das Tote lebt, daß in ihnen der Endzustand lebt, den die äußere Natur noch nicht einmal erreicht hat; daß sie noch über diesen Endzustand hinausgehen.

Zeichnung aus GA 326, S. 144

Man wird also, um Psychologie und Pneumatologie in der Welt draußen zu finden, entdecken müssen, wie im menschlichen Organismus, und zwar in der Kopforganisation und in der halben rhythmischen Organisation, vorzugsweise der Atmungsorganisation, das Tote west. Wir müssen hineinschauen in unseren Kopf und von ihm uns sagen: Der stirbt fortwährend. Denn wenn er lebte, würde die sprießende und sprossende Lebensmaterie nicht denken können. Weil er aber sich auslebt, weil er fortwährend tot wird, haben die seelisch-geistig wesenhaften Gedanken in ihm die Möglichkeit, über dem Toten sich als der neue lebendige Schein auszubreiten.“ (Lit.:GA 326, S. 143f)

Der sinnliche Wahrnehmungsprozess

Hauptartikel: Sinneswahrnehmung

Wie die sinnliche Wahrnehmung genau zustande kommt, hat Rudolf Steiner sehr deutlich am Beispiel des Farbwahrnehmungsprozesses geschildert.

"Die Sinnesempfindung besteht darin - ich kann dies heute nur als Ergebnis anführen - , daß, indem die äußere Umgebung das Ätherische aus dem Materiellen in unsere Sinnesorgane hineinsendet, jene Golfe macht, von denen ich vorgestern sprach, so daß das, was draußen ist, innerhalb unseres Sinnenbereiches auch innerlich wird, wir zum Beispiel einen Ton haben gewissermaßen zwischen Sinnesleben und Außenwelt. Dann wird dadurch, daß der äußere Äther eindringt in unsere Sinnesorgane, dieser äußere Äther abgetötet. Und indem der äußere Äther abgetötet in unsere Sinnesorgane hereinkommt, wird er, indem der innere Äther vom ätherischen Leibe ihm entgegenwirkt, wieder belebt. Darin haben wir das Wesen der Sinnesempfindung. Wie Ertötung und Belebung im Atmungsprozeß entsteht, indem wir den Sauerstoff einatmen, und ausatmen die Kohlensäure, so besteht eine Wechselwirkung zwischen gewissermaßen erstorbenem Äther und belebtem Äther in der Sinnesempfindung.

Dies ist eine außerordentlich wichtige Tatsache, die sich der Geisteswissenschaft ergibt. Denn das, was keine philosophischen Spekulationen finden, woran die philosophische Spekulation der letzten Jahrhunderte so unzählige Male gescheitert ist, das kann nur auf dem Wege der Geisteswissenschaft gefunden werden. Sinnesempfindung kann so erkannt werden als eine feine Wechselwirkung zwischen äußerem und innerem Äther; als Belebung des im Sinnesorgan ertöteten Äthers vom inneren Äther leibe aus. So daß dasjenige, was die Sinne uns aus der Umgebung abtöten, innerlich durch den Ätherleib wieder belebt wird, und wir dadurch zu dem kommen, was eben Wahrnehmung der Außenwelt ist.

Dies ist außerordentlich wichtig, denn es zeigt, wie der Mensch, schon wenn er der Sinnesempfindung sich hingibt, nicht nur lebt im physischen Organismus, sondern im ätherisch Übersinnlichen, wie das ganze Sinnesleben ein Leben und Weben im Ätherisch-Unsichtbaren ist." (Lit.: GA 066, S. 166f)

Damit das so Belebte aber auch bewusst erfahren wird, muss es auch noch vom Astralleib ergriffen werden:

"Man kommt aber, [...] wenn man sich bloß erhebt vom physischen zu dem ätherischen Leibe, doch nicht zurecht; sondern man kommt da nur an eine gewisse Grenze, die aber überschritten werden muß; denn jenseits des Ätherischen liegt erst das Seelisch- Geistige. Und das Wesentliche ist, daß eben dieses SeelischGeistige nur durch die Vermittlung des Ätherischen mit dem Physischen in eine Beziehung kommen kann. So haben wir das eigentlich Seelische des Menschen erst in dem zu suchen, was nun völlig überätherisch arbeitet und kraftet im Ätherischen, so daß das Ätherische wiederum das Physische gestaltet, wie es selbst gestaltet, durchkraftet, durchlebt ist von dem Seelischen." (Lit.: GA 066, S. 169f)

Literatur

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Weblinks

Einzelnachweise

  1. Joseph Levine: Materialism and Qualia: The Explanatory Gap. In: Pacific Philosophical Quarterly. Band 64, Nr. 4, Oktober 1983, S. 354–361 pdf
  2. Ehrlich, P. R., Raven, P. H.: Butterflies and plants: a study in coevolution, in: Evolution 18 (1964), pp. 586–608.