Ohr

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Anatomie des menschlichen Ohrs.

Das Ohr (lat. auris) ist ein Teil des Hörorgans, das als Sinnesorgan der auditiven Wahrnehmung dient. Das Hörorgan umfasst insgesamt die beiden Ohren, die Hörnerven (Nervi cochleares) und die auditiven Hirnrinde. Das Ohr ist auch der Sitz des Gleichgewichtssinns, dessen wesentlichsten Teil die drei Bogengänge bilden. Diese ermöglichen es uns zugleich nach Rudolf Steiner, gehörte Töne oder Sprache im Gedächtnis zu bewahren (siehe unten). Zusammen mit den Sprachorganen und insbesondere dem Kehlkopf bilden die Gehörorgane beim Menschen eine funktionelle Einheit, ohne die die Produktion und Rezeption von Sprache, Gesang und Musik nicht möglich wäre. Eine besondere Bedeutung kommt auch den Ohrläppchen zu.

Das Ohr als metamorphosierter kleiner Mensch

In seinem Bau ist das Ohr in gewissem Sinn eine Metamorphose des ganzen Menschen.

„Wenn Sie das menschliche Ohr in seiner innerlichen Formung ins Auge fassen, so treffen Sie zuerst, wenn Sie durch den äußeren Gehörgang durchsehen, auf das sogenannte Trommelfell. Hinter diesem Trommelfell sitzen kleine, winzig kleine Knöchelchen; die äußere Wissenschaft spricht von Hammer, Amboß, Steigbügel. Man kommt dann weiter hinter diesen Knöchelchen in das innere Ohr hinein. Ich will nicht ausführlich über diese Konfiguration des inneren Ohres sprechen. Aber schon die Bezeichnungen, die diese winzigen Knöchelchen haben, die man gleich hinter dem Trommelfell trifft, die Bezeichnungen, die diesen Knöchelchen die äußere Wissenschaft gibt, zeigen, daß eben diese äußere Wissenschaft gar keine Ahnung von dem hat, was da eigentlich vorliegt. Wenn man mit anthroposophischer Geisteswissenschaft diese Sache zu durchleuchten versteht, dann nimmt sich - ich will jetzt in der Betrachtung von innen nach außen gehen - dasjenige, was zuerst mehr auf dem inneren Teil des inneren Ohres aufsitzt, und was die Wissenschaft Steigbügel nennt, das nimmt sich aus wie ein umgewandelter, metamorphosierter menschlicher Oberschenkel mit seinem Ansatz an der Hüfte. Und dasjenige, was die Wissenschaft Amboß nennt, dieses kleine Knöchelchen, das nimmt sich aus wie eine umgewandelte Kniescheibe, und dasjenige, was von diesem Amboß dann zum Trommelfell hingeht, das nimmt sich aus wie ein umgewandelter Unterschenkel mit dem Fuß daran. Und der Fuß stützt sich in diesem Falle beim Ohr eben nicht auf den Erdboden, sondern auf das Trommelfell. Sie haben tatsächlich ein menschliches Glied im Inneren des Ohres, das umgewandelte Gliedmaße ist. Sie können auch sagen: Oberarm - , nur ist beim Arme die Kniescheibe nicht ausgebildet, es fehlt der Amboß; Sie können sagen: Unterarm - anderes kleines Gehörknöchelchen, das dann auf dem Trommelfell aufsitzt. Und ebenso wie Sie mit Ihren beiden Beinen den Erdboden befühlen, so befühlen Sie mit dem Fuß des kleinen Gehörknöchelchens das Trommelfell. Nur ist Ihr Erdenfuß, mit dem Sie herumgehen, grob gebildet. Da fühlen Sie grob den Fußboden mit der Fußsohle, während Sie das feine Erzittern des Trommelfells fortwährend abtasten mit dieser Hand oder mit diesem Fuße, den Sie da drinnen im Ohre haben. Wenn Sie weiter nach hinten gehen, so finden Sie darinnen die sogenannte Ohrschnecke. Diese Ohrschnecke, die ist mit einer Flüssigkeit gefüllt. Das alles ist zum Hören notwendig. Es muß sich das, was der Fuß abtastet am Trommelfell, fortsetzen nach dieser im Inneren der Ohrhöhlung liegenden Schnecke. Oberhalb unserer Oberschenkel liegt das Eingeweide. Diese Schnecke im Ohr ist nämlich ein sehr schön ausgebildetes Eingeweide, ein umgewandeltes Eingeweide, so daß Sie eigentlich sich vorstellen können, da drinnen im Ohre liegt in Wirklichkeit ein Mensch. Der Kopf ist in das eigene Gehirn hineingesenkt. Wir tragen überhaupt in uns eine ganze Anzahl von mehr oder weniger metamorphosierten Menschen. Das ist einer, der da drinnen sitzt.

Ja, was liegt denn da eigentlich vor? Sehen Sie, derjenige, der nun nicht mit der bloßen groben sinnlichen Wissenschaft das Werden des Menschen studiert, sondern der weiß, daß dieser Menschenkeim, der sich im Leibe der Mutter ausbildet, eben das Abbild ist desjenigen, was im vorirdischen Leben vorangegangen ist, der weiß auch, daß in den ersten Stadien der Kindeskeimesentwickelung eigentlich im wesentlichen der Kopf veranlagt ist. Das andere sind kleine Ansatzorgane. Die Ansatzorgane, die als Stümpelchen da sind und die dann die menschlichen Beine und Füße werden, die könnten nämlich, wenn es nur auf die inneren Möglichkeiten ankäme, aus dem Keim heraus, der im Mutterleibe ist, ebensogut eine Art Ohr werden. Die haben durchaus die Anlage, ein Ohr zu werden. Das heißt, der Mensch könnte auch so wachsen, daß er nicht ein Ohr nur hier hätte und hier, sondern daß er ein Ohr nach unten hätte. Das ist zwar paradox gesprochen, aber diese Paradoxie ist völlige Wahrheit. Der Mensch könnte auch nach unten ein Ohr werden. Warum wird er denn kein Ohr nach unten? Er wird aus dem Grunde kein Ohr, weil er in einem gewissen Stadium schon seiner Keimesentwickelung in den Bereich der irdischen Schwerkraft kommt. Die Schwerkraft, die einen Stein zur Erde fallen läßt, die das Gewicht bedeutet, diese Schwerkraft lastet an dem, was ein Ohr werden will, gestaltet es um, und es wird der ganze untere Mensch überhaupt daraus. Unter der Wirkung der irdischen Schwerkraft wird das Ohr, das nach unten wachsen will, der untere Mensch. Warum wird denn das Ohr nicht auch so, daß es seine Gehörknöchelchen so zu hübschen Beinchen links und rechts macht? Einfach aus dem Grund, weil durch die ganze Lage des menschlichen Keimes im Mutterleib das Ohr davor geschützt ist, in den Bereich der Schwerkraft so zu kommen, wie die Beinstummeln; es kommt nicht m den Bereich der Schwerkraft. Daher bewahrt das Ohr noch dasjenige weiter fort, was es als Anlage im vorirdischen Dasein in der geistigen Welt erhalten hat; es ist ein reines Abbild dieser geistigen Welten. Was ist denn aber in diesen geistigen Welten? Nun, davon habe ich oftmals gesprochen, die Sphärenmusik ist eine Realität, und sobald wir in die geistige Welt kommen, die hinter der Seelenwelt liegt, sind wir in einer Welt, die überhaupt in Laut und Ton, in Melodie und Harmonie und Lautzusammenklängen lebt. Und aus diesen Laut- und Tonzusammenhängen formt sich das menschliche Ohr heraus. Daher können wir sagen, in unserem Ohre haben wir eine Erinnerung an unser geistiges, vorirdisches Dasein; in unserer unteren menschlichen Organisation haben wir vergessen das vorirdische Dasein und den Organismus angepaßt an die Erdenschwerkraft, an alles dasjenige, was vom Gewicht kommt. So daß, wenn man richtig versteht die Formung des Menschen, die Gestaltung des Menschen, man immer sagen kann, irgendein Organsystem zeigt, daß es angepaßt ist an die Erde, aber ein anderes Organsystem zeigt, daß es noch angepaßt bleibt an das vorirdische Dasein. Denken Sie doch, daß wir ja eigentlich, auch wenn wir schon geboren sind, noch fortsetzen dasjenige, was schon im Keimeszustand veranlagt wird. Aufrecht gehen, uns vollständig einfügen in die Schwerkraft, uns orientieren in den drei Dimensionen des Raumes, das lernen wir erst, wenn wir schon geboren sind. Aber das Ohr reißt sich heraus aus diesen drei Dimensionen des Raumes und behält die Eingliederung, die Anpassung in und an die geistige Welt. Wir sind als Menschen immer so gebildet, daß wir zum Teile eben ein lebendiges Denkmal sind für dasjenige, was wir im Verein mit höheren Wesen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gemacht haben, und auf der anderen Seite ein Zeugnis dafür, daß wir uns eingliedern in das Erdendasein, das von der Schwerkraft, von dem Gewichte beherrscht wird.

Aber solche Umgestaltungen, sie sind nicht bloß in der Richtung verlaufend, wie ich eben gesagt habe, sondern auch in umgekehrter Richtung. Mit Ihren Beinen gehen Sie auf der Erde herum. Und Sie gehen - verzeihen Sie — zu guten, besseren und zu schlechteren Taten. Aber schließlich, für die Beinbewegungen bleibt es zunächst auf der Erde neutral, ob man zu guten oder zu bösen Taten geht. Aber ebenso wahr als es ist, daß sich der untere Mensch aus einer Ohranlage umwandelt zu demjenigen, als was er auf der Erde steht mit seinen Beinen, ebenso wahr ist es, daß alles Moralische, was durch das Gehen bewirkt worden ist, ob Sie zu guten oder zu schlechten Taten gegangen sind, sich umwandelt, nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist - nicht gleich, aber nach einiger Zeit - in Töne und Laute.

Wir nehmen also an, der Mensch sei zu einer schlechten Tat gegangen. Hier ist es höchstens so, daß wir nur verzeichnen können, wie sich die Beine bewegen. Aber den Beinbewegungen haftet die schlechte Tat an, wenn Sie durch die Pforte des Todes schreiten. Da verwandelt sich, nachdem der Mensch den physischen Leib abgelegt hat und nachdem er auch seinen Ätherleib abgelegt hat, alles, was in den Bewegungen der Beine lag, es verwandelt sich in einen Mißton, in eine Dissonanz in der geistigen Welt. Und der ganze untere Mensch verwandelt sich zurück in eine Kopforganisation. Die Art, wie Sie sich hier auf der Erde bewegen, wird, indem wir die moralische Nuancierung nehmen, zur Kopf organisation nach Ihrem Tode. Und Sie hören mit diesen Ohren, wie Sie sich moralisch benommen haben hier in der Erdenwelt. Ihre Moralität wird schöne, Ihre Unmoralität wird häßliche Musik. Und aus den konsonierenden oder dissonierenden Tönen heraus werden die Worte, wie von den höheren Hierarchien als Richtern gesprochen über Ihre Taten, von Ihnen gehört werden.“ (Lit.:GA 218, S. 310ff)

„So stark wird das Ohr aus der Sphärenharmonie heraus gebildet, daß es geschützt bleibt vor der Schwerkraft. Und die ganze Einlagerung des Ohres in dieser Flüssigkeit bezweckt, daß das Ohr geschützt ist gegen die Schwerkraft. Das Ohr ist auch in die Flüssigkeit so hineingelagert, daß die Schwerkraft nicht heran kann; dieses Ohr ist wirklich nicht ein Erdenbürger, dieses Ohr in seiner ganzen Organisation ist ein Bürger der höchsten geistigen Welt. Ebenso das Auge, und ebenso die anderen Sinnesorgane.“ (Lit.:GA 218, S. 318)

Ohr, Musik und Sphärenharmonie

Das Ohr, eines der ältesten Organe überhaupt, ist aus der Sphärenharmonie heraus gebildet und diente noch auf dem alten Mond als Aufnahmeorgan für diese. Erst während der Erdentwicklung öffnete es sich für die äußeren Töne, durch die sich die Musik als irdischer Schatten der Sphärenklänge offenbart.

„Man lernt es allmählich dem Ohre anfühlen, daß man ihm gegenüber, möchte man sagen — man muß manchmal paradoxe Ausdrücke wählen —, daß man ihm gegenüber melancholisch werden könnte, weil das Ohr zu den Organen gehört, die in ihrer ganzen Einrichtung, in ihrer ganzen Struktur zeugen von vergangenen Vollkommenheiten. Und wer die eben ein wenig angedeuteten Erlebnisse allmählich sich heranzieht, der wird den Okkultisten verstehen, der allerdings aus noch viel tieferen Kräften heraus seine Erkenntnis schöpft, den Okkultisten, der ihm sagt: Auf dem alten Mond hatte das Ohr eine viel größere Bedeutung für den Menschen als heute. Damals war das Ohr dazu da, gleichsam ganz zu leben in der auf dem Mond in einer gewissen Beziehung noch erklingenden Sphärenmusik. Und gegenüber diesen Klängen der auf dem Monde, obzwar schon schwach im Vergleich zu früher, aber doch erklingenden Töne der Sphärenmusik verhielt sich das Ohr so, daß es sie aufnahm. Es war sozusagen auf dem alten Monde vermöge seiner damaligen Vollkommenheit immer in Musik getaucht. Diese Musik, die teilte sich noch auf dem alten Monde der ganzen menschlichen Organisation mit; die Musikwellen durchdrangen auf dem alten Monde noch die menschliche Organisation, und das innere Leben des Menschen war auf dem alten Monde ein Miterleben mit der ganzen musikalischen Umgebung, ein Anpassen an die ganze musikalische Umgebung; das Ohr war ein Kommunikationsapparat, um jene Bewegungen innerlich nachzumachen, welche außen als Sphärenmusik erklangen. Der Mensch fühlte sich auf dem alten Monde noch wie eine Art Instrument, auf welchem der Kosmos mit seinen Kräften spielte, und die Ohren waren in ihrer damaligen Vollkommenheit die Vermittler zwischen den Spielern des Kosmos und dem Instrument des menschlichen Organismus auf dem alten Mond. So wird einem die heutige Einrichtung des Gehörorganes wie zum Wecker einer Erinnerung, und man verbindet einen Sinn damit, daß durch eine Art Korruption des Gehörorgans der Mensch unfähig geworden ist, die Sphärenmusik zu erleben, daß er sich emanzipiert hat und daß er diese Sphärenmusik nur hereinfangen konnte in das, was heutige Musik ist, die sich im Grunde genommen doch nur innerhalb der Luft, die die Erde umspielt, abspielen kann.“ (Lit.:GA 145, S. 48f)

„Die ganze Größe dieser Tatsache können wir nur dann ermessen, wenn wir sozusagen mit Hilfe der Akasha-Chronik in eine weite Vergangenheit des Menschen zurückblicken und dann aus dem, was wir da erforschen können, uns eine Vorstellung zu bilden in der Lage sind, was denn der Gehörapparat, das Ohr, einmal eigentlich war. Ungeheuer aufschließend für die Erkenntnis des menschlichen Wesens ist es, gerade das Ohr zurückzuverfolgen. Denn in seinem jetzigen Zustand ist dieser Gehörapparat des Menschen eigentlich, man möchte sagen, wirklich nur noch ein Schatten dessen, was er war. Dieser menschliche Gehörapparat hört heute nur die Töne oder die in Tönen sich ausdrückenden Worte des physischen Planes. Das ist gewissermaßen ein letzter Rest dessen, was durch das Gehör in den Menschen eingeflossen ist, ein letzter Rest davon; denn es flössen einstmals durch diesen Apparat ein die gewaltigen Bewegungen des ganzen Universums. Und wie wir heute nur irdische Musik durch das Ohr hören, so floß in den Menschen herein in alten Zeiten Weltenmusik, Sphärenmusik. Und wie wir heute die Worte in die Töne kleiden, so kleidete sich einstmals in die Sphärenmusik das göttliche Weltenwort, dasjenige, wovon das Johannes-Evangelium als dem göttlichen Weltenworte, dem Logos, kündet. Aus der geistigen Welt floß ein in alles, was im alten Sinn als Gehör bezeichnet werden kann, wie jetzt nur das menschliche Wort und die irdische Musik, so einst die himmlische, die Sphärenmusik, und innerhalb der Sphärenmusik das, was die göttlichen Geister sprachen. Und wie heute der Mensch durch sein Wort und durch seinen Gesang, durch seinen Ton die Luft in Formen zwingt, in Formen bringt, so brachten die göttlichen Worte und die göttliche Musik Formen hervor.

Und die kostbarste dieser Formen, die kann uns in der folgenden Weise vor die Seele treten. Betrachten Sie einmal, wenn Sie heute irgendein Wort, meinetwillen auch nur einen Vokal aussprechen, zum Beispiel das A, wie dann durch dieses A in die Luft eindringt die Möglichkeit, in dieser Luft eine Form zu bilden. So drang heraus aus dem Weltenwort in die Welt herein die Form, und die kostbarste dieser Formen ist der Mensch selber. Der Mensch selber in seinem Urzustände wurde erzeugt dadurch, daß er aus dem göttlichen Worte ausgesprochen wurde. Die Götter sprachen — und wie heute die Luft in Formen kommt durch des Menschen Wort, so kam unsere Welt in ihre Form hinein durch das Wort der Götter. Und der Mensch ist die kostbarste dieser Formen. Da war allerdings das Gehörorgan ein viel, viel komplizierteres noch. Jetzt ist es zusammengeschrumpft. Denn das, was Sie heute als äußeres Gehörorgan haben, was nur bis zu einer gewissen Tiefe in das Gehirn eindringt, das breitete sich von außen nach innen aus über die ganze menschliche Wesenheit. Und überall im Innern der menschlichen Wesenheit breiteten sich aus die Wellengänge, die den Menschen aus dem Gotteswort heraus in die Welt hineinsprachen. So ist der Mensch, als er noch spirituell erzeugt wurde, erzeugt worden durch das Gehörorgan, und so wird in der Zukunft der Mensch, wenn er wieder aufgestiegen sein wird, ein ganz rudimentäres, ein ganz zusammengeschrumpftes Ohr haben. Der Sinn des Ohres, er wird ganz und gar vergangen sein. Das Ohr ist in absteigender Bewegung; dafür aber wird zu höherem Glänze und höherer Vollkommenheit sich entwickelt haben das, was heute erst im Samenzustande ist, der Kehlkopf. Und in seiner Vollkommenheit wird es hinaussprechen das, was der Mensch für die Welt als die Wiederholung seines Wesens hervorbringen kann, wie die Götter den Menschen als ihr Geschöpf auf die Erde hereingesprochen haben. So kehrt sich der Weltengang in einer gewissen Weise um. Dieser ganze Mensch, wie wir ihn haben betrachten können, er ist so, eben wie er vor uns steht, das Produkt einer absteigenden Entwickelung, und wenn wir ein solches Organ wie das Ohr betrachten, so müssen wir uns überall sagen: Dieses Ohr, das es schon bis zu der inneren Verdichtung des Knochigen in den Gehörknöchelchen gebracht hat, dieses Ohr ist sozusagen im letzten Stadium absteigender Entwickelung. Der Sinn als solcher schwindet hin, der Mensch aber entwickelt sich in die Welt der Geistigkeit hinein, und seine aufsteigenden Organe sind die Brücken, die ihn hinaufleiten in die Geistigkeit. So verhält sich die Welt der Sinne zu der Welt des Geistes, indem die Welt der Sinne uns angezeigt wird durch lauter absterbende Organe, die Welt des Geistes durch aufsteigende Organe.“ (Lit.:GA 134, S. 103ff)

Gedächtnis für Sprache und Töne

„Damit Sie nun auch im Gedächtnis dasjenige, was Sie hören, behalten können, ist noch eine andere Einrichtung da. Da sind nämlich hier drei solche Bögen; die sind da oben (siehe Zeichnung). Sie müssen sich vorstellen also solche Bögen, die hohl sind. Da ist der zweite, der steht senkrecht drauf auf dem ersten; und da ist noch ein dritter, der steht wiederum senkrecht auf dem ändern. Sie stehen in den drei Richtungen senkrecht aufeinander. Das ist also noch ein weiteres wunderbares Gebilde, das in diesem Ohr drinnen ist. Diese Kanäle da oben sind aber hohl - natürlich, weil es Kanäle sind. Und da drinnen ist wiederum ein feines, lebendiges Wasser. Das sitzt da drinnen.

Aber das Merkwürdige an diesem lebendigen Wasser ist das, daß sich fortwährend kleine Kristalle aus diesem Wasser heraus bilden, winzige kleine Kristalle. Wenn Sie zum Beispiel hören: Haus, oder ein C hören, so bilden sich da drinnen solche kleine Kristalle; wenn Sie hören: Mensch, bilden sich etwas andere Kristalle. In diesen drei winzigen Kanälen bilden sich winzige Kristalle, und diese winzigen Kristalle, die machen, daß wir nicht nur verstehen können, sondern auch das Verstandene im Gedächtnis behalten können. Denn was tut der Mensch unbewußt?

Sie brauchen sich nur vorzustellen, Sie hören, sagen wir: fünf Franken; Sie wollen das Gesprochene erinnern, schreiben sich das in Ihr Notizbuch. Das, was Sie da mit Blei in Ihr Notizbuch eingeschrieben haben, das hat nichts mit den fünf Franken zu tun, aber Sie erinnern sich daran durch die Notiz. Geradeso wird in diese feinen Kanäle durch die winzigen Kristalle, die eigentlich wie Buchstaben sind, eingeschrieben, was man hört. Und durch einen unbewußten Verstand wird das wiederum, wenn wir es brauchen, gelesen. So daß wir sagen können: Da drinnen (in den drei halbkreisförmigen Kanälen), da ist das Gedächtnis für die Töne und für die Laute. Da hier, bei diesem Arm oder Bein (Zeichnung, Gehörknöchelchen), da ist das Verständnis. Da drinnen in dieser Schnecke, da ist ein Stückchen Gemüt vom Menschen, ein Stückchen Gefühl. Da fühlen wir die Töne in diesem (Teil des) Labyrinth, in diesem Schneckenhauswasser drinnen. Da fühlen wir die Töne. Und wenn wir reden und selbst den Ton hervorbringen, so geht durch unsere Eustachische Trompete der Wille zum Sprechen. Da ist das ganze Seelische des Menschen drinnen im Ohr: In dieser Trompete hier, da lebt der Wille; da drinnen (in der Schnecke) lebt das Gefühl; da drinnen (bei diesem Arm oder Bein, den Gehörknöchelchen) lebt der Verstand; und da in diesem (in den drei kleinen halbkreisförmigen Kanälen) lebt das Gedächtnis. Und damit der Mensch sich das, wenn es fertig ist, zum Bewußtsein bringen kann, geht von hier aus durch diese Höhle hier (siehe Zeichnung), durch dieses Loch hier ein Nerv. Der Nerv breitet sich überall aus, kleidet alles aus, geht überall hin. Und durch diesen Nerv kommt uns das Ganze dann zum Bewußtsein hier im Gehirn.

Sehen Sie, meine Herren, etwas höchst Eigentümliches! Wir haben da in unserem Schädel, in unseren Schädelknochen, eine Höhle drinnen; es geht einfach eine solche Höhle hinein. In die Höhle kommt man hinein, wenn man vom äußeren Ohr durch den Gehörgang mit Durchstoßung vom Trommelfell hineingeht. In dieser Höhle ist all das drinnen, was ich Ihnen gezeigt habe. Zunächst streckt man die Hand aus, welche die Töne, die hereinkommen, berührt, so daß wir die Töne verstehen können. Dann übertragen wir das auf diese Schnecke, auf das lebendige Wasser; dadurch fühlen wir den Ton. Wir stoßen mit dem Willen hinein durch unsere Eustachische Trompete. Und durch die kleinen Kristallzeichen, die in diesen drei, wie man sie nennt, halbkreisförmigen Kanälen sind, erinnern wir uns an dasjenige, was gesprochen oder gesungen wird, oder was uns sonst als Klang kommt.

Wir können also sagen: Da drinnen tragen wir eigentlich wiederum einen kleinen Menschen, richtig einen kleinen Menschen. Denn der Mensch hat Wille, Gefühl, Verständnis, Verstand und Gedächtnis. In dieser kleinen Höhle tragen wir wieder einen kleinen Menschen drinnen. Wir bestehen halt nur aus lauter kleinen Menschen. Unser großer Mensch ist nur die Zusammenfassung von lauter kleinen Menschen.“ (Lit.:GA 348, S. 63ff)

Ohr und Kehlkopf

Erst während der Erdentwicklung haben sich Ohr und Kehlkopf zu getrennten Organen entwickelt, auf dem alten Mond bildeten sie noch ein einziges zusammenhängendes Organ. In Rudolf Steiners Statue des Menschheitsrepräsentanten ist diese Verbindung im Antlitz des Luzifer angedeutet, der bis zu einem gewissen Grad auf dem alten Mondendasein zurückgeblieben ist.

„Und dann ist vor allem zu bemerken, daß an dieser Gestalt dasjenige da ist, was in dem Luziferwesen von dem Mondendasein zurückgeblieben ist. Das stülpt sich über das eigentliche Antlitz, das sehr tief hinein zurücktritt.

Sie können sich aus dieser Beschreibung schon denken, daß wir es mit ganz anderem zu tun haben als mit dem gewöhnlichen menschlichen Antlitz. Es ist, wie wenn der Schädelkopf für sich wäre und unten hineingesteckt dasjenige, was beim Menschen das Antlitz ist. Und dann kommt noch etwas hinzu: daß eine gewisse Verbindung gerade bei Luzifer hinzutritt zwischen dem Ohr und dem Kehlkopf. Ohr und Kehlkopf sind ja beim Menschen erst seit seinem Erdendasein auseinandergeschnitten; sie waren im Mondendasein ein einziges Organ. Was die kleinen Flügel am Kehlkopf sind, das waren mächtige Verbreiterungen, die dann die untere Ohrmuschel bildeten. Mächtige Ohrmuscheln bildeten sich etwa da, während das obere Ohr, was jetzt nach außen geht, von der Stirn aus gebildet ist. Und was heute getrennt ist, so daß, wenn wir sprechen und singen, dieses nach außen geht und wir nur mit dem Ohr zuhören, das ging während der Mondenzeit nach innen und von da in die Sphärenmusik. Der ganze Mensch war Ohr. Das kommt daher, daß das Ohr die Flügel waren; so daß Sie haben Ohr, Kehlkopf und Flügelbildungen, die nach den Schwingungen des Weltenäthers sich harmonisch-melodisch bewegen, die dann hervorbringen die eigentümliche Erscheinung des Luzifer; die heranbringen, was makrokosmisch ist, denn Luzifer hat nur lokalisiert, was eigentlich nur kosmisch ist.

Sie werden da sehen, daß man Konzessionen machen muß, damit die Menschen nicht erschrecken, wenn sie ein Gesicht sehen, das uns nicht Menschengestalt zeigt. Dann werden Sie sehen, daß sein Gesicht langgestreckt sein muß. Luzifer muß aussehen wie ein in die Länge gezogenes Antlitz, denn er ist ja ganz Ohr, die Flügel sind ja ganz Ohr, eine in die Länge gezogene Ohrmuschel.“ (Lit.:GA 157, S. 253)

Allerdings ist die Anlage des Ohres viel älter als die des Kehlkopfs.

„Den Ton empfängt der Mensch von außen durch das Ohr und gibt ihn als solchen der Umwelt zurück. Das Ohr ist als solches eines der ältesten Organe und der Kehlkopf eines der jüngsten. Ohr und Kehlkopf stehen ganz anders zueinander als alle anderen Organe. Das Ohr schwingt selber mit, es ist wie eine Art Klavier. In ihm sind eine Anzahl Fäserchen, von denen jedes auf einen gewissen Ton stimmt. Es verändert das, was draußen vorgeht, was zu ihm von außen hereinkommt, nicht oder doch nur sehr wenig. Alle anderen Sinnesorgane, zum Beispiel das Auge, verändern die Eindrücke der Umwelt. Und alle anderen Sinne müssen sich zu der Stufe des Ohres erst in der Zukunft entwickeln, denn wir haben im Ohr ein physisches Organ, das auf der höchsten Stufe der Entwicklung steht.

Das Ohr steht im Zusammenhang mit einem Sinn, der noch älter ist. Das ist der Sinn für die Raumorientierung, das heißt für die Fähigkeit, die drei Richtungen des Raumes zu spüren. Der Mensch hat nicht mehr das Bewußtsein, daß dieser Sinn in ihm steckt. Dieser Sinn steht in inniger Verbindung mit dem Ohr. Wir finden tief im Inneren des Ohres merkwürdige Bögen, drei halbzirkelförmige Kanäle, die senkrecht aufeinander stehen. Die Wissenschaft weiß nichts mit ihnen anzufangen. Doch wenn diese verletzt sind, hört bei den Menschen das Orientierungsvermögen auf. Dies sind Überbleibsel des Raumsinnes, der viel älter ist als der Gehörsinn. Früher nahm der Mensch den Raum so wahr, wie heute den Ton. Jetzt ist der Raumsinn ganz in ihn übergegangen und unbewußt geworden. Der Raumsinn nahm den Raum wahr, das Ohr nimmt den Ton wahr, das heißt das, was übergeht vom Raum in die Zeit.

Man wird jetzt verstehen, daß eine gewisse Verwandtschaft bestehen kann in bezug auf den musikalischen und den mathematischen Sinn. Der letztere ist gebunden an diese drei Halbbögen. Die musikalische Familie zeigt als Merkmal das musikalische Ohr, die mathematische Familie eine besondere Ausbildung der drei Halbbögen im Ohr, an die das Raumtalent gebunden ist. Und diese waren bei der Familie Bernoulli besonders ausgebildet und vererbten sich von einem Mitglied zum anderen wie das musikalische Ohr in der Familie Bach. Und die zur Verkörperung herabsteigenden Individualitäten mußten sich, um ihre Anlagen ausleben zu können, die Familie suchen, wo diese Erbschaft bestand.“ (Lit.:GA 283, S. 35f)

Der Kehlkopf, als aktives Klangorgan, ist noch ein sehr junges, entwicklungsfähiges Organ und wird einmal zum eigentlichen Reproduktionsorgan des Menschen aufsteigen, das Ohr hingegen bewegt sich bereits in der absteigenden Linie.

„Und es ist insbesondere darauf hingewiesen worden, wie der menschliche Kehlkopf eigentlich ein Zukunftsorgan ist, wie er dazu berufen ist, in der Zukunft etwas ganz und gar anderes zu sein, als er heute ist. Heute teilt er nur unsere inneren Zustände durch das Wort der Außenwelt mit, während er in der Zukunft mitteilen wird alles das, was wir selbst sind, das heißt, was zur Hervorbringung des ganzen Menschen dienen wird. Er wird das zukünftige Reproduktionsorgan sein. Der Mensch wird in der Zukunft nicht nur die Verfassung seines Gemütes durch das Wort zum Ausdruck bringen mit Hilfe des Kehlkopfes, sondern er wird sich selbst in die Welt hinein durch den Kehlkopf zur Darstellung bringen; das heißt, die Vermehrung des Menschen wird an das Organ des Kehlkopfes gebunden sein.

Nun gibt es in diesem komplizierten Mikrokosmos, in dieser komplizierten kleinen Welt, die wir als den Menschen bezeichnen, für ein jegliches Organ, das in dieser Weise gleichsam in seinem Samenzustande ist und in der Zukunft dann einen höheren Vollkommenheitsgrad erreichen wird, ein anderes Organ, welches dafür — sagen wir — in allmählicher Abnahme, im Hinsterben ist. Für den menschlichen Kehlkopf ist nun das entsprechende hinschwindende Organ der Gehörapparat. Und in demselben Maße, in dem der Gehörapparat für den Menschen immer mehr dahinschwinden wird, immer mehr abnehmen wird, in demselben Maße wird der Kehlkopf immer vollkommener und vollkommener werden, ein immer bedeutungsvolleres Organ werden.“ (Lit.:GA 134, S. 102f)

Literatur

Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.