Max Scheler

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Max Scheler (1874-1928)
Max Scheler (Gemälde von Otto Dix (1926))

Max Scheler (* 22. August 1874 in München; 19. Mai 1928 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Philosoph und Soziologe.

Scheler war der Sohn eines Domänenverwalters und einer streng jüdischen Mutter. Er konvertierte 1899 zum Katholizismus. Er studierte Medizin, Philosophie und Psychologie in München und Berlin. In Berlin studierte er noch Soziologie, u.a. bei Wilhelm Dilthey, Carl Stumpf und Georg Simmel. In Jena lernte er den Neukantianismus mit den Bereichen Ethik und Erkenntnistheorie kennen und promovierte bei Rudolf Eucken 1897 mit dem Thema Beiträge zur Feststellung der Beziehungen zwischen den logischen und ethischen Beziehungen. Danach erfolgte 1899 ebendort die Habilitation über das Thema Die transzendentale und die psychologische Methode. Sein Studium von 1900 bis 1901 des Werkes Logische Untersuchungen von Edmund Husserl führten bei ihm zu ersten Momenten des Umdenkens. Bis 1905 lehrte er in Jena als Privatdozent. Weil seine krankhaft eifersüchtige Frau Amélie von Dewitz-Krebs einen Eheskandal herbeigeführt hatte, mußte er seine Position in Jena aufgeben.

Bei einer Umhabilitation in 1906 nach München machte er die Bekanntschaft der dort ansässigen Phänomenologen als Schüler von Theodor Lipps. Neben Husserl wird er in dieser Periode von Immanuel Kant, Henri Bergson und Friedrich Nietzsche beeinflußt. Im Jahre 1909 wird er durch seine Frau wiederum in einen Skandal, den Prozess "über die Würde des Hochschullehrers", verwickelt, so dass er 1910 auch dort seine Position als Dozent aufgeben muß. Er geht nach Göttingen und Berlin und nimmt dort eine freie Lehrtätigkeit auf. Ab 1911 beginnt seine fruchtbare Schaffensperiode mit zahlreichen Publikationen, beginnend mit seinem Hauptwerk über einen ethischen Personalismus. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau heiratet er 1912 Märit Furtwängler, die Tochter des Archäologen Alfred Furtwängler.

Rudolf Steiner berichtet über seine Begegnung mit Max Scheler:

„Ich hatte in Weimar Vorträge über anthroposophische Themen zu halten. Es wurde auch ein Vortrag in kleinerem Kreise in Jena veranlaßt. Nach demselben gab es noch ein Zusammensein mit einem ganz kleinen Kreise. Man wollte über dasjenige diskutieren, was Theosophie zu sagen hatte. In diesem Kreise war Max Scheler, der damals in Jena als Dozent für Philosophie wirkte. In eine Erörterung über dasjenige, was er an meinen Ausführungen empfand, lief bald die Diskussion ein. Und ich empfand sogleich den tieferen Zug, der in seinem Erkenntnisstreben waltete. Es war innere Toleranz, die er meiner Anschauung entgegenbrachte. Diejenige Toleranz, die für denjenigen notwendig ist, der wirklich erkennen will.

Wir diskutierten über die erkenntnistheoretische Rechtfertigung des Geist-Erkennens. Wir sprachen über das Problem, wie sich das Eindringen in die Geistwirklichkeit nach der einen Seite ebenso erkenntnistheoretisch müsse begründen lassen, wie dasjenige in die Sinnes-Wirklichkeit nach der ändern Seite.

Schelers Art, zu denken, machte auf mich einen genialischen Eindruck. Und bis heute verfolge ich seinen Erkenntnisweg mit dem tiefsten Interesse. Innige Befriedigung gewährte es mir immer, wenn ich - leider ganz selten - dem Manne, der mir damals so sympathisch geworden war, wieder begegnen konnte.

Für mich waren solche Erlebnisse bedeutsam. Jedesmal, wenn sie kamen, war wieder eine innere Notwendigkeit da, die Sicherheit des eigenen Erkenntnisweges aufs neue zu prüfen. Und in diesem immer wiederkehrenden Prüfen entfalten sich die Kräfte, die dann auch immer weitere Gebiete des geistigen Daseins erschließen.“ (Lit.:GA 28, S. 441f)

Das hält Steiner allerdings nicht davon ab, sich auch kritisch zu äußern:

„Scheler ist ein begabter Mensch, aber ich frage mich doch immer, warum Scheler - der zum Beispiel über die unmittelbare Wahrnehmung des Fühlens, also über das unmittelbare Erleben des Mitgefühles sehr schöne Abhandlungen geschrieben hat -, warum er nicht dazu kommt, nun wirklich eine selbständige Weltanschauung irgendwie zu gewinnen? Warum katholisiert er so furchtbar stark? Warum sucht er die Anlehnung an den alten Katholizismus? Das ist etwas, was mir doch zeigt, daß diese Philosophen Brentanoschüler sind.“ (Lit.:GA 73a, S. 503)

Im Jahre 1913 veröffentlicht er die Arbeit Der Formalismus in der Ethik und materiale Wertethik. Hier beschreitet er neue Wege abseits von Husserl mit ontologischen und/oder realistischen Tendenzen, beginnend mit einem materialen Apriori. Ausgangspunkt sind bei ihm die Erfahrungen der Sachen und ihren Wesensgesetzen. Er löst hierbei die Kantsche Pflichtethik durch seine Wertethik ab, indem er zum Theoretischen und Praktischen das emotionale Wertgefühl einbringt. Das Sittliche baut nun bei ihm personalistisch auf einer konkreten Wertbestimmung auf. Damit führte er die phänomenologsiche Philosophie weiter, wichtige Momente der Zeit aufnehmend.

Scheler hat damit ein objekiv stufenförmiges System der Werte aufgebaut(als Selbstwertmodi):

  1. sinnliche Werte : angenehm - unangenhem
  2. vitale Werte : edel - gemein (Lebenswerte)
  3. geistige Werte : recht - unrecht, schön - häßlich, wahr - falsch : "reine Wahrheitserkenntnis" (Funktionen des geistigen Fühlens)
  4. heilige und profane Werte
  5. Konsekutivwert : die Nützlichkeit

Aus gesundheitlichen Gründen brauchte er nicht im Ersten Weltkrieg dienen. Er vertrat aber zu Beginn des Krieges wie viele andere Akademiker eine nationale Position, die er im Verlaufe der Kriegsjahre aber revidierte. So äußerte er 1915 in seiner Schrift "Der Genisus des Krieges", dass der Weltkrieg ein Aufruf zur geistigen Wiedergeburt des Menschen sei und ein eine Zerfallserscheinung des Kapitalismus sei. Er kam zu der Auffassung, dass für Europa eine christlicher Sozialismus oder Solidarismus der geeignete Weg wäre, um auch einen Weg zwischen dem kapitalistischen Westen und dem kommunistischen Osten zu finden. In der Beschäftigung des Geistes der platonisch-augustinischen Liebe im Katholizismus entwickelte er sich zu einer weltoffenen Glaubenshaltung. Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer holte ihn an die neu gegründete Universität, wo er Direktor des Instituts für Sozialwissenschaften wurde, womit er zum Aufbau einer neuen Soziologie beitrug. In dieser Lehre verknüpfte er zwei historische Momente der Gesellschafts- und Wisssenschaftsentwicklung in Europa: die neue Physik des 17. Jahrhunderts und die Herausbildung der kapitalistischen Wirtschaft. In seiner Wissenssoziologie traf er die Unterscheidung von drei Arten oberster Wissensformen:

  • das Leistungs- und Herrschaftswissen der positiven Wissenschaften
  • das Bildungswissen der Philosophie
  • das Erlösungs- und Heilswissen der Religionen

Jede dieser Wissensformen zeichnet sich durch spezifische Motivation, Erkenntnisziele, Erkenntnisakte, vorbildhafte Persönblichkeitstypen, soziale Gruppen des Wissenserwerbs und der Wissensverbreitung und historischer Bewegungsformen aus.

Mit der Publikation Vom Ewigen im Menschen von 1921 wurde er zur Führungsperson der geistigen religiösen Erneuerungsbewegung in der katholischen Tradition. Doch seine eigenpersönliche Entwicklung band ihn selber in diese Bewegung nicht ein. Auf einer Gedenkfeier zum 250. Geburtstag von Spinoza hielt er eine Rede, die zeigte, dass er sich inzwischen dem Neuspinozismus der Goethezeit und den Ideen von Friedrich Nietzsche zugewandt hatte. Nach seiner Berufung 1921/1922 zum Professor für Philosophie und Soziologie an die Universität Köln distanzierte er sich öffentlich vom katholischen Glauben. Als er 1924 nach erneuter Scheidung eine Ehe mit Maria Scheu einging, wurde er von konservativen Katholiken als ein labiler Charaktermensch beurteilt, der zwischen Triebhaftigkeit und Geistigem schwanken würde. Sein Hang zur geistigen Bewältigung der Zeitkrisen drängte ihn zu neuen Auffassungen. So nahm er eine Einladung des Reichskanzlers an und sprach vor den Generälen der Reichswehr zum Thema der Friedenssicherung. An der Deutschen Hochschule für Politik hielt er einen Vortrag zum Thema "Der Mensch im Zeitalter des Ausgleichs".

Mit diesem Thema wollte er den "uralten tragischen deutschen Gegensatz von Macht und Geist überwinden". Er hatte die Absicht, die parlamentarische Demokratie gegen Angriffe von Rechts und Links zu verteidigen. Den Ausgleich wollte er auch gegenüber den "Panromantikern" wie Ludwig Klages suchen, eine Brücke zwischen dem Männlichen und Weiblichen, der westlichen und östlichen Welt, den apollinischen und dionysischen Tendenzen im Geiste der Idee von Nietzsche schlagen. Er vertrat die Ansicht, dass ohne diese geistige Brückenbildung des Ausgleichs es zu einer verhängnisvollen Entwicklung kommen müßte.

Die hervorragendste Wirkung seines Schaffens bewirkte er mit seiner Veröffentlichung von 1928: Die Stellung des Menschen im Kosmos, die auf einen Vortrag im April 1927 zurückgeht, wo er auf der Tagung "Mensch und Erde" in Darmstadt an der "Schule der Weisheit" von Hermann von Keyserling einen Vortrag hielt, zusammen mit dem Ethnologen Leo Frobenius, dem Sinologen Richard Wilhelm und dem Psychologen Carl Gustav Jung. In dieser Schrift zeichnete er die menschliche Psyche in vier Schichten nach dem Stufenbau der organischen Natur:

  • Gefühlsdrang
  • Instinkt
  • assoziatives Gedächtnis
  • praktische Intelligenz

Diesen setzte er ein gänzlich anderes Prinzip des Geistes entgegen, wodurch der Mensch dem Naturzusammenhang vollkommen "enthoben" sei. Allerdings seien das Leben und der Geist aufeinander angewiesen: der Geist durchdringe das Leben mit Ideen, die dem Leben erst seine Bedeutung geben würden. Dagegen würde das Leben erst dem Geist ermöglichen, sich eine Tätigkeit zu geben und diese im Leben zu verwirklichen.

In seinem Vortrag nimmt er zum Standpunkt der technischen Intelligenz eine radikale Position ein. So behauptete er, dass die Intelligenz von Thomas Edison als Physiker, den Menschen nicht über die Leistungen eines Schimpansen erhöhe, wenn man von den Untersuchungen von Wolfgang Köhler ausgehen würde. Er bezeichnete den Weltgrund als bipoplar. Dieser würde in der Selbstbehauptung des Lebensdrangs einerseits und der Ausrichtung des Geistes auf Wesenheiten andererseits bestehen. So würden die technischen Leistungen sich in einem "Weltauftrag" bestimmen und begrenzen lassen.

Werke

  • Zur Phänomenologie und Theorie der Sympathiegefühle und von Liebe und Haß, 1913
  • Der Genius des Kriegs und der Deutsche Krieg, 1915
  • Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik, 1913 - 1916
  • Vom Umsturz der Werte, 1919
  • Neuer Versuch der Grundlegung eines ethischen Personalismus, 1921
  • Vom Ewigen im Menschen, 1921
  • Probleme der Religion. Zur religiösen Erneuerung, 1921
  • Wesen und Formen der Sympathie, 1923 (neu aufgelegt als Titel von 1913: Zur Phänomenologie ...)
  • Schriften zur Soziologie und Weltanschauunslehre, 3 Bände, 1923/1924
  • Die Wissensformen und die Gesellschaft, 1926
  • Der Mensch im Weltalter des Ausgleichs, 1926
  • Die Stellung des Menschen im Kosmos, 1928
  • Philosophische Weltanschauung, 1929
  • Gesammelte Werke, 15 Bände, 1954 - 1998
  • Von der Ganzheit des Menschen: Ausgewählte Schriften: Liebe, Ethik, Erkenntnis, Leiden, Zukunft, Realität, Soziologie, Philosophie, Bouvier 1991, ISBN 341602253X

Literatur


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