Determinismus

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Astronomische Uhr, Prag

Der Determinismus (lat. determinare „abgrenzen“, „bestimmen“) lehrt, im Gegensatz zum Indeterminismus, dass alle Ereignisse einen unverrückbar festgelegten Verlauf nehmen, dass insbesondere künftige Ereignisse vollständig durch die in der Vergangenheit liegenden Ereignisse bestimmt sind und notwendig als deren Folge eintreten müssen. Der Determinismus ist damit eng verwandt mit dem Glauben an die Unausweichlichkeit des Schicksals bzw. mit dem Prädeterminismus, wonach alles Geschehen im Kosmos von Anfang an vorherbestimmt ist. Eine wesentliche Quelle des Determinismus ist der islamisch geprägte Arabismus, nach dessen Anschauung das menschliche Schicksal (Kismet) allein durch den Willen Allahs bestimmt ist. Das bekannte geflügelte Wort „Gott würfelt nicht!“ bekundet Albert Einsteins wissenschaftliches und deistisch-religiöses Bekenntnis zu einem durchgehenden Determinismus.

Der Determinismus offenbart damit seine philosophisch-theologischen Wurzeln und ist keineswegs ein allgemeingültiges Ergebnis der empirischen Forschung, sondern ein metaphysisches Postulat. Nur sind heute an die Stelle Gottes oder der Götter die allgegenwärtigen Naturgesetze getreten. Diese haben allerdings keinen ursächlichen Charakter, sondern geben nur an, wie (d.h. nach welcher Regel) etwas geschieht, wenn es geschieht, aber nicht dass bzw. warum es geschieht bzw. notwendig geschehen muss. Dazu bedarf es zusätzlich des Kausalprinzips, wonach jede Wirkung durch eine vorangegangene Ursache bedingt ist. Der Blick wird damit nur auf das Vergangene, Gewordene gerichtet, nicht auf das Werdende, das die Möglichkeiten der Zukunft ausschöpft.

„Wenn der Mensch mehr zurückblickt auf das Vergangene, dann hat für ihn mehr Eindruck die Idee, alles sei notwendig gewesen, es hätte nicht anders geschehen können. Wenn der Mensch mehr auf die Zukunft hinblickt, dann hat für ihn mehr Eindruck die Idee, es müsse möglich sein, daß er selber, der Mensch, da wo es ihm gegönnt ist, mit seinem Willen eingreifen könne. Kurz, der Mensch wird immer in eine Art von Zwiespalt kommen zwischen der Annahme einer unbedingten Notwendigkeit, die durch alle Dinge geht, und auf der anderen Seite der notwendigen Voraussetzung der Freiheit, ohne die er eigentlich nicht bestehen kann in seiner Weltanschaung, weil er sonst annehmen müßte, daß er wie eine Art Rad in dem großen Räderwerk des Daseins eingewoben sei, welches durch die dieses Räderwerk dürchwaltenden Mächte so bestimmt ist, daß auch die Verrichtungen eben seines Rad-Daseins vorausgenommen sind.

Sie wissen ja auch, daß der Zwiespalt, sich für das eine oder für das andere zu entscheiden, gewissermaßen durch alles Geistesstreben der Menschheit durchgeht, daß es immer Philosophen gegeben hat, man nennt sie Deterministen, die annahmen, daß alles Geschehen, in das wir mit unserem Handeln, mit unserem Wollen eingesponnen sind, streng vorausbestimmt sei, daß es Indeterministen gegeben hat, welche das Gegenteil annahmen: daß der Mensch eingreifen kann durch sein Wollen, durch seine Ideen, in den Gang der Entwickelung. Sie wissen auch, daß das äußerste Extrem des Determinismus der Fatalismus ist, der so streng an einer die Welt durchwaltenden geistigen Notwendigkeit festhält, daß er voraussetzt, daß nichts, gar nichts irgendwie anders geschehen könne, als es eben vorausbestimmt ist, und daß sich der Mensch nur passiv zu fügen habe in das Fatum, das über die Welt ergossen ist dadurch, daß eben alles vorausbestimmt ist.“ (Lit.:GA 166, S. 12f)

Von einer Überdeterminierung spricht man, wenn für ein bestimmtes Ereignis mehrere von einander unabhängige, gleichzeitig auftretende Ursachen angegeben werden. In der Debatte um das Leib-Seele-Problem wird das häufig als Argument gegen eine zu den physikalischen Ursachen hinzukommende mentale Verursachung angeführt.

Ob die Willensfreiheit mit dem Determinismus vereinbar ist - die Frage nach Kompatibilismus und Inkompatibilismus - wird in der Philosophie und in den Wissenschaften heftig diskutiert. Nach Ansicht der meisten Vertreter des kausalen Determinismus ist die Freiheit des Willens eine bloße Illusion, wobei die (empirisch allerdings niemals zu beweisende) durchgehende Kausalität des gesamten Weltgeschehens als dogmatisches Argument dient.

„In jeder sittlichen Handlung kann sich der Mensch seiner Freiheit bewußt sein. Und geradeso, wie wir Rot oder Weiß erleben, so erleben wir eigentlich als Menschen wirklich die Freiheit. Aber wir leugnen sie. Wir leugnen sie unter der Autorität der gegenwärtigen Wissenschaft. Warum? Weil die gegenwärtige Wissenschaft nur auf das Mechanische hinschauen will, wo immer das Frühere die Ursache des Späteren ist. Und da diktiert dogmatisch diese Wissenschaft: Alles muß seine Ursache haben. Die Kausalität diktiert sie dogmatisch, und weil die Kausalität richtig sein muß, weil man auf die Kausalität dogmatisch schwören will, deshalb betäubt man sich über das Gefühl der Freiheit. Die Wirklichkeit wird in Nacht getaucht, um das Dogma aufrechtzuerhalten, in diesem Falle das Dogma der äußeren, eine so starke Autorität ausübenden Wissenschaft.“ (Lit.:GA 225, S. 179f)

Der Glaube an die Unfreiheit des Willens hängt stark damit zusammen, dass wir bezüglich des Willens auch tagsüber schlafen:

„Eines müssen wir beachten, worauf auch schon oftmals von mir hingedeutet worden ist. Wir schlafen als Menschen nicht nur in der Nacht. Wir schlafen tatsächlich auch bei Tage, nur merkt man den Tagesschlaf weniger als den Nachtschlaf. In der Nacht ist das Gedankenleben des Menschen herabgedämmert, und weil der Mensch zunächst vorzugsweise seelisch in seinen Gedanken lebt, so merkt er naturgemäß das Herabgedämmert sein des Gedankenlebens während des Nachtschlafes mehr. Bei Tage ruht mehr das Willensleben, das merkt man weniger, weil man weniger in dem Willen lebt. Eine Folge dessen ist all das Streiten der Philosophen über die Freiheit und Unfreiheit des Willens, weil sie nicht beachten, daß sie als Tagschläfer den Willen untersuchen und daher auf seine wahre Natur nicht kommen können, so daß sie viel ungereimtes Zeug sprechen über den freien und den unfreien Willen, über Indeterminismus und Determinismus. Tatsächlich, während wir unser breites, tägliches Leben entfalten, ist unser Willensleben nur in sehr geringem Grade uns bewußt, es taucht hinunter in das Unterbewußte, in die rein dem astralischen Leibe angehörige Region.“ (Lit.:GA 275, S. 20f)

Ein vollkommen deterministisches Universum wäre - zumindest prinzipiell - vollkommen vorherberechenbar, wie es klassisch schon Pierre-Simon Laplace beschrieben hat (Laplacescher Dämon):

„Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als Folge eines früheren Zustandes ansehen und als Ursache des Zustandes, der danach kommt. Eine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kräfte kennt, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenwärtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, würde in der gleichen Formel die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts wäre für sie ungewiss, Zukunft und Vergangenheit lägen klar vor ihren Augen.“

Pierre-Simon de Laplace[1]

Laplace war nach der Aussage Rudolf Steiners die Reinkarnation eines großen Gelehrten vom Hofe des Kalifen Al-Ma'mūn, der von 813 – 833 in Bagdad regierte und dort das „Haus der Weisheit“ nach dem Vorbild der Akademie von Gundishapur gegründet hatte:

„Und sehen Sie, dasjenige, was überhaupt in Vorderasien seit Urzeiten außerordentlich stark gepflegt worden ist, das ist das Astronomische in der Form von Astrologischem; aber man darf das Astrologische von damals nicht identifizieren mit dem dilettantenhaften Zeug, das später als Astrologie gepflegt worden ist, das heute als Astrologie gepflegt wird, sondern man muß einen Begriff sich bilden können von den tiefen Einsichten, die in das geistige Gefüge des Weltenalls in diesen Zeiten vorhanden waren, und die in einer ganz besonderen Weise ausgeprägt wurden gerade unter den Arabern, als sie eben Mohammedaner waren, als sie die Dynastie, die Mohammed begründet hat, in der verschiedensten Weise fortsetzten. Gerade Astronomie, Astrologie in der alten Form wurden da gepflegt.

Und so sehen wir, als die Residenz von Damaskus nach Bagdad verlegt wird, Mamun herrschen im 9. Jahrhundert. Wir sehen während der Regierung des Mamun - all das waren ja Nachfolger des Propheten - , wir sehen da besonders Astrologie in der Weise gepflegt, in der sie dann dilettantisch in allerlei Traktate übergegangen ist in Europa. Die Dinge wurden später gefunden. Durch die Kreuzzüge kamen sie herüber, wurden aber furchtbar verballhornt. Aber es war das eigentlich eine großartige Sache. Und wenn wir unter denjenigen Persönlichkeiten nachforschen, die in der Geschichte nicht mit Namen genannt werden, die aber in der Umgebung des Mamun, 813 bis 833, gelebt haben in Bagdad, gerade dort Astrologisches-Astronomisches pflegend, so finden wir eine glänzende Persönlichkeit, die tief vertraut war mit Mamun - der Name wird historisch nicht genannt, ist auch gleichgültig - , eine Persönlichkeit, die in höchster Schätzung stand, die gefragt wurde immer, wenn es sich darum handelte, irgend etwas aus den Sternen heraus zu lesen. Und viele Maßnahmen wurden da drüben getroffen im äußeren sozialen Leben nach dem, was solche Zelebritäten, wie dieser Gelehrte am Hofe Mamuns, aus den Sternen heraus zu sagen wußten.

Und wiederum, verfolgt man die Linie, in der sich die Seele dieses Gelehrten vom Hofe des Mamun in Bagdad weiterentwickelt, verfolgt man diesen Weg, man wird heraufgetrieben bis zu dem modernen Astronomen Laplace. Und da erscheint also wiederum eine der Persönlichkeiten in Laplace, die am Hofe des Kalifen Mamun lebten. Man möchte sagen, was an großen Impulsen, und auch an kleinen Impulsen - die kleinen brauche ich ja nicht alle aufzuzählen -, was an großen und an kleinen Impulsen hereingeflossen ist aus dieser Gabelung nach Europa, nachdem das äußere geschichtliche Werden schon versiegt war, das zeigt uns, wie auf geistige Art der Arabismus weiterlebt, wie diese Gabelung hier fortdauert.

Sie wissen, meine lieben Freunde, Mohammed selber hat noch den Hauptsitz des Mohammedanismus, Medina, begründet, dort, wo dann die Residenz seiner Nachfolger war. Später wurde diese Residenz nach Damaskus, wie ich schon erwähnt habe, verlegt. Und wir sehen dann, wie diese Residenz von Medina herauf nach Damaskus verlegt wird, wir sehen, wie von Damaskus aus durch Kleinasien bis an die Pforte von Europa, bis an Konstantinopel heran, die Feldherren der Nachfolger des Mohammed vorstürmen und eben wiederum auf den Sturmflügeln des Krieges dasjenige tragen, was sie an bedeutsamer Kultur von dem religiösen Leben des Mohammed zwar befruchten lassen, was aber durchsetzt ist eben mit dem, was auf dem Wege des Alexander, was an Aristotelismus herübergekommen ist von Griechenland, von Mazedonien aus, von allen möglichen Kulturzentren aus nach Asien.

Und hier geschieht ja auch etwas Merkwürdiges. Hier wird durch die türkische Überflutung dasjenige ganz ausgelöscht, was herangestürmt ist vom Arabismus. Nur Rudimente, nur Reste finden dann die Kreuzfahrer, aber nicht herrschende Kulturströmungen; die Türken löschen das aus. Was sich durch Afrika, Spanien, nach dem Westen herein fortpflanzt, das pflanzt sich gewissermaßen in Kultur-, in Zivilisationsruhe fort; da findet man immer wieder Anknüpfungspunkte. Der Gelehrte Mamuns, Harun al Raschid selber, Tarik, sie fanden als Seelen die Möglichkeit, das, was sie in der Seele trugen, anzuknüpfen an das, was da war, indem ja in der Seele, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, immer eine gewisse Aneignungskraft bleibt für die Gebiete, auf denen man gewirkt hat. Wenn das auch durch andere Schicksalsimpulse verändert werden kann, es wirkt dennoch nach. Wird es verändert, so wirkt es als Sehnsuchten nach und dergleichen. Aber gerade weil an einen strengen Determinismus durch das Arabertum geglaubt worden ist, stellte sich, als die Möglichkeit geboten wurde, auf geistige Art fortzusetzen, was zunächst auf kriegerische Art impulsiert werden sollte, eben auch die Möglichkeit ein, diese geistigen Strömungen insbesondere nach Frankreich, nach England herauf zu tragen. Laplace, Darwin, Bacon, viele ähnliche Geister könnten in dieser Richtung vorgeführt werden.“ (Lit.:GA 235, S. 177ff)

Der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs merkt zur Problematik des Determinismus kritisch an:

„Die Einwände gegen die beschriebene Freiheit im Sinne des tatsächlichen Anderskönnens – in der Debatte auch als libertarische Freiheitskonzeption bezeichnet – beruhen letztlich auf einem allgemeinen oder speziellen Determinismus, der freilich nicht durch Forschungsresultate begründet ist, sondern eher den Charakter einer weltanschaulichen Überzeugung trägt. Gegen den universalen Determinismus lassen sich überzeugende Gründe vorbringen, insbesondere die Tatsache, dass auch physikalische Naturgesetze den Weltverlauf keineswegs in allen Details festlegen. Sie sind vielmehr als Regularitäten anzusehen, die in systematischer Form beschreiben, was geschieht. Sie haben also keine präskriptive, sondern nur deskriptive Gültigkeit. Der tatsächliche Weltverlauf kennt Überlagerungen, Singularitäten und chaotische Prozesse. Erst recht hat die probabilistische Quantenphysik der Doktrin des universalen Determinismus einen schweren Schlag versetzt.

Indeterminiertheit erscheint nicht mehr als Ausnahme von der Regel, sondern vielmehr als ein Grundzug der Naturprozesse. Aber auch ein spezieller, nämlich neuronaler Determinismus bleibt eine unbewiesene Annahme. Bislang gibt es keine deterministischen neurobiologischen Gesetze, die auch nur die Voraussage einer Handlung eines Menschen in den nächsten Sekunden oder Minuten erlauben würden.“ (Lit.: Fuchs, S. 265)

Allerdings ist der Indeterminismus noch weniger ein Garant der menschlichen Freiheit, denn dieser führt letztlich alles Geschehen auf den unausweichlichen Zufall zurück, der sich dem menschlichen Willen entzieht. Zufällige Entscheidung sind daher alles andere als frei und würden auch nicht zu irgendwie vorhersehbaren, sondern nur zu zufälligen Wirkungen führen. Manche Denker wie etwa der US-amerikanische Philosoph Daniel C. Dennett (* 1942) sehen daher den Determinismus sogar als Voraussetzung für den freien Willen an:

„Etwas ist unvermeidlich für dich, wenn es nichts gibt, was du dagegen tun kannst. Wenn dich ein zufälliger Blitzstrahl totschlägt, können wir rückblickend wahrhaftig sagen, dass es nichts gab, was du dagegen hättest tun können. Du hattest keine Vorwarnung. Wenn du in der Tat mit der Aussicht konfrontiert bist, über ein freies Feld zu laufen, wo Blitze ein Problem sein werden, dann bist du besser dran, wenn ihr Zeitpunkt und ihr Ort von irgendetwas bestimmt wird, denn dann sind sie vielleicht für dich vorhersehbar und darum vermeidbar. Determinismus ist der Freund, nicht der Feind derer, die das Unausweichliche nicht mögen.“

Daniel C. Dennett: Freedom evolves, S. 60[2]

Wäre alles Geschehen innerhalb der physischen Welt streng deterministisch, so wäre diese vollkommen in sich abgeschlossen. Nach den Ergebnissen der Quantentheorie ist allerdings ein durchgängiger Determinismus innerhalb der physikalisch fassbaren Welt nicht haltbar. Im Rahmen der Quantenmechanik sind nur Wahrscheinlichkeitsaussagen über künftige Beobachtungen möglich, was nach der Kopenhager Deutung bedeutet, dass das raum-zeitliche Verhalten eines mikrophysikalischen Systems grundsätzlich indeterminiert ist, dafür aber ein streng gesetzmäßig geordnetes Feld von Möglichkeiten eröffnet. Auch für die moderne Evolutionstheorie ist der - quantentheoretisch zu rechtfertigende - Zufall ein wesentlicher Faktor. Gerade dadurch eröffnet sich aber aus geisteswissenschaftlicher Sicht der Ausblick auf höhere Weltebenen, also etwa auf die Ätherwelt, die Astralwelt und die eigentliche geistige Welt, durch deren wissenschaftliche Erkenntnis sich höhere Gesetzmäßigkeiten enthüllen, die letzlich aus den Taten höherer geistiger Wesen hervorgehen, die regelnd und ordnend in die unteren Daseinsebenen einwirken, ohne die dort gültige naturgesetzliche Ordnung aufzuheben.

Von entscheidender Bedeutung für den freien Willen ist das rechte Gleichgewicht zwischen Geist und Natur:

„Sie wissen ja, meine lieben Freunde, wie sauer es wird einem Menschen, eine Idee zu begreifen, die eigentlich für den unbefangenen Menschen selbstverständlich ist und welche geleugnet wird, weil der Intellekt von den Philosophen nicht heran kann: die Idee des freien Willens. Ich sagte über die Sinnesempfindungen: die Dinge, die in den Physiologien und in den Psychologien stehen, nehmen sich dem gegenüber, der die Dinge durchschaut, kindisch aus. Aber was über die Idee des freien Willens geschwätzt wird, erst recht. Denn Sie müssen bedenken, daß der freie Willensentschluß in jedem Augenblick ein Effekt der ganzen menschliehen Wesenheit ist; der ganzen menschlichen Wesenheit, wie sie sich gesund oder krank oder halbkrank oder übergesund darlebt, in dem freien Willensimpetus. Im freien Willensimpetus liegt der ganze Mensch darinnen, aber mit alledem, was man am ganzen Menschen durchschauen kann, mit allen Komplikationen liegt er darinnen. Die menschliche Natur lernt man erst kennen, wenn man sie in dieser Komplikation erkennen lernt. Und sehen Sie, das, was bei abnormen Persönlichkeiten nach der einen oder anderen Seite hin eine abnorme Schattierung annimmt, ist aufgehoben, zur Harmonie vereinigt in jedem Menschen. Es ist ein trivialer Ausspruch, aber er ist wahr: so wie der Mensch zugänglich ist für den Cherubim, so ist er auch zugänglich für den Teufel. Und auch diese Prozesse, wo der Mensch zugänglich ist für den Teufel - wir werden sie noch studieren. Aber das alles ist auch im gewöhnlichen Menschen, nur daß die entgegengesetzten Tätigkeiten sich aufheben, weil sie sich nach den verschiedensten Richtungen gleich stark entwickeln. Wenn in jedem ein Engel ist, so ist auch in jedem ein Teufel. Aber wenn der Engel und Teufel gleich stark sind für irgend etwas, dann heben sie sich auf.

Zeichnung aus GA 318, S. 46 (Tafel 4)

Nun betrachten Sie diese Waage (siehe Zeichnung). Es gibt einen Punkt, es ist dieser. Sie können hier Gewichte auflegen, das kann alles in Bewegung geraten. Das bleibt immer in Ruhe, das Hypomochlion, es wird nicht berührt von dem, was Sie links, von dem, was Sie rechts auflegen. Aber es muß die Einrichtung getroffen werden, daß es nicht berührt zu werden braucht. Ein ähnliches geistiges Hypomochlion wird im Menschen bewirkt von den entgegengesetzten Kräften. Sie können daher studieren des Menschen Natur. Sie werden nirgends eine Veranlassung haben, den Menschen als freies Wesen zu statuieren, denn in der Natur des Menschen ist alles kausal bedingt. Studieren Sie mit materialistischer Gesinnung die Natur des Menschen: Sie kommen nicht zur Freiheitsidee, Sie kommen zur kausalen Bedingung. Sie können aber auch den Menschen geistig studieren. Sie kommen zur Determination des Willens durch die Gottheit oder die geistigen Wesenheiten, aber Sie kommen nicht zur Freiheit des Willens. Sie können ein grobklotziger Materialist sein und die Freiheit leugnen und die Naturkausalität des Willens studieren, Sie können ein feinsinniger Kopf sein wie Leibniz und auf das Geistige sehen: Sie kommen zum Determinismus. Natürlich, solange Sie die Waagschale mit dem Waagbalken hier studieren, kommen Sie nur zur Bewegung; solange Sie die Waagschale mit dem Waagbalken hier studieren, kommen Sie auch nur zur Bewegung. So ist es, wenn Sie den Menschen studieren nach der Natur, so ist es, wenn Sie den Menschen studieren nach dem Geist. Sie kommen nicht zur Freiheit. Sie liegt mitten drinnen im Gleichgewichtspunkt zwischen beiden.

Das ist die Theorie. Aber die Praxis ist so, daß Sie zu entscheiden haben bei einem Menschen, der vor Ihnen steht in einer schwierigen Lebenslage, ob Sie ihn verantwortlich machen können für seine Tat. Da wird die Frage praktisch, ob er seinen freien Willen handhaben kann oder nicht. Woran können Sie das entscheiden? Dadurch, daß Sie zu beurteilen vermögen, ob seine geistige und physische Konstitution sich das Gleichgewicht halten. In beide Fälle kann sowohl der Arzt wie der Priester kommen. Daher muß zur Schulung des Arztes wie des Priesters gehören ein Durchschauen jenes Zustandes, in dem der Mensch entweder im Gleichgewicht zwischen Geist und Natur ist, oder in dem dieses Gleichgewicht verschoben ist.

Niemals kann über das Verantwortungsgefühl einer menschlichen Persönlichkeit anders entschieden werden als nach einer tiefen Erkenntnis der menschlichen Wesenheit. Die Freiheitsfrage in Verbindung mit der Verantwortungsfrage ist eben eine denkbar tiefste.“ (Lit.:GA 318, S. 45ff)

Siehe auch

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
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Einzlnachweise

  1. zit. nach:  O. Höfling: Physik. Band II Teil 1, Mechanik, Wärme. 15. Auflage. Ferd. Dümmlers Verlag, Bonn 1994, ISBN 3-427-41145-1.
  2. „Something is inevitable for you if there is nothing you can do about it. If an undetermined bolt of lightning strikes you dead, then we can truly say, in retrospect, that there was nothing you could have done about it. You had no advance warning. In fact, if you are faced with the prospect of running across an open field in which lightning bolts are going to be a problem, you are much better off if their timing and location are determined by something, since then they may be predictable by you, and hence avoidable. Determinism is the friend, not the foe, of those who dislike inevitability.“
    Daniel C. Dennett: Freedom evolves. Viking Press, New York 2003, ISBN 0670031860, S. 60.