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GA 45
Anthroposophie. Ein Fragment aus dem Jahre 1910
Mit dieser nicht zum Abschluß gebrachten Schrift beabsichtigte Rudolf Steiner die Darstellung einer Sinneslehre des Menschen aus den Forschungsergebnissen der Anthroposophie.
„Den Menschen zu betrachten, gilt einem seit den ältesten Zeiten vorhandenen Gefühle als der würdigste Zweig des menschlichen Forschens. Wer nun auf sich wirken läßt, was im Laufe der Zeiten als Erkenntnis der menschlichen Wesenheit zutage getreten ist, der kann leicht entmutigt werden. Eine Fülle von Meinungen bietet sich dar als Antworten auf die Frage: Was ist der Mensch, und welches Verhältnis hat er zum Weltall? Die mannigfaltigsten Unterschiede zwischen diesen Meinungen treten dem Nachsinnen gegenüber. Es kann sich daraus die Empfindung ergeben, daß der Mensch zu solcher Forschung nicht berufen sei, und daß er darauf verzichten müsse, etwas zu erreichen, was dem genannten Gefühle Befriedigung gewähren kann.
Ist solche Empfindung berechtigt? Sie könnte es nur sein, wenn die Wahrnehmung verschiedener Ansichten über einen Gegenstand ein Zeugnis dafür wäre, daß der Mensch unfähig ist, etwas Wahres über den Gegenstand zu erkennen. Wer ein solches Zeugnis annehmen wollte, der müßte glauben, daß sich das ganze Wesen eines Gegenstandes auf einmal dem Menschen erschließen sollte, wenn von Erkenntnis überhaupt die Rede sein könne. Nun aber steht es mit der menschlichen Erkenntnis nicht so, daß sich ihr das Wesen der Dinge auf einmal ergeben kann. Es ist mit ihr vielmehr so, wie mit dem Bilde, das man zum Beispiel von einem Baume von einer gewissen Seite aus malt oder photographisch aufnimmt. Dieses Bild gibt das Aussehen des Baumes, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, in voller Wahrheit. Wählt man einen anderen Gesichtspunkt, so wird das Bild ganz anders. Und erst eine Reihe von Bildern, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, kann durch das Zusammenwirken eine Gesamtvorstellung des Baumes geben.
So aber kann der Mensch auch nur die Dinge und Wesenheiten der Welt betrachten. Alles, was er über sie sagen kann, muß er als Ansichten sagen, die von verschiedenen Gesichtspunkten aus gelten. So ist es nicht bloß bei der sinnenfälligen Beobachtung der Dinge, so ist es auch im Geistigen. Man darf sich in bezug auf das letztere nur nicht durch obigen Vergleich beirren lassen, und sich etwa für die Verschiedenheit der Gesichtspunkte eine Vorstellung machen, die mit etwas Räumlichem zu tun hat. – Jede Ansicht kann eine wahre sein, wenn sie treu das Beobachtete wiedergibt. Und sie ist erst dann widerlegt, wenn nachgewiesen ist, daß ihr eine andere berechtigterweise widersprechen darf, welche von demselben Gesichtspunkte aus gegeben ist. Ein Unterschied hingegen von einer Ansicht, die von einem anderen Gesichtspunkt aus gegeben ist, besagt in der Regel nichts. Wer diese Sache so faßt, der ist gegen den leichtwiegenden Einwand geschützt, daß jede Meinung bei solcher Auffassung gerechtfertigt erscheinen müsse. So wie das Bild eines Baumes eine ganz bestimmte Gestalt haben muß von Einem Gesichtspunkte aus, so muß auch eine geistige Ansicht von Einem Gesichtspunkte aus eine solche haben. Doch aber ist klar, daß man einen Fehler in der Ansicht erst nachweisen kann, wenn man sich über den Gesichtspunkt klar ist, von welchem aus sie gegeben ist.“ (Lit.: GA 45, S. 11f)
INHALT
I. Der Charakter der Anthroposophie
II. Der Mensch als Sinnesorganismus
III. Die Welt, welche den Sinnen zugrunde liegt
V. Vorgänge im menschlichen Innern
VII. Die Welt, welche den Sinnesorganen zugrunde liegt
VIII. Die Welt, welche den Lebensorganen zugrunde liegt
ANHANG
1. Varianten der Korrekturfassungen Kap. IV-VII
2. Manuskript-Entwürfe
3. Einzelblatt «zur Anthroposophie»
4. Notizblatt zu den zehn Sinnen zwischen Tastsinn und Ich-Erlebnis
5. Über Hören und Sprechen, unvollendete Studie
6. Selbstzeugnisse zur «Anthroposophie»
Literatur
- Rudolf Steiner: Anthroposophie. Ein Fragment aus dem Jahre 1910, 4., neu durchgesehene und erweiterte Auflage, GA 45 (2002), ISBN 978-3727404528 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
- Rudolf Steiner: Anthroposophie. Ein Fragment aus dem Jahre 1910, 6. Auflage, GA 45 (2021), ISBN 978-3-7274-0452-8
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com.
Freie Werkausgaben gibt es auf steiner.wiki, bdn-steiner.ru, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv. Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen. Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners. |










