Kompatibilismus und Inkompatibilismus

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Kompatibilismus, auch „weicher Determinismus“ genannt, ist eine Theorie, nach der freier Wille und Determinismus miteinander vereinbar sind.[1] Einer der bekanntesten Vertreter des Kompatibilismus ist David Hume. Nach Hume bedeutet „freier Wille“ nicht die Fähigkeit, unter exakt gleichen inneren und äußeren Bedingungen jeweils eine andere Entscheidung treffen zu können. Vielmehr versteht er darunter eine hypothetische Fähigkeit, eine andere Entscheidung treffen zu können, wenn der Mensch psychologisch durch andere Wünsche oder Überzeugungen anders disponiert gewesen wäre. Laut Hume werden alle freien Handlungen durch Entscheidungen verursacht, die aufgrund von Wünschen, Überzeugungen und Charaktereigenschaften getroffen werden. In Humes Vorstellung von Determinismus gibt es zwar einen Entscheidungsprozess, dieser wird jedoch bestimmt durch eine Kausalkette von Ereignissen. So ist nach einem Beispiel des stoischen Philosophen Chrysippos ein an einem Karren festgebundener Hund, der sich „frei“ entscheidet, diesem nachzufolgen, „determiniert“ durch Bedingungen (z. B. dem Wagen), die bereits vorhanden waren, als die Entscheidung getroffen wurde.

Einige Kompatibilisten sehen im Determinismus sogar eine notwendige Voraussetzung für die Existenz des freien Willens. Da freie Handlungen und Entscheidungen nur dann frei sind, wenn sie aus Gründen erfolgen, erfordert Willensfreiheit den Determinismus, nämlich den Determinismus durch Gründe. Dieser Argumentation zufolge ist es gerade der Determinismus, der die Willensfreiheit stützt und nicht der Indeterminismus. Dieses Argument wird als Intelligibilitätsargument bezeichnet und von Daniel C. Dennett wie folgt kommentiert:

„Determinism is the friend, not the foe, of those who dislike inevitability“[2]

Inkompatibilismus ist die entgegengesetzte Sicht, dass freier Wille und Determinismus inkompatibel sind. Die „pessimistische“ Version besagt, dass weder Determinismus noch Indeterminismus einen freien Willen zulassen. Nach Humes oben genannter Auffassung gibt es keinen freien Willen ohne Determinismus. Hingegen geht die inkompatibilistische Position davon aus, dass „freier Wille“ sich auf echte (absolute, ultimative) alternative Möglichkeiten von Wünschen, Überzeugungen oder Handlungen bezieht und dass solche Möglichkeiten in kompatibilistischen Definitionen nicht vorkommen. Nur diese absolute Auffassung von Freiheit verträgt sich demnach mit der Vorstellung individueller Verantwortung. Kompatibilisten entgegnen, dass solche absoluten alternativen Möglichkeiten ihre Ursache nur im Zufall haben können, was die Verantwortlichkeit des Einzelnen verringere.

Es gibt Auffassungen, die nicht so leicht zu kategorisieren sind. Im Libertarianismus wird die Position vertreten, dass die Erfahrung des freien Willens eine nicht-deterministische Welt voraussetze. Einige Vertreter dieser Anschauung gehen von einem Determinismus in der „physikalischen“ Welt aus, postulieren jedoch, dass es für „geistige“ Ereignisse keine Begrenzungen gibt.

Eine prägnante Beschreibung der beiden Begriffe ist in der „Stanford Encyclopedia of Philosophy“ zu finden (s. u. Weblinks):

Die Auffassung des Determinismus besagt, dass alles, was geschieht, bestimmt ist durch vorangehende Bedingungen in Verbindung mit den Naturgesetzen. Inkompatibilismus ist die philosophische Auffassung, dass wir dann, wenn der Determinismus der Wahrheit entspricht, keinen freien Willen haben. Die Ablehnung des Inkompatibilismus ist der Kompatibilismus: Ein Kompatibilist ist jemand, der glaubt, dass die Wahrheit des Determinismus einen freien Willen nicht ausschließt.

William James, der amerikanische Philosoph und Mitbegründer des philosophischen Pragmatismus, prägte den Begriff „weicher Determinist“ in einem einflussreichen Essay mit dem Titel The Dilemma of Determinism. Er vertrat die Meinung, dass die Bedeutung der Frage des Determinismus nicht in der persönlichen Verantwortlichkeit liege, sondern in der Hoffnung. Er ging davon aus, dass kompromissloser Determinismus entweder zu blankem Pessimismus führe oder zu einem degenerierten Subjektivismus im moralischen Urteilen. Demnach ist der Ausweg aus diesem Dilemma, die Rolle des Zufalls zu akzeptieren. Laut James kann auf den Begriff des „freien Willens“ auf diesem Hintergrund auch ganz verzichtet werden, er debattiere lieber über Sachfragen als über Bezeichnungen.

Festzuhalten ist allerdings, dass der universelle Determinismus keine empirisch überprüfbare Tatsache, sondern eine metaphysische Annahme ist. Der Psychiater und Philosoph Geert Keil stellt zusammenfassend fest:

„(1) Der Determinismus sagt, dass die Zukunft notwendig so sein wird, wie sie sein wird. Er geht über die Tautologie »Que sera, sera« hinaus.
(2) Dies wirft die Frage auf, woher die modale Kraft des Determinismus stammen soll.
(3) Im Rahmen eines naturwissenschaftlichen Weltbildes scheiden Gottes Wille und das Fatum als Modalitätsquellen aus, es bleiben die Naturgesetze.
(4) Nicht Naturgesetze jedweder Art sind zur Stützung des Determinismus geeignet, sondern nur solche, die Aussagen über empirische Ereignisfolgen machen oder implizieren. In Ermangelung einer anderen Modalitätsquelle steht und fällt der Determinismus mit der Annahme, dass der Weltlauf ausnahmslosen Sukzessionsgesetzen unterliegt.
(5) Die Physik scheint keine ausnahmslos geltenden Gesetze über empirische Verläufe zu kennen. Die fundamentalen Naturgesetze sind von anderer Art.

Wenn der universale Determinismus eine metaphysische Doktrin ist, die sich durch empirische Belege weder widerlegen noch als wahr erweisen lässt, ist auch die sich auf den Determinismus berufende Leugnung der Willensfreiheit eine metaphysische These, keine wissenschaftliche. Wir müssen uns an dieser Stelle mit dem Zwischenfazit begnügen, dass jedenfalls eine in der Freiheitsdebatte anzutreffende Stilisierung unhaltbar ist: die des Deterministen als eines Freundes der Wissenschaften, der die Empirie auf seiner Seite hat und mit der Fackel der Aufklärung dem unbelehrbaren Libertarier gegenübertritt, der sich an den metaphysischen Indeterminismus klammert, um seine Freiheit zu retten. Angesichts der Schwierigkeit, auch nur ein einziges empirisch wahres deterministisches Verlaufsgesetz anzugeben, drängt sich die Frage auf, was hier eigentlich der empirische Befund ist und was die metaphysische Behauptung.“ (Lit.: Keil 2018, S. 50f.)

Literatur

Weblinks

 Wiktionary: Kompatibilismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Inkompatibilismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Nach Max Scheler und Karl Jaspers liegt das letztlich daran, dass im Entscheiden „eine Seite unserer Existenz zum Vorschein [kommt], die sich prinzipiell einer ‚Verobjektivierung‘ entzieht“ ([[Wikipedia:Reinhold Zippelius|]], Rechtsphilosophie, 6. Aufl., § 25 III). Das unmittelbare Erleben des eigenen Handelns, Liebens, Hassens und Vorstellens selber ist etwas grundsätzlich anderes als das Erfassen eines Gegenstandes (Max Scheler, Der Formalismus in der Ethik und die Materiale Wertethik, 4. Aufl., 1954, S. 385)
  2. Daniel C. Dennett: Freedom evolves. Viking Press, New York 2003, ISBN 0670031860, S. 60.
Dieser Artikel basiert (teilweise) auf dem Artikel Kompatibilismus und Inkompatibilismus aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU Lizenz für freie Dokumentation und der Creative Commons Attribution/Share Alike. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.