Natur

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Gedacht hat sie und sinnt beständig, aber nicht als ein Mensch, sondern als Natur [...]
Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff viel Leben zu haben.
                                                  Johann Wolfgang Goethe, aus dem Fragment »Die Natur«[1]

Der Begriff Natur (lat.: natura, von nasci „entstehen, geboren werden“; griech. φύσις, physis, „das Gewachsene“) bezeichnet nach heutigem Verständnis zweierlei:

Die Naturordnung

Die Naturordnung wird aus naturwissenschaftlicher Sicht durch Naturgesetze bestimmt, die allerdings nach moderner physikalischer Ansicht keinen streng deterministischen Charakter haben.

Die Natur des Menschen umfasst im theologischen Sinn seine allgemeinen, geschöpflichen Eigenschaften, auf die sich seine natürlichen Fähigkeiten, insbesondere seine natürliche Vernunft, gründen.

Kultur und Technik

Der Natur steht die Kultur (beginnend mit der Agrikultur) gegenüber, als jener Teil der Natur, der durch die von der menschlichen Geistestätigkeit geleitete Arbeit umgeschaffen und durch das menschliche Ich neu geprägt wurde, was im Idealfall nicht zu einer Zerstörung, sondern zu einer Erhöhung und geistigen Vollendung der Natur führt, wie es namentlich die Kunst im allerweitesten Sinn vielfach geleistet hat und wie es auch der eigentlichen irdischen Aufgabe des Menschen entspricht. Erdentwicklung und Menschheitsentwicklung sind derart unauflösbar miteinander verschränkt. Gelingen wird diese Aufgabe nur, wenn der Mensch künftig einen bewussten Zugang zu den mittelbar oder unmittelbar in der Natur wirkenden und waltenden geistigen Wesen, insbesonders zu den Elementarwesen, findet.

Mit der modernen Technik, namentlich mit der der Elektrotechnik, Elektronik und mit der Anwendung der Kernenergie stößt der Mensch allerdings bereits in den Bereich der Unter-Natur vor, die dem Reich Ahrimans angehört. Es gehört allerdings mit zur wesentlichen Aufgabe des Menschen, auch diese Kräfte zu verwandeln und zu erhöhen, was aber nur gelingen kann, wenn der Mensch seine moralischen Kräfte weit über das heute allgemein gegebenen Maß zu steigern vermag. Gelingt das nicht, muss die Technik notwendig zu einer fortschreitenden Zerstörung der irdischen Natur führen, wie sie heute schon in großem Umfang zu beobachten ist. Auch hier hat man es mit einer Fülle, allerdings ganz anders gearteter, durch die menschliche Tätigkeit geschaffener Elementarwesen zu tun, die der Erlösung durch den Menschen harren.

Die Weisheit der Natur

„Gewöhnlich legt sich der Mensch die Frage nicht vor: Wie kommt es denn eigentlich, wenn wir in die Außenwelt hineinblicken, daß wir in dieser Außenwelt die Gesetze, die Begriffe, die Vorstellungen finden, welche wir in unserem Verstände in einer einsamen Dämmerstunde ausgedacht haben? Die bedeutendsten, auf das Wesen des Menschen das hellste Licht werfenden Phänomene und Erscheinungen, macht sich der Mensch meist nicht klar. Aber denken Sie nur einmal darüber nach, daß der Mathematiker in seiner Stube sitzt, nachdenkt darüber, was ein Kreis, eine Ellipse ist, daß er ohne Beobachtung von etwas, was außer ihm ist, auf dem Papier sich das Gesetz der Ellipse vorhält und studiert, so daß er weiß, was ein Kreis ist, was eine Ellipse ist, und daß er dann, wenn er rein aus sich heraus dieses Gesetz erzeugt hat, dieses Gesetz der Ellipse, des Kreises in den Planetenbahnen und in anderen Erscheinungen der Außenwelt findet. So ist es auf Schritt und Tritt in unserem geistigen Leben. Die Gesetze, die unser Geist in der Einsamkeit ersinnt, sind dieselben Gesetze, die draußen in der Welt diese Welt auch beherrschen. Nennen wir dasjenige, was der Mensch ersinnt, Weisheit, so müssen wir sagen: Im menschlichen Ich geht Weisheit auf, und draußen in der Welt finden wir, daß die Dinge in derselben weisen Art gebaut sind, in der der Mensch durch sein Denken sie schauen kann. Aber wir finden, wenn wir die Welt genauer betrachten, daß diese Weisheit der Welt sogar vieles von dem übertrifft, was der Mensch erdenken und ersinnen kann.

Lassen Sie uns einige krasse Beispiele anführen: Nehmen Sie - ich führe dieses Beispiel immer wieder und wieder gerne an - die Verrichtungen der Biber. Die Verrichtungen der Biber sind wahrhaft erstaunlicher Art, nicht nur daß sie in ihren Bauten wahre Gebilde einer instinktiven Architektur liefern, die vollendeter nicht sein könnten, wenn man sie nach allen Regeln der Mechanik und Ingenieurkunst errichtete. Nein, sie liefern noch etwas anderes: sie schützen sich in ihren Verstecken durch Dämme, durch die sie das Wasser aufhalten und in bestimmter Weise beschleunigen oder verlangsamen. Diese Dämme sind in einer Weise gegen die Stromkraft des Wassers angelegt, daß ein Ingenieur, welcher lange gelernt hat, um die mechanischen Regeln kennenzulernen, nach denen man in der besten Weise eine solche Anlage machen muß, sie nicht besser machen könnte. Ja, sie sind in einer Weise angelegt, daß man aus der Neigung, die diese Dämme haben, und durch die Winkel berechnen kann, welche Stromschnelle, welche Kraft das hinströmende Wasser hat. Sie sind so angelegt, daß der Ingenieur sie in seiner Studierstube nicht besser berechnen könnte durch seine Wissenschaft, die durch viele menschliche Gedanken und Anstrengungen erreicht worden ist.

Und nun ein anderes Beispiel: Betrachten Sie einen ganz gewöhnlichen menschlichen Oberschenkelknochen. Dieser Oberschenkelknochen ist, wenn Sie ihn durch das Mikroskop ansehen, kein kompaktes Gebilde wie ein Stück Mörtel, sondern der Knochen erscheint Ihnen durch das Mikroskop brüchig, als eine Zusammensetzung von feinen Gebilden, welche wie ein ganz feines Gebälk und Gerüst aufgebaut sind. Ein Netzwerk feiner Knochenfäden baut sich auf; das verstrickt sich, stützt sich gegenseitig, und wenn man dieses ganze Netzwerk voll Knochenfäden studiert, dann nimmt man eine merkwürdige Weisheit der Natur wahr beim Aufbau eines solchen Organismus. Wenn man zum Beispiel ein Gerüst bauen wollte, das die einzelnen Teile eines Gebälks so stützen sollte, daß es mit dem geringsten Aufwände von Kraft die größtmögliche Wirkung erzielt, könnte man das nicht besser machen, als die Natur in ihrer Weisheit einen solchen Oberschenkelknochen aus unzählig vielen kleinen Knochenfäden, die sich gegenseitig halten und stützen, aufgebaut hat. Weisheit, die der Mensch ersinnen kann nach vielen geistigen Bemühungen, finden Sie in jedem einzelnen Teile der Natur. Und könnten wir die Natur studieren, könnten wir förmlich unseren Geist ausgießen über die Natur, so daß wir in der Natur draußen wahrnehmen könnten, dann würden wir die Natur nicht als ein Zufallsprodukt, sondern als das Ergebnis unendlicher Weisheit wahrnehmen. Denken Sie sich, statt daß der rechnende Verstand durch die Tore der Sinne die Eindrücke der Außenwelt wahrnimmt und nur nachdenken kann über dasjenige, was er von außen wahrnimmt, denken Sie sich, statt dessen, Sie hätten keine Sinne, sondern der Verstand wäre gleichsam ausgegossen über die ganze Natur, Sie würden nicht die Wirkungen der Dinge auf unsere Sinne, sondern das Wesen der Dinge selbst wahrnehmen, dann würden Sie in der Weisheit der Natur stehen, dann würden Sie ein Teil der weisen Natur sein.“ (Lit.:GA 52, S. 261ff)

Bildekräfte in der Natur

Was als äußere physische Natur erscheint, ist aus den lebendigen ätherischen Bildekräften herausgewachsen. Diese Wachstumskräfte sind letzlich gedankenartiger Natur, sie sind Wachstumsgesetzmäßigkeiten, allerdings erscheinen sie nicht wie unsere menschlichen Gedanken als bloße Schatten in unserer Seele, sondern sind real gestaltende Kräfte.

"Nicht wesenlose Moleküle liegen dem zugrunde. Alles, was draußen in der Natur sich ausbreitet, es kommt vom Geiste. So ist die Blume eine ätherische Wesenheit, und andrerseits ist durch diese Blume der Geist von außen in die Erde hineingedrungen. In dem, was da aus der Erde heraus an Formen hervorsprießt, zeigt sich uns der höchste Sinn. Man wird nicht nur erkennen durch den Glauben, sondern man wird wissend werden." (Lit.: GA 130, S. 38)

Mensch, Tier und Pflanze tragen diese Bildekräfte noch als Ätherleib in ihrem Wesen; im Mineral ist dieses gestaltende Leben in festen Formen erstorben, aber auch diese Formen sind ursprünglich aus einem lebendigen Bildungsprozess hervorgegangen. Goethe hat etwas davon geahnt, wenn er sagt:

„Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen [...]
Gedacht hat sie und sinnt beständig, aber nicht als ein Mensch, sondern als Natur [...]
Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff viel Leben zu haben.“

Johann Wolfgang Goethe: aus dem Fragment »Die Natur«[1]

Abstrakt logische Gedanken reichen hin, die abgestorbene physische Natur zu begreifen. Um das das Lebendige erfassen zu können, bedarf es eines viel reicheren künstlerisch gestaltenden, bildhaften Denkens, das in sich selbst aber mindestens ebenso konsequent und klar überschaubar ist wie das abstrakt logische Denken.

"Und dann wird deklamiert von der Seite der wahren Wissenschafter: Man muß die Phantasie unterdrücken, man muß die Imagination ausschalten, wenn man die Wirklichkeit erfassen will, und muß sich auf das bloß Logische beschränken. — Ja, das kann man deklamieren, das kann man fordern. Aber denken Sie nur einmal, wenn die Wirklichkeit, wenn die Natur selber eine Künstlerin ist, da nützt es nichts, wenn man vom Menschen aus fordert, man soll nur immer alles logisch begreifen. Dann kann man der Natur eben nicht beikommen mit dem bloßen logischen Begreifen, wenn die Natur selber eine Künstlerin ist. Und die Natur ist eine Künstlerin. Das entdeckt man gerade durch anthroposophische Erkenntnis an einem bestimmten Punkte dieser Erkenntnis. Man muß aufhören, in Ideen zu leben. Man muß anfangen, in Bildern selbst zu denken, um die Natur begreifen zu können, insbesondere das Höchste an der Natur, den physischen Menschen in seinen Formen. Keine Anatomie, keine Physiologie kann den physischen Menschen in seinen Formen begreifen. Das kann allein die von dem künstlerischen Empfinden beflügelte lebendige Erkenntnis." (Lit.: GA 276, S. 114f)

"Da wird nun sogleich der heutige Philosoph kommen und sagen: Das gibt es nicht, in Bildern die Welt erfassen; künstlerisch die Welt erfassen, das gibt es nicht. Ich konstruiere eine Erkenntnistheorie; die Naturgesetze müssen mit Logik umspannt werden. Man muß alles das, was man von der Welt begreifen will, in abstrakte Begriffe, in abstrakte Gesetze bringen können. — Das mag der Mensch halt fordern und er mag solche Erkenntnistheorien begründen, aber wenn die Natur künstlerisch schafft, dann läßt sie sich eben nicht mit solchen Erkenntnistheorien einfangen; dann muß sie eben in Bildern begriffen werden. Nicht wir können der Natur vorschreiben, wodurch sie sich begreifen lassen soll, sondern wir müssen es ihr ablauschen, wodurch sie sich begreifen lassen will. Und sie läßt sich nun schon einmal in ihrem wäßrigen Elemente der Pflanzenwelt nur durch Imagination begreifen, und sie läßt sich in ihrem rhythmischen Leben bis hinaus in die Weltenweitenrhythmen nur begreifen durch die Inspiration, durch das Verfolgen des rhythmischen Lebens, durch das Sich-Hineinleben in das Atmungsleben. Wenn Sie Alpdrücken haben, dann drückt Sie der Rhythmus der Welt, der so vehement über Sie kommt, daß Sie ihn nicht aushalten können. Wenn Sie aber, nachdem Sie gewisse Übungen durchgemacht haben, nun selber hineinkriechen können in dieses Luftelement, selber sich bewegen können mit dem Rhythmus, dann geraten Sie in die Welt der Inspiration hinein, dann sind Sie außerhalb Ihres Leibes, so wie die Luft selber, die einzieht, außerhalb Ihres Leibes ist. Dann bewegen Sie sich mit der Luft in den Leib hinein, heraus. Dann gehen Sie über zum Begriff dessen, was der Mensch in Wahrheit ist, nicht dessen, was nach seinem Tode im Grabe liegt und was die heutige Wissenschaft begreifen kann.

Aber man muß sich zugleich aufschwingen von abstrakten Begriffen, von bloß logischen Bildern zu Imaginationen, zu Inspirationen und dann zu Intuitionen." (Lit.: GA 205, S. 41f)

Der Ursprung der gestaltbildenden Kräfte liegt in den Schöpfungsgedanken der Götter - im Falle unserer Erdentwicklung sind das die Elohim, die Geister der Form. Sie haben sich aber aus ihrem Werk mittlerweile zurückgezogen:

"Sehen wir uns, um das zu verstehen, einmal unsere Welt, so wie sie uns heute vorliegt, und wie wir selbst drinnen stehen, näher an. Sehen Sie einmal ab von dem Menschen selbst in der ganzen weiten Welt, sehen Sie auf alles dasjenige, was sich in der ganzen weiten Welt findet, sagen wir als Wolken, Berge, Flüsse, als die Gebilde des mineralischen, des pflanzlichen, des tierischen Reiches, und fragen wir uns: Was ist denn eigentlich in dem ganzen Umkreise dessen, was man so bezeichnen darf, wie ich es eben getan habe? - Wollen wir uns einmal schematisch das aufzeichnen, um was es sich da handelt. Sagen wir: Alles dasjenige, was wir über uns sehen können (siehe Zeichnung, oben), alles

Zeichnung aus GA 198, S 285

dasjenige, was sich als Mineralisches (rot), als Pflanzliches (grün) und bis zu einem gewissen Grade auch als tierisches Leben um uns ausbreitet - von dem Menschen sehen wir dabei ab, was es ja natürlich in Wirklichkeit gar nicht geben kann, was wir uns eben hypothetisch vor die Seele führen können -, also wir stellen uns vor, das sei die menschenentblößte Natur. Da, in dieser ganzen menschenentblößten Natur, gibt es keine Götter. Das ist dasjenige, was durchschaut werden muß! Es gibt in dieser menschenentblößten Natur ebensowenig Götter, wie es in der abgesonderten Austernschale die Auster gibt oder in der abgesonderten Schneckenschale die Schnecke gibt. Diese ganze Welt, von der ich Ihnen jetzt hypothetisch gesprochen habe, bei der wir absehen vom Menschen, sie ist dasjenige, was die Götterwesen im Laufe der Entwickelung abgesondert haben, wie die Auster ihre Schale absondert. Aber die Götter, die geistigen Wesen, sind nicht mehr darinnen, so wenig wie die Auster oder die Schnecke in ihren abgesonderten Schalen sind. Was wir als die Welt, die ich bezeichnet habe, um uns haben, ist ein Vergangenes. Indem wir hinschauen auf die Natur, schauen wir auf die Vergangenheit des Geistigen hin und auf das, was aus dieser Vergangenheit des Geistigen als ein Rückstand geblieben ist. Daher gibt es auch keine Möglichkeit, zu einem wirklich religiösen Bewußtsein bloß durch die Anschauung der Außenwelt zu kommen; denn man soll nur ja nicht glauben, daß in dieser Außenweit irgend etwas vorhanden ist von dem, was die eigentlich menschheitsschöpferischen geistig-göttlichen Wesen sind. Elementarwesen, gewiß, niedere geistige Wesenheiten, das ist etwas anderes; aber dasjenige, was eigentlich die schöpferischen geistigen Wesenheiten sind, die in das religiöse Bewußtsein als solches einzugehen haben, das gehört dieser Welt nur insofern an, als diese Welt die Schale davon ist, das Residuum, der Rückstand." (Lit.: GA 198, S. 285)

Die Umgestaltung der Natur durch den Menschen

Dass der Mensch durch seine Kulturtätigkeit, namentlich seit der explosionsartigen Entwicklung der Technik, einen immer größeren, nicht immer heilsamen Einfluss auf die Umgestaltung der Natur nimmt, ist klar zu sehen. Nicht so offensichtlich seine unmittelbare geistige Wirkung auf das Naturgeschehen. Tatsächlich gehen alle in der Natur scheinbar selbsttätig wirkenden Kräfte vom Menschen aus, der von Anfang an, schon lange bevor er in der heutigen körperlichen Gestalt erschien, mit der ganzen Erdentwicklung verbunden war. Die ganze Evolution des Erdplaneten wird - noch immer weitestgehend unbewusst - durch die Willeskräfte des Menschen vorangetrieben. Er ist in Wahrheit „Der blinde Uhrmacher“, von dem der militant atheistische Evolutionsbiologe Richard Dawkins spricht, nicht der der Welt völlig entrückte, bloß abstrakt erdachte Gott der Theologen - abgesehen davon, dass die Natur kein „Uhrwerk“, sondern ein Kunstwerk ist. Der wirkliche Gott, die schöpferische Urkraft, die schon durch die Gemeinschaft der Elohim wirkte, ist in dem Christus Mensch geworden und durch Tod und Auferstehung gegangen. Je mehr sich der Mensch bewusst mit seiner Kraft erfüllt, die ganz individuell das wahre Ich jedes Menschen ist, im Sinne des paulinischen Wortes: „Nicht ich, sondern der Christus in mir“, umso bewusster wird er an der weiteren Verwandlung der Erde mitwirken können. Dann wird nicht nur der einzelne Mensch, sondern die ganze Erde in Form des „Neuen Jerusalems“ der Auferstehung teilhaftig. Damit ist auf künftige Wiederverkörperung der Erde als neuer Jupiter hingewiesen.

Die in der Natur wirkenden Kräfte sind heute allerdings zunächst keine aufbauenden, sondern zerstörerische Abbaukräfte, die der Mensch braucht, um sein Ich-Bewusstsein zu entwickeln und zu erhärten. Sie sind zugleich auch die Quelle des Bösen. Ein Zerstörungsherd wirkt im Inneren des Menschen, wo die Materie ins Chaos gestürzt und aufgelöst wird. Sein leibliches Zentrum liegt im Schwerpunkt des heutigen Menschen unterhalb des Zwerchfells im der Stoffwechsel-Gliedmaßen-System. Diese Kräfte sind dem Bewusstsein normalerweise nicht zugänglich, da sie jenseits des Erinnerungsspiegels liegen. Die Ursache dieser Zerstörungskräfte liegt in unserem Denken. Ohne dass es uns bewusst wird, dringen unsere Gedanken unter den Erinnerungsspiegel hinunter in jenen Bereich des Ätherleibs, der dem Wachstum, aber auch der Entstehung der Willenskräfte zugrunde liegt. Dieser Teil des Ätherleibs bewirkt dann im physischen Leib die Auflösung der Materie. Aber mehr noch, gehen von allen Menschen gemeinsam von hier Wirkungen aus, die die wirkende Ursache für das sind, was zum großen Teil im mineralischen, im pflanzlichen und tierischen Reiche auf der Erde an Auflösungsprozessen vor sich geht. Der Wille hängt mit diesen auflösenden Kräften unseres Planeten zusammen, die im Wachzustand des Menschen wirken.

„Die wenigsten Menschen wissen, daß im Mineral-, im tierischen, im pflanzlichen Reiche Vorgänge vor sich gehen, weil in Wahrheit im Inneren der Menschenorganismen die Ursachen für diese Vorgänge liegen, nicht für das gesamte Wirken im mineralischen, tierischen und pflanzlichen Reiche, sondern für einen großen Teil der Wirkungen. Die auf der Erde herumwandelnde Menschheit trägt in sich eigentlich die Ursache für dasjenige, was geschieht. So daß eigentlich Mineralogie, Botanik, Zoologie nicht getrieben werden können ohne Anthropologie, ohne beim Menschen anzufragen. Die Wissenschaft spricht Ihnen von chemischen, von physikalischen, mechanischen Kräften. Innig verwandt sind diese physischen, chemischen, mechanischen Kräfte mit der menschlichen Willenskraft, mit derjenigen menschlichen Willenskraft, die eigentlich im Schwerpunkt des Menschen konzentriert ist. Wenn man von der Erde redet und will die Wahrheit treffen, muß man nicht von irgendeiner abstrakten Erde sprechen, wie es die Geologen tun, sondern man muß von der Erde so sprechen, daß man die Menschheit zu der Erde hinzurechnet. Das sind die Wahrheiten, die sich enthüllen jenseits der Schwelle. Alles dasjenige, was diesseits der Schwelle gewußt werden kann, gehört eigentlich in das Reich der Erkenntnisillusionen, gehört nicht in das Reich der Erkenntniswahrheiten.“ (Lit.:GA 191, S. 231)

„Wir hängen durch unseren Willen eben durchaus mit den Untergangskräften unseres Erdenplaneten zusammen. Und würden wir als Menschen der Gegenwart nichts anderes haben als Willenskräfte, dann würde unsere Erde durch uns Menschen, durch die Menschheit dazu verurteilt sein, bloß zerstört zu werden. Wir müßten dann einer Erdenzukunft entgegensehen, die wahrhaftig kein sehr erhebendes Bild ergeben würde und die darin bestehen würde, daß die Erde sich allmählich auflöste und in den Weltenraum zerstreut würde. So sind wir mit Bezug auf den einen Pol beschaffen.“ (S. 232)

Doch das ist nur die eine Seite, denn im Schlaf entfalten sich zum Ausgleich Aufbaukräfte, die ebenfalls in die Natur hinauswirken. Durch sie wird neue verwandelte Materie geboren, der die Früchte der bisherigen Menschheitsentwicklung, die der Mensch durch seine Kulturtätigkeit zunächst bildhaft schöpferisch hervorgebracht hat, einverwoben sind.

„Was von uns getan und geschaffen wird, das wird dereinst auf dem Jupiter sichtbar sein, so zum Beispiel der Kölner Dom, Raffaels Wunderwerke, Musik etc. Der Kölner Dom wird auf dem Jupiter in einem gewachsenen Gebilde sichtbar werden. Raffaels Bilder, sie werden ähnlich als Fata Morgana, als Wolken, den Jupiter umgeben. Die Musik wird als Sphärenmusik dort auf dem Jupiter erklingen.“ (Lit.:GA 266a, S. 195)

„Geradeso wie die Ursachen für alles Zerstörende im menschlichen Willen liegen, der im Schwerpunkt des Menschen konzentriert ist, so liegen die aufbauenden Kräfte in derjenigen Sphäre, die die Menschen betreten während ihres Schlafes. Vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist der Mensch mit seinem Ich und seinem astralischen Leib in einem Zustande, den wir gewöhnlich dadurch bezeichnen, daß wir figürlich sagen: Das Ich und der astralische Leib sind außerhalb des physischen Leibes. Aber da ist der Mensch eben durchaus ein geistig-seelisches Wesen, und da entwickelt er die Kräfte, die gerade wirksam werden zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Und während dieser Zeit steht er durch diese Kräfte in Beziehung zu alldem, was den Erdenplaneten aufbaut, was zu den zerstörenden Kräften die aufbauenden Kräfte hinzubringt. Wenn Sie auf der Erde niemals herumgehen würden, so würden die zerstörenden Kräfte, die eigentlich von Ihrem Willen ausgehen, nicht innerhalb des mineralischen, des pflanzlichen, des tierischen Reiches auf der Erde wirken. Wenn Sie auf der Erde niemals schlafen würden, so würde von Ihrer Intelligenz nicht dasjenige ausgehen, was die Erde immer wiederum aufbaut. Auch die eigentlich aufbauenden Kräfte unseres Erdenplaneten liegen in der Menschheit selbst. Ich sage nicht: Im einzelnen Menschen. - Ich habe ausdrücklich vorher gesagt, wie diese einzelnen Ursachen zusammenhängen. Aber in der ganzen Menschheit liegen die Kräfte auch für den Aufbau, und zwar in dem intelligenten Pol des menschheitlichen Wesens; aber nicht bei der Tagesintelligenz. Die Tagesintelligenz ist etwas, was sich wie ein Totes hineinstellt in das Erdenwerden. Die Intelligenz des Menschen, die für ihn unbewußt während des Schlafens wirkt, ist eigentlich dasselbe, was den Erdenplaneten fortwährend aufbaut.“ (Lit.:GA 191, S. 233)

Diese Tätigkeit tritt noch deutlicher hervor im Leben zwischen Tod und neuer Geburt.

„Wenn nun der Mensch gestorben ist, dann ist sein Ich auf dem Astralplan mit den Ichs - dieser ungewöhnliche Plural kann nicht umgangen werden - der Tiere zusammen, und er kann dort eine Arbeit verrichten wie die Ichs der Tiere. Diese Arbeit besteht darin, daß er die Tierwelt nach und nach verändert. Im unteren Devachan findet er die Ichs der Pflanzen als seine Genossen; da kann er die Pflanzenwelt verändern. Auf diese Weise wirkt er selbst mit an der Umgestaltung der Erde.

Mithin ist es der Mensch selbst, der die großen Veränderungen der Erde vollbringt; er arbeitet selbst an dem Antlitz der Erde. Den so ganz veränderten Schauplatz bei seiner neuen Inkarnation hat der Mensch selbst bewirkt. Aber diese Arbeit verrichtet er unter der Leitung und Führung höherer Wesen. Es ist also durchaus wahr, wenn wir im Hinblick auf die Tier- und Pflanzenwelt, die sich fortwährend verändert, sagen: Das ist das Werk der Verstorbenen. Die Toten arbeiten an der Umgestaltung der Fauna und Flora, ja selbst an der Umwandelung der physischen Formen der festen Erde. Erdenarbeit ist Totenarbeit. Auch in den Naturkräften haben wir die Handlungen der entkörperten Menschen zu sehen. Und wie gewaltig arbeiten diese Naturkräfte die Erde um!“ (Lit.:GA 95, S. 49f)

Siehe auch

Literatur

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Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 13, Hamburg 1948 ff. Die Natur (Fragment) [1]