Embodiment

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Als Embodiment („Verkörperung, Verleiblichung, Inkarnation“; eng. embodied cognition, embodied mind) wird eine in den Kognitions- und Neurowissenschaften vertretene Theorie bezeichnet, die davon ausgeht, dass das Bewusstsein und viele kognitive Fähigkeiten nicht nur vom Gehirn, sondern mit Beteiligung des gesamten Körpers ausgeformt werden. Zu den Merkmalen der Kognition gehören hochrangige mentale Konstrukte wie Begriffe und Kategorien und Leistungen bei verschiedenen kognitiven Aufgaben wie Argumentation und Urteilsbildung. Zu den Aspekten des Körpers gehören das Bewegungssystem, das Wahrnehmungssystem, die körperlichen Wechselwirkungen mit der Umgebung (Situiertheit) und die Annahmen über die Welt, die in die Struktur des Organismus integriert sind. Das Embodiment-Konzept überschneidet sich weitgehend mit der Enaktivismus-These, die ganz wesentlich die aktive Interaktion mit der Umwelt mit einbezieht, steht aber im scharfen Gegensatz zum Kognitivismus, Computationalismus und zum cartesianischen Dualismus.

Der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs schreibt dazu:

„Das Gehirn ... ist kein abgesondertes Organ, das im Schädel seine eigene Welt modelliert und auf dieser Basis Befehle in den Körper hinausschickt. Es ist vielmehr zuallererst ein Regulations- und Wahrnehmungsorgan für den Gesamtorganismus. Der Körper ist der eigentliche „Spieler im Feld“, auf dessen Homöostase und Verhältnis zur Umwelt es ankommt, und dessen innere Zustände geeignete Reaktions- und Verhaltensweisen veranlassen können. Zentrum und Peripherie stehen daher in engster Verbindung und beeinflussen einander in fortwährender zirkulärer Rückkoppelung.

Bewusstsein, so lautet das weitere zentrale Resultat, ist kein Produkt des isolierten Gehirns oder gar der Hirnrinde, sondern hat den Organismus als ganzen zur Grundlage... Die fortwährende „Resonanz“ von Gehirn und Organismus ist die Voraussetzung für bewusstes Erleben. Durch sie wird der lebendige physische Körper zum subjektiven Leib. Basales Bewusstsein besteht in Lebensgefühl, Befinden und Stimmung – es bildet ein Integral des jeweiligen Zustands des Organismus selbst, oder mit anderen Worten: es ist eine Manifestation der verkörperten Subjektivität.“ (Lit.: Fuchs 2008, S. 147)

Nach Rudolf Steiner bildet der ganze, als dreigliedriger Organismus gestaltete Leib die Grundlage des Seelenlebens, nicht nur das Nervensystem. Dieses dient nur der Vorstellungsbildung. Das Gefühlsleben hingegen hängt unmittelbar mit dem rhythmischen System zusammen und der Wille mit dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. Die Sinneswahrnehmung und die Bewegungsfähigkeit hingegen hängen nicht in gleicher Weise mit dem Organismus zusammen, sondern ergreifen diesen von außen. In den Sinnen ragt die Außenwelt wie in Golfen in den Leib herein und in den Bewegungsvorgängen wirkt der Organismus in den Gleichgewichts- und Kräfteverhältnissen, in die er gegenüber der Außenwelt hineingestellt ist. Das Geistig-Seelische des Menschen, d.h. sein wirkliches Ich und der Astralleib, ergreift den belebten physischen Leib von außen. Und in jeder Tätigkeit, in jeder Bewegung wirkt das Karma, ganz entsprechend der eigentlichen Bedeutung dieses Wortes (Sanskrit, n., कर्म, karman, Pali, kamma, „Wirken, Tat, Werk“), das nachwirkende Karma der Vergangenheit und das werdende Karma der Zukunft.

„Der Leib als Ganzes, nicht bloß die in ihm eingeschlossene Nerventätigkeit ist physische Grundlage des Seelenlebens. Und wie das letztere für das gewöhnliche Bewußtsein sich umschreiben läßt durch Vorstellen, Fühlen und Wollen, so das leibliche Leben durch Nerventätigkeit, rhythmisches Geschehen und Stoffwechsel Vorgänge. - Sogleich entsteht da die Frage: wie ordnen sich in den Organismus ein auf der einen Seite die eigentliche Sinneswahrnehmung, in welche die Nerventätigkeit nur ausläuft, und wie die Bewegungsfähigkeit auf der andern Seite, in welche das Wollen mündet? Unbefangene Beobachtung zeigt, daß beides nicht in demselben Sinne zum Organismus gehört wie Nerventätigkeit, rhythmisches Geschehen und Stoffwechselvorgänge. Was im Sinn geschieht ist etwas, das gar nicht unmittelbar dem Organismus angehört. In die Sinne erstreckt sich die Außenwelt wie in Golfen hinein in das Wesen des Organismus. Indem die Seele das im Sinne vor sich gehende Geschehen umspannt, nimmt sie nicht an einem inneren organischen Geschehen teil, sondern an der Fortsetzung des äußeren Geschehens in den Organismus hinein. (Ich habe diese Verhältnisse erkenntniskritisch in einem Vortrag für den Bologner Philosophen-Kongreß des Jahres 1911 erörtert.) - Und in einem Bewegungsvorgang hat man es physisch auch nicht mit etwas zu tun, dessen Wesenhaftes innerhalb des Organismus liegt, sondern mit einer Wirksamkeit des Organismus in den Gleichgewichts- und Kräfteverhältnissen, in die der Organismus gegenüber der Außenwelt hineingestellt ist. Innerhalb des Organismus ist dem Wollen nur ein Stoffwechselvorgang zuzueignen; aber das durch diesen Vorgang ausgelöste Geschehen ist zugleich ein Wesenhaftes innerhalb der Gleichgewichts- und Kräfteverhältnisse der Außenwelt; und die Seele übergreift, indem sie sich wollend betätigt, den Bereich des Organismus und lebt mit ihrem Tun das Geschehen der Außenwelt mit. Eine große Verwirrung hat für die Betrachtung aller dieser Dinge die Gliederung der Nerven in Empfindungs- und motorische Nerven angerichtet. So fest verankert diese Gliederung in den gegenwärtigen physiologischen Vorstellungen erscheint: sie ist nicht in der unbefangenen Beobachtung begründet. Was die Physiologie vorbringt auf Grund der Zerschneidung der Nerven, oder der krankhaften Ausschaltung gewisser Nerven beweist nicht, was auf Grundlage des Versuches oder der Erfahrung sich ergibt, sondern etwas ganz anderes. Es beweist, daß der Unterschied gar nicht besteht, den man zwischen Empfindungs- und motorischen Nerven annimmt. Beide Nervenarten sind vielmehr wesensgleich. Der sogenannte motorische Nerv dient nicht in dem Sinne der Bewegung wie die Lehre von dieser Gliederung es annimmt, sondern als Träger der Nerventätigkeit dient er der inneren Wahrnehmung desjenigen Stoffwechselvorganges, der dem Wollen zugrunde liegt, geradeso wie der Empfindungsnerv der Wahrnehmung desjenigen dient, was im Sinnesorgan sich abspielt. Bevor nicht die Nervenlehre in dieser Beziehung mit klaren Begriffen arbeitet, wird eine richtige Zuordnung des Seelenlebens zum Leibesleben nicht zustande kommen.“ (Lit.:GA 21, S. 158f)

Literatur

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