Enaktivismus

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Enaktivismus ist ein theoretischer Ansatz innerhalb der Kognitionswissenschaften. Der Begriff geht auf das Buch Der Baum der Erkenntnis von Humberto Maturana und Francisco Varela zurück.[1] Er basiert auf der Vorstellung, dass Kognition sich aus der Interaktion von Lebewesen mit ihrer Umwelt entwickelt. Dabei ist zentral, dass das Lebewesen als complete agent körperlich mit der Umwelt interagiert (Embodiment; embodied und situated cognition).

„Kognitive Systeme umfassen über das interne neuronale System hinaus all diejenigen Teile des Körpers, der Umgebung, externer kognitiver Hilfsmittel und Werkzeuge sowie sozialer Gemeinschaften, die zur Durchführung, Aufrechterhaltung und Stabilisierung kognitiver Fähigkeiten und Aktivitäten benötigt werden.“ (Lit.: Holger Lyre in: Grenzen unseres Geistes, S. 54[2] )

Der enaktivistische Ansatz überschneidet sich weitgehend mit dem der Embodied Cognitive Science bzw. mit dem Konzept der erweiterten Kongnition, das 1998 von Andy Clark und David Chalmers in dem Aufsatz The Extended Mind vorgestellt wurde: „Cognitive processes ain’t (all) in the head!“ (Andy Clark und David J. Chalmers: The Extended Mind[3])

Thomas Fuchs schreibt dazu:

„Das Gehirn ... ist kein abgesondertes Organ, das im Schädel seine eigene Welt modelliert und auf dieser Basis Befehle in den Körper hinausschickt. Es ist vielmehr zuallererst ein Regulations- und Wahrnehmungsorgan für den Gesamtorganismus. Der Körper ist der eigentliche „Spieler im Feld“, auf dessen Homöostase und Verhältnis zur Umwelt es ankommt, und dessen innere Zustände geeignete Reaktions- und Verhaltensweisen veranlassen können. Zentrum und Peripherie stehen daher in engster Verbindung und beeinflussen einander in fortwährender zirkulärer Rückkoppelung.

Bewusstsein, so lautet das weitere zentrale Resultat, ist kein Produkt des isolierten Gehirns oder gar der Hirnrinde, sondern hat den Organismus als ganzen zur Grundlage... Die fortwährende „Resonanz“ von Gehirn und Organismus ist die Voraussetzung für bewusstes Erleben. Durch sie wird der lebendige physische Körper zum subjektiven Leib. Basales Bewusstsein besteht in Lebensgefühl, Befinden und Stimmung – es bildet ein Integral des jeweiligen Zustands des Organismus selbst, oder mit anderen Worten: es ist eine Manifestation der verkörperten Subjektivität.“ (Lit.: Fuchs 2008, S. 147)

Der Enaktivismus kritisiert ältere Ansätze der Kognitionswissenschaften, die Geist (genauer gesagt: „Mind“) auf mentale Repräsentationen zurückführen wollen, und versteht sich als Alternative zu Kognitivismus, Computationalismus und Dualismus.

Heutige Vertreter des Enaktivismus sind u. a. Ralph D. Ellis, Daniel D. Hutto, Shaun Gallagher, Alva Noë und Evan Thompson.

Literatur

  • Miriam Kyselo: Enaktivismus. In: A. Stephan, S. Walter (Hrsg.): Handbuch Kognitionswissenschaft. Stuttgart, J.B. Metzler 2013, S. 197–202.
  • Thomas Fuchs: Leib, Raum, Person. Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, ISBN 978-3608963335
  • Thomas Fuchs: Das Gehirn - ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption. Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3170297937, eBook ASIN B01N0I5H72
  • John Stewart (Hrsg.), Olivier Gapenne (Hrsg.), Ezequiel A. Di Paolo (Hrsg.): Enaction: Toward a New Paradigm for Cognitive Science, MIT 2010, ISBN 978-0262014601, eBook ASIN B009ZPQ834
  • Daniel D. Hutto: Knowing what? Radical versus conservative enactivism. In: Phenomenology and the Cognitive Sciences. 4, 2005, S. 389–405. (PDF-Datei; 179 kB)
  • Shaun Gallagher: How the Body Shapes the Mind. Oxford University Press, New York 2005, ISBN 0-19-920416-0.
  • Humberto Maturana, Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Goldmann, München 1987, ISBN 3-442-11460-8.
  • Richard Menary (Hrsg.): Radical Enactivism: Intentionality, phenomenology, and narrative. Focus on the philosophy of Daniel D. Hutto. John Benjamins, Amsterdam 2006, ISBN 90-272-4151-1.
  • Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. de Gruyter, Berlin 1966.
  • Alva Noë: Action in Perception. MIT Press, Cambridge, MA. 2004.
  • Rolf Pfeifer, Josh C. Bongard: How the Body Shapes the Way We Think. A New View of Intelligence. MIT Press, Cambridge 2006.
  • Kevin O'Regan, Alva Noë: A sensorimotor account of vision and visual consciousness. In: Behavioral and Brain Sciences. 24, 2001, S. 939–1031 (mit Kommentaren) (PDF-Datei; 799 kB)
  • Patrick Spät: Enactivism, leibhaftige Qualia und Panpsychismus. In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie. 33(3), 2008, S. 237–262.
  • Maja Storch, Benita Cantieni, Gerald Hüther, Wolfgang Tschacher: Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen. Huber, Bern 2006, ISBN 3-456-84323-2.
  • Evan Thompson: Mind in Life: Biology, Phenomenology, and the Sciences of Mind. Harvard University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-674-02511-0.
  • Francisco Varela, Evan Thompson, Eleanor Rosch: The Embodied Mind: Cognitive Science and Human Experience. MIT Press, Cambridge, MA 1991.

Einzelnachweise

  1. Aus dem Artikel Enactivism der englischsprachigen Wikipedia: In The Tree of Knowledge: The Biological Roots of Human Understanding, Francisco Varela claims to have "proposed using the term enactive to designate this view of knowledge, to evoke the view that what is known is brought forth, in contraposition to the more classical views of either cognitivism or connectionism. [Tree of Knowledge pg. 255] Within the book, the analogies of the Razor's Edge and the Scylla and Charybdis are used to describe the "epistemologic Odyssey" between the notions of solipsism and representationalism. Enactivism, therefore is the middle ground between the two extremes [Tree of Knowledge, pgs. 133,134,253]."
  2. Holger Lyre: Liegen die Grenzen des Geistes im Kopf? Zur These der erweiterten Kognition, in: Tanja Baudson et al. (Hrsg.): Grenzen unseres Geistes, Hirzel Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-7776-2204-0, S. 53ff. pdf
  3. Clark, Andy und Chalmers, David (1998): The Extended Mind. Analysis 58(1): S. 8
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