Dramentheorie

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Dramentheorien (griechisch: dráma „Handlung“, theõría „Sehen, Betrachtung“) beschäftigen sich mit der Frage, was für ein Drama charakteristisch ist. Das Drama wird dabei als eine Kunstform begriffen, in der eine schriftlich fixierte Vorlage zum Ausgangspunkt einer Aufführung wird.[1]

Im Gegensatz zu den Gattungen der Lyrik und Epik, in denen es um von Texten eröffnete Vorstellungsräume in der Imagination des Lesers geht, beansprucht das Drama die sinnliche Wahrnehmung eines Publikums während der Aufführung.[2]

Dramentheorien wurden seit der Antike von Autoren oder Dramaturgen aufgestellt. Manchmal versuchen sie, bestehende Dramen induktiv nach Gemeinsamkeiten zu ordnen oder gegenüber anderen Dramen zu rechtfertigen, manchmal sind sie auch als Programm für künftige Dramen mit ethischen oder politischen Zielen oder als Anleitung für die Konstruktion „guter“ Dramen gemeint.

Da die heutige Dramentheorie ihren Gegenstand als „plurimediale Darstellungsform“ begreift, die nur im Zusammenhang von Text und Aufführung ihre volle Wirkung entfaltet, geht sie über die reine Textanalyse des Dramentextes hinaus, die sich im Wesentlichen auf die Deutung und Auslegung des Textsubstrats beschränkt.[3]

Begriff

Das Drama war in der Antike, und wiederum seit der Renaissance bis etwa 1900, die angesehenste Gattung der Dichtung, wenn es auch der Roman in seiner öffentlichen Bedeutung zunehmend übertraf. Daher gab es beständig Diskussionen darüber, was dieses Angesehene ausmacht und vom weniger Angesehenen unterscheidet. So wurden in den Dramentheorien oft die schriftstellerische Qualität und der soziale Rang eines Dramas miteinander in Übereinstimmung zu bringen versucht oder gegeneinander ausgespielt. Dies betrifft vor allem die traditionelle Unterscheidung zwischen Tragödie und Komödie. Seit dem späteren 18. Jahrhundert ist auch der kommerzielle Erfolg ein Grund für positive oder negative Bewertung. In diesem Zusammenhang trennte sich das privatwirtschaftliche Volksstück vom höfischen Drama.

Weiterhin spielen Rivalitäten zwischen der Oper und dem Schauspiel für Dramentheorien vom 17. bis zum 19. Jahrhundert eine Rolle, indem sowohl die Oper als auch das Schauspiel gelegentlich als das eigentliche Drama bezeichnet wurden. Seit dem 20. Jahrhundert wurde zunehmend auch der (Fiction-)Film als das eigentliche oder gegenüber den Bühnendramen aktuellere Drama dargestellt (siehe Filmtheorie).

Die vorderhand sozialen Unterscheidungen zwischen den Formen dramatischer Darstellung versuchte Gustav Freytag im 19. Jahrhundert durch eine neutraler wirkende Abgrenzung zwischen „geschlossener und offener Form“ zu ersetzen. Dies kam einer Zeit der werkimmanenten Interpretation seit etwa 1950 wiederum entgegen, die sich um eine Fokussierung der Dramentheorien auf „Inhalte“ bemühte. Mittlerweile werden die historischen Dramentheorien wieder als soziale und politische Äußerungen – mit dem Ziel, sich abzugrenzen oder eigene Geltung zu behaupten – zu verstehen versucht.

In der Theatertheorie der letzten Jahrzehnte hat die Auffassung an Einfluss gewonnen, Theater nicht in erster Linie als Drama zu sehen (siehe Performativität, Postdramatisches Theater). Die politisch-soziale Bedeutung der Dramentheorien ist seit dem Ende des 20. Jahrhunderts durch Medientheorien und Medienkritik abgelöst worden.

In der Fortführung des regelpoetischen Ansatzes von Horaz, der bis zu Gottsched (Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen, 1730) und Freytag (Die Technik des Dramas, 1863, siehe unten) dazu diente, normative Gesetze für den Dramentext zu formulieren und die Fünfteilung zum Gestaltungsprinzip des Dramas erhob,[4] hat sich die klassische Einteilung des Dramas in fünf Akte eingebürgert, von der zunächst in der Dramentheorie bei Aristoteles noch nicht die Rede war. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich mehr und mehr die Einsicht durch, dass eine normative Regelpoetik, wie sie in der Tradition von Horaz entwickelt wurde, den vielfältigen Dramenformen nicht gerecht wird und an ihre Stelle eine deskriptive Dramentheorie treten muss, die die Gesetzmäßigkeiten des einzelnen Dramas analytisch bestimmt.[5]

Siehe auch

Literatur

  • Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Reclam Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66.
  • Klaus Lazarowicz (Hrsg.): Texte zur Theorie des Theaters, Reclam, Ditzingen 1991, ISBN 3-15-008736-8.
  • Uwe Spörl: Grundbegriffe der Dramatik. In: Uwe Spörl: Grundbegriffe der Dramatik. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-8252-2485-6, S. 202–254.
  • Ulrich Staehle (Hrsg.): Theorie des Dramas. Reclam, Ditzingen 1986, ISBN 3-15-009503-4.
  • Manfred Pfister: Das Drama. Theorie und Analyse. 11. Auflage. München 2001, ISBN 3-8252-0580-0.
  • Gottfried Fischborn: Theatralität – Dramaturgie – Dramatisierung. In: derselbe: Politische Kultur und Theatraltät. Frankfurt/M. 2012, ISBN 978-3-631-63251-2.
  • Peter Langemeyer (Hrsg.): Dramentheorie. Texte vom Barock bis zur Gegenwart. Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-018899-6.
  • Bernhard Asmuth: Einführung in die Dramenanalyse. 8., aktualisierte und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-18188-6.
  • Bernhard Asmuth: Dramentheorie. In: Walter Killy (Hrsg.): Literaturlexikon. Bd. 13. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh/München 1992, S. 186–192, ISBN 3-570-04713-X.

Einzelnachweise

  1. Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Reclam-Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66, hier S. 63.
  2. Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Reclam-Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66, hier S. 63.Siehe auch Uwe Spörl: Grundbegriffe der Dramatik. In: Uwe Spörl: Grundbegriffe der Dramatik. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-8252-2485-6, S. 202–254, hier S. 202f.
  3. Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66, hier S. 63f. Vgl. auch Siehe auch Uwe Spörl: Grundbegriffe der Dramatik. In: Uwe Spörl: Basislexikon Literaturwissenschaft. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-8252-2485-6, S. 202–254, hier S. 203f.
  4. Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66, hier S. 64f.
  5. Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66, hier S. 64f.


Dieser Artikel basiert (teilweise) auf dem Artikel Dramentheorie aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.