Gleichgewichtssinn

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Der Gleichgewichtssinn, heute auch Vestibuläre Wahrnehmung genannt, ist einer der zwölf physischen Sinne, von denen Rudolf Steiner in seiner Sinneslehre gesprochen hat. Er ermöglicht uns die Wahrnehmung unserer Körperhaltung und hilft uns bei der Orientierung im Raum. Zentrale Organe des Gleichgewichtssinns sind das Gleichgewichtsorgan mit den drei Bogengängen im Innenohr und das Gleichgewichtszentrum des Kleinhirns (Vestibulocerebellum). Daneben spielen auch andere Sinne, namentlich die visuelle Wahrnehmungen und Reflexe eine Rolle.

Die drei halbzirkelförmigen Bogengänge des Gleichgewichtsorgans sind auch von entscheidender Bedeutung für die mathematische Begabung:

"Nun hängt beim Menschen die mathematische Begabung vorzugsweise ab von den drei Kanälen im Mittelohr, die mit dem Gleichgewicht etwas zu tun haben, und es besteht für den Menschen eine Art Verbindung zwischen diesem Organ im Ohr und zwischen dem gesamten das Rückenmark konstituierenden Nervensystem. Wenn der Mensch nämlich mathematische Urteile fällt, so können wir sehen, daß er viel mehr, als man gewöhnlich glaubt, Zuschauer ist. Die mathematischen Urteile machen sich viel mehr selber, und der Mensch ist gerade auf dem Gebiete der Mathematik mehr eine Art Automat. Daher gehört es auch zu den Eigentümlichkeiten der Mathematik, daß man wirklich den Drang hat, die ganze Mathematik zu einer Art Automat zu gestalten. Man zählt nur bis zehn in unserem Zahlensystem, dann zählt man die Zehner und so weiter. Dadurch wird das ganze Rechnen innerlich automatisiert. Es besteht wirklich eine innere Gesetzmäßigkeit in den Zahlen, die in einer Art mathematischen Automatismus an die Erde gebunden ist. Beim Menschen wirkt dieser Automatismus nicht so stark, weil der Mensch herausgehoben ist aus diesem Automatismus und die Urteilskraft doch eintritt und niederhält den ganzen mathematischen Automatismus." (Lit.: Beiträge 114-115, S. 66)

„Wir haben nicht bloß einen Sinn im Ohr, sondern im Grunde zwei Sinne. Wenn die Kanäle lädiert sind und die Bögen in Unordnung geraten, bekommt der Mensch Schwindel; er kann sich in den drei Dimensionen des Raumes nicht orientieren. Es ist der Orientierungssinn, [Gravitationssinn]; dies ist sogar der ältere Sinn des Ohres. Schon bei niederen Tieren fehlen nicht die Organe, die ähnlich sind den halbbuckelförmigen Kanälchen; drin befinden sich Steinchen, man nennt sie Otolithen, welche sich bewegen, wenn das Tier seine Stellung verändert. Bei ganz niederen Tieren, wo keine Rede ist vom Hören, finden wir diese Steinchen - den Orientierungssinn. Auch schon bei Pflanzen finden wir Zellen, vorzugsweise in der Wurzelspitze, die lose liegende kleine Stärkekörner enthalten. Diese haben eine besondere Aufgabe. Die Pflanzen wachsen senkrecht aus der Erde heraus, in der Richtung der Schwerkraft nach oben. Wie find en sie den Weg? Sie haben einen Orientierungssinn durch die Stärkekörner. Die Wurzel ist der Kopf der Pflanze, bei der Umdrehung haben sich die Otolithen ausgebildet. Bei den Mondpflanzen - wie zum Beispiel bei der Mistel - finden wir sie nicht.

Sie sehen, dass die Pflanze einen Pol zur Erde hin hat, der andere Pol geht zur Sonne hin. Die Blätter streben zur Sonne; so weit sie können, stellen sie sich senkrecht zur Sonne. Das Pflanzenblatt besteht aus Zellen; an der Oberfläche grüner Laubblätter sind Zellen, welche nach außen etwas gewölbt sind und nach unten zu flach. Jede solche Zelle ist wie eine Linse mit dem hellen Brennpunkte in der Mitte. Nur dann, wenn die Partie senkrecht steht, fällt der Brennpunkt in die Mitte, sonst fällt er zurück; es ist wie mit den Augen der Insekten.

So sucht die Pflanze Sonnenpol und Erdenpol. Das ist die Eigenart der Lichtwesen oder Pflanzenwesen. Jedes Pranawesen hat diese zwei Pole, der eine zum Boden, auf dem er wächst, der andere zur Quelle, die ihm die Lebenskräfte gibt. Solange der Mensch ein Sonnenwesen war, war er auch so. Der Mensch hat sich umgedreht, dadurch hat er seinen alten Sinn, den Gravitationssinn, umgeformt und jetzt bei seinem Eintritt in das Mentale den Gehörsinn zugefügt und das korrespondierende Organ, durch das er Schöpfer wird, entwickelt. Zum Gehör tritt der Kehlkopf hinzu, ein Sinnesorgan, das zum Willensorgan wird. Beide entsprechen einander. Die Erde bringt Gravitation hervor, das Ohr nimmt die Gravitation wahr. Jetzt ist die Kraft im Menschen, nachdem er sich losgerissen hat von der Erde. Die umgewandte Gravitationskraft im Geiste, das Wort, muss er nun hervorbringen.“ (Lit.:GA 91, S. 181f)

Die Tätigkeit des Gleichgewichtssinns beruht wesentlich darauf, dass der Ätherleib vom Geistselbst (Manas) durchdrungen wird und sich dadurch elastisch ausdehnt. Dadurch verdünnt sich auch der Astralleib, ohne dabei aus dem Ätherleib herausgepresst zu werden. In der Folge kann sich auch die physische Substanz dehnen und strecken und die drei Bogengänge ausbilden und der Astralleib sich ins Gleichgewicht mit der Umgebung setzten.

„Wir kommen nun zu einem dritten Element, das den Ätherleib des Menschen durchsetzen kann. Dieses dritte Element ist auch etwas, was der Mensch heute zwar teilweise schon besitzt, aber nur zum allergeringsten Teil in sein Bewußtsein gebracht hat, nämlich Manas oder Geistselbst. Aber weil es die Erdenaufgabe des Menschen ist, dieses Manas zu entwickeln, so ist es begreiflich, daß es anders auf den Ätherleib wirkt als der Lebensgeist oder Geistesmensch, die erst in ferner Zukunft entwickelt werden sollen. Es wirkt ausdehnend auf den Ätherleib, nicht zusammenkrampfend, und die Folge davon ist, daß das Gegenteil von dem eintritt, was beim Lebenssinn als das Frostige bezeichnet worden ist. Man könnte die Wirkung von Manas auf den Ätherleib vergleichen mit dem Einströmen von Wärme in einen Raum. Etwas wie ein Wärmestrom ergießt sich beim Eintreten von Manas in den Ätherleib und dehnt ihn elastisch aus. Die Folge davon ist, daß nun auch der astralische Leib verdünnt wird, sich mit ausdehnen kann, aber ohne herausgepreßt zu werden; er kann in dem sich ausdehnenden Ätherleib drinnenbleiben. Während die Sinnesempfindüng beim Lebensgefühl darauf beruht, daß der Astralleib herausgedrückt wird, entsteht das, was statischer Sinn oder Gleichgewichtssinn genannt worden ist, dadurch, daß der Ätherleib ausgedehnt wird und dann zugleich der astralische Leib innerlich mehr Platz bekommt. Der astralische Leib wird in sich weniger dicht, er wird dünner. Als Folge dieser Verdünnung des Astral- und Ätherleibes ist nun auch für die physische Substanz die Möglichkeit geboten, irgendwie sich zu strecken und auszudehnen. Durch die Wirkung von Atma wurde der physische Leib zusammengekrampft, durch die Wirkung von Budhi wurde er im Gleichgewicht erhalten, durch die Wirkung von Manas aber wird der physische Leib entlastet, und da auch der Ätherleib sich ausdehnt, so kann er seine Partikelchen an gewissen Stellen hinausschieben. Durch solches Hinausschieben sind auch jene Organe, die drei kleinen halbzirkelförmigen Kanäle im Ohr entstanden, die aufeinander senkrecht stehen, entsprechend den drei Richtungen des Raumes. Es sind sozusagen Ausspreizungen der sinnlichen Materie des physischen Leibes. Solche Organe entstehen in der verschiedensten Weise als Neubildungen, als wunderbare Gebilde, welche nicht dadurch entstehen, daß von innen her getrieben wird, sondern dadurch, daß der Druck von außen aufhört, das heißt geringer wird und Entlastung eintritt. Dadurch, daß der Astralleib sich weiter ausdehnen kann, vermag er in Beziehung zur Außenwelt zu treten. Er muß sich mit dieser Außenwelt ins Gleichgewicht setzen. Geschieht das nicht, dann steht der Mensch schief oder er fällt sogar um. Für die beiden ersten Sinne kam das nicht in Betracht, aber diesem Sinne kommt die Aufgabe zu, sich ins Gleichgewicht zu setzen. Streben wir irgendwo hinein, so müssen wir so hinein, wie wir können; zum Beispiel in den Raum müssen wir in seinen drei Richtungen hineinstreben. Daher wachsen jene drei halbzirkelförmigen Kanäle im Ohr in den drei Richtungen des Raumes senkrecht aufeinander. Werden diese Organe verletzt, so hört der statische Sinn auf zu funktionieren und der Mensch erleidet Schwindelgefühle, Ohnmachtsanfalle und dergleichen. Wo man es mit Tieren zu tun hat, liegt die Sache so, daß die Tiere zu früh in die physische Materie heruntergestiegen sind, so daß sich bei ihnen die physische Materie noch mehr verhärtet hat. Es treten geradezu Steinbildungen auf, die Otolithen. Sie lagern sich so, daß daran das Gleichgewicht abgemessen und empfunden werden kann.“ (Lit.:GA 115, S. 37ff)

Siehe auch

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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