Eunoë

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Eunoë (vermutlich abgeleitet von griech. εὐ, eu, „schön, gut“ und νοεῖν, noeín, „denken“, eigentl. „das Geistige vernehmen“) nennt Dante Alighieri in seiner «Göttlichen Komödie» den Fluss, aus dem der Tote oder Eingeweihte vor seinem Aufstieg ins Paradiso, d.h. in die geistige Welt, trinken muss, um seine geistigen Kräfte zu stärken. Zuvor musste er den Läuterungsberg bis zum Garten Eden hinansteigen und sich dabei von seinen irdischen Begierden reinigen. Der Trunk des Vergessens aus den Fluten der Lethe befreite ihn schließlich von den leidvollen Erinnerungen an seine Sünden im vorangegangenen Erdenleben. Dann wird ihm der Eunoë-Trank gereicht, der das geistige Leben, das ihm im irdischen Dasein wie erstorben schien, neu belebt, wie es auch der dritte Teil des Rosenkreuzerspruches andeutet: „Per spiritum sanctum reviviscimus“ (Durch den Heiligen Geist werden wir neu belebt). Beide Tränke erhält Dante bezeichnenderweise von Matelda, die der Göttin Natura entspricht, die in inniger Beziehung zum Weltenäther und auch zum Ätherleib des Menschen steht, der der eigentliche Gedächtnis-Träger ist.

Gustave Doré: Purgatorio 33. Gesang; Dante trinkt aus den Fluten des Eunoë.

106 Da standen still, wie, wer als Führer zieht
    Vor einer Schaar, sich schickt zum Stillestande,
    Wenn er auf seinem Wege Neues sieht,
109 Die sieben Frau’n an dichten Schattens Rande,
    Wie grünbelaubt schwarz-ästig Waldgeheg
    Auf kalte Flüss’ ihn wirft im Alpenlande.
112 Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg
    Sich aus derselben Quelle zu ergießen,
    Sich dann, wie Freunde, trennend, still und träg.
115 „O Licht, der Menschheit Ruhm, welch’ Wasser sprießen
    Seh ich aus Einem Ursprung hier und dann,
    Sich von sich selbst entfernend, weiter fließen?“
118 Auf diese Bitte hob Beatrix an:
    „Mathilden bitt’,“ – und diese sprach dagegen,
    Wie wer vom Vorwurf leicht sich lösen kann:
121 „Dies und noch Anderes ihm auszulegen
    Versäumt ich nicht, was, deß bin ich gewiß,
    Der Lethe Wässer nicht zu tilgen pflegen.“
124 Beatrix drauf: „Die größ’re Sorg’ entriß,
    Wie’s oft geschieht, dies seinem Angedenken,
    Und ließ sein Auge hier in Finsterniß.
127 Doch Eunoe sieh – eil’ ihn dahin zu lenken,
    Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut
    Mit Leben die erstorbne Kraft zu tränken.“
                                      (Purgatorio 33,106-129 )

Gedächtnistrank

Der Eunoë-Trank entspricht dem Gedächtnistrank, den der Eingeweihte auf einer gewissen Stufe seiner geistigen Entwicklung erlangt, wie es Rudolf Steiner in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» schildert:

"Der zweite «Trank», der dem Eingeweihten verabreicht wird, ist der «Gedächtnistrank». Durch ihn erlangt er die Fähigkeit, höhere Geheimnisse stets im Geiste gegenwärtig zu haben. Dazu würde das gewöhnliche Gedächtnis nicht ausreichen. Man muß ganz eins werden mit den höheren Wahrheiten. Man muß sie nicht nur wissen, sondern ganz selbstverständlich in lebendigem Tun handhaben, wie man als gewöhnlicher Mensch ißt und trinkt. Übung, Gewöhnung, Neigung müssen sie werden. Man muß gar nicht über sie in gewöhnlichem Sinne nachzudenken brauchen; sie müssen sich durch den Menschen selbst darstellen, durch ihn fließen wie die Lebensfunktionen seines Organismus. So macht er sich in geistigem Sinne immer mehr zu dem, wozu ihn im physischen die Natur gemacht hat." (Lit.: GA 10, S. 87)

Literatur

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