Geistselbst

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Das Geistselbst (eng. spirit self), das höhere Selbst des Menschen im engeren Sinn, das ihn als Genius inspiriert und in der theosophischen Tradition auch als Manas (skrt.) oder Karana Sharira bezeichnet wird, ist jenes Wesensglied des Menschen, das durch die bewusste Arbeit des individuellen Ichs am menschlichen Astralleib gebildet wird. Um das Geistselbst zu entwickeln und bewusst in die geistige Welt einzutreten, ist absolute Unvoreingenommenheit nötig, die insbesondere durch die fünfte Nebenübung geschult wird.

Begriffsgeschichte

Der Begriff «Manas» wird erstmals im Katha-Upanishad erwähnt:

Ein Wagenfahrer ist, wisse,
Der Atman, Wagen ist der Leib,
Den Wagen lenkend ist Buddhi
Manas, wisse, der Zügel ist.

Katha-Upanishad: 3,3[1]

Die jüdische Kabbala kennt es unter dem Namen Neschama (hebr. שמה‎נ, auch N'schama), der aber auch für die Bewusstseinsseele gebraucht wird, insbesondere in ihrer Verbindung und Verschmelzung mit dem Geistselbst. Nach Rudolf Steiner wurde das Geistselbst auch als Salomo (hebr. שלמה, Schəlom:o) bezeichnet, nach dem gleichnamigen israelitischen König, bei dem alle 7 Wesensglieder des Menschen schon sehr vollkommen veranlagt waren:

„Und endlich nannten sie Manas oder Geistselbst diese Vorfahren - weil sie sagten, ein solches Geistselbst muß die Anlage in sich enthalten innerlich abgeschlossen zu sein, in sich im Gleichgewicht zu sein - , mit einem Wort, das da bedeutet «inneres Gleichgewicht», «Salomo».“ (Lit.:GA 116, S. 83)

Die Verwandlung des Astralleibs zum Geistselbst

Die Ausbildung des Manas, des Geistselbsts, beginnt mit dem sinnlichkeitsfreien reinen Denken, wie es Rudolf Steiner schon in seiner «Philosophie der Freiheit» ausführlich beschrieben hat:

„Nun habe ich versucht, die allmähliche Hinauferziehung des Menschen, die Reinigung des Menschen aus dem Seelischen in das Geistige, in einem Buche darzustellen, das ich vor einigen Jahren geschrieben habe als meine «Philosophie der Freiheit», Was ich jetzt dargestellt habe, finden Sie dort in den Begriffen der abendländischen Philosophie ausgedrückt. Sie finden dort die Entwickelung des Seelischen vom Kama zum Manasleben. Ich habe dort Ahamkara das «Ich» genannt, Manas das «höhere Denken», reines Denken, und die Buddhi, um noch nicht auf den Ursprung hinzuweisen, die «moralische Phantasie». Das sind nur andere Ausdrücke für ein und dieselbe Sache.“ (Lit.:GA 53, S. 214f)

„Heute begreifen nur wenige Menschen eigentlich das Manas. Das Denken mit dem Denken zu begreifen, das Denken im Denken zu erhaschen, die Ewigkeitsschlange fertig zu runden, das ist die Aufgabe der fünften Unterrasse[2]. Das Denken ist das Organ, wo sich zunächst das menschliche Wesen wie an einem Zipfel ergreift. Dies im Menschen anzuregen, ist der Zweck meines Buches «Die Philosophie der Freiheit».“ (Lit.:GA 94, S. 249)

Angeregt wurde die Entwicklung des Manas bereits im letzten Drittel der atlantischen Zeit durch die Venuswesenheiten, deren führender Erzengel Anael ist (vgl. auch GA 102, S. 59f):

„Und damals, als schon die Empfindungsseele, die Verstandesseele und die Bewußtseinsseele angeregt waren, da wurde der Anstoß gegeben, Manas in Fluß zu bringen. Denn dazu mußte zuerst auch noch eine Anregung gegeben werden. War es einmal in Fluß gebracht, dann konnte der Mensch sozusagen seine Entwicklung selbst in die Hand nehmen. Das war im letzten Drittel der atlantischen Zeit. Die Anreger waren die Wesenheiten, die auf der Venus waren. So können Sie sich eine Vorstellung machen von der Wechselwirkung der verschiedenen Glieder unseres Planetensystems. Wir müssen uns denken, daß der Mensch mitgebracht hatte seinen physischen Leib, seinen Ätherleib und seinen Astralleib. Dann entwickeln sich drei Glieder: die Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele und endlich Manas. Die Bewußtseinsseele hat ihre Kraft vom Jupiter, die Verstandesseele vom Merkur, die Empfindungsseele vom Mars und das Geistselbst empfing seinen Anstoß von der Venus. So müssen Sie, wenn Sie an sich selbst die Kräfte aufspüren wollen, die in Ihnen sind, zu den betreffenden Sternen aufschauen. Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen; er ist dadurch geworden, daß die Kräfte des Kosmos in ihm zusammengeflossen sind.“ (Lit.:GA 98, S. 198)

Das Geistselbst entsteht in dem Maße, als es dem menschlichen Ich gelingt, die Herrschaft über die angeborenen Triebe, Empfindungen und Begierden zu gewinnen. Während der naturhaft dem Menschen verliehene Astralleib das Ich wie eine äußere Hülle umgibt, wird das Geistselbst zum unverlierbaren inneren Bestandteil der menschlichen Individualität. Das Ich beginnt sich dadurch mit jenen schöpferischen geistigen Kräften zu erfüllen, die imstande sind einen eigenständigen Astralleib zu schaffen. Geistig veranlagt wurden diese Kräfte bereits auf der planetarischen Entwicklungsstufe des alten Mondes. Im Zuge seiner geistigen Entwicklung beginnt der Mensch, diese Kräfte in seinen innersten Wesenskern aufzunehmen. Das macht ihn erst im eigentlichen Sinn zum Menschen. Unser Wort «Mensch» weist sehr deutlich auf diesen Zusammenhang mit Manas hin. Voll und ganz wird das erst auf dem neuen Jupiter (in der Apokalypse des Johannes auch als Neues Jerusalem bezeichnet) geschehen, doch schon während unseres irdischen Daseins wird dafür eine wesentliche Vorarbeit geleistet. Bei geistig hochentwickelten Menschen, die bereits sehr energisch an der Läuterung ihres Astralleibes gearbeitet haben, und deshalb zurecht als «Heilige» bezeichnet werden, können sich schon heute wesentliche Bereiche des Geistselbstes entfalten. In der Terminologie der morgenländischen Weisheitslehren wird das Geistselbst als «Manas» bezeichnet, in der christlichen Ausdrucksweise als «Heiliger Geist».

Indem das Geistselbst im innersten Wesenskern des Menschen tätig zu werden beginnt, erwacht der Mensch allmählich zu einem neuen, höheren Bewusstsein, das ihm durch Imagination, d.h. durch bewusste bildhafte geistige Wahrnehmung, den Blick auf die geistige Welt eröffnet.

Das Geistselbst, wie es heute auftreten kann, wenn sich der Mensch entsprechend dazu vorbereitet hat, ist kein innerlicher Bestandteil des Menschen. Dazu kann es erst auf dem Jupiter werden. Was auf der Erde als Vorwegnahme des Geistselbst auftritt, wird dann richtig aufgefasst, wenn man es ansieht als ein Element, das aus der geistigen Welt in den Menschen hinein scheint. Auf der Erde soll der Mensch sein Ich entwickeln - und dazu ist es notwendig, dass das Ich in der Erdenzukunft die Vorausnahmen von Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch durchlebt - ohne aber der Illusion zu verfallen, dass diese höheren Glieder bereits sein Eigen genannt werden dürften.

Das Geistselbst entspricht dem Kausalkörper (Ursachenkörper, Ursachenträger) der Theosophen, welcher alle Erfahrungen der einzelnen Inkarnationen eines Menschen wie eine Essenz in sich ansammelt und auf ewig bewahrt.

„Jede Inkarnation ist nur ein unvollkommenes Abbild dessen, was der Mensch eigentlich ist. Das geistige Selbst ist im Geisteslande, und indem es in den menschlichen Leib, in die menschliche Seele einzieht, kann es nur ein schwaches Abbild dessen verwirklichen, was es im Grunde genommen eigentlich ist. Wenn der Mensch heimkehrt in das eigentliche Selbst, in seine ursprüngliche Eigenheit, wenn er die fünfte Region kennenlernt, da weitet sich der Blick über seine eigenen Inkarnationen, da ist er imstande, seine Vergangenheit und seine Zukunft zu überschauen. Er erlebt ein Aufblitzen des Gedächtnisses über seine vergangenen Inkarnationen und kann sie in Zusammenhang bringen mit dem, was er in der Zukunft vollbringen kann. Er überschaut die Vergangenheit und die Zukunft mit prophetischem Blick. Alles, was er vollbringt, erscheint ihm wie aus dem ewigen Selbst herausfließend. Das ist das, was das Selbst sich erwirbt in der fünften Region des Geisteslandes. Deshalb nennen wir dieses Selbst, insofern es sich in der fünften Region auslebt und sich seiner eigenen Wesenheit bewusst wird, den Ursachenträger der menschlichen Wesenheit, der alle Ergebnisse des vergangenen Lebens in die Zukunft hinüberträgt. Das, was wiedererscheint in den verschiedenen Verkörperungen, das ist der Ursachenkörper, und zwar so lange, bis der Mensch übergeht zu höheren Zuständen, wo höhere Gesetze als die der Wiederverkörperung gelten. Seit dem Anfang des Planetenlebens unterliegen wir dem Gesetz der Wiederverkörperung. Der Kausalkörper ist dasjenige, was das Ergebnis eines früheren Lebens hinüberträgt in die kommenden Leben, was als Früchte genießt dasjenige, was in den vorhergehenden Leben erarbeitet wurde.“ (Lit.:GA 88, S. 128f)

Begegnung mit dem Geistselbst im Schlaf

Die Begegnung mit dem eigenen Geistselbst ist an den Tageslauf gebunden. Im Regelfall erfolgt diese Begegnung etwa um Mitternacht im Schlaf. Durch die moderne unrhythmische Lebensweise kann es allerdings zu Verschiebungen kommen.

„Wann geschieht dies? Es geschieht einfach jedesmal ungefähr beim normalen Schlafe in der Mitte zwischen Einschlafen und Aufwachen. Bei den Menschen, die dem Naturleben näherstehen, bei den einfachen Landleuten, die mit der sinkenden Sonne schlafen gehen und entsprechend mit der aufgehenden Sonne aufstehen, fällt diese Mitte der Schlafenszeit auch wiederum mit der Mitte der Nacht mehr oder weniger zusammen. Bei dem Menschen, der sich herausreißt aus den Naturzusammenhängen, ist das weniger der Fall. Aber darauf beruht ja die menschliche Freiheit, daß dies möglich ist. Der Mensch der modernen Kultur kann sich sein Leben einrichten, wie er will; zwar nicht, ohne daß das von einem gewissen Einfluß ist auf dieses Leben, aber er kann es sich in gewissen Grenzen einrichten, wie er will. Dann kann er doch in der Mitte einer längeren Schlafenszeit das erleben, was man nennt ein innigeres Zusammensein mit dem Geistselbst, also mit den geistigen Qualitäten, aus denen das Geistselbst genommen sein wird, eine Begegnung mit dem Genius. Diese Begegnung mit dem Genius findet also beim Menschen, cum grano salis gesprochen, jede Nacht, das heißt jede Schlafenszeit, statt. Und dies ist wichtig für den Menschen. Denn was wir auch haben können an einem die Seele befriedigenden Gefühl über den Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt, es beruht darauf, daß diese Begegnung während der Schlafenszeit mit dem Genius nachwirkt. Das Gefühl, das wir im wachen Zustand bekommen können von unserem Zusammenhang mit der geistigen Welt, ist eine Nachwirkung dieser Begegnung mit dem Genius. Das ist die erste Begegnung mit der höheren Welt, von der man als zunächst etwas Unbewußtem für die meisten Menschen heute sprechen kann, das aber immer bewußter und bewußter werden wird, je mehr die Menschen die Nachwirkung gewahr werden dadurch, daß sie ihr waches Bewußtseinsleben in den Empfindungen durch Aufnahme der Ideen und Vorstellungen der Geisteswissenschaft so verfeinern, daß die Seele eben nicht zu grob ist, um die Nachwirkung aufmerksam zu betrachten. Denn nur darauf kommt es an, daß die Seele fein genug ist, in ihrem inneren Leben intim genug ist, um diese Nachwirkungen zu betrachten. In irgendeiner Form kommt diese Begegnung mit dem Genius bei jedem Menschen oftmals zum Bewußtsein, nur ist die heutige materialistische Umgebung, das Erfülltsein mit den Begriffen, die aus der materialistischen Weltanschauung kommen, namentlich das von der materialistischen Gesinnung durchzogene Leben, nicht geeignet, die Seele aufmerksam sein zu lassen auf dasjenige, was durch diese Begegnung mit dem Genius hergestellt wird. Es wird einfach dadurch, daß die Menschen sich mit geistigeren Begriffen, als der Materialismus ihnen liefern kann, vertiefen, die Anschauung von dieser Begegnung mit dem Genius in jeder Nacht etwas mehr und mehr Selbstverständliches für den Menschen [...]

Sehen Sie, schon aus der Andeutung, die ich gegeben habe, können Sie entnehmen, daß diese erste Begegnung mit dem Genius zusammenhängt mit dem Tageslauf. Sie würde, wenn wir unser äußeres Leben ganz anpassen würden als mehr unfreie Menschen, als wie wir sie sind während der modernen Kultur, zusammenfallen mit der Mitternachtsstunde. In jeder Mitternachtsstunde würde der Mensch diese Begegnung mit dem Genius haben. Aber darauf beruht die Freiheit des Menschen, daß sich das verschiebt. Also das, wo das Ich sich mit dem Genius begegnet, das verschiebt sich.“ (Lit.:GA 175, S. 57f)

Geistselbst und Ich

„Der ein «Ich» bildende und als «Ich» lebende Geist sei «Geistselbst» genannt, weil er als «Ich» oder «Selbst» des Menschen erscheint. Den Unterschied zwischen dem «Geistselbst» und der «Bewußtseinsseele» kann man sich in folgender Art klarmachen. Die Bewußtseinsseele berührt die von jeder Antipathie und Sympathie unabhängige, durch sich selbst bestehende Wahrheit; das Geistselbst trägt in sich dieselbe Wahrheit, aber aufgenommen und umschlossen durch das «Ich»; durch das letztere individualisiert und in die selbständige Wesenheit des Menschen übernommen. Dadurch, daß die ewige Wahrheit so verselbständigt und mit dem «Ich» zu einer Wesenheit verbunden wird, erlangt das «Ich» selbst die Ewigkeit.

Das Geistselbst ist eine Offenbarung der geistigen Welt innerhalb des Ich, wie von der andern Seite her die Sinnesempfindung eine Offenbarung der physischen Welt innerhalb des Ich ist. In dem, was rot, grün, hell, dunkel, hart, weich, warm, kalt ist, erkennt man die Offenbarungen der körperlichen Welt; in dem, was wahr und gut ist, die Offenbarungen der geistigen Welt. In dem gleichen Sinne, wie die Offenbarung des Körperlichen Empfindung heißt, sei die Offenbarung des Geistigen Intuition genannt. Der einfachste Gedanke enthält schon Intuition, denn man kann ihn nicht mit Händen tasten, nicht mit Augen sehen: man muß seine Offenbarung aus dem Geiste durch das Ich empfangen.“ (Lit.:GA 9, S. 52f)

Literatur

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Einzelnachweise

  1. Paul Deussen, Upanishaden, S. 353
  2. gemeint ist damit unser gegenwärtiges Bewusstseinsseelenzeitalter, das 1413 mit der anbrechenden Neuzeit begonnen hat.